Leben ohne Zeitdruck

16:47 Einsame Insel.de 2 Comments

Ich denke oft darüber nach, wie sich hier mein Gefühl für Zeit und mein Verhältnis zu selbiger ändert. Da gibt es diese Tage, an denen ich mir den Wecker auf 6:45 stelle, um dann um 6:44 aufzustehen und genau rechtzeitig am an der Steckdose hängenden Telefon zu sein, sodass ich es vor dem Läuten ausstellen kann. Da gibt es diese Tage, an denen ich nur wenige Stunden schlafe, am nächsten Morgen trotzdem früh aufstehe und mich wie neu geboren fühle. Es gibt Tage, an denen ich trotz ausgewogener Ernährung, wenig vorangegangenen körperlichen Aktivitäten und viel Schlaf vollkommen fertig bin und mich nach Erholung sehne. Ich bekomme, denke ich, schon ganz gut mit, wenn mein Körper ein wenig überlastet ist und ich einfach „verarbeiten“ muss. Es ist erstaunlich, wie sich eine mentale Belastung – und sei es nur ein Überfluss von Eindrücken – auf die physische Verfassung niederschlagen kann.

Es ist schön, morgens einen Blick aus dem Fenster zu werfen und zu entscheiden: heute packe ich nicht den Rucksack, fahre nicht mit dem Bus weiter sondern genieße einfach mal den Ort, in dem ich mich gerade befinde - auch ohne mir viel für den Tag vorzunehmen (Foto: Popayan, Kolumbien)
Manchmal sitze ich viele Stunden im Bus, nutze die Zeit zum lesen, seltener zum schreiben, meist einfach nur zum nachdenken, zum Kopf freibekommen. Diese Stunden vergehen dann oft wie im Fluge und wenn ich mich über Distanz zum nächsten Ort auf meiner Route erkundige, wundere ich mich immer wieder über mein Zeitempfinden. Nur fünf Stunden? Das ist ja ein Katzensprung – wenn ich früh losfahre, kann ich ja noch den kompletten Tag nutzen! Und dann kommen mir meine guten Freunde in Münster, oder in Koblenz oder in Aachen in den Sinn, die ich mit der Ausrede der großen Distanz nur alle Jubeljahre besuchte Das sind ja schließlich neunzig Minuten im Auto – für eine Strecke! Vollkommener Blödsinn, wenn ich bedenke, was ich hier auf mich nehme. Und das für teilweise viel unbedeutendere Aktionen als den Besuch von guten Freunden. Auf meiner Reise würde ich jederzeit und für alles Mögliche ein oder zwei Stunden Fahrtzeit auf mich nehmen. Wenn ich da an meinen 16 stündigen Nachtbus denke, wird der Vergleich noch lächerlicher.
Klar, dass mein Bedürfnis groß ist, diese konträre Wahrnehmung genauer zu überdenken und mir vorzunehmen, mein Verhalten zu ändern, wenn ich zurück in Deutschland, zurück im Alltag und im Arbeitsleben bin. Stress, Zeitdruck, Abhängigkeiten – das sind im Moment weitestgehend Fremdwörter für mich. Manchmal denke ich, dass ich diesen zeitlosen Auslandsaufenthalt brauche, um dieses eingebrannte Gefühl, immer unter Zeitdruck zu sein, loszuwerden. Ein zweiwöchiger Urlaub würde mich lange nicht in die tiefenentspannte Lage bringen, der ich mich gerade nähere.
In Mittelamerika ist es in vielen Ländern ausgesprochen unüblich, eine Uhr zu tragen. Und man braucht sie auch nicht. Und bei uns? Das wäre eigentlich mal ein schönes Projekt: ein Tag ohne Uhr – oder gar eine Woche? Eigentlich ist so eine „Übung ohne Instrumente“ ja durchaus sinnvoll, die innere Uhr kann dadurch ja eigentlich nur geschult werden.


Ohne Zeitdruck und ohne besonders durchdachte Pläne für die nächsten Tage mache ich mich von Salento über Armenia mit dem Bus auf den Weg nach Cali, in die Hauptstadt des Salsa. Ich war mir im Vorfeld nicht ganz sicher, ob ich hier Zeit verbringen wollte, aber da die Busfahrten oft auch mal etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen als erwartet und ich derzeit keine Lust auf Nachtfahrten habe, ist ein Zwischenstopp hier sinnvoll. Ich komme nachmittags an und lerne Anna aus Inverness in Schottland kennen. Dort war ich selber vor ein paar Jahren schon mal mit dem Mountainbike unterwegs und weiß, wie traumhaft die Landschaft im Norden Schottlands ist. Anna ist 33 und gehört somit definitiv zu den älteren Reisenden, die sich in unserem Hostel in Cali aufhalten. Wir erkunden zusammen die nähere Umgebung und stellen schnell fest, dass das Salsa-Tanzen und feiern nicht nur die Hauptattraktion ist, sondern aus unserer Sicht gerade auch die einzige. Wir essen ein Stück vorzügliche Pizza in einem kleinen Straßenlokal, trinken einen Maracuyasaft und bahnen uns durch die mit kleinen Ständen vollgepackten Straßen unseren Weg zurück zum Hostel. Eine Flasche chilenischen Merlot haben wir im großen Supermarkt erstanden, in dem wir ausnahmsweise mal nicht länger als fünf Minuten an der Kasse standen. Und ich habe mal wieder Mangosteen bekommen, meine Lieblingsfrucht (unter den Exoten). Ein guter Start in den Abend! Wir unterhalten uns gut und beschließen gleich von Anfang an, dass wir über das schon erwähnte übliche „Wo kommst du her, wo gehst du hin?“ hinweggehen oder das Reisethema zumindest schnell abschließen. Anna nimmt sich drei Monate Zeit für Peru und Kolumbien, sie hat schon einige Wochen Spanischunterricht und Freiwilligenarbeit mit Kindern in Cusco hinter sich. Zuhause ist sie im Sozialwesen beschäftigt und konnte sich unbezahlten Urlaub nehmen. Ich bin immer erstaunt, in wie vielen Bereichen so etwas funktioniert, wobei Anna auch dazu sagt, dass sie in der Stelle nun fünf Jahre gearbeitet habe und so eine lange Tour ja auch so schnell nicht noch mal unternehmen würde. Umso sinnvoller finde ich es, dass sie so entspannt reist und sich keinen Stress macht. Ecuador lässt sie aus, das würde ihr sonst zu knapp. Ich habe nun auch fast einen Monat in Kolumbien gereist und bin froh, dass ich mich hier nicht in der Hälfte der Zeit durch gequält habe. Wenn man jede zweite Nacht im Bus statt im Bett verbringt macht das glaube ich auch ganz schnell keinen Spaß mehr.

Mädelszimmer... Mehr muss ich dazu gar nicht sagen...

Wir genießen unseren Wein am Hostelpool (in dem wir natürlich nicht schwimmen, wie das meistens ist, wenn es einen Pool gibt) und sammeln Informationen von anderen Gästen, welche Salsabars empfehlenswert sind. Alle Mädels aus unserem Achtbettzimmer wollen gemeinsam losziehen, wir bemerken aber recht schnell, dass das wahrscheinlich eher schwierig werden würde. Schon beim ersten Betreten des Zimmers hatte ich mich gefragt, wie man mit Highheels, Haarglättungseisen, endlos viel Schmuck und Klamotten und zig anderen Dingen eine Kolumbienreise antreten könne. Ich unterhalte mich jedoch nicht mit den beiden Holländerinnen, die ihr Hab und Gut im wahrsten Sinne des Wortes über die Hälfte des Zimmers verteilt haben und finde keine Antwort auf diese Frage.
Uns wird es irgendwann zu spät, schließlich sind Anna und ich nicht in demselben Party-Rhythmus wie viele andere hier, die die Nächte durchmachen und tagsüber schlafen, um dann am Nachmittag eine Tanzstunde zu nehmen und das Gelernte in der Folgenacht wieder anzuwenden. So ziehen wir zu zweit los, während die Mädels aus Holland, Korea und England noch lange nicht mit Umziehen und Make Up fertig sind. Ich versuche mich zwar wie üblich vor dem Tanzen zu drücken, hier wird man aber ganz selbstverständlich zum Tanzen aufgefordert und so richtig böse ist einem auch keiner, wenn man die Schritte nicht beherrscht. Zugegebenermaßen sind die Salsa-Grundschritte ja nicht so kompliziert, aber für jemanden mit zwei linken Füßen wie mich ist selbst das eine Herausforderung. Anna kommentiert unsere Tanzbegegnungen nur mit „Meiner konnte überhaupt nicht tanzen.... Dein Tanzpartner war wenigstens attraktiv!“. Na denn, nun haben wir also unsere Pflicht erfüllt, einmal in der Hauptstadt des Salsa eben diesen Tanz mehr oder minder gekonnt durchzuführen. Todmüde kommen wir zurück ins Hostel, bevor die letzten überhaupt losgezogen sind. Ich ziehe aus unserer frühen Rückkehr auf jeden Fall den Vorteil, dass das Frühstücksbuffet am nächsten Morgen noch voll ist und ich den Tag in Ruhe beginnen kann, bevor die meisten um kurz vor zehn aus ihren Betten fallen um noch etwas Müsli, Brot und Ananas abzubekommen.
Für Anna und mich ist klar, dass das nicht unsere Lieblingsstadt wird und wir ziehen weiter: sie nach Norden und ich nach Süden. Schade, es wäre schön gewesen, noch ein bisschen mehr Zeit zusammen zu verbringen. Aber mein nächster Besuch in Schottland kommt bestimmt und ich weiß auch schon, mit wem ich dann ein Glas Wein trinken werde.

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2 Kommentare:

  1. Nice pics girl through your website, its a pity I dont know german language. I know your photography is somehow meaningful and nice, but you should on my humble opinion try some modelling, is not that serious after all, and you are actractive, give it a try!! . Bon Voyage! girl

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    1. thanks, milton - i told you how i think about that!
      and thanks for the mango, it was delicious :)

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