Santa Marta: Endlich mal wieder ein paar Tage an einem Ort

12:11 Einsame Insel.de 1 Comments

Zweiter Weihnachtstag. Ist das eigentlich eine deutsche Erfindung? In Kolumbien geht das Leben jedenfalls seinen gewohnten Gang und ich habe nicht das Gefühl, dass hier heute irgendetwas anders ist als an jedem gewöhnlichen Werktag. Die Straßen sind wieder voll mit Menschen, Verkaufsständen und Taxen. Ich gehe den Tag vollkommen entspannt habe, weil ich zugegebener Maßen keinen großen Plan habe. Wenn ich die letzten Wochen Revue passieren lasse, war mein letzter längerer Aufenthalt – mal abgesehen von drei Nächten in Folge in León in Nicaragua – wohl der Homestay in San Pedro, Guatemala. Mein Sprachaufenthalt am Atitlansee scheint schon so weit weg, die Hälfte der unregelmäßigen Verbformen ist vergessen und ich sehne mich mal wieder nach einer Bleibe für mehr als eine Nacht. Einige Reisende haben mir berichtet, dass sie Santa Marta im Nordosten an der Küste nicht für sehenswert halten, sich auf den Straßen dort sogar unwohl gefühlt haben. Gleichzeitig ist Santa Marta Ausgangspunkt für den nahegelegenen Nationalpark Tayrona und einen fünftägigen Trek zur „verlorenen Stadt“. Auf der fünfstündigen Busfahrt sehe ich zum ersten Mal etwas vom Land – außerhalb der fein gesäuberten und bewachten touristischen Altstadt von Cartagena.

Einen Vorteil hat die ganze Aktion ja: So komme ich mal dazu, ins Innere meines hochkomplexen Weitwinkelobjektives zu schauen.
 Wir passieren einige „Wohnsiedlungen“, die ich irgendwie nicht richtig einzuordnen weiß: Sie haben etwas von Slums, gleichzeitig machen die Anlagen insgesamt aber einen sehr strukturierten Eindruck. Einstöckige gemauerte Häuser mit schätzungsweise maximal dreißig Quadratmetern Grundfläche sind eng aneinandergereiht und alle identisch ausgeführt: graue, unverputzte Ziegel und ein einfaches schwach geneigtes Satteldach, kaum Fenster. Gemeinsam haben die Häuser vor allen Dingen eins: sie schwimmen im Müll. Es wirkt, als seien die einzelnen Häuserreihen Schiffe auf einem Meer aus Abfall. Hier und da scheint ein wenig Wasseroberfläche durch, in der die Mittagssonne reflektiert wird. In einer größeren Pfütze spielt ein kleiner Junge. Wir passieren einige solcher „Siedlungen“, von denen ich bei manchen nur die Vorderseite sehen: die der Straße zugewandten Fronten sind in verschiedenen Farben gestrichen, die Häuser machen einen durchaus einladenden Eindruck. Ich vermute, dass man hier auf der Rückseite das gleiche Plastikflaschen,- Tüten und Restmüllgemisch finden würde.
In der 400.000 Einwohner-Stadt Santa Marta selbst liegt glücklicherweise weniger Müll herum. Zwar mehr als in der Vorzeigestadt Cartagena, aber nach Erzählungen einer Reisenden hatte ich schlimmeres erwartet. Es ist wahnsinnig laut, Musik in Diskolautstärke dröhnt aus den Läden und jedes motorisierte Fahrzeug hupt schätzungsweise einmal die Minute. Das Wort „Hupkonzert“ bekommt hier eine ganz neue Bedeutung. Vielleicht könnte ein kreativer Musiker Soundaufnahmen aus den Straßen Santa Martas als Untermalung für einen Song verwenden – längere Pausen ohne Hupen gibt es jedenfalls nicht.

Masaya Hostal in Santa Marta, Kolumbien
In den ersten Tagen hier kann ich mir nicht so richtig vorstellen, hier länger als eine Nacht zu bleiben. Als sich jedoch eine potentiell Reparaturmöglichkeit für mein kaputtes Objektiv ergibt, ändere ich meine (sowieso wenig durchdachten) Pläne. Ich wechsele das Hostel nach der ersten Nacht, da ich lieber ein Zimmer bzw. Bett hätte, das nicht fünf Meter von der hauseigenen Bar entfernt ist. In der Regel lohnt sich ein Wechsel der Unterkunft für mich nicht, da das den Aufwand des erneuten Packens des Rucksacks nicht wert ist. Als ich im Masaya Hostal einchecke, bin ich heilfroh über meine Entscheidung: Es gibt ein Atrium mit Pool, alles ist sehr modern, weiß gestrichen und in erstaunlich gutem Zustand. Mein Bett ist ringsherum mit Vorhängen abgetrennt, ich habe eine eigene Leselampe, einen kleinen Ventilator und zwei Steckdosen am Kopfende – Luxus! Das Sechsbettzimmer hat ein eigenes Bad mit Design-Armaturen und Glasduschabtrennung. Ein paar rote und orangene Akzente – ein richtig durchdachtes Konzept! Freiluftküche und ein zweiter Pool auf dem Dach machend das Ambiente perfekt. Endlich mal ein Hostel, das eher zum Entspannen als zum Feiern ausgelegt ist – genau das, was ich jetzt brauche.

Viel Zeit zum Kochen in der luftigen Küche auf dem Dach des Hostels
Meine Objektivreparatur sieht zunächst wenig erfolgversprechend aus: Mit Radiergummi und Zahnbürste werden die Kontakte außen gereinigt, dann wird das Komplexe Gerät vor meinen Augen aufgeschraubt. Einer der Kontakte ist unterhalb der Plastikabdeckung korrodiert, der Reparateur reinigt ihn und alles drumherum (u.a. mit Zahnbürste und Radiergummi), schraubt das Ganze wieder zu. Große Erwartung – große Enttäuschung: Die Kamera erkennt die eingestellte Blende für eine Sekunde und zeigt dann wieder „Error01“ an. Na toll. Ich solle heute Nachmittag wiederkommen, sagt man mir. Nachmittags keine neue Entwicklung. Man müsse das Objektiv komplett auseinandernehmen, evtl. Teile bestellen, ich solle in drei Tagen wiederkommen. Gut, das ist es mir wert. Das Ende vom Lied: als ich Montag den Laden betrete und meinen Abholschein aus der Tasche hole, muss erst einmal der Chef abgeholt werden, was denn jetzt mit dem Objektiv sei. Man teilt mir mit, er hätte es nicht reparieren können und den Fehler nicht gefunden. Ich brauche auch nichts bezahlen. Alleine beim ersten Versuch wurde schon mindestens eine halbe Stunde investiert – unbezahlte Arbeitszeit? Ich habe die ganze Zeit versucht, meine Erwartungen an den Reparaturversuch nicht zu hoch anzusetzen um nicht noch einmal enttäuscht zu werden. Als ich das Objektiv auf den Kamerabody setze könnte ich Luftsprünge machen, als die kleine Zahl „F 3,5“ im Display aufblinkt. Kleiner Test, auch der Autofokus klappt wieder! Yippie! Ich muss den Mitarbeiter schon fast zwingen, das Geld zu behalten, das ich zahlen möchte. Erst als ich sage „un regalo“ (ein Geschenk), nimmt er den Schein.
Auch meinen mp3-Player bekomme ich wieder zum laufen. Am Straßenrand stehen unzählige Männer mit winzigen Ständen, diversen Handyteilen und Lötkolben. Ich lasse einen von ihnen meinen Player aufschrauben, der Akku ist kaputt und nicht austauschbar. Auch dieser Elektriker möchte kein Geld haben, da er glaubt, mir nicht helfen zu können. Mit einem externen Battery-Pack über USB läuft das Gerät nun wieder einwandfrei. Eine Straße weiter lasse ich noch ein Kleid ändern und habe so insgesamt für weniger als dreißig Euro mein Gepäck wieder komplettiert und in Schuss gebracht – dafür hätte ich in Deutschland wahrscheinlich den Kostenvoranschlag für die Objektivreparatur bekommen.

Eis essen am zweiten Weihnachtstag: Es schmilzt in Sekunden vor sich hin und kommt natürlich lange nicht ans Haaner Eis ran...
Es ist schön, ein paar Tage mit Lesen, Schreiben (ich arbeite u.a. meinen Blog auf über die Zeit in Asien 2011) und Spanisch lernen zu verbringen. Nach einem Tagesausflug in den Tayrona Nationalpark hat man mein Dorm-Bett geräumt, es habe eine Doppelbuchung gegeben. Und das Hostel ansonsten ausgebucht ist für diese Nacht, darf ich jetzt zum gleichen Preis in ein Doppelzimmer ziehen. Aircondition mit eigener Steuerungsmöglichkeit, Fernseher, eigenes Bad, große Handtücher, eine Nachttischlampe – so viel Komfort hatte ich in den letzten drei Monaten noch nirgendwo! Zeit zum ausruhen, bevor es morgen mit einer vierzehn-stündigen Busfahrt nach Medellin geht.
In Santa Marta habe ich nicht viel gesehen – eben nur das ganz normale Leben in der Stadt – kein Museum, keine besonderen Bauwerke, keinen Strand. Und es hat richtig gut getan und war irgendwie an der Zeit für so einen längere „Atempause“.

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1 Kommentar:

  1. Na, da hast du ja eine Menge Glück gehabt in den letzten Tagen. So soll das auch 2014 bleiben, das wünschen wir dir von ganzem Herzen.
    Mutti, Dirk und deine jüngeren Geschwister

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