Fast wie in Schweden: Ein Tag auf dem See

08:17 Einsame Insel.de 0 Comments

Der Wochenendtourismus in Guatape hat sich wieder ein wenig beruhigt und Nacht drei kann ich im zuvor ausgebuchten Hostel verbringen. Somit habe ich jetzt die Möglichkeiten, die Vorzüge eines gut organisierten Hostels zu nutzen und mir für einen sehr akzeptablen Preis für einen Tag ein Kayak zu leihen. Ich frühstücke ausgiebig und kaufe für ein Picknick ein, auch wenn es in Guatape keinen größeren Supermarkt gibt und ich ein paar kleinere Läden abklappern muss, bis ich die üblichen Zutaten für Guacamole und ein paar Maracujas erstanden habe. Zurück im Hostel stelle ich mal wieder fest, dass es auch einige Vorteile hat, als Frau zu reisen: Nick und ein weiterer freiwilliger Helfer aus dem Hostel entleeren den noch von der letzten Tour mit ein wenig Wasser gefüllten Schwimmkörper und tragen es für mich zum Ufer. Was für ein Service! Ich bekomme noch einen kleinen Schubs vom Ufer weg und einen schönen Tag gewünscht und werde den Rest des Tages alleine in der Stille der Natur genießen. Zumindest bis kurz vor meiner Rückkehr zu dem Ufer, von dem ich abgelegt habe.

Wer hätte gedacht, dass man zu Dokumentationszwecken tatsächlich mit dem Handy Fotos in ausreichender Qualität machen kann? Ich weiß, ihr macht das alle schon lange, ich habe mich aber bisher dagegen gewehrt und nur widerwillig mein altes Nokia zuhause gelassen und gegen Sinas "altes" Smartphone eingetauscht (danke dafür!).

Bei den ersten Bewegungen denke ich noch darüber nach, ob das Paddel bei meiner letzten Kayaktour auf dem Atitlansee in Guatemala ebenfalls zwei um neunzig Grad gegeneinander verdrehte Paddelflächen hatte. Wahrscheinlich schon, so muss das ja auch sein. Trotzdem brauche ich ein paar Minuten, bis ich den Dreh raus habe und mein Hilfsmittel so bewege, dass es links und rechts im richtigen Winkel ins Wasser eintaucht. Mein erste Ziel ist es, so schnell wie möglich von der Stadt und dem „Partyufer“ wegzukommen. Hier legen unzählige kleine und große, schnelle und langsame Schiffe ab. Gemein haben sie jedoch alle, dass laute Musik gespielt wird und selbst di großen Ausflugsdampfer eher an eine Karnevalsveranstaltung erinnern. Alles eben ein bisschen lauter und chaotischer als ich das gewöhnt bin.

Okay, hier sieht es nicht mehr ganz so schwedisch aus. Man weiß nie, was einen hinter der nächsten Landzunge erwartet und muss sich ohne Karte den See mit vielen "Umwegen" erfahren.

Ich bin dankbar, dass der Himmel leicht bewölkt ist, andernfalls würde ich wohl unter meiner Schwimmweste ganz schön ins Schwitzen kommen. Selbige könne ich ausziehen, sobald ich außer Sichtweite der Stadt bin, andernfalls müsse ich damit rechnen, eine Strafe zu zahlen. Zwanzig Minuten später habe ich die mit auf Privatbesitz hinweisenden Schildern gepflasterte Halbinsel passiert und kann rechts abbiegen, um jeglichem Seeverkehr aus dem Weg zu gehen. Die Musik verstummt langsam hinter mir und das lauteste Geräusch, das ich vernehmen kann, ist das Eintauchen des Paddels ins Wasser. Im Vorfeld habe ich gedacht, dass so eine Seefahrt bestimmt mit mehreren Leuten viel spaßiger wäre als alleine aber gerade im Moment genieße ich die Einsamkeit, die Stille und das Gefühl, mich nach nichts und niemandem richten zu müssen und mich einfach treiben zu lassen. Das zerklüftete Ufer der Seenlandschaft, das ich gestern schon von begutachtet habe, hat aus der heutigen Perspektive den Nachteil, dass man nicht sieht, was einen hinter der nächsten Kurve erwartet. Immer wieder paddele ich in Sackgassen und muss umdrehen, um meinen Weg fortsetzen zu können. Es ist herrlich, den ganzen Tag Zeit und keine terminlichen Verpflichtungen zu haben, mich schränkt alleine das Tageslicht ein. Es ist nach den ganzen „Umwegen“ schwer abzuschätzen, wie lange ich zurück brauche.

Mein heutiger Einkauf - gleich gibt's Mittagessen. Und ja, Maracujas müssen so schrumpelig sein - besser noch schrumpeliger.

Mittlerweile ganz wichtiger Bestandteil meines Gepäcks: Plastikteller, Messer, Löffel, Gewürze - meine praktische Spork (Spoon + Fork in einem) ist irgendwie abhanden gekommen.

Mein Picknick an einem steilen Ufer, das aus ungewöhnlich kugelförmig getrockneten Lehmformationen besteht zieht sich in die Länge, ich genieße die Sonne, die nun nicht mehr wolkenverdeckt ist und verlebe den wahrscheinlich entspanntesten Nachmittag seit Wochen. Fernab von allem und jedem, mitten in meiner kleinen „schwedischen“ Seenplatte irgendwo in den kolumbianischen Anden. Zurück auf dem Wasser und noch weiter weg von Partybooten und Festivalleben erreiche ich irgendwann das Ende dieses Teils des Wasserlabyrinths und beschließe, dass noch ausreichend Zeit bis zum Sonnenuntergang ist und ich in Ruhe zurück paddeln kann. Diese Einschätzung muss ich jedoch kurze Zeit revidieren, oder eher gesagt finde ich einen anderen Grund, der mir die Rückkehr erschweren könnte. Je nach Position habe ich vollkommen verschiedene Ausschnitte des Himmels im Blick und erblicke plötzlich in einer Richtung eine ganze Reihe Cumolonimben am Horizont. Manchmal ist es ganz nützlich, schon mal ein bisschen was über Meteorologie gelernt zu haben und wenigstens ein herannahendes Gewitter zu erkennen. Es gibt nicht wirklich viele Stellen, an denen man vernünftig anlegen und sich in Sicherheit bringen kann, also kommt nun doch der Faktor Zeit ins Spiel. Für den Rückweg brauche ich schätzungsweise halb so lange wie für den Hinweg, allerdings mit der sicheren Aussicht auf Blasen an den Händen und ordentlichen Muskelkater in Armen und Schultern. Und dann wird es auf einmal ungemütlich. Allerdings liegt das nicht an dem heraufziehenden Unwetter sondern an den Touristenmassen, die sich auf den besagten Schiffen aller Arten dem Ufer nähern oder für eine letzte Fahrt vor Einbruch der Dunkelheit ablegen. Ich habe den Eindruck, ein großer Teil der Menschen ist einfach nur vollkommen betrunken – das würde zumindest zu den Bierverkaufsständen am Ufer passen. Obwohl ich mich versuche, relativ nah an der langgestreckten Halbinsel zu bewegen, werde ich links und rechts mit Minimalabstand überholt und auf alle Gefährte, die von vorne auf mich zukommen, scheine ich auch eine magische Anziehungskraft zu haben. Einige Passanten schreien mir zu, dass ich aufpassen soll, weil hinter ihrem Boot eine Welle komme (ach nee...), andere brüllen einfach nur „Gringa!“ (als Gringo wird hier angeblich mit Ausnahme der Japaner jeder ausländische Tourist benannt) und die meisten fotografieren oder filmen mich. Eine hellhäutige Blondine alleine auf einem Kayak – Riesenattraktion! Ich bin tierisch genervt, versuche mich so schnell wie möglich vorwärts zu bewegen und habe ganz schön mit den Wellen zu kämpfen. Meine Klamotten waren gerade so schön getrocknet (das ist bei den Temperaturen hier immer eine längere Aktion) und sind nun natürlich wieder klitschnass. Die Vorfreude auf eine heiße Dusche lässt mich langsam wieder runterkommen und ich bin mehr als erleichtert, als ich das Kayak schließlich an Land ziehe und es auch diesmal wieder zum Hostel zurückgetragen bekomme, da ich ja bestimmt vollkommen erschöpft sei. Sehr richtig, meine Arme schmerzen schon jetzt, an der rechten Hand bilden sich Blasen und ich freue mich schon auf den Muskelkater in den nächsten Tagen.
Nochmal ein Bild von oben, das ich am Vortag von dem Aussichtspunkt "La Piedra" aufgenommen habe (und ausnahmsweise nicht mit dem Handy...)

Es dauert noch einige Stunden, bis das Gewitter uns erreicht. Der Himmel ist schwarz, die Existenz der sonst so hellen Sterne und des Mondes könnte man anzweifeln und es schüttet wie aus Eimern. Blitze zucken hier und da auf, begleitet vom dumpfen Grölen des Donners. Ich finde es herrlich, drinnen im warmen zu sitzen, vollkommen erschöpft und glücklich, mich mal wieder richtig ausgepowert zu haben. Nach einem Bierchen mit meinen kanadischen Freunden kann ich nur ans eins denken: schlafen! Bis zum nächsten Morgen bin ich unentschlossen, entscheide mich dann aber doch, nicht länger zu bleiben und den Bus Richtung Salento zu nehmen. Ich würde am nächsten Tag sowieso zu erschöpft sein, um mit einem Mountainbike durch die Gegend zu gurken. Wie sich später herausstellt, war das aufgrund anhaltender Regenfälle die richtige Entscheidung.

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