Wenn ich nicht Segelflieger wär...

09:23 Einsame Insel.de 0 Comments

...wo käme dann mein Lebensantrieb her? - Rückblick zur DM in Stölln

Noch die Liedtexte der "Flugplatzkapelle" im Ohr bin ich mittlerweile wieder "zuhause" in Haan angekommen. Die Deutsche Segelflug Meisterschaft der Frauen in Stölln ist vorüber, die Sieger wurden geehrt, die Nationalmannschaft steht fest und ich schlafe endlich wieder in einem richtigen Bett, nachdem ich insgesamt drei Wochen im Zelt verbracht habe.

"So ein Segelflugwettbewerb - hast du eigentlich was davon?" wurde ich schon mal gefragt. Oh ja! Fliegen ist Lebensqualität! Meine gute Laune ist proportional zu den Stunden, die ich in der Luft verbringe! Na gut, Fliegen ist nicht alles, das sehe sogar ich ein, aber ich habe die letzten drei Wochen definitiv genossen - auch wenn ich "nur" vierzig Stunden in der Luft war.

FG und 701 beim Training in Landau in der Pfalz - Teamflug will geübt sein
Der Gollenberg in Stölln bei Berlin ist der "Hügel", an dem Otto Lilienthal seine Flugversuche durchgeführt hat - die ihn im Endeffekt sogar bei einem Sturz das Leben gekostet haben. Die vielen Geschichten um Stölln und "den ältesten Flugplatz der Welt" kenne ich seit einer kleinen Schnitzeljagd an einem Schlechtwettertag nun auch... Wer mal in der Gegend ist (2015 findet im Havelland auch die Bundesgartenschau statt, in die der Gollenberg einbezogen wird), kann sich ja mal umschauen.

Ende Juli ging es also los mit der deutschen Meisterschaft. Klingt alles wilder als es ist - streng genommen qualifiziert man sich über einen dezentralen Segelflugwettbewerb (das heißt es zählen die drei größten Flüge des Vorjahres) für die DM, aber bei den Frauen gibt es eher Probleme, die Teilnehmerplätze zu füllen, sodass im Grunde "jede" mitmachen darf. So lässt sich auch schnell vermuten, dass das fliegerische Niveau hier vielleicht nicht ganz so hoch ist, wie auf einer normalen nationalen Meisterschaft. Trotzdem - die Stöllner Sport- und Wettbewerbsleitung nahmen die Veranstaltung ernst und schrieben "sportliche Aufgaben" aus.


Aufgabe am zweiten Wertungstag. Quelle: www.strepla.de/scs
Neutralisiert! Teambesprechung in der Hängematte. Danke an Thomas für das Foto und an Aex für den Caipi!


Der eine oder andere sprach mich bereits auf das "schlechte Wetter" an, das ich eigentlich gar nicht so schlecht fand. Mein schon in Radevormwald endender Versuch, einen Teil der Anreise Richtung Osten mit dem Flugzeug zurückzulegen, wurde durch schnell entwickelnde Gewitterwolken gestört. Es folgten zwei durchwachsene, aber dennoch fliegbare Trainingstage, die Dagmar und ich gut nutzen konnten.
Drei Tage Regen, drei Tage fliegen, drei Tage Regen, ein Tag Fliegen, ein Tag Regen war die Bilanz der Wettbewerbstage - dafür konnten wir an drei der vier Wertungstage immerhin Racing Tasks von über 400 Kilometern fliegen. Die Aufgaben waren meist so groß, dass Daggi und ich relativ kurz nach der "Abflugöffnungszeit" losflogen, um ja nicht zu spät nach Hause zu kommen - soll heißen, wir rechneten immer damit, die volle Zeit zu benötigen, zu der wir überhaupt gute thermische Bedingungen haben würden. An drei von vier Wertungstagen war ich fast sieben einhalb Stunden in der Luft!
Über der Müritz

Wenn man nach der Hälfte der geflogenen Strecke auf die Uhr schaut und sich schon denkt: "Oh je, das wird knapp..." freut man sich umso mehr, wenn man um halb acht noch mit dem letzten Bart (thermischen Aufwind) und einem langen Endanflug heimkommt (das ist die Strecke, die man nach dem letzten Höhengewinn noch abgleitet). Als "relativ unerfahrener" Flieger (das war mein erster externer Wettbewerb) ist es immer ein gutes Gefühl "rumzukommen" und da kann man schon mal darüber schmunzeln, dass man die Aufgabe mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 65km/h geflogen ist, während die schnellste eine acht vorne stehen hat. In meiner Klasse (Clubklasse, das sind tendenziell ältere Flugzeuge, die keinen Wasserballast mitnehmen können/dürfen) nahmen 26 Pilotinnen teil und meine Tagesergebnisse waren Platz 15, 14, 13, 11 - sodass ich insgesamt auf dem 12. Platz landete. Mittelfeld. Vollkommen zufriedenstellend.

So sieht das aus, wenn man sich den Acker unmittelbar vor dem Flugplatz zur Landung aussucht, weil die Höhe einfach nicht reicht, um den Platz noch zu erreichen (8H mit Jana und FG im Anflug mit Dagmar)

Was vermutlich einen großen Anteil an dem aus meiner Sicht gelungenen Wettbewerb hat, war der gut funktionierende Teamflug. Im Funk war es nie still und ich musste bei jedem Flug auf die Zweitbatterie schalten, weil die erste "leergequatscht" war. Manch einer mag der Meinung sein, dass so viel Kommunikation eher behindert als hilft, aber im Endeffekt fliegen wir ja - bei allem Ehrgeiz - zu unserem Vergnügen. Und wenn es im Team mehr Spaß macht - dann fliegen wir Team! Ich liebe es, mich nach sieben Stunden mit schmerzenden Gliedern und vom Kreisen steifem Nacken aus der Libelle zu pellen, auf die zwanzig Meter weiter stehende FG zuzuhumpeln: "Boa, geil, wir sind rum! - Ich dachte schon, es reicht nicht mehr...!".

Fliegt man alleine, fragt man sich im Nachhinein oft, ob bestimmte Entscheidungen richtig gewesen sind, hat aber nie jemanden, mit dem man sich darüber austauschen kann und der genau weiß, von welcher Wolke man gerade spricht. Einfach mal einen Freudenschrei ausstoßen und dabei auf den Funkknopf drücken, wenn der erste 3,8 Meter-Bart des Tages Endorphine freisetzt! - Ich finde Teamflug super!

...ein lohnenswerter Wettbewerb? Oh ja! Die ganze Veranstaltung war in meinen Augen wunderbar organisiert, die Stöllner Segelflieger haben sich ganz schön für uns ins Zeug gelegt. An Schlechtwettertagen wurde für Alternativprogramm gesorgt (danke für die amüsante und lehrreiche Schnitzeljagd) und jedes Briefing wurde uns mit einer Livedarbietung der Songs der Flugplatzkapelle versüßt. "Wenn ich nicht Segeflieger wär... wo käme nur mein Lebensantrieb her? ..."
Ich versuche besser nicht, eine Schätzung anzustellen, wie oft die CD besagter Band schon in diversen Fahrzeugen rauf- und runtergespielt wurde.

Der Kleine kann leider nicht fliegen, aber scheint gerade aktive Streckenplanung auf meiner ICAO-Karte zu betreiben.
Als wären zwei Wochen am Flugplatz nicht genug, haben Dagmar und ich beschlossen, auch den "Abreisetag" zu nutzen und noch einmal gute dreihundert Kilometer westlich von Berlin zu fliegen. Nach einem abendlichen "Eingraben" bei Wittstock waren wir überglücklich, uns in einem schwachen Bart wieder "auszugraben" und schließlich doch noch Stölln aus eingener Kraft zu erreichen. Zwei Mädels allein in Stölln. Wir landeten auf einem vollkommen leeren Flugplatz, rüsteten zu zweit die beiden Libellen ab und machten uns auf den Weg nach Stendal - dank Umleitungen eine Autostunde entfernt von Stölln. Hier fand im direkten Anschluss ein Qualifikationswettbewerb für die Deutschen Meisterschaften statt (ja, genau, das ist so einer, wo "auch" die Männer mitfliegen dürfen und für den es ein "bisschen" schwieriger ist, sich zu qualifizieren). Wir Mädels verbrachten noch ein paar entspannte Tage am Flugplatz, die Jungs, die vorher als Helfer dabei waren, mussten fliegen (bzw. Auf- und Abrüsten üben).
So ein Wettbewerb als Helfer ist auch schön - und man stellt fest, dass die Segelflieger doch irgendwie alle vom gleichen Schlag sind und man überall die gleichen tollen, verrückten, bekloppten aber doch irgendwie liebenswerten Menschen kennenlernt.

Startbereitschaft!

Die Wettbewerbsleitung pflegt die internationalen Beziehungen (Lilian aus Venlo darf auch mifliegen, kann aber nicht deutsche Meisterin werden)
Ich bin gerade mal eine Woche zurück, habe mich um meine Fotoausstellung gekümmert (Bericht folgt), fange kommende Woche mit meinem neuen Job an - und was mache ich am Wochenende? Fliegen natürlich! Falls es das Wetter zulässt... jedenfalls habe ich schon so eine Sehnsucht nach den Hamburgern, dass ich morgen noch mal hochfahre!

Danke noch mal an die Stöllner, meinen grandiosen Rückholer Lennart (der fast arbeitslos war, wenn man mal nur das rückholen betrachtet), die Hamburger, die Kölner, Stuttgarter... und die anderen Verrückten Flieger, die diese Zeit unvergesslich gemacht haben. Ein toller Abschluss eines grandiosen Sabbatjahres!



































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