Die kleinen Freuden des Alltags

19:54 Einsame Insel.de 1 Comments

Ich habe noch nicht gefrühstückt, sondern mich direkt nach dem Packen zum Busticketschalter in Guatape begeben. Es war zwar zu befürchten, dass einige Touristen den Ort nach dem Wochenende verlassen, aber dass sich Montagmorgen lange Schlangen vor dem Ticketverkauf bilden würde, hätte ich nicht gedacht. Die nächsten Busse, die halbstündlich zurück nach Medellín fahren, seien alle voll. Ich zögere kurz, möchte mich bei dem Regen eigentlich nicht länger hier aufhalten und bevor ich für einen Bus am Mittag ein Ticket kaufe, ergibt sich eine schätzungsweise halblegale Sitzgelegenheit im nächsten Bus. Wie zwei junge Kolumbianerinnen darf ich mich hinter den Fahrer entgegen der Fahrtrichtung auf eine Stufe – sogar mit Kissen – setzen und dort die nächsten zwei Stunden verbringen. Gezahlt wird direkt an den Fahrer und mit zehn Prozent Rabatt auf den Ticketpreis. Die paar Cent würde ich gerne mehr zahlen, wenn ich dafür einen anständigen Sitz bekäme. Aber gut, ich bin dankbar für die gesparte Zeit und sitze einen Großteil der Fahrtzeit auf dem Boden, um in Fahrtrichtung sehen zu können und lausche auf meinem provisorisch reparierten Mp3Player meiner kürzlich neu erstandenen Musik. Wie praktisch, dass man mittlerweile jegliche Alben digital per Download erwerben kann! In Medéllin ein kurze Busfahrt vom Nord- zum Südterminal und zwei Empanadas gekauft, bevor ich in den Bus nach Pereira einsteige. Es ist auch mal schön, eine Stadt zu durchfahren, die man schon kennt, da man doch erheblich schneller durchkommt, wenn man schon weiß, wo man Tickets kauft und welcher Bus wo abfährt.

Made my day... Salat bei "Crepes y Waffles" in Pereira
Ich freue mich riesig über den guten Service im Bus – er ist glücklicherweise nicht so kalt wie der Nachtbus und ich bekomme tatsächlich eine Decke. Außerdem gibt es durchgängig eine Internetverbindung, sodass ich die halbe Fahrt mit dem Schreiben von Kurznachrichten verbringe. Während der Fahrt regnet es lange – ganz praktisch, da so das ganze Wasser runterkommt, während es mich sowieso nicht stört. Eine Weile unterhalte ich mich mit einem Kolumbianer, der auf der anderen Seite des Ganges sitzt und ganz interessiert an meiner Reise ist. Er gehört leider auch wieder zu den Leuten, die alles „muy peligroso“ – also sehr gefährlich – finden und mir davon abraten möchte, nach Einbruch der Dunkelheit irgendwo in Kolumbien herumzulaufen. Die Nacht verbringe ich im Kolibri Hostel, zu dem ich natürlich laufe und für die vielleicht zwei Kilometer natürlich kein Taxi nehme. Hätte ich im Vorfeld geahnt, welche Steigungen mich hier erwarten, wäre ich vielleicht nicht so motiviert losgelaufen. Aber meine Energie hat reicht dann letztendlich doch noch um das Hostel zu erreichen und etwas zum Kochen einzukaufen. Im nahegelegenen Einkaufszentrum entdecke ich eine Filiale von „Crepes y Waffles“ und nehme mir fest vor, hier morgen etwas essen zu gehen. Mir war gar nicht bewusst, wie erschöpft und müde ich bin und wie lange ich zur Regeneration brauchen würde. Ich möchte am nächsten Tag nach Salento weiterfahren, das nur eine Busstunde entfernt ist, aber habe wenig Motivation, mich heute zu beeilen. Ich checke um elf Uhr aus und laufe Richtung Stadtzentrum. Meine Knochen tun weh, ich habe Muskelkater in den Armen und bin überhaupt irgendwie richtig fertig. Ich schaffe es gerade noch zum Einkaufszentrum und schreibe bei einer Tasse Tee eine Weile an meinem letzten Blogeintrag. Mittags öffnet die besagte Restaurantkette – in der Medellíner Filiale hatte ich schon einen köstlichen Crêpe gegessen und seit diesem Tag Lust auf ein weiteres französisches Dessert gehabt. Nachdem ich gestern Abend schon keinen Salat im Supermarkt gefunden hatte und mir stattdessen ein Risotto mit Tomaten und Zwiebeln gekocht habe, sehe ich jetzt die Chance auf einen richtigen frischen Salat. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal einen gegessen habe. Jetzt mag der ein oder andere direkt an die Reiseführer-Hinweise denken, die von solchen Speisen generell abraten, ich mache mir über so etwas aber schon lange keine Gedanken mehr – Magenprobleme bekomme ich wirklich nie, selbst wenn ich Leitungswasser trinke, das eigentlich nicht dafür gedacht ist.
So ausführlich berichte ich über essen ja normalerweise nicht, aber das muss ich jetzt einfach mal loswerden. Diese einfache Mahlzeit war für mich einfach so ein Höhepunkt, so ein Geschmackserlebnis, wie ich es lange nicht hatte und welches ich mit jeder Gabel genossen habe. Vor mir steht ein großer tiefer Teller mit einem grün-roten Blattsalat, getrockneten Tomaten, schwarzen Olivenscheiben, drei großen Avocadoringen, einer Tomaten-Büffelmozarell-Schicht-Kugel, Pesto, einem Balsamicodressing, frischen Champignons und zwei knackigen Teigstangen. Ich bin vollkommen überwältigt und lege sogar beim Schreiben eine Pause ein (normalerweise tue ich immer andere Dinge beim essen), um dieses Meisterwerk vollständig zu genießen. Ich weiß, dass klingt vollkommen übertrieben, aber in einem Land, in dem man an jeder Ecke frittierte Speisen bekommt, ist so ein Salat einfach ein Traum! Und das Ganze für etwa sechs Euro! Die Restaurantkette wurde wohl von zwei Studenten in Kolumbien ins Leben gerufen und ist mittlerweile in relativ vielen mittel- und südamerikanischen Ländern vertreten. Ich werde in Zukunft auf jeden Fall nicht dran vorbeigehen können! Heute ist mir auch egal, dass ich außer Schreiben und Essen nicht viel mache – keine Kultur, keine Natur und wenig Input. Und am Abend erreiche ich viel entspannter als ich noch am morgen war die kleine Stadt Salento und lege die drei Kilometer zum außerhalb des Ortes gelegenen „Eco-Hostel“ mit Leichtigkeit zurück.

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1 Kommentar:

  1. mhm, der Salat sieht wirklich super lecker aus! Hätte ich in Kolumbien gar nicht vermutet.

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