Sylvia in Silvia

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Eigentlich habe ich diesen Ort ja nur durch Zufall auf der Karte entdeckt. Nachdem ich schon in Miri auf Borneo 2011 meine eigene Straße gefunden habe, wollte ich mir mein Dorf in Kolumbien nun auch ansehen. Na gut, über den Fehler in der Schreibweise des Ortes sehen wir einfach mal hinweg.

Zwischen Cali und Popayan liegt Silvia - kaum ohne Lupe auf der Karte zu finden!
 Einen Tag habe ich in Popayán verbracht, von wo aus ich Dienstagmorgen ein „Collectivo“ nach Silvia nehme. Dienstag deshalb, weil das der Tag des Wochenmarktes ist, an dem die indigene Bevölkerung aus den umliegenden Dörfern kommt, um ihre Waren anzubieten. In dem Kleinbus sitze ich glücklicherweise vorne neben dem Fahrer, so habe ich bei dessen rasanten Fahrweise die Möglichkeit, mich anzuschnallen und auf die Straße zu sehen, sodass bei den vielen Kurven kein Übelkeitsgefühl aufkommen kann. Bei offenem Fenster und meiner Musik auf den Ohren genieße ich die einstündige Fahrt durch die Anden. Ich bin schon wieder so gut drauf und könnte die ganze Zeit nur grinsen, weil ich mich auf den Tag freue und die Sonne, das milde Klima, die frische Luft, einfach alles um mich herum genieße. Wieder einmal stehen vielerorts Soldaten am Straßenrand, teilweise mit gelber Warnweste über der tarnfarbenen Uniform, und zeigen unserem Fahrer einen „Daumen hoch“. Was genau das bedeutet und was passieren würde, wenn das beruhigende Handzeichen ausbleiben oder sich gar in einen nach unten zeigenden Daumen umwandeln würde, weiß ich nicht. Aber es scheint ja alles gut zu sein – keine Gefahr. So interpretiere ich das jedenfalls. Die Landschaft ist traumhaft und ich frage mich mal wieder, warum ich in meinem Leben so wenig Zeit in den Bergen verbracht habe.

Jalan Sylvia... meine Straße in Miri auf Borneo (Foto: 2011, das hat übrigens Debbie gemacht)
Mein erstes Ziel in Silvia ist natürlich der Markt. Ich bin ja schließlich heute früh aufgestanden, um die Zeit mitzubekommen, in der hier am meisten los ist. Trotzdem ist der Markt einfach nur eine Ansammlung von Verkaufsständen wie in jedem anderen Land auch. Nein, so stimmt das natürlich nicht, natürlich ist ein kolumbianischer Markt anders als einer in Guatemala, aber vielleicht habe ich schon zu viele Märkte besucht, um hier das besondere zu sehen. Die Obst- und Gemüseverkäufer haben ihre Waren auf großen Tischen aus Bambusstäben aufgebaut – in einer Halle, die sonst unter anderem zum Basketballspielen dient. Vielleicht ist es so eine Art Gemeinschaftshalle für das Städtchen. Erstaunt bin ich über die Kartoffelverkäufer und deren Waren. Die überwiegend traditionell in kurzen königsblauen Umhängen und mit hoch sitzendem Hut gekleideten Einheimischen verkaufen eine ganze Reihe unterschiedlicher Kartoffelsorten. Teilweise haben die Knollen auch andere Namen, für mich fallen sie aber alle unter die gleiche Familie. Es gibt ein paar Sorten, die aussehen wie unsere, aber auch fast schwarze, magentarote, gelbe und rot-gelbe Erdäpfel. Ob die wohl alle unterschiedlich schmecken?

Irgenwie finden sie meine Kamera interessant.

Leere Straßen von Silvia - alle Menschen sind offenbar auf dem Markt.

An manchen Ständen bleibe ich einen Augenblick länger hängen und schaue mir das Sortiment genauer an. Fast überall reicht schon das für den Beginn eines längeren Gesprächs mit dem Händler. Der Macheten-Verkäufer ist am Telefon, soll aber auf Wunsch seiner Standnachbarn von mir fotografiert werden. Er post freundlich und ich komme der Bitte gerne nach. Ein Gewürzverkäufer versucht mir zu erklären, was das alles für getrocknete Pflanzen sind, die da in den Stoffbeuteln vor mir liegen, ich kenne aber kaum einen der Begriffe, die er Benutzt. Seitlich hängen ein paar bunte Gürtel aus Perlenreihen, an denen jeweils eine Tierpfote bzw. Kralle befestigt ist: Adler, Puma und Tiger, wird mir erklärt. Eine fellbesetzte Pfote liegt in einem der Gewürzbeutel und ist offenbar zuvor heruntergefallen – der gute Mann befestigt sie kurzerhand wieder an einem der Gürtel. Wenn ich eines der Schmuckstücke kaufte, würde es mich beschützen – so viel verstehe ich. Trotzdem bin ich nicht überzeugt von der Notwendigkeit dieses Souvenirs und setze meinen Weg fort. Draußen vor der Halle bleibe ich vor einem angebundenen Schwein stehen und amüsiere mich köstlich über die fünf kleinen unterschiedlich farbigen Ferkel, die in der Umgebung am Grad knabbern und sich gegenseitig necken. Sie rennen hintereinander her und auf mich zu, wie ein paar Kinder, die Fangen spielen. Eine Mischung aus Neugierde, Respekt und Spieltrieb macht diese Tiere irgendwie faszinierend. Wie ich letztens gelesen habe, finde wir Menschen – und auch andere Lebewesen – irgendwie alle jungen Lebewesen putzig. Ob ich will oder nicht muss ich dieser These heute zustimmen, die Ferkel haben schon irgendwie was. Ein Passant beginnt eine Unterhaltung mit mir, indem er mir erklärt, dass es hier vier verschiedene Bezeichnungen für dieses Lebewesen gibt. Er isst lieber Schwein als Rind und vermutet, dass das große Schwein 120.000 Pesos kostet (rund fünfzig Euro), ich könne es ja mit nach Deutschland nehmen, in meinem Rucksack sei bestimmt genug Platz. Anfänglich fragte er mich, wie die meisten Kolumbianer, aus welchem Teil von Amerika ich denn käme. Meine Haar- und Augenfarbe seien es wohl, die ihn zu der Annahme bringen, ich sei aus den Staaten. Wenn ich Deutschland erwähne, bekomme ich meist ein „Muy lejos!“, also „Sehr weit weg“, zu hören.
Die ein oder andere meiner Bekanntschaften heute fragt mich nach meinem Namen. Die meisten von ihnen glauben mir allerdings kaum, dass ich den gleichen Name wie ihr Wohnort habe und scherzen, erzählen mir, dass sie „Silvio“ heißen oder wollen meinen Ausweis sehen.
Das schönste an meiner Zeit auf dem Markt ist, dass die Menschen mir wahnsinnig offen entgegentreten, Interesse zeigen und ich viel Gelegenheit habe, Spanisch zu sprechen. Die Indigenas sind leider sehr fotoscheu und verweigern auf Nachfrage meist, abgelichtet zu werden. Einmal werde ich von zwei Frauen gefragt, wie viel ich denn zahle und winke dankend ab. Das könnte ich natürlich tun, aber irgendwie komme ich mir dann vor wie im Museum. Es ist ja nicht so, dass ich ausschließlich hier die Menschen fotografiere oder dass sie besonders anders sind. Für mich gehört die bildliche Dokumentation eben auch irgendwie dazu, aber eben nur, wenn die Menschen da auch Spaß daran haben und es nicht als Geschäft sehen. Verstehen kann ich es trotzdem gut, selbst ich ziere mich manchmal, wenn man mich wegen meiner Größe oder meiner blonden Haare hier fotografieren möchte.

Traditionelle Kleidung
Zwischenzeitlich kommt mir der Gedanke, dass ich mich vielleicht gar keinen ganzen Tag in diesem kleinen Ort beschäftigen könnte, verwerfe den Gedanken aber kurze Zeit später wieder. Auf einem Hügel hinter dem Ort gibt es eine kleine Kirche, von der aus man bestimmt einen grandiosen Ausblick hat. Bevor ich den Fuß des Hügels erreiche, höre ich ein mir wohl bekanntes Geräusch und das Jaulen eines Hundes in den Ohren, der offenbar darunter leidet. Aus einer kleinen Werkstatt dringt das Heulen eines Bandschleifers und der Geruch von Sägemehl liegt in der Luft. Auf einem Stuhl vor dem Gebäude liegt eine Gitarre – wenn auch eine nicht ganz vollständige Gitarre. Ich trete näher und das Geräusch verstummt. Ein junger Mann und sein etwa fünfjähriger Sohn, beide mit Mundschutz und Ohrenschutz ausgestattet, legen ihre Arbeit nieder und begrüßen mich freundlich.

Ein gutes Team: Gersain und sein Sohn Juan bauen Gitarren für Kinder.

Ergebnis tagelanger Handarbeit
Gersain und Juan stellen Kindergitarren her – filigrane Handarbeit. Etwa zwei Tage benötige er für eine, schätzt der gesprächige Gersain. Der Stapel, der vor ihm auf dem Tisch liegt, würde ihn etwa einen Monat kosten, er verkaufe die Instrumente an Kunden aus Amerika und Europa. Die beiden nehmen sich viel Zeit für mich, bevor sie wieder an die Arbeit gehen und ich meinen Weg zur Kirche fortsetze. Bevor ich mich erneut über das Fehlen meines Weitwinkelobjektivs ärgern kann, treffe ich Thorsten, der – wie sich nach ein paar Sätzen auf Englisch herausstellt – natürlich Deutscher ist. Zusammen nehmen wir einen der Jeeps, die hier das öffentliche Verkehrsmittel der Wahl darstellen, und fahren die ungepflasterte Straße bergauf zu dem Dorf Publeito. Wir finden zwar keinen Wasserfall, den Thorstens Reiseführer versprochen hat, und auch sonst treffen wir wenige Menschen an (alle auf dem Markt), aber haben dafür eine schöne Wanderung entlang eines kleinen Flusses. Endlich mal wieder eine lange Unterhaltung – über Arbeiten und Leben in Sambia, Reisen in Asien und auch ab und zu sprechen wir sogar über Deutschland.

Zwar kein Wasserfall, aber trotzdem schön.

Kleine Spaziergängerin.

Wir hatten im Vorfeld beide von der Möglichkeit gehört, in den vielen Fischzuchten hier einen Fisch zu fangen und direkt zubereiten zu lassen. Nachdem wir bereits viele der großen Wasserbecken ohne jegliche Hinweisschilder, die uns als Gäste Willkommen heißen, passiert haben und schon über die Rückfahrt nach Silvia nachdenken, entdecken wir doch den perfekten Ort für unser spätes Mittagessen. Anfangs ist uns nicht ganz klar, dass wir tatsächlich unseren Fisch fangen sollen, zumal wir mitteilen, dass wir demnächst zurück müssen und nicht allzu viel Zeit haben. Wir bekommen einen Bambusstab mit einer daran befestigten Angelleine in die Hand gedrückt und werden zum Wasser geführt. An den Haken wird eine kleine Masse, die aussieht wie Kaugummi, gedrückt, bevor wir ihn ins Wasser werfen. Der Besitzer der Anlage bemerkt die Ungeduld von Thorsten, der in Kürze aus seinem Zimmer in Silvia auschecken muss und fischt uns stattdessen kurzerhand zwei Fische mit einem Kescher, nimmt sie in Windeseile aus, wäscht sie und rennt mit einem Eimer zur weiter oben auf dem Hanggrundstück gelegenen Küche. Eine Viertelstunde später esse ich den wohl frischsten Fisch meines Lebens, leider sehr fettig frittiert, dafür aber mit leckerem Reis, gebackener Banana, Salat und einem viel zu süßen Brombeersaft.
Die Tochter der Familie, Tatjana, dreizehn, leistet uns Gesellschaft und ist ausgesprochen offen und gesprächsbereit. Ihr Lieblingsessen ist der Fisch, den ihr Papa züchtet, sie hat nachmittags bis kurz nach drei Schule und trägt gerne die Traditionelle Kleidung, die sie in ihrer Freizeit auch selber näht, wenn sie nicht gerade ihrer Mutter hilft. Man hätte sie durchaus einige Jahre älter schätzen können, aber das mit dem Schätzen ist ja gerade bei Menschen in anderen Ländern immer besonders schwierig.

Frischer Fang

Blitzschnelle Zubereitung.

Wie immer frittiert...

Tatjana
Über Silvia treten wir gemeinsam die Rückfahrt nach Popayán an, trinken literweise frische Milchshakes (Brombeere, Maracuja, Erdbeere) und stellen uns darauf ein, am nächsten Tag im schlimmsten Fall von morgens bis abends im Bus zu sitzen. Keiner weiß so recht, in welchem Zustand die Straße nach San Agustín ist und wie groß der asphaltierte Anteil der unter 150km langen Strecke ist. Berichten zufolge hat im letzten Jahr manch einer hier schon über zehn Stunden gebraucht. So oder so werde ich noch einige Stunden auf den Straßen Kolumbiens verbringen, bevor ich nächste Woche die Grenze nach Ecuador überschreiten werde, da ich mich gerade weniger auf den ausgetretenen Pfaden befinde und immer mehr von den Hauptrouten abkomme. Auch mal wieder schön.

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