Weihnachtskitsch und echte deutsche Currywurst

03:36 Einsame Insel.de 1 Comments

Meinen ursprünglichen Plan, heute Abend die Stadt zu verlassen, verwerfe ich aufgrund eines Vorhabens, das sich nur für die Abendstunden eignet. Ich hatte zwar schon von der Metro aus die vielen Lichter am Fluss wahrgenommen, aber ohne den Hinweis von Alberto wäre ich nicht auf die Idee gekommen, mir das "Festival de Luz" aus der Nähe anzusehen.


Im Hostel muss ich aufgrund von recht hoher Auslastung und entsprechenden Vorbuchungen mein Zimmer wechseln und lerne Braden aus Texas kennen, der mir bisher noch nicht über den Weg gelaufen ist. Es ist übrigens total erstaunlich, wie sich der Personenkreis in den Hostels vom nördlichen zum südlichen amerikanischen Kontinent geändert hat. Während in Zentralamerika überwiegend allein reisende Mädels unterwegs waren, einige Pärchen und kaum Jungs, hat sich diese Verteilung vollkommen umgekehrt. Schon in Panama Stadt waren viele junge Männer im Hostel, aber das kann ich nicht pauschalisieren, da ich nur in der einen Stadt in dem einen Hostel war. In Mittelamerika waren die meisten Reisenden relativ lange unterwegs, haben mehrere Länder besucht – meist von Nord nach Süd. In Cartagena, Santa Marta und Medellín teile ich mir die Zimmer in den Hostels überwiegend mit männlichen Reisenden, von denen die meisten ausschließlich in Südamerika unterwegs sind und ihre Reise in Kolumbien beenden. Ich habe keine Ahnung, wie es zu dieser Verteilung kommt. Ich kann mir vorstellen, dass Guatemala und einige benachbarte Länder besonders für Freiwilligenarbeit und Sprachschulaufenthalte beliebt sind und dass das eher Aktivitäten sind, denen Frauen nachgehen. Bezüglich der vorherrschenden Reiserichtung in Mittelamerika (von Nord nach Süd) kann ich allerdings beim besten Willen keine Vermutung anstellen. Ich kann nicht einmal sagen, warum ich meine Flüge nach Mexiko und von Buenos Aires zurück gebucht habe.

Künstler mit Publikum
Ich bin ganz froh, dass Braden mich zum Lichterfestival begleitet, da ich alleine nicht hundertprozentig bedenkenlos nachts mit Kamera und Stativ durch die Stadt laufen kann. Und natürlich freue ich mich über Gesellschaft, da meine Ex-Zimmergenossen heute lieber zum Biertrinken im Hostel bleiben (das kann offenbar für den ein oder anderen durchaus über Wochen zur regelmäßigen Abendbeschäftigung werden). Als bekennender Weihnachtsmuffel und Kitsch-Deko-Feind muss ich zugeben, dass ich ganz schön beeindruckt bin von der Veranstaltung, die sich gute zwei Kilometer den Fluss entlangzieht. Beidseitig des Gewässers sind meterhohe Lichtinstallationen aufgebaut, die von einem „Sternenhimmel“ überspannt werden, während über der Wasseroberfläche ein Netz aus „Kerzen“ schwebt. Die Installationen bestehen weitestgehend aus LED-Lichterketten die in Form von Häuserfronten ein buntes durch Himmel und Kerzenbett dreidimensionales Gesamtbild ergeben. Abschnittsweise herrscht eine Farbe vor, sodass man beim Anblick keine schmerzenden Augen bekommt, wie es doch bei mancher farbenfroher Weihnachtsdeko der Fall sein kann.

Schaulustige

Kitsch oder schön?

Beeindruckend ist auch die Masse der Menschen, die sich zwischen den Millionen Lichtern auf der einen und hunderten von kleinen Ständen und Zelten auf der anderen Seite vorwärts schiebt. Zauberkünstler, Feuerspucker, Airbrush-Künstler und andere Alleinunterhalter bespaßen die begeisterten Familien und Pärchen, die vielerorts in großen Kreisen um die Attraktionen herumstehen. Überall werden Handyfotos geschossen und überall wird gegessen. Es gibt alles, was das Herz begehrt, ein bisschen wie auf der alljährlichen Kirmes in meiner Heimatstadt Haan. Nur Vegetarier dürften es ein bisschen schwer haben. Sören aus Heidelberg hat einen Wurststand: Er verkauft verschiedene Bratwürste und „Deutschlands Nr. 1“ - die Currywurst – mit selbstgebackenen Brötchen.

Die Klischee-Deutschen

Auch wenn ich die Male, die ich unser „Nationalgericht“ verspeist habe, an einer Hand abzählen kann, bin ich neugierig geworden. Sören berichtet, dass er seit einigen Jahren schon in Medellín lebt und bald sein zweites Restaurant eröffnet. Er freue sich, mal wieder Deutsch sprechen zu können. Es ist herrlich, ihm zuzuhören, wie er den Kolumbianern erklärt, wie beliebt dieses Gericht in Deutschland sei und dass er sogar deutsches Bier im Angebot habe. Einige fragen nach, ob ich aus Deutschland sei und freuen sich über die Bestätigung. Auf die Frage, ob das Geschäft gut laufe, bekomme ich die Antwort „Die, die es probieren, sind begeistert.“. Wie auch immer man das jetzt interpretiert. Man sagt den Kolumbianern nach, dass sie nicht gerne Veränderungen mögen. Ob sie Deutsche Wurst probieren – wer weiß. Ich mache mit Braden noch ein Deutschland-Klischee-Foto hinter einer Holztafel mit aufgemalter bayrischer Kluft und wir treten den Heimweg an. Kitsch hin oder her – der Besuch des Festivals hat sich gelohnt und mich sogar ein kleines bisschen an unsere Weihnachtsmärkte erinnert.

Irgendwie hat es ja schon was...


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1 Kommentar:

  1. ..auf jeden Fall hat sich da jemand richtig Mühe gegeben... Schön, dass Du dieses Fest noch mitgenommen hast!

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