Fliegende Fische, Delfine und 36 Stunden auf hoher See
Dieser Beitrag ist eine Fortsetzung,
hier geht es zu Teil 1!
Ich bin lange vor den anderen wach, der Kapitän schnarcht noch immer im „Gemeinschaftsraum“ und hat es diese Nacht wohl nicht in die Koje geschafft. Da normalerweise bis zu zwölf Gäste auf diese Tour mitgenommen werden und wir nur zu neunt sind, liegt es vermutlich eher am vorabendlichen Rumkonsum als an Platzmangel. Wissen tue ich es aber nicht. Ich schnappe mir Maske und Schnorchel und schwimme zur Insel, genieße den Schatten der Palmen, der auf dem Boot nicht zu finden ist. Die Sonne ist schon vor acht Uhr ziemlich intensiv, besonders für die Haut einer weißen Europäerin. Wo ich gerade meinen Arm neben meinem Bauch sehe muss ich mich jedoch korrigieren zu dunkelweiß. Zum Frühstück gibt es getoastetes Brot, Erdnussbutter, Käse, Marmelade, Rührei und Ananas. Israel und Jonathan sind eine Weile mit Flickarbeiten am Segel, das wir bisher noch gar nicht benutzt haben, beschäftigt. Ich lese stundenlang und bin enttäuscht, als ich meinen neu erstandenen Roman einer alten Schulkameradin ausgelesen habe. Enttäuscht, weil ich auf der letzten Seite angekommen bin und gerne noch länger von dem Buch gehabt hätte (Off Topic / Buchempfehlung: Lena Wilde:
Weiter im aufrechten Gang).
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| Ein Paradies zum Fotografieren. Aber so viel mehr gibt es auf den winzigen Eilanden hier nicht zu tun. |
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| Überraschungsbesuch dieses schönen Lebewesens mit seinem Jungen (das aber immer ein bisschen später auftaucht) |
Highlight des Vormittags ist eine kurze Begegnung mit zwei eleganten Lebewesen. Eine Delphinmutter schwimmt mit ihrem jungen dicht an unserem Boot vorbei – oder springt, wie auch immer man die Bewegung bezeichnet. Wunderschön anzusehen! Bevor wir ablegen fahren wir mit dem kleinen Beiboot zu viert auf die Insel Chichime um Sprit zu kaufen und Fotos zu machen. Mit Kamera könnte ich mich hier durchaus einen Tag aufhalten.
Auf einer weiteren Insel wollte unsere Crew eigentlich für Meerestiere sorgen, die wir zum Mittagessen verspeisen würden, war jedoch nicht erfolgreich beim Einkauf. Aber der Supermarkt hat offenbar auch einen Lieferservice. Drei junge dunkel gebräunte Männer sitzen in einem einfachen, schmalen Holzboot in Begleitung von einem knappen Dutzend Hummer und Krebsen, die sie eigenhändig bzw. mit Hilfe eine angespitzten Holzstabes vom Meeresboden gesammelt haben. Jonathan erklärt mir, dass einige der „Fischer“ bis zu fünfzehn oder zwanzig Meter tief tauchen können, ausgestattet nur mit Flossen. Nach einigen Preisverhandlungen wandern die Tiere auf unseren Katamaran – das Abendessen ist gesichert. Kartoffeln mit Curry und Würstchen mit Champignons zum Mittag gehen jetzt schneller um unsere hungrigen Mägen zu füllen – auch wenn die Mischung etwas eigensinnig ist. Ausnahmsweise sind mal keine Vegetarier an Board, das macht das ganze ein bisschen einfacher. Der Tag geht erschreckend schnell um und kurz nachdem wir vor einer offenbar komplett unbewohnten Insel geankert haben, geht hinter den Palmen schon die Sonne unter. Ich nutze die verbleibende Zeit noch für eine kleine Schwimmrunde bevor wir in Dunkelheit eingehüllt werden. Der Wind frischt auf und der Mond versteckt sich hinter Wolken.
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| Abendessen Einkaufen - "Wir nehmen alles!" |
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| Qualitätskontrolle durch Kapitän Israel |
Jonathan zeigt mir, wie man einen gekochten Hummer öffnet. Bei ihm sieht das alles ziemlich einfach aus, ich brauche für das zweite Tier wahrscheinlich doppelt so viel Zeit. Der Körper wird zunächst in zwei Teile zerbrochen bzw. abgedreht. Die beiden Teile werden im Meerwasser ausgewaschen bevor der Schwanz der Länge nach zweigeteilt wird, das heißt man schneidet durch den kompletten Panzer mit einem selbstverständlich nicht wirklich scharfen Messer. Nach mehrmaligem Abrutschen knackt dann endlich die Schale und ich kann die beiden Teile auswaschen. Insgesamt eine sehr interessante Geräuschkulisse. Die Teile werden so wie sie sind dann noch einmal mit Butter und Knoblauch in die Pfanne geworfen. Serviert werden unsere Meerestier mit Reis und Salat. Der Hummer schmeckt sehr neutral, fast wie Hühnchen, das Krebsfleisch ist mir schon zu fischig. Und außerdem kostet es richtig Mühe an das Fleisch zu kommen: Beine „ausreißen“, durchbrechen und mit einer Metallkurbel (das richtige Werkzeug fehlt) kräftig auf den Panzer hauen, bis dieser bricht. Die Jungs versuchen sich abends noch am Fischen, aber als der richtig Dicke Fang zugebissen hat, reißt die Leine. Das Equipment besteht sowieso nur aus Schnur und Haken, eine richtige Angel fehlt.
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| Lebensgrundlage auf den San Blas Inseln: die Fischerei. Jetzt müssen wir das Tierchen nur noch kochen und aufbekommen! |
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| Zunächst bin ich noch etwas skeptisch - aber hier kommt man wohl kaum drum herum, Meerestiere zu essen. |
Tag drei – und schon wieder bin ich als erste wach. Ich frage mich ob ich einfach weniger Schlaf brauche als andere Menschen oder ob es daran liegt, dass meine Luke am Morgen als erste von der Sonne beschienen wird. Später erfahre ich von den anderen, dass wohl die Seekrankheitspillen, auf die ich bisher verzichtet habe, ausgesprochen müde machen. Wie dem auch sei, ich beginne den Tag mit einem Sprung ins kühle Nass und schwimme die zwanzig Meter zur nahen Insel. Ganz beeindruckt bin ich von drei Pelikanen, die einen perfekten Synchronflug vollziehen. Sie gleiten – die meiste Zeit ohne einen einzigen Flügelschlag – über dem Strand an den Wipfeln der Palmen entlang und halten möglicherweise nach ihrem Frühstück Ausschau. Selbst die Köpfe haben sie alle immer in die gleiche Richtung gedreht.
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| Pelikan(sturz)flug in sechs Bildern |
Nach dem Frühstück werden wieder die Segel gesetzt – allerdings nur im sprichwörtlichen Sinne – wir bewegen uns mit Motor fort und halten wenig später an einer kleinen Insel, an der unser Kapitän gerne schon die Nacht verbracht hätte, aber aufgrund der vielen Korallen Probleme hatte, an einer geeigneten Stelle zu ankern. Nun bleiben wir hier für ein paar Stunden zum schnorcheln und Genießen. Denn schon am späten Nachmittag werden wir unsere Überfahrt beginnen und den Katamaran nicht mehr verlassen können. Die Insel hat den Namen Ogopuqi, wenn ich Israel richtig verstanden habe. Auch an unserem dritten Tag werden wir von Sonne verwöhnt und sind ständig damit beschäftigt, einen Schattenplatz zu finden und Sonnencreme neu aufzutragen. Herrliche Probleme! Ich lerne das ein oder andere Kartenspiel neu kennen, lese und staune nicht schlecht, als neben mir ein riesiger Rochen aus dem Wasser springt um dann mit einem riesigen Bauchplatscher wieder unterzutauchen. Die anderen drehen sich nur um und wundern sich über das Geräusch. Ich habe mal gehört, dass man noch nicht erforscht habe, warum diese Tiere das tun und wir diskutieren wild, ob sie sich einfach die Gegend ansehen od
er unser Segelschiff ausspionieren wollen.
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| Seestern - es lässt sich erahnen, wie klar das Wasser ist! |
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| Abwechslungsreiches Inselleben - naja, zumindest für einen Tag, oder zwei... |
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| Sind das nicht grandiose Farben? |
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| Jonathan, unser erster Mann an Board! |
Nach einer letzten vollwertigen Mahlzeit, einer Dusche (sprich einem Kanister Süßwasser über den Kopf schütten) und einem ersten gefangenen Fisch starten wir unsere Reise gen Osten. Für die, die es genau wissen wollen: wir bewegen uns auf einer Lagoon 410 S2 (Baujahr 2005). Unser Kapitän rechnet mit 48 Stunden auf See, wir würden also am Heiligabend spät Cartagena erreichen Ich schlafe schon früh, da ich so wenig Gelegenheit habe, seekrank zu werden. Es ist windig, aber trotzdem warm und ich schlafe wenig. Meine „Hundehütte" bleibt diese Nacht leer, glücklicherweise kann ich auf der „Couch“ im Gemeinschaftsraum schlafen, wo es weniger schaukelt und wenigstens ein bisschen Wind durchgeht. Hat auch seine Nachteile, wie sich später herausstellt. Diego fängt am Morgen eine riesige Dorade, mein Tag besteht weitestgehend aus vor-mich-hin-dösen, weil ich bei jedem Aufstehen feststelle, dass ich weniger seefest bin als ich dachte. Na ja, gut, zugegeben, nach einem kurzen Katamaran-Ausflug Silvester 2004 weiß ich eigentlich, dass mein Magen nicht der stärkste ist. Aber das ist ja auch schon fast ein Jahrzehnt her. Ich überstehe den Tag und die darauffolgende Nacht jedenfalls ohne nach Jörg zu rufen und bin ganz erfreut, als ich um vier Uhr früh geweckt werde um die Einfahrt in den Hafen von Cartagena mitzuerleben. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen und die Skyline der Stadt bietet ein schönes Lichterspiel. Hier stelle ich leider dann auch fest, dass eins meiner Objektive (nebst quasi allem anderen was in der Nacht in meiner Kabine lag) einen Wasserschaden hat. Hätte ich natürlich früher gemerkt, wenn ich dort geschlafen hätte. Die Luke ist wohl doch nicht so dicht, wie es hieß. Alle empfindlichen Gerätschaften sollten wir hier aufbewahren, angeblich sei das der sicherste / wasserdichteste Ort. Mein mp3-Player musste auch dran glauben. Ausgesprochen ärgerlich. Ich bin gespannt, ob meine Kameraversicherung den Schaden übernimmt. So oder so heißt es jetzt erst mal: neue Herausforderung. Von nun an muss ich mit meiner 50mm-Festbrennweite auskommen. Das ist weder ein Weitwinkel- noch ein Teleobjektiv. Irgendwas dazwischen. Dann gibt es ab jetzt eben kolumbianische Portraits und Details. Keine Landschaftspanoramas (höchstens zusammengesetzte) und keine Gebäudeaufnahmen, schon gar keine Innenräume. Nun ja. Muss ich mich erst mal dran gewöhnen – kein schönes Weihnachtsgeschenk. |
| Arbeiten im Paradies |
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| Nichtstun im Paradies |
Wir fahren in den Yachthafen ein, frühstücken gemeinsam und ich mache mich mit meinem nassen Gepäck auf die Suche nach einem Hostel. Für einige Stunden fühle ich mich nicht so ganz wohl: Immer wenn ich still stehe, scheint alles um mich herum zu schaukeln. Dass die Nachwirkungen der Überfahrt noch so lange auf mich einwirken, hätte ich nicht gedacht. Nach einigen Verzögerungen bekomme ich am frühen Abend auch endlich meinen Pass wieder – Ausreise aus Panama am 20. Dezember und Einreise in Kolumbien am 24. Dezember. Vier Tage im Niemandsland. Aber es waren schöne vier Tage und ich kann die Tour jedem empfehlen – mit einer Einschränkung: Packt alle eure Sachen in Plastiktüten, egal was der Kapitän sagt. Frohe Weihnachten! Feliz Navidad! |
| Navigationssoftware |
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| Kapitän Israel in Action - ohne Zigarette geht es nicht |
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| Dave raucht für's Foto lieber sein letztes Stück Zigarre! |
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| Pierre aus Frankreich |
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| Endlich in Kolumbien! Die Sonne geht gleich auf! |
Heute bin ich also auf einem neuen Kontinent angekommen: Südamerika! Halbzeit meiner Reise - und ich habe irgendwie das Gefühl, schon so viel erlebt zu haben, dass ich mir gar nicht ausmalen kann, was noch kommen mag! Langweilig wurde es bisher allerdings nie und ich freue mich auf den zweiten Teil meines kleinen Abenteuers!
Unglaublich schön! Kann allerdings nachvollziehen, dass man es bei "wenig" zu tun auch nicht mehr als ne Woche auf einem Schiff aushalten kann. Aber wenn man schonmal in der Nähe ist und an so einer schönen Weihnachtstour teilnehmen kann! Der Objekttivverlust ist in der tat ärgerlich, denke du kannst mit der Versicherung reden. Aber deine "Bildgewalt" wird dadurch glaub ich nur wenig eingeschränkt ;-). Manchmal ist Beschränkung genau der Weg zu den wirklich kreativen Ideen, wurde mir im Vorfeld gesagt... :-). Viel Erfolg bei der Silvester Planung!
AntwortenLöschenMeine Liebe, es wird doch hoffentlich einen Ort geben, wo du dir ein neues Objektiv kaufen kannst...
AntwortenLöschenMutti hat eh noch kein Weihnachtsgeschenk. Im Übrigen schließe ich mich Thomas' Ansicht an. Mir jedenfalls gefallen alle Bilder. In meinen Augen "perfekt". Das schönste Weihnachtsgeschenk ist doch die Begegnung mit dem Delfin, oder?
Das ist ja nicht irgendein Objektiv und ich möchte kein halbes Vermögen dafür ausgeben, wenn ich es möglicherweise noch reparieren lassen kann. Morgen haben die Geschäfte normal auf und ich werde mich mal umhören.
LöschenUngewohnt, dass du von dir in der dritten Person sprichst :) ..aber Weihnachten ist doch auch schon vorbei dieses Jahr! Delfine sind ganz putzig, aber ich habe sie ja auch nicht zum ersten Mal in freier Wildbahn gesehen - fand den springenden Rochen glaube ich beeindruckender!
Tollig. Lennart mag das (um in der dritten Person zu bleiben). Und deine Haare auf dem Hummerbild mag er auch. Lockig flockig!
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