Schwarzes Gold: Von der Bohne zum Kaffee
Das Dorf Salento liegt inmitten der Kaffee-Kulturlandschaft Kolumbiens, die 2011 in die Liste der Weltkulturerbe aufgenommen wurde. Auf vielen Plantagen sowie in kleineren Fincas und auf den dazugehörigen Ländereien werden Kaffeetouren aller Art angeboten. Dauer, Preise und Umfang variieren stark und gerade wenn man von dem Thema noch nicht viel Ahnung hat, ist es gar nicht so einfach, das richtige Programm für sich auszuwählen. Simon hat schon verschiedene Touren gemacht, da er zum zweiten Mal in Salento ist. Er schwärmt vom „Reserva Natural Sacha Mama“, das vom Hostel „La Serrana“ etwa einen zweistündigen Fußmarsch entfernt liegt und eine Voranmeldung erfordert. Die Tour sei dort zwar deutlich teurer als bei den umliegenden Großplantagen, dafür erwarten den Besucher aber sehr detaillierte Erklärungen und mit der Wanderung hin und zurück eine tagfüllende Beschäftigung.
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| Pablo erklärt und erzählt... ganz viel über Kaffee! |
Ich beschließe, einen weiteren Tag in Salento zu bleiben, um an der ausführlichen Tour teilzunehmen. Beim Frühstück unterhalte ich mich mit Nima aus Toronto, der sich mir spontan anschließt. An unserer Rezeption bekommen wir eine sehr grobe Wegbeschreibung (links raus, immer der Straße entlang und dann den Schildern mit der Aufschrift „SM“ folgen) und machen uns auf den Weg. Die beiden anderen, die sich angemeldet haben, würden dann in zwei Stunden per Taxi dorthin kommen, man warte aber auf jeden Fall auf uns.
Die Wegbeschreibung stellt sich als alles andere als hinreichend aus und wir sind eine ganze Weile ziemlich verunsichert, bis wir wieder auf jemanden treffen, der uns die Richtung bestätigt. Lange geht es bergab, in ein von einem steinigen Fluss durchzogenes Tal und dann wieder sanft bergauf. Immer wieder müssen wir kleine Nebenbäche überqueren und akzeptieren nach einer Weile einfach, dass wir unser Ziel nicht trockenen Fußes erreichen werden. Wir brauchen tatsächlich fast zwei Stunden und unterhalten uns über Gott und die Welt. Gut, vielleicht ein bisschen mehr über die Welt und ein bisschen weniger über Gott. Nima hat im Alter von 22 im Rahmen eines Projektes ein halbes Jahr in einem Dorf in Mali gelebt – beeindruckende Geschichten!
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| Ins Tal, über den Fluss und irgendwo wieder bergauf... dann haben wir es fast zu unserem Ziel geschafft. |
Den ersten und letzten Hinweis auf unser Ziel finden wir in gelber Farbe auf einen Felsen gemalt: „S.M. HERE“. Dann haben wir es wohl tatsächlich gefunden. Pablo begrüßt uns freundlich, sobald wir das Grundstück betreten und bedeutet uns den Weg zum Haus. Das zweistöckige Anwesen ist überwiegend aus Bambus errichtet, teilweise mit Lehm bedeckt und wirkt ausgesprochen einladend. Wir ziehen die Schuhe aus und gehen die schmale Treppe hinauf. Zwei junge Frauen aus London, die offenbar in einem der wenigen Fahrzeuge saßen, die uns auf dem Weg überholt haben, sitzen bereits auf der Loggia und genießen die Aussicht. Vor der Brüstung und auf einigen Ästen der Bäume vor dem Gebäude liegen Bananenscheiben, die offenbar zum Anlocken von Vögeln dienen. Verschiedene Vogelarten in allen erdenklichen Farben veranstalten eine kleine Flugshow, während wir auf die Ankunft der letzten beiden Teilnehmer warten. Es stellt sich heraus, dass wir zwar alle im selben Hostel unterkommen, aber vollkommen unterschiedliche Informationen bekommen haben. So bin ich offenbar trotz meiner geringen Spanischkenntnissen diejenige, die diese Sprache am besten beherrscht und die einzige, die nicht mit einer englischsprachigen Führung gerechnet hat. Somit bleibt mir natürlich gar nichts anderes übrig, als für alle die Dolmetscherin zu spielen. Pablo schafft es tatsächlich auch, die kommenden vier Stunden über meinem Wunsch entsprechend langsam und deutlich zu sprechen und viel zu gestikulieren.
Nach einer ersten kleinen Tasse Kaffee machen wir uns auf den Weg in den „Wald“ hinter dem Haus. Die Vegetation hat nicht viel mit dem zu tun, was ich bisher gesehen habe: Hier wachsen Laubbäume, Palmen, Sträucher und – fast wäre ich daran vorbeigelaufen ohne sie wahrzunehmen – Kaffeepflanzen. Pablo erklärt ausführlich, wie sich der Kaffeeanbau in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Die zig Jahre alten hochwachsenden Kaffeepflanzen, die zwischen allerhand wilder Vegetation wachsen, sind schon lange nicht mehr wirtschaftlich und bringen kaum Ertrag. Viele Farmer in der Umgebung haben auf Viehzucht umgestellt und jegliche Vegetation beseitigt um Platz für Weiden zu machen. Das andere Extrem sind zeitgemäße Kaffeeplantagen, auf denen die Pflanzen dicht an dicht in Reih und Glied stehen, relativ kurz gehalten werden und einen entsprechenden wirtschaftlichen Ertrag mit sich bringen. Das Klima ist hier relativ konstant, geerntet wird trotzdem nur in einer Kernzeit von wenigen Monaten. Das Land von Pablo und seiner Frau weist eine eher ungewöhnliche Biodiversität auf. So stehen beispielsweise in dem Wald, der seine Baumkronen auf etwa vierzig Meter Höhe hat, einige hochwachsende Palmen, die das Blätterdach um zwanzig Meter überragen. Es gebe hier also sozusagen zwei verschiedene Wipfelebenen, erklärt Pablo.
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| Transparentes Flügelmaterial... es kam kurz die Diskussion auf, ob da Löcher in den Flügeln des Schmetterlings seien... |
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| Früchte an einer Kaffeepflanze im unreifen Stadium |
Die Früchte der Kaffeepflanzen, denen wir auf unserem kleinen Dschungelspaziergang immer wieder begegnen, sind weitestgehend grün, einige auch schon reif und rot. Je nach Sorte seien einige Früchte im reifen Zustand gelb. Mit dem neuen Wissen und ein paar neuen spanischen Vokabeln (ich habe mir endlich angewöhnt, die neuen Wörter direkt aufzuschreiben) kehren wir schließlich zum Haus zurück. Nudeln mit Gemüse und frische Ananas stehen schon auf einem gedeckten Tisch bereit. Ich nutze jede Gelegenheit, mich mit Pablo zu unterhalten und die Chance zu nutzen, Spanisch mit jemandem zu sprechen, der sich Mühe mit der Aussprache gibt und Spaß am Dialog mit mir hat. Auf meine Frage, ob er die Vogelarten hier alle benennen könne, gibt er mir direkt eine Kostprobe seines Wissens. Das da hinten sei ein Carpintero. Ein Schreiner, jemand der mit Holz arbeitet, frage ich. Gleichzeitig spekulieren die anderen, dass es sich um einen Specht handeln könne. Die Lösung des Rätsels ist tatsächlich, dass „Carpintero“ im Deutschen sowohl der Schreiner als auch der Specht ist. Klingt ja eigentlich logisch, nicht? So lernt man dann immer mal Vokabeln, die man wahrscheinlich nie wieder brauchen wird, aber dennoch nie vergisst.
Pablo zeigt uns eine Maschine, die zum öffnen der Kaffeefrüchte, die in der Regel zwei Kaffeebohnen enthalten, verwendet wird. Die rohen Kaffeebohnen trocknen hier fünfzehn Tage an der Sonne, bis sie für die weitere Verarbeitung bereit sind. Wir laufen zu einem kleinen Gebäude oberhalb der Finca mit Blick auf eine Plantage um dort gemeinsam die weiteren Schritte der Kaffeeherstellung durchzuführen. Die Bohnen werden von einer weiteren dünnen Schale befreit und danach geröstet. Die Bohnen werden im Normalfall ungeröstet exportiert, dieser Schritt passiert dann in den Ländern, in denen der Kaffee verkauft wird. Wir können während des fünfzehn minütigen Röstvorgangs immer wieder einen Blick auf die Bohnen werfen, die stetig dunkler werden und erst jetzt langsam den typischen Geruch bekommen, den wir mit Kaffee verbinden. Pablo versucht zwischen der Mini-Röstmaschine und Michael Endes „Lukas und der Lokomotivführer“ einen Bezug herzustellen, den ich nicht so ganz verstehe, da ich das Buch nicht gelesen habe (Röstmaschine = Dampfmaschine?). Die nun dunkelbraunen Bohnen kühlen kurz ab, bevor sie gemahlen und mit heißem Wasser aufgegossen werden. Ich bin kein großer Kaffeetrinker, sodass ich nur das Urteil „schmeckt wie Kaffee“ abgeben kann. Weder besonders gut noch irgendwie anders als sonst – aber eben selbstgemacht. Die übrigen, nicht gemahlenen Bohnen füllen wir in Tüten, die wir verschweißen und mit einem Etikett versehen. Fertig!
In den letzten vier Stunden hat Pablo mit uns sein Wissen über die Kaffeeproduktion geteilt, er verabschiedet sich herzlich und dankt mir für die Übersetzungsarbeit. Hat richtig Spaß gemacht! Zurücklaufen müssen wir nun alle, da der Jeep wohl gerade repariert wird und das noch eine Weile dauern könnte. Erschöpft und glücklich erreichen wir das Hostel – ein weiterer toller Tag in Salento, ich mag diesen Ort wirklich gerne!













Das ist doch mal was für puristische Kaffeeliebhaber. Genuß pur! Und die wohl handgefertigten Kaffeebehälter sind auch eine Augenweide.By the way, schön dass dein Objektiv wieder repariert ist.
AntwortenLöschenHi Sylvia.
AntwortenLöschenIch wünsche dir ein frohes neues Jahr! Ich habe mich gerade wieder auf den neuesten Stand deiner Reise gebracht :). Du schreibst echt total gut, da muss ich immer weiter und weiter lesen :). So viele kleine und große Geschichten, die du erzählst. So viele spannende Menschen, die du triffst.
Ich wünsche dir weiterhin eine wunderschöne Zeit.
Viele Grüße aus Heidelberg,
Christina