Sprachlos im Tayrona National Park

12:31 Einsame Insel.de 5 Comments

In Kolumbien ist Hochsaison und das ganze Land macht Urlaub. Ob Unterkünfte, Restaurants oder Transportmöglichkeiten - die Preise sind stark angestiegen und überall ist viel los. Ein Tagesausflug in den relativ kleinen Tayrona Nationalpark und dann auch noch Sonntags zwischen Weihnachten und Silvester ist wahrscheinlich nicht die beste Idee. Dennoch möchte ich den Tag nicht in der Stadt verbringen und habe mal wieder das Bedürfnis nach ein bisschen Bewegung, die über den normalen Stadtspaziergang hinausgeht. Nachdem ich leider feststellen muss, dass jemand meinen Tagesproviant aus dem Kühlschrank gemopst hat (Avocado, Tomate, Zwiebel, Käse), mache ich mich über den Sonntagsmarkt auf den Weg zum Bus.

Detailfoto. Was anderes kann ich im Moment nicht. Aber interessant, dass hier alle "Lianen" gewellt sind.
Zwei Mädels in meinem Alter in der Reihe vor mir verständigen sich während der Fahrt in Gebärdensprache. Ich habe mir schon in einigen Städten Gedanken darüber gemacht, wie schwer es Touristen (und natürlich genauso Einheimische) hier beispielsweise mit einer Gehbehinderung haben. Gerade weil im deutschen Bauwesen immer überall nach Barrierefreiheit geschrien wird, bin ich bei diesem Thema natürlich schon etwas sensibilisiert. Fahrten im Rollstuhl oder gar Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel mit selbigem ist in weiten Teilen Zentralamerikas undenkbar. Über die Möglichkeit des Reisens ohne orale Verständigung habe ich noch nicht intensiver nachgedacht – bis heute. Klar, häufig kann man die schriftliche Form zur Hilfe nehmen, aber in diversen hektischen Situationen wird es mit Notizbuch schwierig. Ich habe bisher in den vielen Hostels auch noch niemanden getroffen, der taub und gehörlos ist. Nachdem ich mein Parkticket gekauft habe, bekomme ich mit, dass die beiden Mädels am Nebenschalter nach offensichtlichen Kommunikationproblemen weggeschickt werden, um sich in einer anderen Schlange anzustellen. Nach ein bisschen hin und her schnappe ich mir die beiden Mädels, wir gehen zurück zum Schalter und versuchen die Unklarheiten zu klären. Offenbar brauchen die beiden einen Pass oder einen Identifikationsnachweis, den sie allerdings nicht dabei haben. Zwischen uns Dreien wird die Kommunikation nach dem Austausch einer wesentlichen Information deutlich einfacher: Denise und Ilknur sind aus der Schweiz und aus Deutschland und können mir in unserer aller Muttersprache deutlich leichter von den Lippen ablesen. Letztendlich bekommen die beiden ihr Armbändchen für den Parkeintritt: Da ich einen Ausweis habe, können wir als Gruppe mit nur meinem Namen den Park betreten. Wofür mein Name, der nur mit den beiden Vornamen notiert wurde (ohne Passnummer) gut sein soll, ist mir nicht ganz klar. Als die Frau hinter dem Ticketschalter verstanden hat, dass die beiden nicht sprechen, zahlen sie im Endeffekt auch keinen Eintritt. Immerhin etwas.

Wieder mit dem 50mm-Objektiv: Die Küste im Tayrona Nationalpark, Kolumbien

Nach weiteren fünf Minuten Busfahrt im Park machen wir uns gemeinsam auf den Weg. Die Temperaturen liegen wahrscheinlich schon wieder über dreißig Grad und ich bin froh, dass wir uns vorerst im dichten Wald befinden und nicht der Sonne ausgesetzt sind. Die Luft ist relativ feucht, aber mit der Brise vom nahegelegenen Meer ist das Klima gut erträglich. Auf den schmalen Wanderwegen bergauf, bergab, über Erde, Matsch, Fels und Sand ist es voll. Viele kolumbianische Familien scheinen ebenfalls nur für einen Tag hier zu sein um sich ein paar Stunden am Strand aufzuhalten. Den zweistündigen Weg dorthin müssen sie nicht alle aufnehmen: Viele lassen sich auf dem Rücken von Pferden tragen. Hätte ich eine volle Kühlbox, eine Strandmuschel und einen Sonnenschirm dabei, würde ich das wohl auch machen. Ich trage neben dem üblichen Gezumpel inklusive Kamera (immer noch mit nur einem Objektiv) drei Liter Wasser und eine Ananas. In einem vernünftigen Rucksack ist das in Ordnung.

Diese Felsen machen einen Höllenlärm, den man schon von weitem hört - lange bevor man überhaupt das Meer sieht.

Wir nähern uns von einem relativ steil abfallenden Gelände her dem Meer. Über eine längere Strecke höre ich bereits das Geräusch auf Felsen brechender Wellen. Es klingt richtig bedrohlich, viel lauter als ich es bisher jemals an einer Küste wahrgenommen habe, bilde ich mir ein. Das Geräusch wird immer lauter und ich teile Denise und Ilknur mit, dass wir dicht am Wasser sind. Diese Tatsache ist für die beiden erst wahrnehmbar, als wir wenig später das erste Mal freien Blick auf die blaue Wasseroberfläche und die weiße Gischt haben. Ich brauche eine ganze Weile um mich an den Gedanken eines fehlenden Sinnes zu gewöhnen. Es sind viele Kleinigkeiten, bei denen mir bewusst wird, wie oft wir unsere Gehörsinn brauchen, auch ohne uns in einer Konversation zu befinden. Wenn ich von hinten Schritte näher kommen höre, kann ich Platz machen zum überholen. Wenn jemand stolpert oder ich irgendein anderes unregelmäßiges Geräusch höre, drehe ich mich danach um. Ilknur möchte ein Eis kaufen, Denise läuft mit dem Geld weiter vorne – sie kann nicht einfach ihren Namen rufen und hoffen, dass sie sich umdreht. Wenn ich etwas sagen möchte, was keine Eile hat, versuche ich meistens, nicht durch Antippen die Aufmerksamkeit zu bekommen, sondern einfach zu warten, bis wir sowieso Blickkontakt haben. Manchmal klappt das gut, manchmal dauert es wirklich lange. Ich finde es dann schwer abzuwägen, ob man den anderen für diese Bemerkung überhaupt „stören“ möchte. Immerhin hat man mal gelernt, dass jeder Mensch seinen eigenen persönlichen Bereich hat, in den man nicht einfach so eingreift – man hält eine gewisse Distanz und berührt die Person nicht ständig. Umdenken ist angesagt. Die wenigen Stunden, die wir zusammen verbringen sind natürlich viel zu kurz, um sich im Detail über die Feinheiten zu Unterhalten. Spannend finde ich, dass Denise Bauzeichnerin ist – ein Job, den ich ganz gut kenne und von dem ich mir vorstellen kann, dass er für sie sehr gut ausführbar ist. Beide sagen jedoch auch, dass sie natürlich wesentlich größere Schwierigkeiten haben, einen Arbeitgeber zu finden als „jedermann“. Insofern komme eine Reise wie ich sie mache nicht in Frage, da die Sorge zu groß sei, danach einen neuen Job zu finden. Ilknur bei Audi und Denise in ihrem Büro haben jedenfalls das Glück, sich auch mal drei Monate unbezahlten Urlaub nehmen zu können um gemeinsam zu reisen. Sich dann gemeinsam in so einem Land wie Kolumbien zu bewegen finde ich mehr als mutig und stelle es mir ganz schön anspruchsvoll vor.

Denise verewigt unsere Namen an einem Wegweiser (soweit man das mit einem Kugelschreiber "verewigen" nennen kann).
Der Park zeichnet sich durch einige malerische Sandstrände aus, in den meisten davon kann man allerdings aufgrund starker Strömungen und hoher Wellen nicht schwimmen – oder eben schon, aber dann nur einmal, entsprechende Schilder weisen darauf hin (Hier sind schon über einhundert Menschen ertrunken und Sie wollen doch nicht Teil dieser Statistik werden?). Wir laufen bis zum letzten Strand, der allerdings nicht weniger voll ist als ein am Anfang des Parks gelegener Schwimmstrand, da sich hier ein relativ großer Campingplatz befindet. Nach einer kurzen Schwimmpause nehme ich Abschied und mache mich auf den Rückweg, um vor Einbruch der Dunkelheit den Parkausgang zu erreichen. Die anderen beiden wollen zu Pferd zurück. Trotz verhältnismäßig wenig verbaler Kommunikation habe ich die beiden in den wenigen Stunden richtig lieb gewonnen. Was für eine interessante Begegnung!

Jetzt sind die Schuhe sowieso nass...
Vor der Welle und nach der Welle

Über eine Situation denke ich im Nachhinein noch mal nach: Am Strand liegt ein großer Baumstamm, auf den Ilknur und Denise für ein Fotos klettern. In dem Moment, wo ich den Auslöser drücken möchte, rollte von hinten eine große Welle an, die ich zu spät sehe und die beiden nicht hören (das wiederum wird mir allerdings erst später klar). Die beiden werden ziemlich nass, was bei der Hitze prinzipiell kein Problem ist, nur in den Wanderschuhen etwas nervig sein kann. Ich bin mir sicher, dass ich mich in dem Moment umgedreht, die Welle gesehen und die Flucht nach vorne eingeleitet hätte. So wäre ich zwar trocken geblieben, hätte aber nicht die beiden genialen Vorher-Nachher-Fotos kurz vor und kurz nach Einschlag der Welle auf der Kamera (D &I: Ich würde mich freuen, wenn ihr mir die Fotos schickt). Schöne Aktion – und die beiden lachen auch mehr, als dass sie sich über die nassen Schuhe ärgern.

Denise und die lautlose Luftgitarre
Am Abend laufe ich auch die letzten Kilometer auf der asphaltierten Straße, die wir morgens im Minibus zurückgelegt haben, da die Sonne noch nicht untergegangen ist. Auf dem Rückweg sehe ich nur einen Bruchteil der Personenanzahl, die morgens in Richtung Strand spazierte – die meisten Besucher scheinen eine Nacht im Park zu verbringen. Vollbesetzte Busse und PKWs brausen an mir vorbei auf dem Weg zum Parkausgang und leere Busse kommen mir entgegen. Einer der jungen Busfahrer hält sich für besonders cool und heizt auf der falschen Fahrbahnseite mit Fullspeed auf mich zu. Mir ist klar, dass er nur simuliert, ich denke aber über den Grünstreifen neben mir als Fluchtmöglichkeit nach. Der Bekloppte reißt im letzten Moment das Lenkrad herum um auf die rechte Spur zurückzukehren und wirft mir einen Kuss zu. „Vollidiot!“ oder so etwas in der Art liegt mir auf der Zunge, als ich zwei Meter weiter fast über ein Hufeisen stolpere. Die bringen Glück, habe ich mal gehört. Also vergesse ich den Vollidioten und trete den Heimweg an – nach Santa Marta, wo im Hostel auf mich unerwartet ein eigenes Zimmer (wegen Fehl- bzw. Doppelbuchung meines Dorm-Bettes) und am nächsten morgen ein repariertes Weitwinkelobjektiv wartet. Danke nochmal an das Hufeisen!

Schön grün!

Ein etwas kleiner Schärfebereich, aber nunja... man erkennt, dass es ein Spinnennetz ist!


Ameisenstraßen entdecke ich hier alle paar Meter. Die Tiere würden wahrscheinlich über mein wenige Kilogramm schweres Gepäck im Verhältnis zu meinem Körpergewicht nur lachen :-D

Man kann sich durchaus vorstellen, dass dieser Strand nicht zum schwimmen geeignet ist.

Nochmal wird mein Objektiv nicht nass - soviel ist klar!

Auf dem Heimweg - ich habe noch ein bisschen Zeit um den Weg aus dem Nationalpark heraus zu finden.

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5 Kommentare:

  1. Sylvia, wow....genial geschrieben, und eine scheinbar echt inspirierende Erfahrung mit den beiden Mädels... Ein wirklich toller Blogeintrag. Danke für diese Minuten Lesespaß. Grüße, Raja

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  2. Liebe Sylvia,
    ich wünsche Dir, dass all Deine Mitreisenden, Begegnungen, Bekanntschaften, ... diesen Blog lesen.
    Schön, wie Du über sie schreibst.
    Genauso schön, wie Du über die Natur schreibst und die Bilder sind natürlich traumhaft und man kann nur ERAHNEN, wie es sein muss. Du lebst Deinen Traum!

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  3. Wow, das ist echt toll geschrieben! Und die Bilder sind traumhaft wie immer :)
    Genieß deine Zeit...ach, was schreibe ich das, tust du ja eh :D

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  4. Ich mag deine Textart, einfach toll, dass du vom Menschen und Landschaft inspirieren laesst! Schoene Gruesse aus Medellin!

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  5. Es ist schoen was du geschrieben hast. Es war schoen auch wenn es zu kurz war :) Du hast tolle Bilder geschossen - Daumen hoch!!

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