Noch ist es trocken, aber der Himmel ist ziemlich bewölkt, die Luft diesig. Wir haben unterwegs noch eine weitere Argentinierin aufgegabelt, eine Freundin von Samina und sind nun zu fünft unterwegs. Über Stock und Stein – oder eher gesagt im ersten Wegabschntit hauptsächlich über Stein und Matsch – geht es zwei Stunden durch das weitläufige Tal mit dem Ziel, eine Finca im Wald zu besuchen. Es hat offenbar viel geregnet in den letzten Tagen – trotz Trockenzeit – aber da die Temperaturen nicht so niedrig sind, stört mich das Wasser und der Matsch nicht ernsthaft. Über neun klapprige Holzbrücken müssen wir steigen, bevor wir schließlich die Finca erreichen, die für die umherfliegenden Kolibris bekannt ist. Wir entrichten einen kleinen „Eintrittspreis“, in dem der Verzehr einer Tasse heiße Schokolade enthalten ist. Gegen Aufpreis gibt es auch heiße Schokolade mit Käse, dieses Experiment schenke ich mir aber für heute. Man hat uns nicht zu viel versprochen: unzählige und vor allem unglaublich flinke Vögel verschiedener Arten schwirren um unsere Köpfe und vor allem um die aufgestellten Behälter mit Zuckerwasser herum. Ich lese im Nachhinein, dass es über hundert Arten von Kolibris gibt, insofern ist es durchaus möglich, dass es sich bei all den verschiedenfarbigen Flugkünstlern um Kolibris handelt. Mit 40 bis 50 Flügelschlägen die Sekunde können sie sich sogar seitwärts und rückwärts bewegen und auf der Stelle schweben, wenn sie beispielsweise Nektar aus den Blüten saugen. Kein Wunder, dass ich Probleme habe, die kleinen Lebewesen mit voller Schärfe zu fotografieren. Die minimale Belichtungszeit, die meine Kamera schafft, ist 1/4000 Sekunde. Wenn die Lichtverhältnisse eine solch kurze Zeit zulassen würden – der Himmel ist mittlerweile dicht mit grauen Wolken bedeckt – wäre es theoretisch Möglich, einen der Vögel vernünftig zu erwischen, allerdings ist auch die Gesamtbewegung der Tiere so schnell, dass ich gar nicht mit dem Auge hinterherkomme geschweige denn der Autofokus so schnell arbeiten würde (da hilft auch kein teurer Ultraschallmotor). Als es anfängt zu regnen, gebe ich es auf und sitze mit den anderen bei heißer Schokolade und anschließend frisch aufgegossener argentinischer Mate zusammen. Wir teilen das südamerikanische Aufgussgetränk, argentinische furchtbar süße Karamel-Schoko-Kekse und Ananas – eben alles, was wir so in unseren Rucksäcken dabei haben.
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| Farne, Palmenblätter, Moose, Callas... allerhand Vegetation am Wegesrand |
Das faszinierende am heutigen Tag ist, dass wir ausschließlich Spanisch sprechen und es hervorragend funktioniert. Anfangs tue ich mich mal wieder etwas schwer, aber da mir besonders Ari, der fließend Spanisch und Englisch, ja sogar ein bisschen Deutsch spricht, ständig mit Vokabeln und Verbformen aushilft, bin ich nach einer Weile richtig im Sprachfluss. Auf dem Rückweg gibt es die Möglichkeit, die gleiche Strecke zurückzugehen oder den etwas längeren und steileren Weg über einen der das Tal umgebenden Berge einzuschlagen. Die Mädels schlagen den kürzeren Weg ein, zu dritt quälen wir uns den Berg hinauf. Wir sind lange von einem Nadelwald umgeben, der wie eine deutscher Wald nach einem Regenfall riecht.
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| Eine der vielen Holzbrücken auf dem Weg zur Kolibri-Finca |
Auf 2860 Metern Höhe über dem Meeresspiegel weist ein Holzschild auf die „Finca la montaña“ hin. Das Tal ist gefüllt mit Nebel. Die Finca ist umgeben mit unzähligen farbenprächtigen Blumen, an deren Blattspitzen langsam die Wassertropfen des vorangegangenen Schauers abtropfen. Im unter uns liegenden Wald wirken einige Bäume, als seien sie von Schnee bedeckt – tatsächlich handelt es sich um schneeweiße Blätter – eine Pflanzenart, die demnach kaum Photosynthese betreiben kann. Auf unserem Weg bergab, zurück ins Tal und zu dem Ort, an dem die Geländewagen zurück nach Salento fahren, bemerke ich erst, wie surreal mir diese Landschaft vorkommt. Grüne Wiese und Milchkühe wie in Deutschland – soweit alles normal. Aber mittendrin sprießen riesige schlanke Palmen aus dem Erdboden. Rund sechzig Meter werden sie hoch – höher als die meisten anderen Bäume hier. Da die Palmen jedoch nicht irgendwo im Wald stehen, sondern wirklich wie wahllos auf die Wiese gestreut scheinen, wirkt das Gesamtbild einfach unwirklich und passt irgendwie nicht zusammen. Mit dem bodennahen Nebel und den von oben immer weiter schließenden Wolken hat die ganze Atmosphäre etwas mystisches, irgendwie faszinierendes. Ich habe das Gefühl, dass gerade das regenreiche Wetter der letzten Tage zu dieser besonderen Atmosphäre beiträgt. Wie im Traum, da sind Ari und ich uns einig. Wie er erzählt, schreibt auch er sehr ausführliche Reiseberichte – im Gegensatz zu mir allerdings auf isländisch und ein bisschen „spiritueller“, das sei sein Ding und er sei ein sehr spiritueller Mensch. So hätte ich den jungen blonden Mann, den ich anfangs für einen Finnen gehalten hätte und der von Zeit zu Zeit immer wieder vorankündigungslos die Jukebox gibt, gar nicht eingeschätzt.
Nach der guten Erfahrung vom Vortag habe ich mich wieder für das gemeinsame Abendessen angemeldet. „Middle Eastern Night“ sei heute, so gibt es Kebab mit Pita, Tzaziki, Tomaten-Gurken-Salat und Humus. George, der heute seinen letzten Abend hat, bevor er wieder nach Kanada muss um seinen beruflichen Verpflichtungen nachzugehen, ist begeistert und wir blödeln schon beim Essen – ohne Zuhilfenahme alkoholischer Getränke – die ganze Zeit herum. Irgendwie habe ich ihn in den letzten Tagen richtig lieb gewonnen und werde bestimmt irgendwann mal auf sein Angebot, ihn in Quebec zu besuchen, zurückkommen. Spannender wäre natürlich ein Besuch im Libanon, aber sein Geburtsland wird er wahrscheinlich selber in den nächsten Jahren nicht besuchen.
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| Der kleine Käfer nimmersatt erkundet die die Welt |
Irgendwann an diesem Abend besucht – wie offenbar täglich – ein Polizist unser temporäres Heim und wird von George, der auf einer Gitarre herumklimpert, ohne das Instrument ernsthaft zu beherrschen, gefragt, ob er spielen könne. Dazu muss man sagen, dass George kein Spanisch und der Polizist kein Englisch spricht und das ganze zu einem kleinen Dreiecksdialog quer durch den Raum wird. Im Endeffekt sitzt unser Freund und Helfer in seiner gelben Warnweste auf einer Bank, spielt Gitarre und singt – und zwar richtig gut. Nach einer Weile hat sich die halbe Belegschaft des Hostels um ihn versammelt und lauscht gespannt seiner Musik.
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| Polizist in Uniform mit Gitarre - komische Kombination! |
Mir gefällt es hier richtig gut, ich bleibe einen weiteren Tag, an dem ich mich ausschließlich mit Schreiben und Spanisch lernen beschäftige – und das mit voller Begeisterung und ohne das Bedürfnis, etwas anderes zu machen. Gut, eine heiße Schokolade und einen Brownie gönne ich mir in einem Café im Ort, da ich hier noch mehr Ruhe zum lernen habe als im Hostel, in dem es am Nachmittag immer etwas voller wird. Nachdem ich endlich von meinem vorübergehend rumzickenden Konto Geld abheben (Fehlermeldung des Automaten „Any question contact your bank!“) und mir wieder einen Einkauf im Supermarkt leisten konnte, mache ich mich auf den Rückweg zu meiner Unterkunft. Ich dachte, ich sei früh genug dran, um im hellen den größtenteils unbeleuchteten Weg zurückzulegen, nun ist aber die Phase der Dämmerung schon vorbei. Es ist stockfinster, es fängt an zu regnen. Ich ziehe den Regenschutz über meinen Rucksack, meine Regenjacke an und setze meine Kopflampe aus – um wieder einmal das Klischee der perfekt organisierten Deutschen zu bestätigen. Aber mich sieht ja keiner, der mich damit aufziehen könnte! Sobald ich die Stadt verlassen und die gelbe Brücke passiert habe, stecke ich mir Stöpsel in die Ohren und schalte meinen Player ein. Moby, Kings of Leon, Coldplay, Linkin Park, The XX – was auch immer die Zufallswiedergabe zu bieten hat – ich finde es herrlich! Neben der Musik und dem Alleinsein in der anbrechenden Nacht, genieße den kühlen Regen auf meinem Gesicht. Als ich zur Auffahrt zum Hostel komme denke ich kurz darüber nach, einfach vorbeizugehen und meinen Spaziergang noch ein wenig auszudehnen, beschließe aber dann doch, dass der Rucksack dafür zu schwer ist. Nach dem Kochen (Nudeln mit Möhren, Zwiebeln und Ingwer – mal was Neues!) habe ich das gute Gefühl, den Tag genutzt und viel geschafft zu haben. Wenn ich mich so reden (schreiben) höre, erkenne ich mich gar nicht wieder – ich weiß gar nicht, wo die ganze gute Laune herkommt. Aber vielleicht muss ich das auch gar nicht hinterfragen.
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| Nahrungsquelle für Kolibris - aber auch ohne Vogel schön anzusehen! |
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| Zu schnell für mich... |
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| Immerhin der Ast ist im Fokus... |
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| Gegenlichtaufnahme: Irgendwie sehen diese Vögel in allen Fluglagen elegant aus. |
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| Der Holländer und das argentinische Heißgetränk... |
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| Frisch aufgegossene Mate. |
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| Mittlerweile weiß ich, dass ich solche Tiere mit einem imitierten Plastiktütenknittergeräusch anlocken kann. |
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| Palmen, soweit das Auge reicht. |
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| Eine Bilderbuchblüte! |
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| Noch mehr Palmen.... |
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| Schöne Plumen mit noch schöneren Regentropfen |
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| Und ein letztes Foto der surrealen Palmenwelt! |
Hallo Sylvia, Deine Bilder sind immer sehr beeindruckend. Entweder Südamerika ist wirklich sehr schön oder Du schaffst es, gezielt schöne Eindrücke einzufangen. Viel Spaß noch und bis demnächst in Leverkusen!
AntwortenLöschenHermann
Ohja, Kolibris sind super! Ich erinnere mich da an ein französisches Plakat :-). Gestern hatte ich auch so ein Gute-Laune-Erlebnis mit Musik: Aufm Flugplatz im Clubheim sitzend habe ich den ganzen nachmittag Fotos bearbeitet, seit ungehörig langer Zeit mal wieder mit Stöpseln im Ohr. Und schon fühlt man sich Zuhause: the soundtrack of your life!
AntwortenLöschenDanke, Hermann - ich glaube, dass es eine Mischung aus beidem ist :)
AntwortenLöschenJa, an das Plakat erinnere ich mich auch. Ganz so bunt waren die Vögel hier allerdings nicht.
Die kleinen Momente, an denen man sich "zuhause" fühlt sind gut, ja!
I tried to read some of your write(especially writing about little racoon) by using google translator but it seems it is not working properly :D
AntwortenLöschenbut anyway beautiful pictures and places you took and went!