Eisige Nächte, dünne Luft und eine kleine Mountainbiketour

14:53 Einsame Insel.de 0 Comments

Chivay heißt unser Ziel am Rande des Colca Canyons, das angeblich in drei Stunden Fahrtzeit erreichbar ist. Die meisten Busse sind für heute bereits ausgebucht, sodass wir um zwei Stunden Wartezeit nicht herum kommen. Die Fahrt selber dauert dann natürlich auch wieder länger als veranschlagt und es ist klar, dass wir nicht mehr bei Tageslicht ankommen werden. Die letzten Sonnenstunden mit Blick aus dem Busfenster genieße ich in vollen Zügen. Die Landschaft ist überraschend abwechslungsreich und macht Vorfreude auf die nächsten Tage. Immer wieder haben wir durch das Busfenster freien Blick auf schneebedeckte Gipfel, ich stelle mich langsam auf niedrigere Temperaturen ein. Schließlich trage ich ja schon seit September Skiunterwäsche, Schal und Mütze in meinem Rucksack herum – die Kleidungsstücke möchte ich nicht mit zurück nehmen ohne sie je gebraucht zu haben. In der folgenden Nacht sehe ich das allerdings ganz anders und würde mir wünschen, mit Sommerklamotten auszukommen. Wir haben Pässe von bis zu 4800 Meter Höhe überwunden und erreichen schließlich das auf 3600 Metern liegende Chivay kurz nach Einbruch der Dämmerung. Mit Jacke und Schal fühle ich mich (noch) ganz wohl, bin aber ganz froh, dass uns ein Mototaxi (entspricht dem asiatischen Tuktuk) für ein paar Cent zum Hostel bringt. Ich bin wieder mal verwirrt über die Bezeichnungen der Unterkünfte in Peru. Der Reiseführer spricht von angenehmen Zimmern mit 24 Stunden Heißwasserversorgung, allerlei Service und eingeschlossenem Frühstück. Das Preisniveau ist hier insgesamt sehr niedrig, sodass man leicht zu dem Trugschluss kommt, dass man für etwas mehr Geld einen entsprechend höheren Standard bekäme. Aber ich habe ja schon oft feststellen dürfen, dass die Preis-Leistungs-Relationen nicht besonders konstant sind. Für diese Nacht gibt es kein Twin-Zimmer mehr mit Bad, aber das Duschen lässt sich ja auch auf morgen verschieben.

Östlich von Chivay im Colca-Tal
Die Vorstellung, bei einstelligen Außentemperaturen und ohne Heizung eine kalte Dusche zu nehmen, ist nicht sehr einladend. Erschwerend kommt hinzu, dass ich die Höhenlage vollkommen unterschätzt habe. Klar, ich habe schon oft genug gelesen, dass man in größeren Höhen nicht mehr als 500 Meter pro Tag aufsteigen sollte. Dass wir heute im Laufe einer nicht mal halbtägigen Busfahrt über tausend Höhenmeter gewinnen und sich das nachhaltig auf die Gesundheit auswirken kann, hatte ich nicht bedacht. Meine „Leichtsinnigkeit“ wird mit einer fast schlaflosen Nacht bestraft. Skiunterwäsche, dicke Socken, drei Wolldecken (deren Gewicht nicht zu verachten ist) und warme Gedanken sind zwar ein ganz sinnvoller Ansatz und würden unter normalen Umständen vielleicht ausreichen, um ein wenig Schlaf zu finden. Während Papa nach einem kurzen Abendessen im immer kälter werdenden Städtchen nun schon am anderen Ende des Raumes eingeschlafen ist, beschäftigt mich neben der Kälte ein ganz anderes Problem. Meine Atmung ist schon seit einer Weile schwerfälliger geworden, aber jetzt, da ich versuche einzuschlafen, wird jeder zweite oder dritte Atemzug zu einer kleinen Qual. Ich habe immer wieder das Gefühl, ich könne gar nicht genug Sauerstoff aufnehmen, wie ich in der Zeit verbrauche, die mir bis zum nächsten Einatmen bleibt. In den Lungen und im Bauch macht sich ein beklemmendes Gefühl breit, das mit fortschreitender Müdigkeit eher unangenehmer wird. Wirklich übel ist mir nicht, aber so ganz gesund fühle ich mich auch nicht. Ich bin dankbar für das gut funktionierende WLAN und recherchiere eifrig (und nicht zum ersten Mal) über die Höhenkrankheit. Ich beschließe, dass es mir eigentlich ganz gut geht und ich keine kritischen Symptome bemerke, versuche bewusst zu atmen und trinke unsere vollständigen Wasservorräte leer. Als Papa zum ersten Mal am frühen Morgen aufwacht, habe ich vielleicht eine Stunde geschlafen. Wenn es hoch kommt. Aber es war auch mal schön, die halbe Nacht im Skypechat zu „hängen“ und ein bisschen mit Deutschland, Neuseeland und Kolumbien zu schreiben. Immer das Positive sehen!
Entsprechend gerädert bin ich am nächsten Tag und kaum in der Lage, das Bett zu verlassen. Ich hätte nicht gedacht, dass mir die dünne Luft so zu schaffen macht. Wir hatten geplant, heute ein wenig durch das Colca-Tal zu wandern und uns ein bisschen die Umgebung anzusehen. Papa zieht also alleine los, während ich mich langsam wieder regeneriere. Am Nachmittag ist es richtig sonnig und ich vergesse fast, wie kalt die letzte Nacht war. Da wir vermutlich morgen schon weiterziehen werden, möchte ich die letzten Sonnenstunden unbedingt noch nutzen. Mit eher geringer Motivation zum wandern gehe ich in den Ort, treffe unterwegs Papa, mit dem ich noch eine heiße Schokolade trinken gehe und leihe mir schließlich ein Mountainbike aus. Ich mache mich dann zwar alleine auf den Weg, aber es ist auch schön, vorher noch Hilfe beim Einstellen von Sattel- und Lenkerhöhe zu bekommen. Ich habe mich sowieso schon lange daran gewöhnt, mich um alles selber zu kümmern, besonders natürlich auf dieser Reise, aber trotzdem ist es natürlich sehr angenehm, wenn man zwischendurch mal Unterstützung bekommt. Auch die Planung für den Folgetag steht schon fast und wir kümmern uns vor meiner Radtour noch gemeinsam um die Buchung einer Tour und eines Bustickets.

Da war der Hinterreifen noch heil, die Wasserflasche noch voll und die Sonne stand noch hoch am Himmel...
Ich kann mich gerade nicht genau erinnern, aber ich meine, ich habe seit fast einem halben Jahr nicht mehr auf einem Rad gesessen. Die Sonne scheint, die Luft ist trotzdem angenehm kühl und überhaupt ist alles perfekt für einen kleinen Ausflug. Ich freue mich riesig, dass ich ein paar Stunden für mich habe – außerhalb des Ortes, in der Natur, ohne viel Verkehr und andere Menschen um mich. Die ersten Kilometer führen mich entlang einer asphaltierten Straße mit angenehmen Steigungen – auf und ab, bis ich schließlich ein Thermalbad erreiche, das hier an natürlichen heißen Quellen angelegt wurde. Ein paar Kleinbusse fahren auf der Strecke hin und her, ansonsten teile ich mir die Stille nur mit ein paar Farmern, die neben der Straße auf ihren Feldern und bei der Arbeit sind. Immer wieder rauben mir schon kleine Steigungen den Atem und ich bin ungemein froh, dass ich weder Zeitdruck habe noch jemand mit mir unterwegs ist, der sportlichen Ehrgeiz an den Tag legt. Es ist herrlich, einfach irgendwo anzuhalten, sich ins Gras zu setzen, etwas zu trinken, ein bisschen Musik zu hören und über das Leben nachzudenken. Klingt vielleicht ein bisschen kitschig, ist aber genau das, was ich heute brauche.
Ich setze meine Fahrt fort, mittlerweile auf einer unbefestigten Straße und teilweise den sehr dicht am steilen Hang zum Flusstal liegenden Trampelpfaden. Große Steine, kleine Wasserläufe und matschiger Untergrund machen hier ein Mountainbike unabdingbar. Ich bin diese matschspritzenden Gefährte erst sehr selten gefahren, aber ich glaube, ich werde es in Zukunft öfter tun – bevorzugt allerdings in niedrigeren Höhenlagen. 

Details am Wegesrand - allerdings auf dem Rückweg beim Fahrradschieben!

Leider ist auch ein Mountainbikereifen nicht gegen alle Eventualitäten gewappnet. So ein Kaktus hat ganz schön spitze Stacheln, spitz genug, um meinen Mantel und Schlauch zu durchstechen. Ich hatte mich gerade erst zur Umkehr entschieden, um sicherzugehen vor Einbruch der Dämmerung zurück zu sein. Nun muss ich also fast die komplette bisher gefahrene Strecke zu Fuß zurücklegen. Klar, Fahrradschieben ist nicht die schönste Beschäftigung, aber mit ein wenig Musik und einigen Einsätzen der Kamera macht der Rückweg trotzdem Spaß. In dem viel langsameren Tempo nehme ich natürlich viel mehr Details wahr, als auf dem Hinweg. Erschöpft erreiche ich kurz nach Sonnenuntergang den Fahrradverleih in Chivay. Ich hatte schon befürchtet, für eine Reifenreparatur aufkommen müssen, stattdessen zahle ich sogar noch etwas weniger als vereinbart, da ich das Rad ja schließlich nicht die ganze Zeit nutzen konnte. Das nenne ich Service! Vielerorts wäre ein solches Entgegenkommen wohl unvorstellbar. 

Vertragen sich nicht, diese beiden: Mein Hinterreifen und dieser freche Kaktus (oder einer seiner Verwandten).

Die zweite Nacht auf 3600 Metern Höhe ist weniger kalt (oder ich habe einfach nur mehr an) und ich schlafe wenigstens ein paar Stunden. Kurz nach sechs starten wir den nächsten Tag mit einem primären Ziel: Kondore im Flug in der Morgenthermik beobachten!

0 Kommentare:

La Ciudad Blanca: Arequipa

14:46 Einsame Insel.de 1 Comments

Diesige Großstadtluft in Lima, sandige Oase in Huacachina und kuriose jahrhundertealte Wüstenzeichnungen in Nazca – nicht unbedingt die ersten Ziele, die einem in Peru einfallen. Das riesige Land ist von Nord nach Süd parallel zur Pazifikküste von den Anden durchzogen und wird von vielen Touristen vorwiegend wegen der Bergregionen und vor allem Machu Picchu besucht. Die alten Inkastätten liegen definitiv auch auf unserer Route, zunächst erkunden wir die Anden jedoch weiter südlich und steigen über niedrigere Regionen ein.

Schokoerdbeeren, gefüllte Chilischoten, Alpaca-Steak: In Arequipa ist die kulinarische Auswahl groß!
Die „weiße Stadt“ Arequipa erinnert mich immer an das lateinamerikanische „Arequipe“, eine Karamell ähnelnde Milchkonfitüre, mit der die Stadt allerdings nichts zu tun hat. Am Busbahnhof der auf gut 2300 Meter hoch liegenden Stadt bin ich etwas skeptisch bezüglich der Fahrt in die Innenstadt, da ich von organisierten Taxibanden gelesen habe, die hier besonders häufig ihr Unwesen treiben und für den gemeinen Touristen nicht auszumachen sind. Schnell findet sich ein kleiner Bus, der uns trotz großer Rucksäcke mitnimmt und wenige Straßen von der angepeilten Unterkunft rausschmeißt. Ich muss zugeben, dass ich mich immer seltener auf Kompass und Karte verlasse und die Moving Map auf meinem Telefon immer mehr zu schätzen weiß. Ein kleines Sternchen auf der Karte markiert das „Casa Andina“ und ein kleiner blauer Pfeil blinkt fröhlich in einer Parallelstraße, sodass wir nichts machen müssen als dem GPS-Signal folgen. Ich habe schon darüber nachgedacht, eine Software aufzuspielen, die außerdem topografische Daten liefert, so könnte man vielleicht den ein oder anderen steilen Aufstieg umgehen.

Gestern noch in der Wüste, heute schon Schnee in Sicht: durch die Anden gibt es extrem kontrastreiche Klimazonen in Peru.

In Arequipa halten sich die Steigungen innerhalb der Stadt in Grenzen, trotzdem bemerken wir schon auf 2300 Metern, dass uns die Atmung schwerer fällt als auf Meeresniveau. Für die nächsten Tage ist es auf jeden Fall sinnvoll, sich langsam an die dünnere Luft zu gewöhnen. Wie wichtig das ist, würde ich noch am nächsten Tag herausfinden. Wir finden ein Zimmer in der im Reiseführer empfohlenen Unterkunft (für mich ist das ja nach wie vor neu, da ich bisher selten „nach Buch“ gereist bin) und genießen den riesigen Garten im Innenhof, der sich optimal zum Erholen von der langen Busfahrt eignet. Es ist ein wenig befremdlich, im kurzärmeligen Shirt draußen zu sitzen und in der Ferne die ersten schneebedeckten Gipfel der Anden zu erblicken. Arequipa ist ein hübsches Städtchen mit einem geschäftigen zentralen Platz.Koloniale Arkadengänge und die Kathedrale säumen den quadratischen „Plaza de Armas“, in dessen Mitte ein gut gepflegter grüner Park selbst Montagsmorgens viel besucht ist. Wir machen einen großen Obsteinkauf auf dem Markt, der wieder mal anders ist als überall sonst in Mittel- und Südamerika. Die Waren sind auf einer treppenförmigen, relativ steilen Fläche angeordnet. Dreimal laufe ich Äpfeln, Pflaumen und Orangen hinterher, die an verschiedenen Ständen aus Versehen von ihrer Empore gestoßen werden. Erschwerend zu den Lagerplätzen der Früchte kommt noch hinzu, dass die gesamte Markthalle in leichter Hanglage angelegt ist und auf dem glatten Boden alles gen Tal rollt. Für wenige Euro bekommen wir eine tolle Mischung mehr oder weniger exotischer Früchte (Physalis, Granatapfel, Mango, Ananas, Erdbeeren usw.). Kaktusfeigen werden an quasi jeder Straßenecke angeboten.

Plaza de Armas, Blick auf die Kathedrale - Arequipa, Peru

Schnee am Ende des Tunnels.

Marktstand Arequipa

So ein vielfältiges Angebot wird es an unserem nächsten Ziel mit großer Wahrscheinlichkeit nicht geben. Dort soll es sogar an Geldautomaten mangeln, sodass wir unsere Barreserven auffüllen müssen. Bisher haben wir übrigens alles in Peruanischen Soles bezahlt, der amerikanische Dollar hat hier als Zweitwährung offenbar keinen so großen Stellenwert.

Nun geht es wieder in die Natur! Ich freu' mich drauf!

1 Kommentare:

Flug über die mysteriösen Linien von Nazca

09:35 Einsame Insel.de 0 Comments

Wer keine Lust hat, zu fliegen, kann sich die Nazcalinien auch am Boden ansehen. Was für ein überflüssiger Satz im Reiseführer. Na gut, ich bin da vielleicht ein wenig speziell und nicht jeder ist so „fluggeil“ wie ich, aber mir war von Anfang an klar, dass ich mir dieses Erlebnis nicht entgehen lassen würde. Zwei Stunden südlich von Ica befindet sich der Ort Nazca, der für ein riesiges Areal bekannt ist, das von gigantischen Linien und Zeichnungen durchzogen ist. Trotz langer Forschungsepisoden weiß niemand so recht aus welchem Grund und zu welcher Zeit dieses heute zum Weltkulturerbe zählendes Kunstwerk entstanden ist. Theorien gibt es viele – einige mehr oder weniger und andere gar nicht auf wissenschaftlicher Basis begründet. Ob hier nun Außerirdische oder Menschen am Werk waren, ob letztere mit ersteren kommunizieren wollten oder ob es um etwas ganz anderes ging, muss ich gar nicht wissen, um über das gigantische Ausmaß der Zeichnungen zu staunen. Die einzige Perspektive, aus der man die verschiedenen zig bis über hundert Meter großen Symbole vernünftig wahrnehmen kann, ist die eines Vogels.

Los geht unser 35 minütiger Flug zu bester Thermikzeit. Ruhige Lzft wäre ja langweilig :)

Nazca erreichen wir von Ica in gut zwei Stunden mit dem Bus und freuen uns schon während der Fahrt, dass der morgens noch einheitlich graue Himmel langsam Strukturen bildet und bald weiße Cumuluswolken auf blauem Hintergrund zu bewundern sind. Als wir uns in Nazca Stadt in einem kleinen Büro erkundigen, wird uns auf gutem Deutsch erklärt, dass wir in fünf Minuten zum Flughafen fahren könnten, wenn wir wollten. Es seien noch zwei Plätze frei in einer sechssitzigen Cessna. Unsere Reisepassdaten werden erfasst, wir werden gewogen und schließlich zum Flughafen gefahren, der nach der deutschen Maria Reich benannt ist, die ihr halbes Leben der Erkundung der Wüstenzeichnungen widmete. Unsere „Reisebegleiterin“ und Copilotin, schätzungsweise Mitte zwanzig, nimmt uns im Empfang, schleust uns durch den Sicherheitsbereich (Papa dachte wohl, er könne sein Taschenmesser ins Flugzeug schmuggeln) und erklärt uns, was auf uns zukommt. Ein groß gewachsener Italiener sitzt in meiner Reihe, während mein Vater neben einem schmächtigen jungen Japaner auf der Rückbank Platz nimmt – so sei das Gewicht am besten ausgewogen. Es ist eindeutig, dass mein Banknachbar noch nicht so richtig von dem Vorhaben überzeugt ist. Er erkundigt sich nach der Kotztüte und berichtet mir in einer Mischung aus Spanisch und Italienisch, dass er Angst hat. Unser Pilot ist eher Anfang zwanzig (hier würde wahrscheinlich die halbe Jugendgruppe aus dem Luftsportclub Leverkusen einen Job bekommen), überlässt das Reden aber seiner Copilotin, deren Spanisch und Englisch durch die Kopfhörer kaum zu entziffern ist. Der Flug würde etwa 35 Minuten dauern, wir fliegen in etwa 2200 Fuß über die auf der Karte gezeigten Bilder und der Pilot würde die Bilder alle einmal von links und einmal von rechts anfliegen. An der Flügelspitze seien dann die einzelnen Zeichnungen zu erkennen. Wer jetzt den Eindruck bekommt, dass das nach einem sehr kurvenreichen Flug klingt, hat vollkommen Recht. Dazu kommt, dass es ein Uhr mittags ist – beste Thermikzeit. Die Wolken versprechen eine turbulente Reise – ich scheine aber die einzige zu sein, die sich auf den Flug selber freut. Ich möchte nicht wissen, wie oft hier die kleinen Plastiktüten, die in der Rückenlehne der Sitze stecken, zum Einsatz kommen.

Maria Reich Airport, Nazca, Peru

Vertrauen erweckend ist schon der schlechte Asphalt der Rollbahn, aber ich gehe einfach mal davon aus, dass es auch in Peru relativ geregelte Richtlinien für den Luftverkehr gibt.
Wir versprochen klappern wir nacheinander ein gutes Dutzend der unzähligen Wüstenbilder ab. Erst als wir nach dem ersten Symbol, dem Wal, Ausschau halten sollen, wird klar, wie klein die Bilder aus dieser Höhe doch sind und wie schwierig zu erkennen. Das größte Problem ist die Vielzahl der Linien: schnurgerade, helle, breite Linien – teilweise scheinbar wahllos, teilweise mit System, rechtwinklig angeordnet, wellenförmige Linien, die wahrscheinlich nur ein ausgetrocknetes Flussbett darstellen und dann irgendwo dazwischen kreative Darstellungen von verschiedenen Tieren. Den Wal habe ich entdeckt, aber wo ist der Astronaut? An der schrägen rötlichen Wand eines Hügels entdecke ich ein Männchen – ich würde es vielleicht einfach „Weckmann“ nennen – mit großen Augen und einem langen Körper. Affe, Kolibri, Kondor... eine Hand, eine Spinne... Es gibt viel zu sehen aber die Zeit ist knapp und ich entdecke die Figuren Häufig erst im letzten Moment, bevor die Maschine wieder abdreht um die Richtung zu wechseln. Wer gleichzeitig noch Probleme mit dem Magen hat und sich darauf konzentrieren muss, wo er hinsieht, damit ihm nicht schlecht wird, verpasst die Hälfte. Das einzige, was mir an diesem Flug nicht gefällt ist, dass ich nicht in einem Segelflugzeug sitze und dass das Ganze viel zu schnell wieder vorbei ist.

Der Wal... ein wenig schwer zu erkennen!
Mit am besten zu erkennen ist der Kolibri auf einem Plateau.

Erklärungen unserer Copilotin, die kaum zu verstehen sind.
Papa scheint etwas enttäuscht, weil er nicht alles gesehen hat und ist, genau wie der Italiener, froh wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.
Das Erlebnis ist genau so schnell vorbei, wie es begonnen hat. Wir haben noch nicht zu Mittag gegessen und unser Bus nach Arequipa fährt erst um elf Uhr heute Abend. Da Nazca generell und an einem Sonntag wie heute im Speziellen nicht viel zu bieten oder zu tun hat, suchen wir uns ein an ein Hotel angeschlossenes Restaurant, in dem wir essen, im Pool schwimmen, in der Hängematte liegen und dösen können. Ich glaube das war mein faulster Tag seit langem, aber es ist ja auch Papas Urlaub und dazu noch Sonntag. Es fällt mir fast schwer, einen Tag so inaktiv zu verbringen ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Mit ein bisschen Spanisch lernen am Abend geht es mir diesbezüglich schon viel besser.

Für die einen schade, für die anderen Erleichterung: wieder zurück am Boden!

Unser Bus fährt gut zehn Stunden durch die Wüste an der Pazifikküste Südperus entlang. Die Klimaanlage ist nicht zu kalt eingestellt, es laufen zumindest in der Nacht keine viel zu lauten Actionfilme und es gibt keine betrunkenen Peruaner an Board, die uns das Leben schwer machen. Schlafen kann ich zwar trotzdem nicht, aber fühle mich trotzdem halbwegs erholt, als wir den Busbahnhof von Arequipa erreichen.

0 Kommentare:

Aus dem Moloch in die Oase: Die ersten Tage in Peru

14:31 Einsame Insel.de 4 Comments

Es ist noch früh, die Temperaturen liegen angenehm knapp über zwanzig Grad und in der Luft hängen Abgase, Feuchtigkeit und allerhand Großstadtgerüche. Vom Flughafen geht es im Verkehrschaos per Taxi in den Stadtteil Miraflores, um den Kulturschock für Papa im Rahmen zu halten. Er hat zwar auch schon einige Fernreiseerfahrungen (u.a. Südostasien und Afrika) gesammelt, trotzdem kann ich mir vorstellen, dass er nach einer Nacht im Flieger nicht unbedingt das chaotische Bussystem der peruanischen Hauptstadt kennenlernen muss. Selbst ich finde die Taxifahrt von spannend genug, da wir auf weiten Teilen der Strecke andere Fahrspuren nutzen als die, die auf der Straße mit weißen Linien markiert sind. Wofür es diese schmalen Linien gibt, die den Asphalt in gleich breite (und offenbar zu breite) Streifen einteilen, ist hier offenbar den meisten Fahrern ein großes Rätsel. Vielleicht dienen sie ja ausschließlich zur Verwirrung der Verkehrsteilnehmer.

Schnell aus Lima raus und in die Oase: Huacachina bei Ica, Peru.

Nach dem Beziehen unseres Zimmers und ein wenig Planung während des Frühstücks steht ziemlich bald fest, dass wir uns Lima am Anfang der Reise nicht genauer ansehen werden. Wir sind viel zu neugierig auf die uns bevorstehenden Naturerlebnisse im Süden. Schnell ist ein grober Plan gefasst, der anhand der Busstunden zwischen den verschiedenen Zielen am logischsten erscheint. Wir verbringen den Tag mit der Erkundung unseres Stadtviertels und dem südlicheren Barranco, das deutlich ruhiger ist als das Stadtzentrum Limas, trinken Kaffee, essen Apfelkuchen und kaufen fehlendes Equipment für die nächsten Wochen ein. Definitiv aus Eigenverschulden, aber trotzdem nicht nachvollziehbar für mich, verschwindet mein kleines Portemonnaie, in dem sich neben einem verschwindend geringen Geldbetrag nur meine heute erst erstellte Passkopie und ein Abholschein für die Wäscherei befindet. Der Verlust ist also gut zu verschmerzen und ich verschwende keinen weiteren Gedanken daran. Als ich am selben Abend von einem Reisepassdiebstahl in Panama City höre, bin ich wirklich dankbar, dass bei mir bisher nichts wichtiges oder schwer ersetzbares abhanden gekommen ist.

Spaß mir Sombreros - man muss in ausreichend Abstand nebeneinander stehen,
damit man sich nicht gegenseitig die Hüte vom Kopf schiebt.

Zum kleinen Erlebnis wird unser Abendessen bei einem Mexikaner. Ich habe die Einwohner Mexikos ja schon in ihrem Land als sehr offen kennengelernt, bin aber heute wieder positiv überrascht von dem überaus freundlichen Service. Wir bestellen Tacos Al Pastor und Flautas und überleben noch, welches Getränk wir von der eher kleinen Karte wählen. Als der Chef des Ladens uns kurzerhand in ein Gespräch verwickelt und erfährt, dass wir Deutsche sind, ist er überzeugt davon, dass wir ein peruanisches Bier kennenlernen wollen (da Deutsche natürlich ausschließlich Bier trinken) und schickt einen seiner Söhne zum Laden um die Ecke – vermutlich hat er selber keine Genehmigung für den Verkauf von alkoholischen Getränken. Außerdem müssten wir unbedingt seine Taccos mit Rindfleisch probieren, da gibt es keine Widerrede. Unser Abendessen schmeckt vorzüglich – wie ich es von mexikanischem Essen gewöhnt bin (die vier verschiedenen Salsas auf dem Tisch tragen einen entscheidenden Teil dazu bei).

Da sind sie wieder - in Peru fast so zahlreich wie in Mexiko!
Heeute mal als Käfer-Ampel!

Als wir schon gezahlt haben und im Begriff sind, das Lokal zu verlassen, fällt unserem neuen Freund im grün-rot-weißen Tshirt auf, dass wir noch gar kein Foto gemacht haben. Das gehört offenbar genauso dazu wie das Bier und der Rindfleischtacco. Mit Sombreros auf dem Kopf, Papa zu meiner Rechten, gut gelauntem Mexikaner zu meiner Linken grinsen wir in die Kamera. Natürlich werde ich, wie schon so oft, unmittelbar aufgefordert, das Foto doch bitte auch zu mailen, am liebsten über Facebook (so nach dem Motto: alle Kunden des Restaurants werden „Freunde“ des Chefs).
Am Morgen des nächsten Tages bekomme ich meine Wäsche trotz Fehlen des Abholscheins ohne Probleme zurück und packe eine Tüte mit aussortierten Dingen, die in vier Wochen zurück nach Deutschland gehen sollen. Ein bisschen Ballast weniger – gutes Gefühl!
Unser harmlos anmutendes Gefährt

Die Betreiberin unseres kleinen Hotels verabschiedet sich überschwänglich und mit Küsschen und vermittelt uns glaubhaft, dass sie uns eine tolle Reise wünscht und sich auf ein Wiedersehen freut. Selbst wenn ich über Lima wieder gen Norden reisen werde, weiß ich nicht, ob ich noch eine Nacht in der Stadt verbringen werde. Nun geht es aber erst mal im vollen Stadtbus zu einem der vielen privaten Busunternehmen, wo wir schließlich mit zwei Stunden Verspätung die Stadt gen Ica verlassen. Während der Wartezeit im Gebäude des Busunternehmens läuft auf den aufgehängten Fernsehgeräten eine Show, die offenbar aus einem Wettbewerb besteht, in dem extrem übergewichtiger Damen sich im „körperbetonten“ Tanzen messen wollen. Und ich dachte, das deutsche Fernsehprogramm sei schlecht...

Alkoholisierte und trotz Verbotes sogar rauchende junge und ältere Männer machen die Busfahrt zu keinem besonders angenehmen Erlebnis. Ich werde – separat von meinem Vater sitzend – mehrfach blöd von der Seite angemacht und nehme mir vor, bei der nächsten Fahrt nach einem Sitzplatz im vorderen Bereich des Busses zu fragen. Selbst als ein Mitarbeiter der Busgesellschaft irgendwann zur Kontrolle der Tickets durch die Reihen geht, werden noch Zigaretten geraucht und man rennt mit riesigen Bierflaschen durch den Bus. Erst jetzt wird mir bewusst, wie viel angenehmer in dieser Hinsicht doch die Länder waren, die den Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit verbieten.
Vier Stunden soll die Fahrt dauern: wir fahren wir durch die Vororte Limas und weiter auf der Panamericana Richtung Süden, vorbei an überlaufenen Stränden, riesigen Sanddünen, einfachsten Wohngegenden und großen Viehzuchtanlagen. Ich habe nicht erwartet, dass sich die Landschaft hier so drastisch zu dem bisher gesehenen verändert. Klar habe ich ein gutes Stück überflogen und ich befinde mich derzeit nicht in den Anden sondern an der Pazifikküste, trotzdem bin ich überrascht von den riesigen Mengen graugelben Sandes. Da wir mit fast zwei Stunden Verspätung in Lima losgefahren sind ist relativ bald klar, dass wir Ica nicht mehr bei Tageslicht erreichen werden.

Familienfoto in der Wüste - Die Buggyfahrt haben wir überlebt!
Unser heutiges Ziel ist die als Oase beschriebene Lagune Huacachina, die wir schließlich nach rund acht Stunden erreichen. Dank aktuellen Reiseführers gestaltet sich die Zimmersuche genau so einfach wie die eines Hostelbettes in den vergangenen Wochen und Monaten. Es ist herrlich, mal wieder ein riesiges weißes flauschiges Duschhandtuch zu haben und das kratzige Microfaserhandtuch im Rucksack zu lassen. Sogar einen Pool gibt es hier, den es Spaß macht, zu benutzen, da er mit klarem Wasser gefüllt ist und eine Größe hat, die sich zum Schwimmen eignet. Das Peruanische Essen ist deutlich schmackhafter und abwechslungsreicher als das in Kolumbien. Es ist schön, endlich mal wieder einen Teller vor sich zu haben, auf dem keine der Zutaten frittiert ist.

Dass einfach nur Sand unter dem Einfluss von Sonne und Wind so toll aussehen kann!
Schon vor dem Frühstück besteigen wir eine der Sanddünen direkt hinter unserem Hotel. Bei jedem Schritt habe ich den Eindruck, dass ich fast genauso weit wieder nach unten rutsche, wie ich gerade vorwärts zu kommen glaubte. Oben angekommen bietet sich ein guter Ausblick über den kleinen grünen See, umgeben von Palmen und einer Reihe Hotels, Restaurants und Souvenirläden. Viel beeindruckender ist für mich allerdings die reine Wüstenlandschaft – ohne Oase, ohne Gebäude und ohne Pflanzen. Sand, soweit das Auge reicht – große und kleine Hügel, glatte und vom Wind wellige Oberflächen, Spuren von Fußgängern, von Sandbuggys und von Sandboards.
Die Anstrengung des Aufstiegs wird schon durch das Hinunterrennen wieder wett gemacht. Das erinnert mich an die Dûne de Pyla an der französischen Atlantikküste, die meine Brüder Kersten und Lennart und ich vor dreizehn Jahren runtergekugelt sind, um dann unten in Klamotten ins Wasser zu hüpfen und das ganze stundenlang zu wiederholen. Ohne Kamera würde ich die Aktion vielleicht jetzt wiederholen... Die Gelegenheit, den Spieltrieb rauszulassen, würde sich aber heute Nachmittag noch bieten. Bevor es zurück in den großen Sandkasten geht, treffen wir am Ufer einen Peruaner, der zwei Slacklines gespannt hat. Im Grunde handelt es sich um übergroße Spanngurte, die jeweils zwischen zwei Palmen einen halben Meter über dem Boden gespannt sind. Die Anfängerversion ist handbreit und niedrig angebracht, sodass sich ungeschicktere Menschen wie ich keine Verletzungen zufügen. Es geht erst mal darum, auf dem Band von einem zum anderen Ende zu balancieren, was in meinen Augen deutlich schwieriger ist, als es aussieht. Ich bekomme erklärt, dass es sich um eine sehr effektive Sportart handelt, die nicht nur die physischen sondern auch die mentalen und emotionalen Fähigkeiten fördert. Bei meinen kläglichen Balancierversuchen kann ich diese Aspekte nicht so richtig nachvollziehen, bei Papa scheint das allerdings schon besser zu klappen. Nach zwanzig Jahren Yoga ist er einfach deutlich fitter als ich in den Fähigkeiten, die einem hier abverlangt werden. Ich bleibe da lieber beim Schwimmen, da kommt man auch nicht so ins Schwitzen.

Schattenspiel

Magda beim Boarding auf einem der kleineren Hänge am Anfang unserer Tour.

Die Sonne nähert sich dem Horizont und das Licht wird immer schöner zum Fotografieren!

Zwei Stunden vor Sonnenuntergang ist es Zeit für unsere Sandkastentour. Zu zehnt nehmen wir Platz in dem Buggy, in dem Jesus (so scheint jeder zweite Peruaner zu heißen) uns durch die Wüste fahren wird. Was genau wir uns darunter vorzustellen haben, ist mir im Vorfeld nicht so ganz klar. Dass dieses offene Gefährt mit Dreipunktgurten und Überrollbügeln nicht nur auf ausgetretenen Pfaden fährt, kann ich mir denken, aber eine Achterbahnfahrt hatte ich nicht erwartet. Es geht die Dünen rauf und runter – selbst Steigungen von über 45 Grad sind keine Seltenheit und das Geschrei von einem Mädel in der Reihe hinter mir scheint das Motorengeräusch zu übertönen. Ein bisschen mulmig wird mir nur, wenn wir parallel zu einem steilen Hang fahren und man das Gefühl hat, seitlich gen Tal zu kippen. Jesus hat unseren kleinen Wüstenrenner aber gut unter Kontrolle und erkundigt sich zwischendurch, ob alles in Ordnung ist und wir Spaß haben. Wir halten mehrfach an, teilweise zum fotografieren und Ausblick genießen, teilweise zum Boarden. Die Holzbretter, die uns zur Verfügung gestellt werden, sind an den Enden ähnlich Snowbaords hochgebogen, sodass man sich hier weniger Sorgen machen muss, stecken zu bleiben, als beim Vulkanboarding in Nicaragua. Der Sand ist außerdem so fein und bietet eine gleichmäßige Oberflächenstruktur, dass die Abfahrt nicht allzu problematisch sein sollte. Magda aus Stuttgart, die gerade ein Auslandssemester in Brasilien hinter sich hat und noch ein paar Wochen Urlaub in Peru dranhängt, ist erfahrene Snowboarderin und hat sich ein professionelles Brett ausgeliehen – mit Bindungen und entsprechenden Schuhen. Wir haben fünf Hänge vor uns – Schwierigkeitsgrad steigend. Magda nutzt die Hänge, um sich wieder ans Boarden zu gewöhnen und bei der letzten Abfahrt eine ziemlich beeindruckende Vorstellung hinzulegen, sodass sie für den anstehenden Schneeurlaub in Europa gewappnet ist. Papa, der anfangs dem Boarden gegenüber noch ein wenig zögerlich war, ist jetzt auch mit voller Überzeugung dabei und flitzt mit der geliehenen Chemikerbrille einen Hang nach dem anderen hinab.

Spaß wie vor 13 Jahren in Frankreich... feiner warmer Sand hat schon was... auch wenn man nicht mehr 14 ist...
Wie gesagt, Dünen runterrennen macht auch Spaß, wenn man etwas älter als 14 ist...

Auf dem Bauch liegend, die Beine mehr oder weniger in der Luft bzw. zur Querstabilisierung leicht den Sand berührend geht es Hangabwärts. Die Abfahrten werden steiler, länger, schneller. Je weiter man kommt, desto lauter wird der Applaus der Anderen. Es macht einen Heidenspaß, auch wenn sich der sportliche Aspekt in Grenzen hält, da wir die Hänge nicht wieder hoch laufen müssen. Wieder so eine Aktion, die mir zeigt, wie sehr ich hohe Geschwindigkeiten liebe. obwohl der Fahrtwind, der mir um die Nase weht, mit Sandkörnern gemischt ist, genieße ich die Abkühlung. Die Sonne verschwindet erstaunlich schnell hinter dem hügeligen Horizont und erklärt damit unseren Ausflug für beendet. Statt im Buggy die letzten Hänge hinabzufahren, schnalle ich mir diesmal meinen Kamerarucksack auf, nehme die Schuhe in die Hand und renne in Windeseile durch den tiefen Sand gen Tal. Traumhaft! Abendessen mit Papa und Magda und ab ins Bett! Ica und Huacachina waren auf jeden Fall ein guter Einstieg in das nächste Land auf meiner Reise: Peru.

Letzter Stopp: Sonnenuntergang

4 Kommentare:

Meine neue Liebe: Quito

07:45 Einsame Insel.de 2 Comments

Nach einem phantastischen ersten Eindruck von Ecuadors Hauptstadt am Tag meiner Ankunft und einem langen Ausflug zu den beiden nicht korrekt verlaufenden Äquatorlinien steht heute ein Stadtspaziergang an. Zu sechst machen wir uns nach dem Frühstück vom Hostel aus auf den Weg zum zur zentralen Markthalle. Von einem jungen Ecuadorianer bekommen wir in knapp drei Stunden mit äußerst interessanten Hintergrundinformationen die schönsten und geschichtsträchtigsten Ecken der Altstadt gezeigt. 

Buntes Glas in der Basilika von Quito

Hauptschiff der Basilika von Quito


Die nähe der zweistöckigen Markthalle zu unserem Hostel erklärt, warum die Straßen hier in den Morgenstunden immer deutlich belebter sind als am Nachmittag und Abend. Wir schauen uns in der Fleischabteilung um, in der es neben den mir bekannten Teilen von Schwein und Rind auf ganze Rinderbeine gibt, die seitlich mehrfach eingeschnitten sind und wohl in dieser Form zu einem Eintopf verarbeitet werden. Auch in der Obst- und Gemüseabteilung gibt es mal wieder einige neue Früchte zu entdecken. Immer, wenn man denkt, dass man so langsam in allen Klimazonen dieser Erde war, lernt man doch wieder etwas neues kennen, was im Zweifelsfall in keinem anderen Land wächst. Die hier Baumtomaten kenne ich allerdings schon, die werden auch in Kolumbien oft zu Saft verarbeitet und sind auch in Australien als Obst erhältlich (dort allerdings unter dem Namen Tamarillo). Wir kosten einige verschiedene Säfte, die bereits frisch gepresst in großen Glasbehältern auf Käufer warten. Mora con coco, also Brombeersaft mit Kokosmilch, ist zwar ein wenig süß aber durchaus schmackhaft. Wir erfahren, dass Erdöl das wichtigste Exportprodukt Ecuadors ist und Blumen,vor allem Rosen, an zweiter Stelle stehen. Einer der wichtigsten Abnehmer ist ausgerechnet Holland – vielleicht wachsen da tatsächlich nur Tulpen, sodass Rosen aus Südamerika importiert werden müssen. Wenn man die Distanz zwischen den beiden Länder betrachtet, ist es schon erstaunlich, dass so ein empfindliches und frisches Produkt hier gehandelt wird.

Blick auf die Dächer der Altstadt Quitos vom Turm der Basilika
Wir machen an verschiedenen Kirchen halt und betreten diejenigen, die keinen Eintritt kosten. Zugegebener Maßen hätte ich die Gotteshäuser alleine wohl eher ausgelassen, umso erstaunter bin ich, wie stark sie sich voneinander und vor allem von den bisher auf dieser Reise gesehenen Kirchen unterscheiden. Während man in der einen Kirche von dem Strahlen des überall aufgebrachten Blattgoldes schier erschlagen wird, überwiegt in einer anderen Kirche warmes Holz und in der nächsten das bunte Schein des Sonnenlichtes, das durch die farbigen Glasmosaike einfällt.

Alte Frauen und Kolibris scheinen hier ein sehr beliebtes Motiv für Künstler zu sein. Hat das eine besondere Bedeutung?

Die Betreiber einiger Handwerksbetriebe an einer schmalen Gasse lassen uns einen Eindruck von ihrer Arbeit gewinnen. Hier gibt es einen jemanden, der alte Klaviere restauriert und einen Schreiner, der filigrane Holzarbeiten in monatelanger Handarbeit durchführt. Eine Künstlerin zeigt uns, wie man Holzornamente (beispielsweise solche, die wir vorhin in einer der Kirchen gesehen haben) mit Blattgold belegt. Eine argentinische Architektin lernt das Handwerk gerade von ihr und macht sich laufend Skizzen und Notizen, sie ist vollkommen begeistert und möchte mich davon überzeugen, es ihr gleich zu tun. Wieder eine dieser Fähigkeiten, die ich wahrscheinlich in der Zukunft eher seltener brauchen würde. 

In Quito tragen (für eine Großstadt) relativ viele Menschen traditionelle Kleidung.


Nüsse, Mandeln, Bohnen, Bananen, Kokosstreifen, Karamel, Bonbons....

Spannender wird es dann wieder beim ecuadorianischen Süßigkeitenladen: hier gibt es Nüsse in allen möglichen Varianten und mit verschiedenen Überzügen, frittierte Bananen süß und salzig, Bonbons, Karamell, Sesamgebäck und Kokoschips mit Zimt und irgendeinem gelben Gewürz. Interessant klingen auf die knusprigen Bohnen mit Salz, Knoblauch und Schweinemagenstücken, bei letzterem kann man sich dann aussuchen, ob man ihn lieber knusprig frittiert oder weich hätte.
Gemeinsam essen wir zu Mittag – lustigerweise in genau dem gleichen Lokal wie ich vor zwei Tagen. Hier seid das Essen am besten. Heute gibt es eine Kartoffel-Käsesuppe mit Avocado und statt gebratenem heute frittiertes Hähnchen.
Wir sind alle positiv überrascht von der Qualität der kostenlosen Tour und geben unserem gut informierten Stadtführer gerne ein Trinkgeld. Ich verabschiede mich nach zwei unterhaltsamen Tagen von Nico und mache mich mit einer Schottin auf den Weg zur Basilika, die wir bisher nur von weitem gesehen haben. In einem der Kirchtürme können wir auf eine Zwischenetage fahren um von oben einen Blick ins verhältnismäßig schlichte Kirchenschiff zu werfen, bevor wir die steile Wendeltreppe in die Spitze des Turmes fortsetzen. Der Ausblick über die Altstadt Quitos ist trotz etwas diesigen Wetters und tief hängenden Wolken beeindruckend. Die Zeit vergeht mir gerade viel zu schnell und es ist schon ein bisschen schade, dass ich mich jetzt auf den Weg zum Flughafen machen muss. Glücklicherweise haben Anouk aus Holland und ihr Freund den selben Flug nach Lima gebucht und wir genießen den Luxus, mit dem Taxi zum Flughafen zu fahren. Da die Fahrt unerwartet (weil ich mich wenig informiert habe, da die anderen beiden genau Bescheid zu wissen schienen) fast zwei Stunden dauert, bin ich ganz froh, nicht den umständliche Weg mit dem Expressbus gewählt zu haben. In Quito gibt es den alten Flughafen im Stadtzentrum, der allerdings nicht mehr in Betrieb ist, und den neuen, der eine gefühlte Ewigkeit an Fahrtzeit außerhalb der Stadt mitten in den Bergen liegt. Ich möchte mir gar nicht ausmalen, wie lange sich die Anfahrt zu den Verkehrsspitzenzeiten zieht.



 
Obwohl ich am liebsten noch hier bliebe, freue ich mich auf den zweistündigen Flug – endlich mal wieder in die Luft gehen! Ich bin heute genau seit vier Monaten unterwegs und ebenso lange nicht geflogen – wahrscheinlich ein rekordverdächtig langer Zeitraum, da die lange Winterpause im Segelfliegen meist durch einzelne Flüge unterbrochen wird. Der Check In gestaltet sich als etwas komplizierter als gedacht, da ich zunächst als Australierin im System auftauche und angeblich mein zweiter Vorname mit dem Nachnamen verwechselt wurde. Das würde erklären, warum schon auf mehreren Dokumenten „Sylvia Carola“ als mein voller Name eingetragen wurde. Hauptproblem ist aber, dass ich kein Ausreiseticket aus Peru habe. Nach meiner vorherigen Recherche sei ein solches zwar prinzipiell erforderlich, würde aber nur selten abgefragt. Mit der Aussage, Peru auf dem Landweg wieder zu verlassen und dem Vorzeigen meines Tickets von Argentinien nach Deutschland erhalte ich dann doch nach einer ganzen Weile meine Boardingkarte für die Maschine der ecuadorianischen Airline Tame.

Endlich wieder fliegen!

Der Service ist wunderbar: Wifi am Gate, Bandnudeln mit Hähnchen und Pfirsichtörtchen im Flieger und freundliches Personal. Ich genieße es, die Lichter von Quito und die Gipfel der Anden unter mir langsam verschwinden zu sehen und schließlich über den Wolken zwei Stunden entspannen zu können. Alternativ zum Flug hätte ich rund dreißig Stunden im Bus verbringen können, so mache ich mir wenig Gedanken um unsere runde einstündige Verspätung. In einem einfachen Hostel in Flughafennähe verbringe ich eine kurze Nacht, um früh am nächsten Morgen wieder zum Terminal der Internationalen Ankünfte zu laufen. Die Maschine von Düsseldorf bzw. Madrid ist schon eine Stunde früher gelandet als veranschlagt, sodass ich meinen Vater unmittelbar in Empfang nehmen kann. Vier Wochen „Familienurlaub“ in Südperu stehen nun also an. Ich bin mir sicher, dass das in vielerlei Hinsicht eine ganz andere Reiseerfahrung wird, aber ich freue mich darauf und bin gespannt, wie schnell ich mich umstellen kann. Vorerst keine Hostels mit jungen Backpackern, Gemeinschaftsküchen und Hochbetten, dafür aber eine dauerhafte deutsche Reisebegleitung, die ich schon mein Leben lang kenne :) Auf geht’s in ein neues Land!

2 Kommentare:

Wenn da nicht die Schrumpfköpfe wären...

20:41 Einsame Insel.de 8 Comments

Auf 2850 Metern Höhe über dem Meeresspiegel in einem Becken in den Anden liegt Quito. Die Zweimillioneneinwohnerstadt ist somit die höchste Hauptstadt der Welt. Bisher dachte ich immer, diesen Rekord hielte La Paz, ich habe aber gerade herausgefunden, dass diese Stadt nur Regierungssitz und nicht Hauptstadt von Bolivien ist (die Hauptstadt Sucre liegt auf gut 2800m).
Ich habe keine allzu großen Erwartungen an die Stadt, da alle Reisenden, die mir in den letzten Tagen im Süden Kolumbiens von Ecuador berichteten, wenig begeistert waren. Es hat wohl relativ viel geregnet und Quito sei zwar ganz nett, aber auch nichts besonderes. Ich verbringe keine zwei Stunden im Bus, bevor ich Montagsmittags die Stadt erreiche. Die Straße von der nördlichen Landesgrenze führt vorbei an saftig grünen Hängen, der Himmel ist blau und leicht bewölkt und ich meine Vorfreude auf die neue Stadt steigt – berechtigter Weise. 

Habe ich schon mal erwähnt, dass ich meinen Weitwinkel vermisse? Ja, gut, ich bin ja schon ruhig, in ein paar Tagen kommt der Ersatz. Aber in Quito hätte ich das Objektiv wirklich gut gebrauchen können.... hier der Blick auf die Basilika.

Das öffentliche Verkehrssystem in Quito ist gut ausgebaut und macht es mir leicht, mich in dem langgestreckten Tal fortzubewegen. Ich erreiche das Hostel am Rande der südlichen Altstadt und fühle mich sofort pudelwohl. Nach dem einchecken, einer Tasse Tee und einer kurzen Unterhaltung mit einem der Jungs, die hier für eine Weile arbeiten und Spanisch lernen, mache ich mich sofort auf den Weg in die Altstadt, da ich einen Bärenhunger habe. Ecuador hat insgesamt ein ganz anderes Preisniveau als Kolumbien, das habe ich schon in der letzten Stadt und an den Buspreisen gemerkt. Jetzt wird mir aber nochmal klar, wie drastisch hier teilweise die Unterschiede zwischen den Ländern sind. In einem kleinen lokalen Restaurant entscheide ich mich für eins der Tagesgerichte. Vorweg gibt es eine Suppe mit Graupen, Gemüse, Rindfleisch und Kartoffeln. Schon halb gesättigt bekomme ich einen Teller vor die Nase gestellt, auf dem mich Reis, eine Art Linseneintopf, gebratene Banane und Hähnchen anlächeln. Dazu ein Glas Saft und das ganze kostet mich – na, was darf es kosten? - zwei Dollar. Ich kann mir kaum vorstellen, dass ich für den Preis selber kochen könnte, zumindest nicht für eine Person. Es schmeckt vorzüglich und ich bin gestärkt für eine erste Runde durch die Stadt.
Ohne wirklich zu wissen, woran es liegt und was mich eigentlich so fasziniert, verliebe ich mich auf Anhieb in diese Stadt. Klar, ich kenne nur eine handvoll Straßen und bin gerade erst angekommen, aber irgendwie mag ich's. Irgendwie gefällt es mir richtig gut. Vielleicht verhält sich das mit Städten ja genau wie mit Menschen: der erste Eindruck zählt und man weiß relativ schnell, wie man zu einer Person oder zu einer Sache steht. Bisher habe ich immer Edinburgh als meine Lieblingsstadt bezeichnet, dieser hohe Rang wird der schottischen Stadt gerade strittig gemacht.
Die Wolkendecke über Quito verdichtet sich und als die ersten Regentropfen fallen, flüchte ich mich in ein uriges Café, bestelle eine heiße Schokolade und vertiefe mich in meine aktuelle Lektüre. Ja, ich glaube, hier könnte es mir eine Weile gefallen. Noch mal Spanischunterricht, ein bisschen länger an einem Ort wohnen, die Stadt und ihre Kultur kennenlernen – das würde mir jetzt gefallen. Aber leider ist nun der Zeitpunkt gekommen, zu dem ich das erste mal „einen Plan“ habe, der sich nicht mal eben ändern lässt. Übermorgen werde ich nach Lima fliegen, um die nächsten Wochen Südperu mit meinem Vater zu bereisen. Nachdem sein Ankunftsdatum irgendwann feststand, habe auch ich einen Flug gebucht und damals beschlossen, den Norden Perus vorerst auf meiner Route auszulassen, da das Land eine Nord-Süd-Ausdehnung von mehreren tausend Kilometern hat. Dass ich einen knappen Monat in Kolumbien verbringe und somit nun auch Ecuador weitestgehend auslassen muss, hatte ich im Vorfeld nicht gedacht.
Während ich also vor meinem Kakao sitze, denke ich auch darüber nach, dass ich Ecuador doch gerne besser kennenlernen würde. Dieser Gedanke zieht allerdings einen ganzen Rattenschwanz voll weiterer Schlussfolgerungen nach sich. Zum einen ist es natürlich mehr als nur ein kleiner Umweg, von Lima aus wieder nach Norden zu fahren um dann später die Reise gen Süden fortzusetzen und zum anderen ist die insgesamt angesetzte Reisezeit so oder so schon kurz für mein Vorhaben. Rückflug umbuchen? Länger bleiben? Ich habe jedenfalls wenig freien Kopf für mein Buch übrig und grübele vor mich hin. Aber die Entscheidung muss ich ja nicht heute treffen.
Zurück im „Community Hostel“ ist die Atmosphäre großartig, was nicht zuletzt an dem großen Holztisch im Gemeinschaftsbereich liegt, an dem abends je nach Laune Spanisch gelernt, am Laptop gearbeitet, gequatscht, gegessen und getrunken wird. Ich erkenne ein Pärchen aus Holland wieder – den beiden hatte ich in Santa Marta Gewürze zum Kochen gegeben, seitdem haben wir uns nicht mehr gesehen. Kein Wunder, die beiden haben gerade eine Woche Galapagos-Inseln hinter sich, so konnten wir uns natürlich nicht mehr über den Weg laufen. Mit Nico – schon wieder einem Oldenburger, hier muss irgendwo ein Nest sein – verabrede ich mich für morgen zum Besuch des Äquators.

Halb auf der Südhabkugel, halb auf der Nordhalbkugel...
Das Bussystem einer Großstadt kann noch so gut sein – wenn man die falschen Informationen bekommt, kann man sich ganz schön lange damit aufhalten, in die falsche Richtung zu fahren, mehrfach unnötiger Weise den Bus zu wechseln und sich sogar abschnittsweise zu laufen, obwohl die Gesamtfahrstrecke über 20 Kilometer lang ist. Nico und ich nehmen es zum Glück entspannt und unterhalten uns richtig gut. Interessante Menschen und interessante Geschichten sind immer wieder schön. Und über manches kann man sich eben doch am besten in seiner Muttersprache unterhalten. Nico hat gerade ein Auslandssemester in den USA gemacht, die Liebe seines Lebens getroffen und ich eigentlich nur hier, um sein Visum für Amerika zu verlängern. Aber ein bisschen durch Ecuador reisen möchte er in den nächsten zwei Wochen auch.

Schließlich erreichen wir unser erstes Ziel am „Mitad del mundo“: den „alten“ Äquator, eine vollkommen unspektakuläre gelbe Linie und ein gigantisches Monument, das Ganze umgeben von einer Reihe Souvenirshops. Nach den obligatorischen Fotos machen wir uns mit kurzem Zwischenstopp bei einer Fastfoodkette auf den Weg zum „echten“ Äquator und dem „Museode Sitio Intiñan“. Die bereits erwähnte gelbe Äquatorlinie wurde bereits in den Dreißigerjahren bestimmt, der tatsächliche Äquator liegt allerdings nach aktuellen GPS-Berechnungen 240 Meter weiter nördlich. Näher, allerdings wohl auch nicht genau an der richtigen Position schauen wir uns eine weitere im Fußboden eingelassene Linie an. Wir bekommen eine englischsprachige Führerin zugewiesen, die uns durch das kleine Museum führt und uns einige pseudo-physikalische Experimente zeigt, die sich angeblich nur hier durchführen lassen. So fließt Wasser in einem Abfluss am Äquator angeblich gerade nach unten ab, auf der Nordhalbkugel im und auf der Südhalbkugel entgegen dem Uhrzeigersinn in einem Strudel. Coriolis hin oder her, selbst wenn wir uns tatsächlich im Äquator befänden, würde eine Distanz von zwei Metern wohl kaum ausreichen, um den Effekt wahrzunehmen. Wie genau hier welche „Tricks“ funktionieren, wissen wir zwar nicht, aber wir spiele die Spielchen alle mit.

Wer mir jetzt anhand der Schatten sagen kann, zu welcher Uhrzeit ich die Bilder aufgenommen habe, bekommt ein Eis ausgegeben :)

Nico und ich lassen ein rohes Ei auf einem Nagelkopf balancieren und bekommen dafür sogar ein Zertifikat – mit Stempel und Unterschrift – das wird nun als „besondere Fähigkeit“ in unseren Lebenslauf für die nächste Bewerbung aufnehmen werden. Tatsächlich spannend sind allerdings die Informationen, die wir über einheimische Völker Ecuadors bekommen. Wir wissen jetzt wie man einen Schrumpfkopf herstellt (Opfer köpfen, Schädel aus dem Kopf herausnehmen und das übrige Gewebe-Haut-Material eine gute halbe Stunde einkochen). So ein Schrumpfkopf hat dann hinterher wohl die Größe der Faust des Menschen und kann wunderbar als Trophäe in Form einer Kette um den Hals getragen werden. Auch wenn wir den Vorgang relativ detailliert erklärt bekommen, bekommen wir über dieses neu erlernte Wissen keinen schriftlichen Nachweis. Schade, wer weiß, wozu das Herstellen von Schrumpfköpfen mal gut ist (tut mir leid, ich habe gerade meine zynischen fünf Minuten).

Dieses Foto beweist nicht, dass ich das Ei zum stehen gebracht habe, aber dafür habe ich ja das wunderbare Zertifikat. Oder liegt das etwa im Papierkorb im Hostel in Quito...? *hust*

Schön ist auch die Vorstellung, dass – angeblich noch vor einigen Jahrhunderten – Männer bei ihrem Tod ihren gesamten Besitz mit ins Grab genommen haben. Ja, den gesamten Besitz, und dazu gehörte auch die Frau. Wenn die noch quicklebendig war, musste sie eben auch sterben. Das tat sie natürlich gerne, so erzählt man uns. Der Tod wurde ihr leicht gemacht, indem sie durch das Extrakt einer Kaktuspflanze betäubt wurde, bevor sie lebendig begraben wurde. Wunderbar...
Das war ja schon mal eine spannende Einführung in die lokale Kultur. Ich hoffe, dass diese Praktiken heute nicht mehr durchgeführt werden, aber das mit den menschlichen Jagdtrophäen scheint noch nicht der Vergangenheit anzugehören. Ganz ehrlich? Das finde ich ja schon ein bisschen gruselig... 
 
"Heimweg" zu Fuß

Auf dem Rückweg nehmen wir übrigens nur den einen Bus, der den Großteil der Strecke in die Innenstadt zurücklegt und laufen die letzten Kilometer. So lernen wir auch die Neustadt ein wenig kennen und sind müde genug, um uns nicht mehr mit Aktivitäten für de Abend beschäftigen zu müssen und zumindest ich für meinen Teil falle mal verhältnismäßig früh ins Bett.
 

8 Kommentare:

Trampolin des Todes und eine ungeplante Nachtwanderung

05:19 Einsame Insel.de 2 Comments

„Trampolin de la muerte“ wird die Straße von Mocoa nach Pasto liebevoll genannt. Hätte ich vorher gelesen, was mich hier im abgelegenen Süden Kolumbiens erwartet, wäre ich möglicherweise gar nicht erst nach San Agustin gefahren. Die gut ausgebaute Panamericana hätte ich nur über einen stundenlangen Umweg gen Norden wieder erreicht. Klar, würde ich tatsächlich mein Leben in Gefahr sehen, müsste ich einen Tag mehr im Bus wohl in Kauf nehmen. Bewusst schaue ich mir - schon seit einigen Wochen – nicht mehr die Internetseiten des auswärtigen Amtes an. Deren Einschätzung kann einem doch ganz schön die Reiselaune verderben.

Grafiti in Otavalo, Ecuador (stümperhaft zusammensetztes Foto, daher ein paar Fehler in der Grafik)

Meinen Besuch in Macao hatte ich mir vorher auch etwas anders vorgestellt. Anrufversuche im einzigen Hostel von San Agustin aus blieben erfolglos und so weiß ich nicht mal, ob ich am Ziel meiner Wahl überhaupt ein Bett bekomme. Meine Markierung auf der Karte von Mocoa stellt sich relativ schnell als vollkommen falsch positioniert heraus. Auch google.maps hat eben nicht immer Recht. Es ist schon eine Weile dunkel und ich stelle erst jetzt fest, dass das wohl der richtige Abend für ein Taxi gewesen wäre. Nun ist es allerdings zu spät, umkehren lohnt doch auf keinen Fall. Je weiter ich mich vom Busbahnhof entferne, desto weniger beleuchtet sind die Straßen. Ich frage mehrfach nach dem Weg, bin heilfroh um die Visitenkarte im meiner Hand, aber zweifel ihrer mehr die Wegbeschreibungen an. Mehrfach sagt man mir, es sei nicht weit, noch einen Kilometer vielleicht. Der nächste spricht von fünf Minuten, der nächste von zwanzig. Aber es sei ganz sicher ab dieser Straße, die nur eben leider nicht beleuchtet ist. Bis zur nächsten Brücke muss ich mal noch. Klingt logisch, auf meiner Karte ist ein weiterer Fluss zu sehen uns das Hostel heißt schließlich “Casa del Rio “. Im tiefen Gras neben mir ertönt ein Chor aus Froschstimmen, man hat fast den Eindruck es sei immer nur ein Frosch, der quakt, mit einem endlosen Echo. Zwischen den Palmen und Bananenpflanzen glüht etwas auf, das mich kurz aufschrecken lässt, bis ich feststelle, dass ich auf beiden Seiten der Straße überall Glühwürmchen entdecken kann. Ich bin ganz hin- und hergerissen, ob ich meine nächtliche Wanderung genießen kann oder mich eigentlich besser fürchten sollte. Heute hat ausnahmsweise auch noch niemand zu mit gesagt, dass es hier sehr gefährlich sei. Die Südkolumbianer scheinen da irgendwie entspannter zu sein als ihre Landsleute aus dem Norden. Ich höre das Klappern von Hufen auf Asphalt und erhoffe mir eine weitere Gelegenheit mir bestätigen zu lassen, dass ich auf dem rechten Weg bin. Erst als das Geräusch ganz nah ist, stelle ich fest, dass das Tier alleine unterwegs ist. Nach einer gefühlten Ewigkeit, die wahrscheinlich weniger als eine Stunde lang war, erreiche ich endlich das Haus an Fluss. Ein Bett im Dormitory gibt es nicht mehr, dafür zahle ich aber etwas weniger als den Normalpreis für ein Einzelzimmer. Ich bin froh, dass ich noch ein paar Nudeln im Gepäck habe und nicht nochmal raus muss.

Auf dem Weg Richtung Ecuador: Ein harmloser Abschnitt des "Trampolin de la muerte" - Endlich mal eine Aufweitung der Straße, an der wir überholen können. Am besten gefallen mir die Stellen, an denen fehlende Leitplanke durch gelbes Flatterband ersetzt wurde.

Im Vorfeld war mir nicht bewusst, dass dieser Ort schon als das Tor zum Amazonas bezeichnet wird. Bisher haben alle immer davon gesprochen, dass man fliegen müsse, wenn man in Kolumbien in die Amazonasregion wolle. Eine informations- und Fotosammlung im Hostel verrät, dass die Natur um Mocoa viel zu bieten hat: Man kann im Fluss schwimmen gehen, in einer kristallklaren Lagune baden, mehrere Wasserfälle besuchen oder einfach bei ausgedehnten Wanderungen Flora und Fauna bestaunen. Mir ist klar, dass ich hier nicht viel Zeit habe, trotzdem nehme ich mir vor, einen Tag ausgiebig zu nutzen, bevor ich mich auf den Weg Richtung Quito mache.
Zum ersten Mal macht mir das Wetter ernsthaft einen Strich durch die Rechnung. Ich bleibe relativ lange im Bett liegen, weil ich keine Lust habe, eine Tageswanderung bei strömendem Regen zu beginnen. Als es selbst nach einem langen Frühstück immer noch nicht aufgehört hat, entschließe ich mich für die Weiterfahrt. Einen Tag untätig herumsitzen möchte ich heute auf keinen Fall. Klar kann ich mich noch mit der Überarbeitung meiner Texte und dem Bearbeiten meiner Fotos beschäftigen, aber das kann auch noch warten, bis ich in der nächsten Stadt bin, in der ich ohnehin wahrscheinlich an den Abenden wenig zu tun haben werde.
Sonderlich begeistert von der Beschreibung der Straße nach Pasto bin ich nicht. Schotter, einspurig, steile schlecht gesicherte Abhänge, keine 150 Kilometer Distanz und trotzdem sechs bis zehn Stunden Fahrtzeit? Das kann ja heiter werden...

Landschaft im Norden Ecuadors, aus dem fahrenden Bus fotografiert.
Nach meiner nächtlichen Erfahrung möchte ich die Strecke zum Busterminal nicht noch einmal laufen. Die Sammeltaxis Richtung Busbahnhof halten allerdings allesamt nicht an, da sie bereits zu voll sind, um eine Touristin mit Rucksack unterzubekommen. Also bleiben doch nur meine Beine. Schon nach wenigen Minuten hält allerdings ein freundlicher Kolumbianer mit seinem Sohn, der noch ein bisschen Platz in seinem PickUp hat. Mal wieder werde ich ausgefragt, was denn meine Mutter davon halten würde, dass ich alleine hier rumreise, wo denn mein Ehemann, oder wenigstens mein Freund sei und ob ich in Deutschland nicht schon Kinder habe.
Unser Fahrer auf der „todesgefährlichen“ Strecke macht auf Anhieb einen kompetenten Eindruck und meine Sorgen halten sich in Grenzen. Als er auf den ersten Kilometern sogar anhält, als sein Telefon klingelt – das habe ich noch bei keinem Busfahrer erlebt – bin ich mir sicher, dass er den Van ohne Zwischenfälle nach Pasto befördern wird. Die Straße entspricht genau den zuvor gelesenen Beschreibungen. Wir müssen glücklicherweise nur einmal eine längere Strecke rückwärts fahren, um Gegenverkehr durchzulassen. Acht mal kreuzen wir Bäche bzw. Wasserfälle, einmal kommt uns ein Motorradfahrer entgegen, der seine Maschine nicht unter Kontrolle behalten kann und sie samt Gepäck in das fünfzig Zentimeter tiefe Wasser legt. Jetzt wird auch klar, warum er große Müllsäcke um seine Füße und bis über die Knie gebunden hat. Ein paar mal hört man bei einer scharfen Bremsung unsere Reifen auf dem steinigen Untergrund rutschen, aber insgesamt verläuft die Fahrt ohne wirklich kritische Zwischenfälle. Die bisher gefährlichste Verkehrssituation habe ich wohl vor zwei Tagen in San Agustín erlebt, als unser Fahrer mit dem altersschwachen Jeep versuchte, in einer Rechtskurve in einer starken Hanglage zu überholen. Das hat er zwar geschafft, allerdings mit gefühlten zwanzig Zentimetern Abstand zwischen unserem Fahrzeug und einem entgegenkommenden Lastwagen.
Es soll möglich sein, die Strecke von Mocoa nach Quito an einem Tag zurückzulegen, was ich mir glücklicherweise nicht vorgenommen habe. Ich freue mich auf eine Nacht im eigenen Zimmer in dem gemütlichen Städtchen Pasto. Vernünftiges Abendessen, ein gut sortierter Supermarkt und schließlich eine Internetverbindung, die das Skypen vom Zimmer aus ermöglicht – fast wie zuhause. Genau diese Abende sind es dann, die es vollkommen erträglich machen, mehrere Tage hintereinander im Bus zu sitzen. Ich glaube, dass relativ wenige Menschen eine Strecke wie die der letzten Tage in so vielen Abschnitten fahren, aber dann jeweils nur eine Nacht in den jeweiligen Orten bleiben. Man mag argumentieren, dass ich die Orte nicht richtig kennenlerne und die Tage gleichzeitig nicht „effizient“ nutze, um eine möglichst große Strecke zurückzulegen. Mir allerdings gefällt es gerade genau so und ich finde es schön, von vielen kleineren Städten einen kleinen Eindruck zu bekommen. Wo es mir richtig gut gefällt, bleibe ich eben länger.
Als ich am Morgen mein kleines antikes Hotel verlasse, treffe ich Liz aus Australien, mit der ich mich auf den Weg zur Busstation mache. Sie ist ganz überrascht von der Idee, mit dem Bus zum Terminal zu fahren. Bisher kamen für sie offenbar nur Taxis in Frage. Wenn die Busse nicht überfüllt sich, finde ich es oft sehr angenehm, dass man einfach den Rucksack auf dem Rücken lassen und ohne viel hin und her ein paar Minuten später wieder aussteigen kann.

Spezialität im Süden Kolumbiens: Gegrillte Meerschweinchen

Vor der Grenze zu Ecuador haben wir noch eine architektonische Attraktion eingeplant. Wir lassen das Gepäck am Busbahnhof von Ipiales und fahren mit einem Sammeltaxi die sieben Kilometer zum „Santuario de las Lajas“. Es ist Sonntag, die Ecuadorianer scheinen mindestens genauso religiös zu sein wie die Menschen in Mittelamerika und die ohnehin schon gut besuchte Kirche ist vollkommen überlaufen. Schon der Weg dorthin ist eine kleine Attraktion: Wir gehen steil bergab, die Straße ist von allerlei Verkaufsständen und Läden flankiert. Maiskolben, Hähnchenschenkel, Backwaren, Frittiertes, Süßigkeiten und eine Menge religiöse Artikel werden verkauft. Und wer keine Kerze oder ein Jesusabbild braucht, kann es ja mal mit einem gegrillten Meerschweinchen versuchen. Die Tiere sind im Ganzen (ohne Haar natürlich) auf lange Metallstäbe gespießt und werden meist über offenem Feuer manuell gedreht, um allseitig die gleiche knusprige Bräune zu erhalten. Zum Probieren komme ich nicht mehr, aber dieses Fleisch scheint in Südamerika vielerorts angeboten zu werden, sodass sich die Gelegenheit bestimmt noch einmal bietet. Weiße bunt geschmückte Lamas stehen am Wegesrand, vermutlich können sie auf ihrem zierlichen Rücken Kleinkinder durch die Gegend tragen. Vielleicht stehen sie auch einfach für Erinnerungsfotos bereit, aber heute scheint die Kundschaft auszubleiben.

Die beiden scheinen ein wenig nervös zu sein und bewegen sich ein wenig zu schnell - oder ich bin einfach zu langsam mit der Kamera an diesem Sonntagmorgen.

Unzählige Kerzen brennen in den Felsspalten in der Umgebung der Kirche
Das vollkommen überfüllte "Santuario de las Lajas"

Die Besuchermassen – vermutlich zu 99% Kolumbianer – strömen in das Tal, in dem die prachtvolle Kirche zwischen 1916 und 1949 erbaut wurde. Ihre Lage ist extravagant: erbaut am Felshang, schwebend auf einer Brücke über einen weit darunter liegenden Bachlauf. Die logistische Herausforderung während der Planungs- und Bauzeit muss gigantisch gewesen sein. Ich bin ernsthaft beeindruckt von der Leistung, trete aber mit Liz zusammen relativ schnell den Rückzug an, weil das gesamte Tal vollkommen überlaufen ist.
Der Grenzübergang nach Ecuador läuft problemlos, wobei ich mal wieder erstaunt bin, dass hier viele Backpacker ohne jegliche Spanischkenntnisse unterwegs sind. Begrüßung, Dank und vielleicht die Frage, ob er Gegenüber Englisch spricht wären durchaus hilfreich. Wenn die Leute merken, dass ich ein bisschen mehr als das verstehe und mehr oder weniger eine Konversation führen kann, tauen sie meistens sehr schnell auf und fangen selbst beim Stempeln meines Passes eine kleine Unterhaltung an. Schön, dass sich der Grenzbeamte freut, dass mir Kolumbien gefallen hat!
Als wir Otavalo, eine Kleinstadt rund zwei Stunden nördlich von der Landeshauptstadt, erreichen, ist der Tag schon wieder fast rum. Es wird dringend davon abgeraten, in der Dunkelheit in Quito anzukommen, sodass ich es vorziehe, heute Abend noch mit Liz essen zu gehen und eine Nacht hier zu verbringen. Für knapp fünf Dollar gibt es eine Riesenportion frisches Gemüse mit Hähnchen und gebratenem Reis in einem der chinesischen Restaurants, die hier „Chifas“ heißen. Die Stadt scheint ein wenig ausgestorben, die meisten Restaurants und Läden sind sonntags geschlossen. Ein zentraler Markt, dessen Warensortiment offenbar überwiegend auf die Bedürfnisse von Touristen ausgelegt ist, wird gerade abgebaut. Einige Stände bieten noch ihre Schmuckstücke, Wollpullover, Decken und andere Textilwaren an. Und – was ich seit Guatemala kaum noch auf Märkten entdeckt habe – wunderschöne Hängematten! Nachdem ich an meinem letzten Tag in Guatemala beschlossen hatte, eine Hängematte – wenn es denn sein müsste – für den Rest meiner Reise rumzuschleppen, habe ich keine mehr bekommen, die meinen Ansprüchen genügte.


Textilwaren auf dem Markt von Otavalo, Ecuador
Nun stehe ich also vor diesen wunderschönen Webstoffen und kann mich einfach nicht losreißen. Immerhin werde ich bald meinen Papa treffen, der in gut einem Monat wieder nach Deutschland zurückfliegt und bestimmt noch ein bisschen Freigepäck hat. Hängematten gehören besonders in Mittelamerika irgendwie zum „Lifestyle“ - ein Hostel ohne Hängematten ist kein richtiges Hostel. Fest steht, dass in meiner nächsten Wohnung Platz sein muss für eine solche „Oase der Entspannung“ - den besten Ort zum Lesen, entspannen, ausruhen...
Ich entscheide mich für ein Exemplar in verschiedenen Blautönen, das ich nach ein wenig Verhandlung für 18 Dollar erstehe – den Betrag, den ich gerade bei mir habe. Gegenstand Nummer vier, den ich in den letzten vier Monaten gekauft habe – mal abgesehen von allem, was entweder verbraucht oder direkt verzehrt wird. Ein Teil pro Monat ist wohl akzeptabel, oder? Ich mache mir dieser Tage sowieso viel zu viele Gedanken darüber, was ich alles loswerden möchte, wenn ich wieder zurück zuhause bin. Klar, ich habe meine Möbel verkauft und gründlich ausgemistet, aber trotzdem wird mir von Tag zu Tag mehr bewusst, wie wenig „Besitz“ ich eigentlich brauche. An manchen Tagen bekomme ich einen großen „Rappel“ und würde am liebsten sofort „nach Hause“ fliegen und einen riesigen Trödelmarktstand beziehen um 90% des Inhalts der Kartons loszuwerden, die derzeit in Keller und Garage meines Vaters lagern.

Ergebnis meiner Rucksack-Ausmistaktion, die lange überfällig war.

Zurück in meinem Einzelzimmer mit zwei Betten (das kann ganz schön praktisch sein zum Rucksack aufräumen) kommt wieder der Gedanke auf, wie ich mein Reisegepäck verringern kann. Ich habe mal die Faustregel gelesen, dass man alles, was man nicht wenigstens einmal die Woche nutzt, abstoßen sollte. Nach dieser Regel werde ich also nun mein komplettes Gepäck durchgehen – und zwar alles, bis zum kleinsten Fetzen Papier. Es ist erstaunlich, wie viel ich aussortieren kann, obwohl ich schon vorher der Meinung war, keinen unnötigen Ballast mit mir herumzutragen. Ich packe eine Deutschlandtüte und zu der Hängematte gesellen sich Moskitonetz, Schnorchel und Maske, Kamerastativ, leerer Kulturbeutel (ein Gefrierbeutel tut es auch), Trekkingsandalen (Flussquerungen müssen auch barfuß gehen), ein paar Papiere und schätzungsweise ein halbes Pfund Münzen aus allen möglichen Ländern, die ich vor den jeweiligen Grenzübergängen nicht mehr losgeworden bin. Der Mülleimer ist voll mit alten Quittungen, Notizzetteln, Eintrittskarten, Spanischübungen und alten Bustickets. Ich stelle fest, dass mein einziger Pullover fehlt, aber so durchlöchert, wie der mittlerweile war, tut es mir nicht leid drum.
Ausmisten befreit! Dank der Hängematte wird der Rucksack zwar (noch) nicht leichter, aber ich habe mal einen Überblick bekommen und freue mich, wenn ich in einem Monat ein wenig leichter reisen kann. Wenn ich dann von den Leuten höre, die mit einem 36-Liter-Rucksack reisen (meiner fasst maximal 58 Liter), bin ich ganz neidisch. Mit Spiegelreflexkamera und Zubehör wird es mir wohl schwer fallen, auf so ein geringes Volumen zu kommen, aber ich versuche, mich weiter einzuschränken.
Glücklich, ausgeschlafen und voller Vorfreude mache ich mich am nächsten Morgen auf den Weg nach Quito. Die Fahrt verläuft schnell und problemlos und ich habe direkt das Gefühl, dass diese Stadt das Potential hat, zu meiner neuen Lieblingsstadt zu werden.

2 Kommentare: