Little Corn Island - Ein kleines Paradies in der Karibik?
Die orangerote Sonne ist gerade unterhalb einer graublauen verschwommenen Linie verschwunden. Seit zwei Tagen bin ich jetzt unterwegs, habe eine Nacht im Bus und eine auf einem großen Frachtschiff verbracht. Das Ziel ist greifbar nah. Ich genieße den Fahrtwind auf dem Schnellboot, das jeden Moment im Hafen der Little Corn Island anlegen wird. Das Licht der Dämmerung reicht gerade noch, um sich einen groben Überblick über die Insel zu verschaffen, aber um eine Unterkunft auf der gegenüberliegenden Osttseite zu suchen, müssen wir die Taschenlampen rausholen. Mittlerweile sind wir zu dritt unterwegs – Sabine, Sandra und Sylvia – drei deutsche Mädels allein auf Reisen. Wir entscheiden uns für eine Holzhütte am Strand, am „Cool Spot“, in der wir nur eine Nacht verbringen. Zwar gibt es hier wunderschöne Kokospalmen, einen schmalen Sandstrand und eine angenehme Brise vom Meer her, aber die Unterkunft ist für den niedrigen Standard überteuert (Holzhütte, durchgelegene Betten und ein Bad, das den Namen nicht verdient und nicht mal gereinigt wurde). Wir ziehen am nächsten Morgen zurück auf die Westseite der Insek: hier ist es zwar Windstill, aber immerhin gibt es in einem viel günstigeren Zimmer (Lobster Inn) einige Stunden Strom, einen Ventilator, ein richtiges Bad (mit Keramikwaschbecken, Fliesen und noch unbenutzter Seife!) und statt Holzbeplankter Baumstämme gemauerte und verputzte Wände. Welch ein Luxus!
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| Man muss ein bisschen laufen, bis man die schönsten Strände der Little Corn Island erreicht - es sei denn, man zahlt einen dreistelligen Betrag für die Unterkunft und reist direkt mit dem Boot zum Hotel am "Otto Beach" an. |
Ich erkundige mich über die Tauchmöglichkeiten auf der Insel. Es gibt zwei oder drei Anbieter, ich entscheide mich für "Dolphin Dive" und bin überrascht, dass ich einen Instructor für mich alleine habe. Vier Personen machen einen Advanced Kurs (den habe ich damals schon in Thailand gemacht) und sind mit ihrem Lehrer mit auf dem Boot, das uns zum "Turtle Rock" bringt. Ich habe so das Gefühl, auf der ganzen Welt heißen die Tauchspots "Turtle Rock", "Shark Point" oder "Coral Garden". Auf unserer fast einstündigen Unterwasserexkursion (heute geht es mal nicht so tief, da reicht der Tank länger) sehen wir zwar eine recht große Artenvielfalt, aber weder Schildkröten, noch Haie oder andere größere Lebewesen. Ich habe immer wieder meinen Spaß an den Symbolen, die mein Instructor mir zeigt, wenn er etwas entdeckt. Die flache Hand senkrecht vor der Nase stellt einen Hai dar, das wusste ich schon. Aber bisher hat mir noch niemand die Zunge unter Wasser herausgestreckt. Die "Flamingo Tongue Snail" bringt meinen Gebleiter jedenfalls dazu, den Regulator aus dem Mund zu nehmen und wie ein kleines Kind mit dem Zeigefinger an der Zunge zu spielen. Die ganzen Zeichen konnte ich mir sowieso nicht merken und muss hinterher nachfragen, um welches Lebewesen es sich bei welchem Symboll nun gehandelt hat. Insgesamt ist die Sichtweite heute nicht so berauschend, das liegt wohl an der verhältnismäßig aufgewühlen See und dem Regen der letzten Tage (von dem ich irgendwie nicht viel mitbekommen habe). Ich entschließe mich jedenfalls dazu, dass mir der eine Tauchgang reicht und dass diese "Sportart" nach wie vor keine ist, die mich vom Hocker reißt. Was mich fasziniert, ist eine intakte Flora und Fauna - aber wo findet man die heute noch? Die Bewegung in alle Dimensionen, die ich am Fliegen so liebe, macht mir im Wasser deutlich mehr Spaß ohne das schwere Equipment. Da schnappe ich mir lieber einen Schnorchel und plansche ein bisschen in den ersten Metern unter der Wasseroberfläche herum.
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Ich habe ja schon lange beschlossen, dass in der nächsten Wohnung eine Hängematte hängen muss. Diese Kulisse bestätigt mir diesen Wunsch wiedermal (den Blick aufs Meer kann ich mir ja dann vorstellen). |
Das Inselleben bietet nicht viel mehr als Schwimmen / Schnorcheln / Tauchen, einmal quer über die Insel wandern und Essen. Dazaischen natürlich das übliche Lesen und Schreiben, aber insgeheim bin ich schon froh, keinen Returnflug gebucht zu haben, der mich erst wieder in einer Woche zurück aufs Festland bringt. Der Otto Beach am Nordende der Insel ist schön gelegen, von Palmen gesäumt, ruhig und erstaunlich sauber (dafür ist wahrscheinlich das einzige angrenzende Hotel verantwortlich) und lädt zum Verweilen ein. Nach einem kurzen Schwimmausflug ist der Himmel allerdings so dunkelgrau, dass wir uns entschließen, unsere Sachen zu schnappen und ganz schnell einen Unterschlupf zu finden. Die Bananenblätter über dem Weg, der uns hergeführt hat, sind dicht genug um uns vor dem Regen zu schützen. Der Himmel ist heute zu bewölt um den Sonnenuntergang zu beobachten, so ersparen wir uns den Aufstieg auf den Aussichtsturm - das Licht wäre besonders zum fotografieren eher ungeeignet. Am Nikolaustag gehen wir zu dritt "Lobster" essen. Ich musste gerade mal nachschauen - Lobster = Hummer. War mir nie sicher, wie das gute Tier auf Deutsch heißt (das geht mir hier öfter so, wenn man immer nur Englisch und Spanisch hört und liest). Übrigens: hier auf der Insel und an der gesamten Karibikküste wird überwiegend Englisch gesprochen. Ich zwinge mich immer, Spanisch zu sprechen, um dann festzustellen, dass Englisch für die Einheimischen doch die erste Sprache zu sein scheint. Der Lobster ist jedenfalls der erste, den ich in meinem Leben esse (in Belize wurde es mir zwar schon empfohlen, aber die Preise haben mich dort ein wenig abgeschreckt - ohne zu wissen, ob ich den Teller überhaupt leer esse). Er schmeckt vorzüglich und zu meiner Freude und Sabines Leid (sie hätte gerne selber gepult) ist das Tier schon aufgeschnitten und ohne größeren Aufwand essfertig. Und das ganze samt Reis, Brotfrucht und Salat für etwa fünf Euro. Trotzdem beschweren wir uns täglich über die hohen Preise auf der Insel - wir sind ja schließlich das günstige Festland gewohnt.
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| Lobster al Gusto - in meinem Fall mit Knoblauchsoße - und das Ganze für nur fünf Euro und mit authentischem Meeresrauschen im Hintergrund |
Ich muss zugeben, dass ich ein wenig enttäuscht bin von der Insel. Obwohl es heißt, dass mittlerweile die Hochsaison begonnen hat (in Nicaragua sind jetzt große Ferien), ist wenig los und auf der kleinen Maisinsel befinden sich sowieso mehr Touristen als einheimische. Typischen Karibik-Flair gibt es hier wenig und das Wasser ist aufgrund des durchwachsenen Wetters weniger kristallklar und türkisblau als erwartet. Mir wird erst jetzt bewusst, wie unendlich schön die
Strände in Tulum waren.
Ich liebe das Meer, die Wellen, die Brise, die über den Strand fegt, finde Kokosnusspalmen grandios und habe mittlerweile einige Wassersportarten für mich entdeckt. Ich kann mich stundenland mit Lesen und noch länger mit Schreiben beschäftigen und wenn ich dazu keine Lust mehr habe, schnappe ich mir meine Kamera, vielleicht noch das Stativ und gehe auf Fototour.
Trotzdem: drei Tage auf einer einsamen Insel reichen mir! Vermutlich ist es auch ein Unterschied, ob man frisch aus dem Berufsalltag kommt und zwei wohlverdiente Wochen Urlaub im Sinne von "Tiefenentspannung" vor sich hat und süßes Nichtstun erwartet, oder ob man ein paar Monate reist und sowieso die ganze Zeit "Hummeln im Hintern" hat. Aber auch meine beiden Begleiterinnen haben genug vom Inselleben und denken über eine baldige Abreise nach. Sonntagnacht gibt es wieder ein Schiff - diesmal allerdings nicht nur bis zur Küste des Festlandes, sondern weiter den Fluß entlang bis El Rama. Ich entschließe mich, dass ich der Schifffahrt noch eine Chance gebe. Ich würde Sonntag zur "Big Corn Island" fahren, mir die Insel tagsüber anschauen und dann am Abend nur dann das Schiff betreten, wenn klar wäre, dass es zeitig abfahren würde und weder einen Maschinenschaden hat noch mit Tonnen von Baumaterial beladen werden muss (da ist die andere Richtung wohl anfälliger, da auf der Insel einfach alle Güter angeliefert werden müssen). Andernfalls würde ich eine Nacht auf der großen Insel verbringen und mich am nächsten Morgen um einen Flug bemühen.
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Sandra packt ihre Sache. Kurz vor Abreise gibt es nochmal einen heftigen Schauer - zum Glück ist es später auf dem Boot von der Little zur Big Corn Island trocken! |
Gesagt, getan. Sonntag stelle ich schnell fest, dass ich die größere Insel um einiges interessanter finde. Hier mag man nicht die einsamen wunderschönen Strände finden wie auf der kleineren Insel, aber davon habe ich ja gerade sowieso genug. Auf der Big Corn island leben rund 7000 Menschen, sprich es gibt einen ganz normalen Alltag, der nicht ausschließlich durch den Tourismus entstanden ist. Der Hummerfang ist hier Wirtschaftszweig Nummer eins, gefolg vom Tourismus auf Nummer zwei. Ich habe allerdings den Eindruck, dass hier eher nationale Touristen in den lokalen Hotels absteigen - die Ausländer fahren weiter auf die kleine Insel, die meisten steigen vermutlich direkt vom Flieger in das Schnellboot um und bekommen wenig von der großen Insel mit. Ich genieße den Nachmittag und den Sonnenuntergang, den starken Wind, den Anblick der karibischen Holzhütten, in denen ich zugegebener Maßen nicht wohnen wollte und die Tatsache, dass ich nicht nur von "Weißen" umgeben bin. Auf der anderen Seite ist es auch schön, am frühen Abend ein paar alte Bekannte wiederzutreffen, die ich an der Spanischschule in San Pedro kennengelernt habe: Jörg und Ilka. So eröffnen wir einen kleinen deutschen "Stammtisch" in einem Restaurant nahe des Hafens und trinken gemeinsam einen frischen Melonensaft.
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| Deutsche in Nicaragua: v.r.n.l. Sabines Schatten, Jörg, Ilka, Sandra und ich, dahinter zwei Locals |
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| Big Corn Island |
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| Big Corn Island |
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| Sonnenuntergang vor der Abreise: Big Corn Island Sonntagabend |
Pünktlich um neun legt das im Vergleich zur Hinfahrt deutlich kleinere Schiff von der Big Corn Island ab. Zum Glück haben wir schon vor ein paar Stunden unsere Hängematte reserviert, denn diese Fahrt wird nur einmal in der Woche angeboten und es wird entsprechend voll. Ob die schaukelnde Schlafgelegenheit eine gute Idee war, bezweifel ich in der ersten Stunde, da ich pausenlos hin und herschwinge und mir nicht sicher bin, ob ich die Nacht überstehe, ohne über der Reling zu hängen. Ich habe den dringenden Wunsch, ein Bein aus der Hängematte heraus auf den Boden zu stellen - dafür hänge ich allerdings zu hoch und würde nur die Frau treten, die unter mir ihre eigene Hängematte angebracht hat. Ein paar Stunden später weiß ich jedoch, dass ich die 50 Cordoba Aufpreis (keine zwei Euro) gut investiert habe: es wird stürmig und regnet in Strömen, seitlich schwappt Wasser auf das Deck und die Touristen, die auf dem Boden versuchen ihre Nachtruhe zu finden, müssen sich und ihr Hab und Gut vor den Wassermassen in Sicherheit zu bringen. Zeitweise ist der Regen sogar so stark und annähernd waagerecht, dass ich mich und meinen Rucksack auf der Hängematte gegen das Wasser schütze.
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| Füße und Hängematten - so eine Nacht brauche ich nicht nochmal in den nächsten Wochen - das macht mein Rücken nicht oft mit! |
Ich kann zwar ein paar Stunden Schlaf finden in dieser Nacht, aber die Hängematte hängt zu stark durch, um wirklich eine entspannte Position für die Wirbelsäule zu finden. Immerhin bekommen wir ohne Probleme in El Rama einen Anschlussbus und erreichen über Managua am frühen Abend Granada.
Rückblickend würde ich den insgesamt etwa einwöchigen Inseltrip als "kleines abwechslungsreiches Abenteuer" bezeichnen, der sich eher für die Summe der Erlebnisse lohnt als für den entspannten Nachmittag am Traumstrand.
Nun habe ich auch endlich meine Pläne für Weihnachten festgelegt. Nicht, dass ich mir viel aus Weihnachten machen würde, aber auf die Sache an sich freue ich mich schon lange. Ich werde am 20. Dezember in Panama einen Catamaran betreten, der mich für drei Tage zu den "San Blas Islands" bringt (bzw. zu einer der 365 Inseln) und danach zwei Tage weitersegelt mit dem Ziel Cartagena an der kolumbianischen Küste. So komme ich dann wahrscheinlich doch noch zu meinen weißen Sandstränden und kristallklarem Wasser - vor allem aber zu einem weiteren kleinen Abenteuer, auf das ich mich schon seit Monaten freue!
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