Magische Anden: Guatape, Kolumbien
Nun bin ich also mittendrin. In den Anden. Irgendwie hat diese über 7500 Kilometer ausgedehnte Gebirgskette etwas Magisches. Sie erstreckt sich von Venezuela bis ins südliche Chile bzw. Argentinien, ist die längste Gebirgskette der Welt und nach dem Himalaya die zweithöchste. Vielleicht liegt es an meinem Hobby und den Geschichten von eindrucksvollen Gebirgssegelflügen, vielleicht auch einfach an dem gigantischen Ausmaß und der Tatsache, dass ich bis auf wenige Ausflüge in die Alpen bislang kaum mit „richtigen“ Bergen in Berührung gekommen bin.
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| Ausblick von "La Piedra": Seenlandschaft um Guatape in Kolumbien |
Ausgedehnte Wälder, Seen, frische Luft, mildes Klima, kein Verkehrschaos, kein Müll, einfach ein wenig Ruhe - danach habe ich mich schon eine Weile gesehnt. Nachdem ich in Medellín den "Einstieg" in die Anden nicht geschafft habe, bin ich nun mit dem Bus nach Guatape, knapp zwei Stunden östlich der Großstadt gefahren. Die kurvige Strecke ist zwar recht anstrengend und schlägt mir ein wenig auf den Magen, aber die Landschaft macht das wieder wett. Der Ort Guatape ist relativ klein und hat – mit einer Ausnahme – keine großartigen Sehenswürdigkeiten zu bieten, sodass es nach den ganzen Feiertagen bestimmt ein bisschen ruhiger zugeht. Dachte ich – aber weit gefehlt! Entlang des an anderen Abschnitten bestimmt total idyllischen Seeufers stehen unzählige kleine Verkaufsstände. Tische, Pavillons und kleine Zelte wechseln sich ab und sorgen mit ihrem Angebot dafür, dass die Uferpromenade voll mit Menschen ist. Beliebt sind Kokosnussstreifen in warmem Zuckerrohrsirup, „belgische“ Waffeln, allerlei Zuckerzeug, Fleisch in verschiedensten Formen und natürlich das übliche triefende Fettgebäck, das man in diesem Land an jeder Ecke bekommt. Mit meinem Gepäck auf dem Rücken möchte ich diesen Trubel gar nicht so nah miterleben, zumindest nicht jetzt, aber auf der anderen Straßenseite haben Restaurants den Bürgersteig mit ihren Tischen und Stühlen in Beschlag genommen und die Straße ist voll mit Taxis, Bussen und ein paar Pferden. Fünfzehn Minuten und die Überquerung der Brücke am Ortsende später erreiche ich das beschauliche „Lake View Inn“, das einzige Hostel, in dem es nach Onlinerecherche am Vorabend noch preisgünstige Übernachtungsmöglichkeiten gibt. Ich habe mich schon an die Frage nach einer Reservierung gewöhnt und weiß, dass sie in 95% aller Fälle nicht darauf abzielt, mir mitzuteilen, dass kein Bett verfügbar ist. Anders allerdings an diesem ersten Freitag im neuen Jahr: Vollkommen ausgebucht, morgen auch! Ich könne mich gerne tagsüber hier aufhalten und am Hostelleben teilhaben, vielleicht würde ich ja eine Unterkunft in einem der nahegelegenen Privathäuser finden. Ich mache mich also auf den Weg entlang des hier viel ruhigeren Seeufers. Einige Kolumbianer campen hier, sodass es für die Ortsansässigen ein gutes Geschäft ist, die Benutzung von Dusche und WC anzubieten. Im letzten Haus werde ich schließlich fündig: Christina und ihr Mann verkaufen nicht nur Empanadas und Papas, sondern können mir nach einiger Überlegung auch ein Zimmer anbieten. Kurzerhand wird in einem kleinen relativ dunklen Zimmer in dem eingeschossigen Gebäude eins von zwei Einzelbetten abgebaut und in den Nebenraum getragen, sodass ich eine vollkommen zufriedenstellende Bleibe für die nächsten Tage habe. Das Bad werde ich mir wohl mit einigen anderen teilen müssen, aber das ist im Hostel ja auch nicht anders. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich auf dieser Reise schon mal für mehrere Nächte ein eigenes Zimmer hatte (außer in der Gastfamilie in Guatemala natürlich) und bin ganz dankbar, dass ich meine sieben Sachen mal wieder über den Boden verstreuen kann um sie dann irgendwann, wenn ich Lust habe, neu zu sortieren und den Rucksack wieder anständig für die Weiterreise zu packen. Normalerweise sollten die Dinge ja nach Häufigkeit der Benutzung im Rucksack verstaut werden, aber wenn ich beispielsweise das Stativ benutzt habe, muss ich den Rucksack ausräumen, um das sperrige Ding wieder nach unten zu befördern. Genauso waren Jeans und Softshelljacke eine ganze Weile am Boden des großen Fachs versteckt und werden jetzt täglich für die Abendstunden gebraucht. So ein kleines einfaches Zimmer ohne das Drumherum eines Hostels (inklusive Internetzugang) verleitet jedenfalls nicht dazu, sich besonders lange drinnen aufzuhalten. Nach dem Aufstehen startet der Tag und erst wenn ich wirklich müde bin, kehre ich zum Schlafen hierher zurück.
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| Das schwarze Ei am Horizont ist mein Ziel. |
Die kleine Stadt mit ihren farbenfrohen – um nicht zu sagen kitschig bunten – Fassaden lädt zu einem Stadtspaziergang und einem Kaffee am zentralen Zocalo ein. Mist, schon wieder die „saure“ Milch erwischt und vor allem ist der Milchkaffee vorgesüßt. Mehr als die Hälfte des Inhalts meines Pappbechers bekomme ich nicht herunter. Der Ortskern scheint dieser Tage weniger bevölkert zu sein als die Uferpromenade, an der heute zig Menschen für die „Zipline“ anstehen. An einem hoch gespannten Seil kann man sich eine gute Strecke über das Ufer schwingen lassen – wie überall ohne körperlichen Einsatz. Es ist nicht nötig, selber den kleinen Hügel zu erklimmen, an dem die Abfahrt beginnt; die schwindelfreien Kolumbianer werden an einem parallel laufenden Seil nach oben befördert, bevor es mit entsprechend höherer Geschwindigkeit abwärts geht. Irgendwie ist das typisch und ich würde auch am nächsten Tag wieder feststellen, wie lauffaul man hier offenbar ist. Der Betreiber der kleinen Seilbahn würde wahrscheinlich kaum Umsatz machen, wenn die Kunden zunächst zehn Minuten laufen müssten.
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| Großer Parkplatz, steile Treppe: die Attraktion ist für einen großen Besucheranturm ausgelegt, der in den nächsten Stunden noch kommen würde. |
Die eine große Sehenswürdigkeit von Guatape ist „La Piedra“, wörtlich der Stein, der Felsbrocken. Und genau das ist es auch: ein großer schwarzer Felsbrocken, so rundlich, dass er mich an einen zu groß geratenen Findling erinnert. Auf der Hinfahrt habe ich ihn schon begutachtet und war unschlüssig, ob ich die endlos scheinende Treppe mit hunderten von kolumbianischen Touristen hinaufsteigen wollte. Wie voll es tatsächlich sein würde, konnte ich ja noch nicht ahnen.
Als ich am ersten Abend dem Hostel und seinem freundlichen Betreiber Nick aus London einen Besuch abstatte, schaue ich in ein und kurze Zeit später in zwei weitere bekannte Gesichter: George, Simon und Joan – die Kanadier und der Schwede, mit denen ich ins neue Jahr gefeiert habe, haben sich wohl doch aus dem Bett gequält und den Bus nach Guatape genommen. Und das, nachdem sie am Abend zuvor noch die Diskussion geführt hatten, an wie vielen Tagen auf so einer Reise sie
nicht trinken würden und ob sie es schaffen würden, mal vor elf Uhr einen Tag zu beginnen. Die Möglichkeit besteht offenbar und so verabreden wir uns für den nächsten Morgen um den Felsbrocken zu besteigen. Frühstücken und dann um zehn Uhr loslaufen, immerhin sind es fünf Kilometer pro Strecke und heute dürfte es heiß werden – verhältnismäßig heiß für eine Höhenlage von über 2000 Metern. Es kommt, wie es kommen musste, die Herren kommen nicht aus den Federn, können sich nicht entscheiden, was sie frühstücken möchten, müssen dann nochmal aufs Klo und noch Wasser kaufen und stellen dann ganz verwundert fest, dass es ja schon bald Mittag ist. Eigentlich wollten sie ja am Nachmittag noch was anderes machen und eigentlich bliebe nun nicht mehr genug Zeit für den Felsen. Als die Diskussionen kein Ende nehmen, beschließe ich, mich alleine auf den Weg zu machen und verabschiede mich von den Dreien, da ich kein Problem habe, den Tag mit nur einer Aktion zu füllen. Einige Minuten später rauschen sie im Taxi an mir vorbei und ich begegne ihnen wieder, als ich über eine Stunde später am Fuße des Felsens ankomme. Die Aussicht sei toll, die Treppe hinunter vollkommen überfüllt und sie würden jetzt mit dem Taxi zurück zum Hostel fahren. Klingt fast nach Stress und das ist das letzte, was ich hier und heute gebrauchen kann. Ich bereue meine Entscheidung, mich von der Gruppe zu lösen, in keiner Sekunde. Der Weg verläuft leider in großen Teilen an der von vielen Bussen und Taxen befahrenen Hauptstraße (natürlich ohne Fußgängerweg), aber die Abschnitte, die über separate Wege von der Straße weg und auf einige höhere Hügel führen, bieten dafür eine umso bessere Aussicht auf die Landschaft mit dem großen schwarzen Klumpen in der Ferne. Mittlerweile ist wohl klar, dass ich mein Weitwinkelobjektiv doch aufgeben muss, da es nun weder fokussieren mag, noch irgendeine Reaktion zeigt, wenn ich den Auslöser durchdrücke. Nun also doch die Kameraversicherung in Anspruch nehmen und die Linse ersetzen. Ich habe mich aber schon damit abgefunden, dass das passieren könnte und helfe mir derweil mit ein paar Handyfotos zur Dokumentation und zusammengesetzten Panoramaaufnahmen (bin ich froh, dass ich ein Netbook dabei habe...).
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| Auf google.maps wurde der See als eine große Wasserfläche angezeigt mit einer durchgehenden Straße. Wie zerklüfftet die Landschaft hier wirklich ist, ließ sich von der Karte nicht erahnen. |
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| Ein Wechsel aus Wasser und (Halb)Inseln soweit das Auge reicht. |
Während ich auf den wenigen vorhandenen Fußgängerwegen zwischen Guatape und „La Piedra“ keinem Menschen außerhalb von Fahrzeugen begegne, ist der letzte steile Anstieg deutlich belebter. Neben dem Stau auf der Straße laufen tatsächlich einige Touristen die letzten Meter oder lassen sich auf dem Rücken eines Pferdes tragen. Dort, wo die Pferdehalter ihre Dienste anbieten heißt es, man brauche noch eine halbe Stunde zum „Eingang“, in Wahrheit sind es vielleicht zehn Minuten.
659 Stufen führen auf einer Stahlbetontreppe, über deren Statik ich versuche nicht nachzudenken, zur Oberseite des überdimensionalen Findlings. Es ist gut warm, gut voll und der Ausblick ist grandios. Die Menschen um mich herum bleiben alle paar Stufen stehen, um sich gegenseitig mit ihren Handys zu fotografieren: „Nein, Opa, noch ein bisschen weiter nach rechts bitte!“. Immer wieder amüsant, den Leuten hier zuzuhören. Und auch schön, wie einfach es heute für jedermann ist, solche „Momente“ festzuhalten (und der Welt über diverse Social Communities mitzuteilen, behaupte ich jetzt einfach mal). Oben angekommen geht es noch mal ein paar Stufen höher in einem kleinen Aussichtsturm, der mit Souvenirläden vollgestopft ist und in und auf dem man sich kaum bewegen kann, weil er vollkommen überfüllt ist.
Trotz Vorwarnung hatte ich nicht erwartet, dass der Abstieg so viel länger dauert als der Aufstieg. Es gibt eine separate Treppe, die hinter der ersten an die Felswand gepresst ist und weitaus schmaler ist. Nach einer gefühlten Ewigkeit bin ich wieder unten und habe Luft zum atmen. Den Rückweg laufe ich nur zur Hälfte weil mir der nun noch dichtere Verkehr und die Rücksichtslosigkeit Fußgängern gegenüber auf die Nerven geht. Ein Tuktuk für einen knappen Euro mit einem ausgesprochen netten Fahrer, der herrlich verständliches Spanisch spricht, ist schnell gefunden.
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| La Piedra - durchaus zum klettern geeignet, jedoch fehlen mir dazu sowohl Equipment als auch Erfahrung. |
Am Abend wird mir wieder einmal bewusst, wie wichtig die Qualität des lokalen Essens für das Gesamtvergnügen Reise ist. Ich kann einfach nichts frittiertes mehr essen und es ist so schwer, etwas anderes zu finden. Hähnchenfilet, Reis, Bohnen und eine frittierte Bananenscheibe ist ein guter Kompromiss. Es sind sogar ein paar Salatblätter auf dem Teller. Dann bin ich ja jetzt gestärkt für den morgigen Tag und kann endlich das Vorhaben Kayak zu fahren in Angriff nehmen. Ich freue mich auf die entlegenen Ecken der Seenlandschaft, die mich (und sogar den schwedischen Joan) an Schweden erinnern.
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