Medellín – zwanzig Jahre nach Pablo Escobar

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Liest man sich den Wikipedia-Artikel zur Stadt Medellín durch, gelangt man irgendwann zum Abschnitt „Persönlichkeiten“ mit den Unterpunkten „Kultur, Politik, Religion, Sport und Kriminalität“. Unter letzterem taucht der Name „Pablo Escobar“ auf und die Verbindung zum Medellín-Kartell. Als kleiner Geschichtsbanause muss ich gestehen, dass ich einiges an Recherche betreiben musste, bevor ich die Zusammenhänge hier nachvollziehen konnte. In der Anden-Großstadt, die einst als die gefährlichste der Welt galt, werden sogar Escobar-Touren angeboten, die Touristen die brutale Geschichte durch den Besuch einiger Orte in Medellín näher bringen soll. Ich werde euch jetzt nicht alles wiedergeben, was ich zu dem Thema gelernt habe, aber ein paar erschreckende Fakten werden in den nächsten Abschnitten auftauchen.

Medellín ist nicht nur die Stadt des ewigen Frühlings, in der sich die Temperaturen meist zwischen 16 und 30 Grad bewegen sondern auch die "Rote Stadt" aufgrund der relativ einheitlichen Farbe der Ziegelbauten

Vor meiner Abreise wurde mir – wie von so vielen anderen Ländern – von einem Besuch Kolumbiens dringend abgeraten. Dass die Grenzregionen zu Panama und Venezuela derzeit besonders kritisch sind, verriet mir auch die Website des auswärtigen Amts. Von Panama würde ich ja auf dem Seeweg übersetzen (über Land ist gar nicht möglich) und nach Venezuela wollte ich sowieso nicht. Trotzdem war ich lange Zeit sehr skeptisch, überlegte das Land zu überfliegen oder mit einer (sehr, sehr) langen Busfahrt zu durchqueren, ohne es – mit Ausnahme der touristischen Karibikküste – zu bereisen. Ein paar Tage vor meiner Abreise bekam ich eine erste positive Einschätzung zu Kolumbien von Christian, der vor ein paar Jahren einen längeren Urlaub dort verbracht hat.
Je weiter ich mich auf meiner bisherigen Reise nach Süden bewegte, desto mehr Menschen traf ich, die bereits Kolumbien bereist hatten, genau wie ich skeptisch waren und das Land im Nachhinein als absolut empfehlenswertes Reiseziel darstellten. Ich stelle mir allerdings die Frage, wieso der Kontrast zwischen dem weit verbreiteten negativen Ruf dieses Landes und der Realität möglicherweise viel größer ist, als es dieses Land verdient hat.

Mit den Jungs aus Kanada neben einer der fetten Skulpturen des Malers und Bildhauers Fernando Botero
Mittlerweile habe ich den Eindruck, dass über die dunklen Machenschaften der Drogenkartelle in Kolumbien bis Mitte der Neunziger rege in den westlichen Medien berichtet wurde, aber niemand so richtig mitbekommen hat, was sich in den letzten zwanzig Jahren geändert hat. Mit dem Tod Escobars 1993 waren natürlich nicht schlagartig alle Probleme gelöst, aber es ging nicht nur in Medellín in den Folgejahren bergauf. Es gab Zeiten, in denen wurden alleine in dieser einen Stadt über 6000 Menschen in einem Jahr ermordet - das sind durchschnittlich 17 Tote pro Tag! Angeblich konnte man für zehn Dollar an jeder Straßenecke einen Mord in Auftrag geben, der dann ohne große Formalitäten vom Motorrad aus erledigt wurde. Escobar setzte Kopfgelder für das Töten von Polizisten aus und lange Zeit wurde Seiten des Staates wenig unternommen. Wenn man sich die Liste der Attentate auf Einkaufszentren, Medienanstalten und Flugzeuge zwischen 1989 und 1993 ansieht, wird einem fast körperlich schlecht. Jedem, der sich den Köpfen des kolumbianischen Kokainhandels in den Weg stellte, wurde der Garaus gemacht. Dass diese Zeiten vorbei sind, steht außer Frage. Dass es weiterhin einen nicht zu verachteten Handel mit Kokain gibt, steht andererseits natürlich auch nicht im Zweifel. Was sich heute tatsächlich noch abspielt, scheint mich als Tourist allerdings nicht zu beeinflussen – zumindest nicht direkt.

Diese Plastiksektgläser gefüllt mit diversen Körnern sollen Glück für's neue Jahr bringen und sind an jeder Straßenecke zu erwerben.

Dieser Schaumschläger versucht sein Produkt in der Fußgängerzone zu verkaufen.
Ich versuche wie an allen Orten, die ich bereise, gesunden Menschenverstand walten zu lassen und mache mich aus dem Staub, wenn ich das Gefühl habe, dass es irgendwo zu heiß wird. Nach zehn Tagen in Kolumbien kann ich nur sagen, dass ich mich hier wohler fühle als in manch anderem Land und dass Medellín mir als durchaus lebenswerte Stadt begegnet. Genug von der dunklen Vergangenheit, zurück ins Heute – einer Zeit, in der mich zugegebenermaßen die Chance auf eine Erkältung durch die Klimaanlage im Reisebus mehr beunruhigt als alles andere.
Sechzehn Stunden von Santa Marta nach Medellín – meine bisher wohl längste Busfahrt auf dieser Reise. Veranschlagt vom Busunternehmen waren vierzehn, aber an dieser Stelle lag der Reiseführer wohl richtig mit seiner Zeitangabe. Bin ich froh, dass ich nicht zu denen gehöre, die weit über zwanzig Stunden in diesem Kühlschrank verbringen müssen – ohne Zwischenstopp oder Pause. Klimaanlagen sind mir nicht neu und so glaube ich mit langer Hose, geschlossenen Schuhen und Pullover plus Softshelljacke für die Nacht gerüstet zu sein. Pustekuchen! Ich wünschte, ich hätte ein Thermometer um die tatsächliche Temperatur im Bus zu messen. 24 Grad in einem Hostelzimmer können schon mal „kalt“ wirken, wenn es draußen extrem heiß ist und man direkt unter dem Klimagerät schläft. Mit einem Bettlaken ist das dann aber in der Regel auch in Ordnung. Wie kalt muss also ein Bus sein, damit ich in voller Montur inklusive Kapuze und Socken statt Handschuhen plus dünner Decke immer noch so friere, dass ich kein Auge zu tun kann? Ich möchte mir nicht ausmalen, wie es dem jungen Mann neben mir im Tshirt geht, der irgendwann versucht, seine Arme im Shirt zu vergraben und sich mit dem Busfahrer eine erfolglose Auseinandersetzung liefert.

Ein ausgesprochen witziger Zeitgenosse, der behauptet, sich seinen Bart wachsen zu lassen, damit es an amerikanischen Flughäfen spannender zugeht, weil "Beirut" als sein Geburtsort im Pass steht und es jedes Mal gründlich überprüft wird.
Ohne Erkältung erreiche ich Medellín am Morgen des letzten Tages in 2013. Die heutige Nacht im Hostel ist die erste die ich gebucht habe seit über drei Monaten. Vor ein paar Tagen habe ich das letzte Bett reserviert – glücklicherweise – ich hätte heute sonst ernsthafte Probleme gehabt, eine Unterkunft zu finden. Kaum bin ich angekommen, habe das Bett bezogen und geduscht, ergibt sich die Gelegenheit mit drei Jungs in die Stadt zu fahren. Zwei Kanadier (einer von beiden besteht darauf, dass er eigentlich Libanese ist weil er ebenda geboren ist) und ein Schwede sind schon seit ein paar Tagen in der Stadt und wollen heute zur Metrocable, einer Seilbahn, die ich schon vom Bus aus gesehen habe. Im Endeffekt laufen wir den ganzen Tag im Zentrum herum und genießen den Trubel der Großstadt. Die Angebotspalette der Straßenhändler reicht von gefälschten Fußballtrikots (Brasilien 2014) über Neujahrsglücksbringer bis hin zu zig Varianten frittierter Speisen. Es ist unglaublich, wie viele Menschen auf den Straßen sind. Ich vergesse zwischendurch, dass heute Silvester ist, werde aber wieder daran erinnert als ein großes Museum vor unseren Füßen die Türen schließt. Als wir schließlich die Seilbahn erreichen steht die Sonne schon sehr tief. Ein großer Teil der Strecke den steilen vollkommen bebauten Hang hinauf gehört zum öffentlichen Nahverkehrsnetz, sodass wir von der normalen Hochbahn umsteigend kein weiteres Ticket lösen müssen. Der Ausblick vom östlichen Hang über die Millionenstadt blickend ist grandios, wenn auch aufgrund des Gegenlichts keine guten Bedingungen zum Fotografieren gegeben sind. Zu allen Seiten des gigantischen Tals klettern einfache Wohngebäude – immerhin größtenteils gemauert – die Hänge hinauf. Im Tal wechseln sich Stadtteile mit niedrigen Wohnhäusern, Hochhausansammlungen, Einkaufszentren und mehrspurige Straßen ab. Überraschender Weise ist der zweite Teil der Seilbahnfahrt länger als der erste, obwohl wir uns beim Umsteigen in die teurere Touristenbahn schon über der Hälfte des Hangs befinden. Die Dichte der Bebauung unter uns nimmt ab, die Vegetation zu. Nach einer Weile bewegen wir uns nur noch über einer tiefen Schneise, die in den dichten Nadelwald geschlagen wurde. Am Ende der Fahrt erwartet uns der weit über der Stadt in den Anden liegende und somit angenehm kühle Arvi Park, der allerdings nur noch eine Stunde geöffnet ist. Für mehr als eine kleine Spazierrunde und eine Portion frische Erdbeeren reicht die Zeit nicht.

Blick aus der "Metrocable" auf die diesigen Anden
Der Jahreswechsel ist vollkommen unspektakulär, was mir durchaus gelegen kommt, da ich mir sowieso nicht allzu viel daraus mache und hundemüde bin. Ich hätte das „Event“ glatt schon wieder vergessen, wären da nicht schon um 18 Uhr ein paar Nachrichten aus Deutschland auf meinem Handy eingegangen. Zu viert gehen wir in einer Bar ziemlich teure und geschmacklich ziemlich enttäuschende Burger essen, ich verschlafe Mitternacht beinahe (man bedenke die schlaflose Nacht im Bus) und nach Anstoßen im Hostel und einer Runde durch den nahegelegenen mit Bars und Restaurants umgebenen Park bin ich froh, die folgende Nacht durch- und ausschlafen zu können. Feuerwerk ist in Kolumbien übrigens verboten, sodass die Nacht im wahrsten Sinne des Wortes ruhig verläuft – keine Böller, keine Feuerwehrsirenen.

Erster Tag im neuen Jahr und eine herzliche kolumbianische Supermarktbekanntschaft.

01. Januar 2014. Mittwoch. In Medellín ist der Hund begraben. Nicht ein einziges Café in der Umgebung meines Hostels hat geöffnet und ich bin natürlich – wie so oft auf Reisen – früh wach. Zu meinem Erstaunen ist ein größerer Supermarkt geöffnet, in dem mittendrin ein kleiner Kaffeeausschank und frische Backwarena auf mich warten. Jeder, der schon auf den Beinen ist, hatte offenbar die gleiche Idee, sodass der einzige freie Sitzplatz am Tisch von Alberto frei ist. Er trinkt in Ruhe seinen Kaffee und beobachtet den stumm geschalteten Bildschirm an der Decke, auf dem eine Reportage über Hitler läuft (worüber könnte man auch sonst am Neujahrstag berichten...).
Alberto und ich unterhalten uns gefühlte drei Stunden (ich habe nicht auf die Uhr geguckt) – natürlich auf Spanisch. Er erzählt zwar, dass er Englisch lernt und ein bisschen üben möchte, aber dann ist es ihm doch unangenehm und abgesehen von einigen Sätzen bleibt er bei seiner Muttersprache. Sprechen kann er zwar ganz gut, versteht aber kaum etwas von meinem Englisch, obwohl ich mir wirklich Mühe gebe. Sein Spanisch ist glücklicherweise gut verständlich und er umschreibt gerne für mich die Wörter, die meinem Wortschatz fremd sind. Ich erzähle ihm, dass ich eigentlich auf der Suche nach einem kleinen Café war, um ein bisschen Spanisch zu lernen und zu schreiben, aber dass diese Konversation natürlich viel hilfreicher ist als mein Vokabelheft. Alberto ist übrigens 75 und nur für zwei oder drei Tage in der Stadt, um Ärzte aufzusuchen, die er in seinem kleinen Dorf nicht findet – dort gibt es keine Spezialisten, sagt er. Er zeigt mir ein bisschen die Umgebung und erzählt von Medellín – immerhin hat er hier über zwanzig Jahre gelebt und Autos verkauft. Nach einem weiteren Heißgetränk (ich werde hier noch zum Kaffeetrinker...) verabschiede ich mich, um meinen Beitrag über den Nationalpark fertig zu schreiben. Zurück im Hostel schmunzeln die Jungs über mein „Date“ zum Abendessen mit einem 75jährigen. Sie scheinen kaum nachvollziehen zu können, dass man sich auch mit einem „alten Kolumbianer“ einfach nett unterhalten kann. Und ich glaube, Alberto ist auch ganz froh, dass er den Abend nicht alleine schweigend beim Mexikaner sitzen muss.
Der nächste Tag ist wieder ein normaler Werktag und alles geht seinen normalen Lauf – hatte ich gehofft. Nach der Stippvisite am Arvi Park habe ich beschlossen, dass ich wiederkommen und mir die weitläufige Landschaft und vor allem das kühlere Klima genießen möchte. Die Stadt ist mir im Moment einfach zu voll, zu laut, zu dreckig und zu... zu viel Stadt eben. Ich brauche Natur! Mal abgesehen von einem Tag im Nationalpark und den San Blas Inseln war ich seit Nicaragua im Grunde nur noch in Großstädten unterwegs. Ich weiß, ich beklage mich gleichzeitig über die vielen Vulkane (die rückblickend alles andere als einseitig waren) und darüber, dass ich am Strand nicht viel mit mir anzufangen weiß... aber vielleicht kann man es mir einfach nicht recht machen. Die Mischung macht's eben!
Als ich auf halber Strecke von der öffentlichen Seilbahn in den oberen Teil umsteigen möchte erwartet mich ein Schild „Wegen Wartungsarbeiten geschlossen. Wir sind morgen früh wieder für Sie da!“. Hätte man solch ein Schild nicht schon am Fuße des Berges aufstellen können, von wo man den Park theoretisch auch mit dem Bus erreichen könnte? Offenbar ist das zu viel verlangt. Aus der gleichförmigen ziegelroten Wohnbebauung sticht ein vieleckiger schwarzer Baukörper hervor, der in Teilen mit schwarzen Netzen behangen ist, weshalb ich anfänglich fälschlicherweise eine Baustelle vermutet habe. Die spanische Bibliothek ist geöffnet und zeigt einige künstlerische Exponate. Ein Künstler hat in verschiedenen Großstädten Weltweit Skizzen von bekannten Gebäuden angefertigt, die mich stark an meine „Darstellen und Gestalten“-Kurse der ersten Semester des Architekturstudiums erinnern. Irgendwer kommentierte kürzlich auch mein kaputtes Objektiv mit der Idee, ich könne ja statt Fotos zu machen mein Skizzenbuch rausholen und zeichnen. So schlecht finde ich die Idee gar nicht, aber wahrscheinlich würde mir dazu die Geduld fehlen. Statt schreiben vielleicht, aber nicht zusätzlich.
Der Weg ins Tal führt mich durch die ärmeren Viertel der Stadt, unsicher fühle ich mich aber nirgendwo. Bisher sind mir die Kolumbianer ausgesprochen freundlich begegnet, das ist auch hier nicht anders. Häufig zeigen mir gerade ältere Menschen einfach einen „Daumen hoch“, wenn sie mich sehen – besonders, wenn ich mit dem großen Rucksack unterwegs bin. Wo ich gerade unterwegs bin, laufen wahrscheinlich nicht viele „Gringas“ herum – wie mich der ein oder andere hier bezeichnet, der mich für eine Amerikanerin hält. Nach einem Abstecher in den botanischen Garten bin ich mit meinen Kräften ziemlich am Ende und fahre die letzten Stationen mit der Metro zurück Richtung Hostel. Die starke Neigung des Hangs, den ich den halben Tag heruntergelaufen bin, macht sich ein wenig in den Fußgelenken bemerkbar und ich habe immer noch ein wenig Sorgen um das linke Fußgelenk, das noch nicht vollständig genesen ist. Meine neuen Schuhe kann ich jedenfalls als ausgesprochen zufriedenstellend bezeichnen. Mal abwarten, wie ich das nach dem ersten Regenfall sehe. Regen ist seit Guatemala zum Fremdwort geworden, ich weiß gar nicht, wann ich den letzten Schauer mitbekommen habe. An diese Worte werde ich mich dann wahrscheinlich in Peru erinnern, wo im Februar Regenzeit sein wird.

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