Aus dem Moloch in die Oase: Die ersten Tage in Peru
Es ist noch früh, die Temperaturen liegen angenehm knapp über zwanzig Grad und in der Luft hängen Abgase, Feuchtigkeit und allerhand Großstadtgerüche. Vom Flughafen geht es im Verkehrschaos per Taxi in den Stadtteil Miraflores, um den Kulturschock für Papa im Rahmen zu halten. Er hat zwar auch schon einige Fernreiseerfahrungen (u.a. Südostasien und Afrika) gesammelt, trotzdem kann ich mir vorstellen, dass er nach einer Nacht im Flieger nicht unbedingt das chaotische Bussystem der peruanischen Hauptstadt kennenlernen muss. Selbst ich finde die Taxifahrt von spannend genug, da wir auf weiten Teilen der Strecke andere Fahrspuren nutzen als die, die auf der Straße mit weißen Linien markiert sind. Wofür es diese schmalen Linien gibt, die den Asphalt in gleich breite (und offenbar zu breite) Streifen einteilen, ist hier offenbar den meisten Fahrern ein großes Rätsel. Vielleicht dienen sie ja ausschließlich zur Verwirrung der Verkehrsteilnehmer.
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| Schnell aus Lima raus und in die Oase: Huacachina bei Ica, Peru. |
Nach dem Beziehen unseres Zimmers und ein wenig Planung während des Frühstücks steht ziemlich bald fest, dass wir uns Lima am Anfang der Reise nicht genauer ansehen werden. Wir sind viel zu neugierig auf die uns bevorstehenden Naturerlebnisse im Süden. Schnell ist ein grobe
r Plan gefasst, der anhand der Busstunden zwischen den verschiedenen Zielen am logischsten erscheint. Wir verbringen den Tag mit der Erkundung unseres Stadtviertels und dem südlicheren Barranco, das deutlich ruhiger ist als das Stadtzentrum Limas, trinken Kaffee, essen Apfelkuchen und kaufen fehlendes Equipment für die nächsten Wochen ein. Definitiv aus Eigenverschulden, aber trotzdem nicht nachvollziehbar für mich, verschwindet mein kleines Portemonnaie, in dem sich neben einem verschwindend geringen Geldbetrag nur meine heute erst erstellte Passkopie und ein Abholschein für die Wäscherei befindet. Der Verlust ist also gut zu verschmerzen und ich verschwende keinen weiteren Gedanken daran. Als ich am selben Abend von einem Reisepassdiebstahl in Panama City höre, bin ich wirklich dankbar, dass bei mir bisher nichts wichtiges oder schwer ersetzbares abhanden gekommen ist.
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Spaß mir Sombreros - man muss in ausreichend Abstand nebeneinander stehen, damit man sich nicht gegenseitig die Hüte vom Kopf schiebt. |
Zum kleinen Erlebnis wird unser Abendessen bei einem Mexikaner. Ich habe die Einwohner Mexikos ja schon in ihrem Land als sehr offen kennengelernt, bin aber heute wieder positiv überrascht von dem überaus freundlichen Service. Wir bestellen Tacos Al Pastor und Flautas und überleben noch, welches Getränk wir von der eher kleinen Karte wählen. Als der Chef des Ladens uns kurzerhand in ein Gespräch verwickelt und erfährt, dass wir Deutsche sind, ist er überzeugt davon, dass wir ein peruanisches Bier kennenlernen wollen (da Deutsche natürlich ausschließlich Bier trinken) und schickt einen seiner Söhne zum Laden um die Ecke – vermutlich hat er selber keine Genehmigung für den Verkauf von alkoholischen Getränken. Außerdem müssten wir unbedingt seine Taccos mit Rindfleisch probieren, da gibt es keine Widerrede. Unser Abendessen schmeckt vorzüglich – wie ich es von mexikanischem Essen gewöhnt bin (die vier verschiedenen Salsas auf dem Tisch tragen einen entscheidenden Teil dazu bei).
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Da sind sie wieder - in Peru fast so zahlreich wie in Mexiko! Heeute mal als Käfer-Ampel! |
Als wir schon gezahlt haben und im Begriff sind, das Lokal zu verlassen, fällt unserem neuen Freund im grün-rot-weißen Tshirt auf, dass wir noch gar kein Foto gemacht haben. Das gehört offenbar genauso dazu wie das Bier und der Rindfleischtacco. Mit Sombreros auf dem Kopf, Papa zu meiner Rechten, gut gelauntem Mexikaner zu meiner Linken grinsen wir in die Kamera. Natürlich werde ich, wie schon so oft, unmittelbar aufgefordert, das Foto doch bitte auch zu mailen, am liebsten über Facebook (so nach dem Motto: alle Kunden des Restaurants werden „Freunde“ des Chefs).
Am Morgen des nächsten Tages bekomme ich meine Wäsche trotz Fehlen des Abholscheins ohne Probleme zurück und packe eine Tüte mit aussortierten Dingen, die in vier Wochen zurück nach Deutschland gehen sollen. Ein bisschen Ballast weniger – gutes Gefühl!
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| Unser harmlos anmutendes Gefährt |
Die Betreiberin unseres kleinen Hotels verabschiedet sich überschwänglich und mit Küsschen und vermittelt uns glaubhaft, dass sie uns eine tolle Reise wünscht und sich auf ein Wiedersehen freut. Selbst wenn ich über Lima wieder gen Norden reisen werde, weiß ich nicht, ob ich noch eine Nacht in der Stadt verbringen werde. Nun geht es aber erst mal im vollen Stadtbus zu einem der vielen privaten Busunternehmen, wo wir schließlich mit zwei Stunden Verspätung die Stadt gen Ica verlassen. Während der Wartezeit im Gebäude des Busunternehmens läuft auf den aufgehängten Fernsehgeräten eine Show, die offenbar aus einem Wettbewerb besteht, in dem extrem übergewichtiger Damen sich im „körperbetonten“ Tanzen messen wollen. Und ich dachte, das deutsche Fernsehprogramm sei schlecht...
Alkoholisierte und trotz Verbotes sogar rauchende junge und ältere Männer machen die Busfahrt zu keinem besonders angenehmen Erlebnis. Ich werde – separat von meinem Vater sitzend – mehrfach blöd von der Seite angemacht und nehme mir vor, bei der nächsten Fahrt nach einem Sitzplatz im vorderen Bereich des Busses zu fragen. Selbst als ein Mitarbeiter der Busgesellschaft irgendwann zur Kontrolle der Tickets durch die Reihen geht, werden noch Zigaretten geraucht und man rennt mit riesigen Bierflaschen durch den Bus. Erst jetzt wird mir bewusst, wie viel angenehmer in dieser Hinsicht doch die Länder waren, die den Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit verbieten.
Vier Stunden soll die Fahrt dauern: wir fahren wir durch die Vororte Limas und weiter auf der Panamericana Richtung Süden, vorbei an überlaufenen Stränden, riesigen Sanddünen, einfachsten Wohngegenden und großen Viehzuchtanlagen. Ich habe nicht erwartet, dass sich die Landschaft hier so drastisch zu dem bisher gesehenen verändert. Klar habe ich ein gutes Stück überflogen und ich befinde mich derzeit nicht in den Anden sondern an der Pazifikküste, trotzdem bin ich überrascht von den riesigen Mengen graugelben Sandes. Da wir mit fast zwei Stunden Verspätung in Lima losgefahren sind ist relativ bald klar, dass wir Ica nicht mehr bei Tageslicht erreichen werden.
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| Familienfoto in der Wüste - Die Buggyfahrt haben wir überlebt! |
Unser heutiges Ziel ist die als Oase beschriebene Lagune Huacachina, die wir schließlich nach rund acht Stunden erreichen. Dank aktuellen Reiseführers gestaltet sich die Zimmersuche genau so einfach wie die eines Hostelbettes in den vergangenen Wochen und Monaten. Es ist herrlich, mal wieder ein riesiges weißes flauschiges Duschhandtuch zu haben und das kratzige Microfaserhandtuch im Rucksack zu lassen. Sogar einen Pool gibt es hier, den es Spaß macht, zu benutzen, da er mit klarem Wasser gefüllt ist und eine Größe hat, die sich zum Schwimmen eignet. Das Peruanische Essen ist deutlich schmackhafter und abwechslungsreicher als das in Kolumbien. Es ist schön, endlich mal wieder einen Teller vor sich zu haben, auf dem keine der Zutaten frittiert ist.
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| Dass einfach nur Sand unter dem Einfluss von Sonne und Wind so toll aussehen kann! |
Schon vor dem Frühstück besteigen wir eine der Sanddünen direkt hinter unserem Hotel. Bei jedem Schritt habe ich den Eindruck, dass ich fast genauso weit wieder nach unten rutsche, wie ich gerade vorwärts zu kommen glaubte. Oben angekommen bietet sich ein guter Ausblick über den kleinen grünen See, umgeben von Palmen und einer Reihe Hotels, Restaurants und Souvenirläden. Viel beeindruckender ist für mich allerdings die reine Wüstenlandschaft – ohne Oase, ohne Gebäude und ohne Pflanzen. Sand, soweit das Auge reicht – große und kleine Hügel, glatte und vom Wind wellige Oberflächen, Spuren von Fußgängern, von Sandbuggys und von Sandboards.
Die Anstrengung des Aufstiegs wird schon durch das Hinunterrennen wieder wett gemacht. Das erinnert mich an die Dûne de Pyla an der französischen Atlantikküste, die meine Brüder Kersten und Lennart und ich vor dreizehn Jahren runtergekugelt sind, um dann unten in Klamotten ins Wasser zu hüpfen und das ganze stundenlang zu wiederholen. Ohne Kamera würde ich die Aktion vielleicht jetzt wiederholen... Die Gelegenheit, den Spieltrieb rauszulassen, würde sich aber heute Nachmittag noch bieten. Bevor es zurück in den großen Sandkasten geht, treffen wir am Ufer einen Peruaner, der zwei Slacklines gespannt hat. Im Grunde handelt es sich um übergroße Spanngurte, die jeweils zwischen zwei Palmen einen halben Meter über dem Boden gespannt sind. Die Anfängerversion ist handbreit und niedrig angebracht, sodass sich ungeschicktere Menschen wie ich keine Verletzungen zufügen. Es geht erst mal darum, auf dem Band von einem zum anderen Ende zu balancieren, was in meinen Augen deutlich schwieriger ist, als es aussieht. Ich bekomme erklärt, dass es sich um eine sehr effektive Sportart handelt, die nicht nur die physischen sondern auch die mentalen und emotionalen Fähigkeiten fördert. Bei meinen kläglichen Balancierversuchen kann ich diese Aspekte nicht so richtig nachvollziehen, bei Papa scheint das allerdings schon besser zu klappen. Nach zwanzig Jahren Yoga ist er einfach deutlich fitter als ich in den Fähigkeiten, die einem hier abverlangt werden. Ich bleibe da lieber beim Schwimmen, da kommt man auch nicht so ins Schwitzen.
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| Schattenspiel |
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| Magda beim Boarding auf einem der kleineren Hänge am Anfang unserer Tour. |
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| Die Sonne nähert sich dem Horizont und das Licht wird immer schöner zum Fotografieren! |
Zwei Stunden vor Sonnenuntergang ist es Zeit für unsere Sandkastentour. Zu zehnt nehmen wir Platz in dem Buggy, in dem Jesus (so scheint jeder zweite Peruaner zu heißen) uns durch die Wüste fahren wird. Was genau wir uns darunter vorzustellen haben, ist mir im Vorfeld nicht so ganz klar. Dass dieses offene Gefährt mit Dreipunktgurten und Überrollbügeln nicht nur auf ausgetretenen Pfaden fährt, kann ich mir denken, aber eine Achterbahnfahrt hatte ich nicht erwartet. Es geht die Dünen rauf und runter – selbst Steigungen von über 45 Grad sind keine Seltenheit und das Geschrei von einem Mädel in der Reihe hinter mir scheint das Motorengeräusch zu übertönen. Ein bisschen mulmig wird mir nur, wenn wir parallel zu einem steilen Hang fahren und man das Gefühl hat, seitlich gen Tal zu kippen. Jesus hat unseren kleinen Wüstenrenner aber gut unter Kontrolle und erkundigt sich zwischendurch, ob alles in Ordnung ist und wir Spaß haben. Wir halten mehrfach an, teilweise zum fotografieren und Ausblick genießen, teilweise zum Boarden. Die Holzbretter, die uns zur Verfügung gestellt werden, sind an den Enden ähnlich Snowbaords hochgebogen, sodass man sich hier weniger Sorgen machen muss, stecken zu bleiben, als beim Vulkanboarding in Nicaragua. Der Sand ist außerdem so fein und bietet eine gleichmäßige Oberflächenstruktur, dass die Abfahrt nicht allzu problematisch sein sollte. Magda aus Stuttgart, die gerade ein Auslandssemester in Brasilien hinter sich hat und noch ein paar Wochen Urlaub in Peru dranhängt, ist erfahrene Snowboarderin und hat sich ein professionelles Brett ausgeliehen – mit Bindungen und entsprechenden Schuhen. Wir haben fünf Hänge vor uns – Schwierigkeitsgrad steigend. Magda nutzt die Hänge, um sich wieder ans Boarden zu gewöhnen und bei der letzten Abfahrt eine ziemlich beeindruckende Vorstellung hinzulegen, sodass sie für den anstehenden Schneeurlaub in Europa gewappnet ist. Papa, der anfangs dem Boarden gegenüber noch ein wenig zögerlich war, ist jetzt auch mit voller Überzeugung dabei und flitzt mit der geliehenen Chemikerbrille einen Hang nach dem anderen hinab.
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| Spaß wie vor 13 Jahren in Frankreich... feiner warmer Sand hat schon was... auch wenn man nicht mehr 14 ist... |
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| Wie gesagt, Dünen runterrennen macht auch Spaß, wenn man etwas älter als 14 ist... |
Auf dem Bauch liegend, die Beine mehr oder weniger in der Luft bzw. zur Querstabilisierung leicht den Sand berührend geht es Hangabwärts. Die Abfahrten werden steiler, länger, schneller. Je weiter man kommt, desto lauter wird der Applaus der Anderen. Es macht einen Heidenspaß, auch wenn sich der sportliche Aspekt in Grenzen hält, da wir die Hänge nicht wieder hoch laufen müssen. Wieder so eine Aktion, die mir zeigt, wie sehr ich hohe Geschwindigkeiten liebe. obwohl der Fahrtwind, der mir um die Nase weht, mit Sandkörnern gemischt ist, genieße ich die Abkühlung. Die Sonne verschwindet erstaunlich schnell hinter dem hügeligen Horizont und erklärt damit unseren Ausflug für beendet. Statt im Buggy die letzten Hänge hinabzufahren, schnalle ich mir diesmal meinen Kamerarucksack auf, nehme die Schuhe in die Hand und renne in Windeseile durch den tiefen Sand gen Tal. Traumhaft! Abendessen mit Papa und Magda und ab ins Bett! Ica und Huacachina waren auf jeden Fall ein guter Einstieg in das nächste Land auf meiner Reise: Peru.
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| Letzter Stopp: Sonnenuntergang |
Wahnsinnig geile Fotos! Besonders "Schattenspiel" gefällt mir :)
AntwortenLöschenIch hätte übrigens nicht gedacht - Klimazone und Temperaturen hin oder her, dass du SO braun werden kannst!
Freut mich Sarah, danke.
LöschenSO braun? Ich hatte mich schon etwas gewundert, dass ich neben meinem Vater nicht so weiß aussehe wie sonst, aber vielleicht habe ich ja doch mehr von seinen Bräunungsgenen als ich dachte :)
Wenn ich es mir recht überlege, bin ich natürlich nun auch so viel draußen wie noch nie - in Asien musste ich ja immerhin in fünf von sieben Monaten quasi täglich in der Uni sitzen... da kam nicht so viel Sonne rein!
Wirklich tolle bilder... neid...
LöschenEinen glg in die ferne...
Maja
Wirklich tolle Bilder. Liebe Grüße aus Koblenz von Uschi
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