Flug über die mysteriösen Linien von Nazca
Wer keine Lust hat, zu fliegen, kann sich die Nazcalinien auch am Boden ansehen. Was für ein überflüssiger Satz im Reiseführer. Na gut, ich bin da vielleicht ein wenig speziell und nicht jeder ist so „fluggeil“ wie ich, aber mir war von Anfang an klar, dass ich mir dieses Erlebnis nicht entgehen lassen würde. Zwei Stunden südlich von Ica befindet sich der Ort Nazca, der für ein riesiges Areal bekannt ist, das von gigantischen Linien und Zeichnungen durchzogen ist. Trotz langer Forschungsepisoden weiß niemand so recht aus welchem Grund und zu welcher Zeit dieses heute zum Weltkulturerbe zählendes Kunstwerk entstanden ist. Theorien gibt es viele – einige mehr oder weniger und andere gar nicht auf wissenschaftlicher Basis begründet. Ob hier nun Außerirdische oder Menschen am Werk waren, ob letztere mit ersteren kommunizieren wollten oder ob es um etwas ganz anderes ging, muss ich gar nicht wissen, um über das gigantische Ausmaß der Zeichnungen zu staunen. Die einzige Perspektive, aus der man die verschiedenen zig bis über hundert Meter großen Symbole vernünftig wahrnehmen kann, ist die eines Vogels.
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| Los geht unser 35 minütiger Flug zu bester Thermikzeit. Ruhige Lzft wäre ja langweilig :) |
Nazca erreichen wir von Ica in gut zwei Stunden mit dem Bus und freuen uns schon während der Fahrt, dass der morgens noch einheitlich graue Himmel langsam Strukturen bildet und bald weiße Cumuluswolken auf blauem Hintergrund zu bewundern sind. Als wir uns in Nazca Stadt in einem kleinen Büro erkundigen, wird uns auf gutem Deutsch erklärt, dass wir in fünf Minuten zum Flughafen fahren könnten, wenn wir wollten. Es seien noch zwei Plätze frei in einer sechssitzigen Cessna. Unsere Reisepassdaten werden erfasst, wir werden gewogen und schließlich zum Flughafen gefahren, der nach der deutschen Maria Reich benannt ist, die ihr halbes Leben der Erkundung der Wüstenzeichnungen widmete. Unsere „Reisebegleiterin“ und Copilotin, schätzungsweise Mitte zwanzig, nimmt uns im Empfang, schleust uns durch den Sicherheitsbereich (Papa dachte wohl, er könne sein Taschenmesser ins Flugzeug schmuggeln) und erklärt uns, was auf uns zukommt. Ein groß gewachsener Italiener sitzt in meiner Reihe, während mein Vater neben einem schmächtigen jungen Japaner auf der Rückbank Platz nimmt – so sei das Gewicht am besten ausgewogen. Es ist eindeutig, dass mein Banknachbar noch nicht so richtig von dem Vorhaben überzeugt ist. Er erkundigt sich nach der Kotztüte und berichtet mir in einer Mischung aus Spanisch und Italienisch, dass er Angst hat. Unser Pilot ist eher Anfang zwanzig (hier würde wahrscheinlich die halbe Jugendgruppe aus dem Luftsportclub Leverkusen einen Job bekommen), überlässt das Reden aber seiner Copilotin, deren Spanisch und Englisch durch die Kopfhörer kaum zu entziffern ist. Der Flug würde etwa 35 Minuten dauern, wir fliegen in etwa 2200 Fuß über die auf der Karte gezeigten Bilder und der Pilot würde die Bilder alle einmal von links und einmal von rechts anfliegen. An der Flügelspitze seien dann die einzelnen Zeichnungen zu erkennen. Wer jetzt den Eindruck bekommt, dass das nach einem sehr kurvenreichen Flug klingt, hat vollkommen Recht. Dazu kommt, dass es ein Uhr mittags ist – beste Thermikzeit. Die Wolken versprechen eine turbulente Reise – ich scheine aber die einzige zu sein, die sich auf den Flug selber freut. Ich möchte nicht wissen, wie oft hier die kleinen Plastiktüten, die in der Rückenlehne der Sitze stecken, zum Einsatz kommen.
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| Maria Reich Airport, Nazca, Peru |
Vertrauen erweckend ist schon der schlechte Asphalt der Rollbahn, aber ich gehe einfach mal davon aus, dass es auch in Peru relativ geregelte Richtlinien für den Luftverkehr gibt.
Wir versprochen klappern wir nacheinander ein gutes Dutzend der unzähligen Wüstenbilder ab. Erst als wir nach dem ersten Symbol, dem Wal, Ausschau halten sollen, wird klar, wie klein die Bilder aus dieser Höhe doch sind und wie schwierig zu erkennen. Das größte Problem ist die Vielzahl der Linien: schnurgerade, helle, breite Linien – teilweise scheinbar wahllos, teilweise mit System, rechtwinklig angeordnet, wellenförmige Linien, die wahrscheinlich nur ein ausgetrocknetes Flussbett darstellen und dann irgendwo dazwischen kreative Darstellungen von verschiedenen Tieren. Den Wal habe ich entdeckt, aber wo ist der Astronaut? An der schrägen rötlichen Wand eines Hügels entdecke ich ein Männchen – ich würde es vielleicht einfach „Weckmann“ nennen – mit großen Augen und einem langen Körper. Affe, Kolibri, Kondor... eine Hand, eine Spinne... Es gibt viel zu sehen aber die Zeit ist knapp und ich entdecke die Figuren Häufig erst im letzten Moment, bevor die Maschine wieder abdreht um die Richtung zu wechseln. Wer gleichzeitig noch Probleme mit dem Magen hat und sich darauf konzentrieren muss, wo er hinsieht, damit ihm nicht schlecht wird, verpasst die Hälfte. Das einzige, was mir an diesem Flug nicht gefällt ist, dass ich nicht in einem Segelflugzeug sitze und dass das Ganze viel zu schnell wieder vorbei ist.
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| Der Wal... ein wenig schwer zu erkennen! |
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| Mit am besten zu erkennen ist der Kolibri auf einem Plateau. |
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| Erklärungen unserer Copilotin, die kaum zu verstehen sind. |
Papa scheint etwas enttäuscht, weil er nicht alles gesehen hat und ist, genau wie der Italiener, froh wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.
Das Erlebnis ist genau so schnell vorbei, wie es begonnen hat. Wir haben noch nicht zu Mittag gegessen und unser Bus nach Arequipa fährt erst um elf Uhr heute Abend. Da Nazca generell und an einem Sonntag wie heute im Speziellen nicht viel zu bieten oder zu tun hat, suchen wir uns ein an ein Hotel angeschlossenes Restaurant, in dem wir essen, im Pool schwimmen, in der Hängematte liegen und dösen können. Ich glaube das war mein faulster Tag seit langem, aber es ist ja auch Papas Urlaub und dazu noch Sonntag. Es fällt mir fast schwer, einen Tag so inaktiv zu verbringen ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Mit ein bisschen Spanisch lernen am Abend geht es mir diesbezüglich schon viel besser.
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| Für die einen schade, für die anderen Erleichterung: wieder zurück am Boden! |
Unser Bus fährt gut zehn Stunden durch die Wüste an der Pazifikküste Südperus entlang. Die Klimaanlage ist nicht zu kalt eingestellt, es laufen zumindest in der Nacht keine viel zu lauten Actionfilme und es gibt keine betrunkenen Peruaner an Board, die uns das Leben schwer machen. Schlafen kann ich zwar trotzdem nicht, aber fühle mich trotzdem halbwegs erholt, als wir den Busbahnhof von Arequipa erreichen.
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