Eisige Nächte, dünne Luft und eine kleine Mountainbiketour

14:53 Einsame Insel.de 0 Comments

Chivay heißt unser Ziel am Rande des Colca Canyons, das angeblich in drei Stunden Fahrtzeit erreichbar ist. Die meisten Busse sind für heute bereits ausgebucht, sodass wir um zwei Stunden Wartezeit nicht herum kommen. Die Fahrt selber dauert dann natürlich auch wieder länger als veranschlagt und es ist klar, dass wir nicht mehr bei Tageslicht ankommen werden. Die letzten Sonnenstunden mit Blick aus dem Busfenster genieße ich in vollen Zügen. Die Landschaft ist überraschend abwechslungsreich und macht Vorfreude auf die nächsten Tage. Immer wieder haben wir durch das Busfenster freien Blick auf schneebedeckte Gipfel, ich stelle mich langsam auf niedrigere Temperaturen ein. Schließlich trage ich ja schon seit September Skiunterwäsche, Schal und Mütze in meinem Rucksack herum – die Kleidungsstücke möchte ich nicht mit zurück nehmen ohne sie je gebraucht zu haben. In der folgenden Nacht sehe ich das allerdings ganz anders und würde mir wünschen, mit Sommerklamotten auszukommen. Wir haben Pässe von bis zu 4800 Meter Höhe überwunden und erreichen schließlich das auf 3600 Metern liegende Chivay kurz nach Einbruch der Dämmerung. Mit Jacke und Schal fühle ich mich (noch) ganz wohl, bin aber ganz froh, dass uns ein Mototaxi (entspricht dem asiatischen Tuktuk) für ein paar Cent zum Hostel bringt. Ich bin wieder mal verwirrt über die Bezeichnungen der Unterkünfte in Peru. Der Reiseführer spricht von angenehmen Zimmern mit 24 Stunden Heißwasserversorgung, allerlei Service und eingeschlossenem Frühstück. Das Preisniveau ist hier insgesamt sehr niedrig, sodass man leicht zu dem Trugschluss kommt, dass man für etwas mehr Geld einen entsprechend höheren Standard bekäme. Aber ich habe ja schon oft feststellen dürfen, dass die Preis-Leistungs-Relationen nicht besonders konstant sind. Für diese Nacht gibt es kein Twin-Zimmer mehr mit Bad, aber das Duschen lässt sich ja auch auf morgen verschieben.

Östlich von Chivay im Colca-Tal
Die Vorstellung, bei einstelligen Außentemperaturen und ohne Heizung eine kalte Dusche zu nehmen, ist nicht sehr einladend. Erschwerend kommt hinzu, dass ich die Höhenlage vollkommen unterschätzt habe. Klar, ich habe schon oft genug gelesen, dass man in größeren Höhen nicht mehr als 500 Meter pro Tag aufsteigen sollte. Dass wir heute im Laufe einer nicht mal halbtägigen Busfahrt über tausend Höhenmeter gewinnen und sich das nachhaltig auf die Gesundheit auswirken kann, hatte ich nicht bedacht. Meine „Leichtsinnigkeit“ wird mit einer fast schlaflosen Nacht bestraft. Skiunterwäsche, dicke Socken, drei Wolldecken (deren Gewicht nicht zu verachten ist) und warme Gedanken sind zwar ein ganz sinnvoller Ansatz und würden unter normalen Umständen vielleicht ausreichen, um ein wenig Schlaf zu finden. Während Papa nach einem kurzen Abendessen im immer kälter werdenden Städtchen nun schon am anderen Ende des Raumes eingeschlafen ist, beschäftigt mich neben der Kälte ein ganz anderes Problem. Meine Atmung ist schon seit einer Weile schwerfälliger geworden, aber jetzt, da ich versuche einzuschlafen, wird jeder zweite oder dritte Atemzug zu einer kleinen Qual. Ich habe immer wieder das Gefühl, ich könne gar nicht genug Sauerstoff aufnehmen, wie ich in der Zeit verbrauche, die mir bis zum nächsten Einatmen bleibt. In den Lungen und im Bauch macht sich ein beklemmendes Gefühl breit, das mit fortschreitender Müdigkeit eher unangenehmer wird. Wirklich übel ist mir nicht, aber so ganz gesund fühle ich mich auch nicht. Ich bin dankbar für das gut funktionierende WLAN und recherchiere eifrig (und nicht zum ersten Mal) über die Höhenkrankheit. Ich beschließe, dass es mir eigentlich ganz gut geht und ich keine kritischen Symptome bemerke, versuche bewusst zu atmen und trinke unsere vollständigen Wasservorräte leer. Als Papa zum ersten Mal am frühen Morgen aufwacht, habe ich vielleicht eine Stunde geschlafen. Wenn es hoch kommt. Aber es war auch mal schön, die halbe Nacht im Skypechat zu „hängen“ und ein bisschen mit Deutschland, Neuseeland und Kolumbien zu schreiben. Immer das Positive sehen!
Entsprechend gerädert bin ich am nächsten Tag und kaum in der Lage, das Bett zu verlassen. Ich hätte nicht gedacht, dass mir die dünne Luft so zu schaffen macht. Wir hatten geplant, heute ein wenig durch das Colca-Tal zu wandern und uns ein bisschen die Umgebung anzusehen. Papa zieht also alleine los, während ich mich langsam wieder regeneriere. Am Nachmittag ist es richtig sonnig und ich vergesse fast, wie kalt die letzte Nacht war. Da wir vermutlich morgen schon weiterziehen werden, möchte ich die letzten Sonnenstunden unbedingt noch nutzen. Mit eher geringer Motivation zum wandern gehe ich in den Ort, treffe unterwegs Papa, mit dem ich noch eine heiße Schokolade trinken gehe und leihe mir schließlich ein Mountainbike aus. Ich mache mich dann zwar alleine auf den Weg, aber es ist auch schön, vorher noch Hilfe beim Einstellen von Sattel- und Lenkerhöhe zu bekommen. Ich habe mich sowieso schon lange daran gewöhnt, mich um alles selber zu kümmern, besonders natürlich auf dieser Reise, aber trotzdem ist es natürlich sehr angenehm, wenn man zwischendurch mal Unterstützung bekommt. Auch die Planung für den Folgetag steht schon fast und wir kümmern uns vor meiner Radtour noch gemeinsam um die Buchung einer Tour und eines Bustickets.

Da war der Hinterreifen noch heil, die Wasserflasche noch voll und die Sonne stand noch hoch am Himmel...
Ich kann mich gerade nicht genau erinnern, aber ich meine, ich habe seit fast einem halben Jahr nicht mehr auf einem Rad gesessen. Die Sonne scheint, die Luft ist trotzdem angenehm kühl und überhaupt ist alles perfekt für einen kleinen Ausflug. Ich freue mich riesig, dass ich ein paar Stunden für mich habe – außerhalb des Ortes, in der Natur, ohne viel Verkehr und andere Menschen um mich. Die ersten Kilometer führen mich entlang einer asphaltierten Straße mit angenehmen Steigungen – auf und ab, bis ich schließlich ein Thermalbad erreiche, das hier an natürlichen heißen Quellen angelegt wurde. Ein paar Kleinbusse fahren auf der Strecke hin und her, ansonsten teile ich mir die Stille nur mit ein paar Farmern, die neben der Straße auf ihren Feldern und bei der Arbeit sind. Immer wieder rauben mir schon kleine Steigungen den Atem und ich bin ungemein froh, dass ich weder Zeitdruck habe noch jemand mit mir unterwegs ist, der sportlichen Ehrgeiz an den Tag legt. Es ist herrlich, einfach irgendwo anzuhalten, sich ins Gras zu setzen, etwas zu trinken, ein bisschen Musik zu hören und über das Leben nachzudenken. Klingt vielleicht ein bisschen kitschig, ist aber genau das, was ich heute brauche.
Ich setze meine Fahrt fort, mittlerweile auf einer unbefestigten Straße und teilweise den sehr dicht am steilen Hang zum Flusstal liegenden Trampelpfaden. Große Steine, kleine Wasserläufe und matschiger Untergrund machen hier ein Mountainbike unabdingbar. Ich bin diese matschspritzenden Gefährte erst sehr selten gefahren, aber ich glaube, ich werde es in Zukunft öfter tun – bevorzugt allerdings in niedrigeren Höhenlagen. 

Details am Wegesrand - allerdings auf dem Rückweg beim Fahrradschieben!

Leider ist auch ein Mountainbikereifen nicht gegen alle Eventualitäten gewappnet. So ein Kaktus hat ganz schön spitze Stacheln, spitz genug, um meinen Mantel und Schlauch zu durchstechen. Ich hatte mich gerade erst zur Umkehr entschieden, um sicherzugehen vor Einbruch der Dämmerung zurück zu sein. Nun muss ich also fast die komplette bisher gefahrene Strecke zu Fuß zurücklegen. Klar, Fahrradschieben ist nicht die schönste Beschäftigung, aber mit ein wenig Musik und einigen Einsätzen der Kamera macht der Rückweg trotzdem Spaß. In dem viel langsameren Tempo nehme ich natürlich viel mehr Details wahr, als auf dem Hinweg. Erschöpft erreiche ich kurz nach Sonnenuntergang den Fahrradverleih in Chivay. Ich hatte schon befürchtet, für eine Reifenreparatur aufkommen müssen, stattdessen zahle ich sogar noch etwas weniger als vereinbart, da ich das Rad ja schließlich nicht die ganze Zeit nutzen konnte. Das nenne ich Service! Vielerorts wäre ein solches Entgegenkommen wohl unvorstellbar. 

Vertragen sich nicht, diese beiden: Mein Hinterreifen und dieser freche Kaktus (oder einer seiner Verwandten).

Die zweite Nacht auf 3600 Metern Höhe ist weniger kalt (oder ich habe einfach nur mehr an) und ich schlafe wenigstens ein paar Stunden. Kurz nach sechs starten wir den nächsten Tag mit einem primären Ziel: Kondore im Flug in der Morgenthermik beobachten!

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