Wenn da nicht die Schrumpfköpfe wären...
Auf 2850 Metern Höhe über dem Meeresspiegel in einem Becken in den Anden liegt Quito. Die Zweimillioneneinwohnerstadt ist somit die höchste Hauptstadt der Welt. Bisher dachte ich immer, diesen Rekord hielte La Paz, ich habe aber gerade herausgefunden, dass diese Stadt nur Regierungssitz und nicht Hauptstadt von Bolivien ist (die Hauptstadt Sucre liegt auf gut 2800m).
Ich habe keine allzu großen Erwartungen an die Stadt, da alle Reisenden, die mir in den letzten Tagen im Süden Kolumbiens von Ecuador berichteten, wenig begeistert waren. Es hat wohl relativ viel geregnet und Quito sei zwar ganz nett, aber auch nichts besonderes. Ich verbringe keine zwei Stunden im Bus, bevor ich Montagsmittags die Stadt erreiche. Die Straße von der nördlichen Landesgrenze führt vorbei an saftig grünen Hängen, der Himmel ist blau und leicht bewölkt und ich meine Vorfreude auf die neue Stadt steigt – berechtigter Weise.
Das öffentliche Verkehrssystem in Quito ist gut ausgebaut und macht es mir leicht, mich in dem langgestreckten Tal fortzubewegen. Ich erreiche das Hostel am Rande der südlichen Altstadt und fühle mich sofort pudelwohl. Nach dem einchecken, einer Tasse Tee und einer kurzen Unterhaltung mit einem der Jungs, die hier für eine Weile arbeiten und Spanisch lernen, mache ich mich sofort auf den Weg in die Altstadt, da ich einen Bärenhunger habe. Ecuador hat insgesamt ein ganz anderes Preisniveau als Kolumbien, das habe ich schon in der letzten Stadt und an den Buspreisen gemerkt. Jetzt wird mir aber nochmal klar, wie drastisch hier teilweise die Unterschiede zwischen den Ländern sind. In einem kleinen lokalen Restaurant entscheide ich mich für eins der Tagesgerichte. Vorweg gibt es eine Suppe mit Graupen, Gemüse, Rindfleisch und Kartoffeln. Schon halb gesättigt bekomme ich einen Teller vor die Nase gestellt, auf dem mich Reis, eine Art Linseneintopf, gebratene Banane und Hähnchen anlächeln. Dazu ein Glas Saft und das ganze kostet mich – na, was darf es kosten? - zwei Dollar. Ich kann mir kaum vorstellen, dass ich für den Preis selber kochen könnte, zumindest nicht für eine Person. Es schmeckt vorzüglich und ich bin gestärkt für eine erste Runde durch die Stadt.
Ohne wirklich zu wissen, woran es liegt und was mich eigentlich so fasziniert, verliebe ich mich auf Anhieb in diese Stadt. Klar, ich kenne nur eine handvoll Straßen und bin gerade erst angekommen, aber irgendwie mag ich's. Irgendwie gefällt es mir richtig gut. Vielleicht verhält sich das mit Städten ja genau wie mit Menschen: der erste Eindruck zählt und man weiß relativ schnell, wie man zu einer Person oder zu einer Sache steht. Bisher habe ich immer Edinburgh als meine Lieblingsstadt bezeichnet, dieser hohe Rang wird der schottischen Stadt gerade strittig gemacht.
Die Wolkendecke über Quito verdichtet sich und als die ersten Regentropfen fallen, flüchte ich mich in ein uriges Café, bestelle eine heiße Schokolade und vertiefe mich in meine aktuelle Lektüre. Ja, ich glaube, hier könnte es mir eine Weile gefallen. Noch mal Spanischunterricht, ein bisschen länger an einem Ort wohnen, die Stadt und ihre Kultur kennenlernen – das würde mir jetzt gefallen. Aber leider ist nun der Zeitpunkt gekommen, zu dem ich das erste mal „einen Plan“ habe, der sich nicht mal eben ändern lässt. Übermorgen werde ich nach Lima fliegen, um die nächsten Wochen Südperu mit meinem Vater zu bereisen. Nachdem sein Ankunftsdatum irgendwann feststand, habe auch ich einen Flug gebucht und damals beschlossen, den Norden Perus vorerst auf meiner Route auszulassen, da das Land eine Nord-Süd-Ausdehnung von mehreren tausend Kilometern hat. Dass ich einen knappen Monat in Kolumbien verbringe und somit nun auch Ecuador weitestgehend auslassen muss, hatte ich im Vorfeld nicht gedacht.
Während ich also vor meinem Kakao sitze, denke ich auch darüber nach, dass ich Ecuador doch gerne besser kennenlernen würde. Dieser Gedanke zieht allerdings einen ganzen Rattenschwanz voll weiterer Schlussfolgerungen nach sich. Zum einen ist es natürlich mehr als nur ein kleiner Umweg, von Lima aus wieder nach Norden zu fahren um dann später die Reise gen Süden fortzusetzen und zum anderen ist die insgesamt angesetzte Reisezeit so oder so schon kurz für mein Vorhaben. Rückflug umbuchen? Länger bleiben? Ich habe jedenfalls wenig freien Kopf für mein Buch übrig und grübele vor mich hin. Aber die Entscheidung muss ich ja nicht heute treffen.
Zurück im „Community Hostel“ ist die Atmosphäre großartig, was nicht zuletzt an dem großen Holztisch im Gemeinschaftsbereich liegt, an dem abends je nach Laune Spanisch gelernt, am Laptop gearbeitet, gequatscht, gegessen und getrunken wird. Ich erkenne ein Pärchen aus Holland wieder – den beiden hatte ich in Santa Marta Gewürze zum Kochen gegeben, seitdem haben wir uns nicht mehr gesehen. Kein Wunder, die beiden haben gerade eine Woche Galapagos-Inseln hinter sich, so konnten wir uns natürlich nicht mehr über den Weg laufen. Mit Nico – schon wieder einem Oldenburger, hier muss irgendwo ein Nest sein – verabrede ich mich für morgen zum Besuch des Äquators.
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| Halb auf der Südhabkugel, halb auf der Nordhalbkugel... |
Das Bussystem einer Großstadt kann noch so gut sein – wenn man die falschen Informationen bekommt, kann man sich ganz schön lange damit aufhalten, in die falsche Richtung zu fahren, mehrfach unnötiger Weise den Bus zu wechseln und sich sogar abschnittsweise zu laufen, obwohl die Gesamtfahrstrecke über 20 Kilometer lang ist. Nico und ich nehmen es zum Glück entspannt und unterhalten uns richtig gut. Interessante Menschen und interessante Geschichten sind immer wieder schön. Und über manches kann man sich eben doch am besten in seiner Muttersprache unterhalten. Nico hat gerade ein Auslandssemester in den USA gemacht, die Liebe seines Lebens getroffen und ich eigentlich nur hier, um sein Visum für Amerika zu verlängern. Aber ein bisschen durch Ecuador reisen möchte er in den nächsten zwei Wochen auch.
Schließlich erreichen wir unser erstes Ziel am „Mitad del mundo“: den „alten“ Äquator, eine vollkommen unspektakuläre gelbe Linie und ein gigantisches Monument, das Ganze umgeben von einer Reihe Souvenirshops. Nach den obligatorischen Fotos machen wir uns mit kurzem Zwischenstopp bei einer Fastfoodkette auf den Weg zum „echten“ Äquator und dem „Museode Sitio Intiñan“. Die bereits erwähnte gelbe Äquatorlinie wurde bereits in den Dreißigerjahren bestimmt, der tatsächliche Äquator liegt allerdings nach aktuellen GPS-Berechnungen 240 Meter weiter nördlich. Näher, allerdings wohl auch nicht genau an der richtigen Position schauen wir uns eine weitere im Fußboden eingelassene Linie an. Wir bekommen eine englischsprachige Führerin zugewiesen, die uns durch das kleine Museum führt und uns einige pseudo-physikalische Experimente zeigt, die sich angeblich nur hier durchführen lassen. So fließt Wasser in einem Abfluss am Äquator angeblich gerade nach unten ab, auf der Nordhalbkugel im und auf der Südhalbkugel entgegen dem Uhrzeigersinn in einem Strudel. Coriolis hin oder her, selbst wenn wir uns tatsächlich im Äquator befänden, würde eine Distanz von zwei Metern wohl kaum ausreichen, um den Effekt wahrzunehmen. Wie genau hier welche „Tricks“ funktionieren, wissen wir zwar nicht, aber wir spiele die Spielchen alle mit.
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| Wer mir jetzt anhand der Schatten sagen kann, zu welcher Uhrzeit ich die Bilder aufgenommen habe, bekommt ein Eis ausgegeben :) |
Nico und ich lassen ein rohes Ei auf einem Nagelkopf balancieren und bekommen dafür sogar ein Zertifikat – mit Stempel und Unterschrift – das wird nun als „besondere Fähigkeit“ in unseren Lebenslauf für die nächste Bewerbung aufnehmen werden. Tatsächlich spannend sind allerdings die Informationen, die wir über einheimische Völker Ecuadors bekommen. Wir wissen jetzt wie man einen Schrumpfkopf herstellt (Opfer köpfen, Schädel aus dem Kopf herausnehmen und das übrige Gewebe-Haut-Material eine gute halbe Stunde einkochen). So ein Schrumpfkopf hat dann hinterher wohl die Größe der Faust des Menschen und kann wunderbar als Trophäe in Form einer Kette um den Hals getragen werden. Auch wenn wir den Vorgang relativ detailliert erklärt bekommen, bekommen wir über dieses neu erlernte Wissen keinen schriftlichen Nachweis. Schade, wer weiß, wozu das Herstellen von Schrumpfköpfen mal gut ist (tut mir leid, ich habe gerade meine zynischen fünf Minuten).
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| Dieses Foto beweist nicht, dass ich das Ei zum stehen gebracht habe, aber dafür habe ich ja das wunderbare Zertifikat. Oder liegt das etwa im Papierkorb im Hostel in Quito...? *hust* |
Schön ist auch die Vorstellung, dass – angeblich noch vor einigen Jahrhunderten – Männer bei ihrem Tod ihren gesamten Besitz mit ins Grab genommen haben. Ja, den gesamten Besitz, und dazu gehörte auch die Frau. Wenn die noch quicklebendig war, musste sie eben auch sterben. Das tat sie natürlich gerne, so erzählt man uns. Der Tod wurde ihr leicht gemacht, indem sie durch das Extrakt einer Kaktuspflanze betäubt wurde, bevor sie lebendig begraben wurde. Wunderbar...
Das war ja schon mal eine spannende Einführung in die lokale Kultur. Ich hoffe, dass diese Praktiken heute nicht mehr durchgeführt werden, aber das mit den menschlichen Jagdtrophäen scheint noch nicht der Vergangenheit anzugehören. Ganz ehrlich? Das finde ich ja schon ein bisschen gruselig...
Auf dem Rückweg nehmen wir übrigens nur den einen Bus, der den Großteil der Strecke in die Innenstadt zurücklegt und laufen die letzten Kilometer. So lernen wir auch die Neustadt ein wenig kennen und sind müde genug, um uns nicht mehr mit Aktivitäten für de Abend beschäftigen zu müssen und zumindest ich für meinen Teil falle mal verhältnismäßig früh ins Bett.






Hallo Sylvia, ich schätze Du hast Deine Füße am Äquator um ca. 11:30 bis 12:00 Uhr fotografiert. Auf dem Bild ist rechts der Süden, da die Schatten nach links fallen (fast 90 Grad zur Äquatorlinie) und in Quito die Sonne derzeit immer aus einer südlichen Richtung scheint. Sonnenaufgang aus ca. 110 Grad, Sonnenuntergang aus ca. 250 Grad. Übrigens der Sonneneinstrahlwinkel war auf dem Bild ca. 70 Grad.. Krieg ich ein Eis? *gg*
AntwortenLöschenIch bin beeindruckt. Liegst zwar nicht ganz richtig: 12:47 ist das erste Foto entstanden und gute zwei Stunden später das zweite. Aber da du die Geometrie meiner Füße nicht so genau kennst, ist das schon eine sehr gute Annäherung. Ich würde sagen, für ein großes Hörnchen reicht es. :-D (natürlich nur einzulösen in der besten Eisdiele der Welt).
LöschenIn der Tat habe ich nur das linke Bild versucht zu bestimmten. Beim rechten Bild kann ich keine Schattenlinie so erkennen, das ich einen Winkel eindeutig bestimmen kann. Beim linken Bild hilft der kleine schwarze Zipfel :-) Die beste Eisdiele der Welt ist in San Gimignano, Toskana. *g*
LöschenJa, hast schon recht, San Gimignano ist auch nicht schlecht. Die Eisdiele würde ich sogar noch wiederfinden. Aber der Eistreff Haan kommt eben doch sehr nahe ran :)
LöschenJa dann wird es der Eistreff Haan. :-)
LöschenDas ist ein toller Eintrag :)
AntwortenLöschenZieht mich aus dem Schnee (stell dir vor, hier bleibt gerade das erste Mal diesen Winter ein bisschen von der weißen "Pracht" liegen) in eine andere Welt.
Die alten Ägypter hatten es übrigens auch drauf, ihre Frauen mit ins Grab - sprich Pyramide oder ähnliches - zu nehmen. Diener mussten auch mit, damit der hohe Herr auch im Jenseits bedient wurde :D
Genieß deinen Trip weiter, ich lese und reise in Gedanken mit :)
Das freut mich, liebe Sarah. Und vielen Dank auch für das Raussuchen des Vogelnamens, habe ich schon unter dem entsprechenden Bild ergänzt. Wir müssen glaube ich noch mal zusammen einen Kurztrip machen, das gibt dann eine sehr lange und detaillierte Geschichte (oder wir ergänzen mal den Eintrag über England)...
LöschenAuf jeden Fall! Ich bin dabei - lange Geschichte eines Kurztrips klingt gut :) Welche Ryanair-Destinationsländer kennst du noch nicht?
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