50mm in Cartagena
Halbzeit! Da stehe ich nun also hier auf dem Kontinent, den ich noch nie zuvor betreten habe und der bei meinen anfänglichen Reiseüberlegungen eigentlich die größere Rolle spielte: Südamerika. Stehe ich wirklich? Entweder bewege ich mich oder die ganze Welt um mich herum gerät gerade ins wanken. Im wörtlichen Sinne. Zumindest fühlt es sich so an. Erste Amtshandlung in Cartagena - noch mit dem Kapitän und den Mitreisenden der letzten Tage - ist der Gang zum Geldautomaten. Sobald ich still stehe, meine Karte einschiebe, die Pinnummer eintippe merke ich erst, dass irgendwas nicht stimmt. Ich bin also weniger seekrank, aber offensichtlich landkrank, wenn es so etwas gibt. Dieser Zustand sollte sich noch über einige Stunden hinziehen. Mein Hostel erreiche ich gegen acht Uhr, kann mein Gepäck auch abstellen, allerdings erst sechs Stunden später mein Bett beziehen. Wie schön ein sich nicht bewegendes Bett in einem klimatisierten Raum jetzt doch wäre! Immerhin darf ich die Dusche schon benutzen und fühle mich danach wenigstens wieder halbwegs „gesund“. Auf ins nächste Café!
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| Wenn ich schon kein vernünftiges Objektiv mehr hab, muss ich eben meine Fotos anders "aufwerten" :-D |
Ich habe nicht das Bedürfnis, mich großartig in der brüllenden Hitze (die Wetterwebsite sagt „gefühlt wie 39°C“) durch die Stadt zu bewegen. Erschwerend zum Wetter kommt noch hinzu, dass heute Heiligabend ist. Kaum vorstellbar, was hier auf den Straßen los ist! Man bekommt nicht den Eindruck, dass hier die letzten Weihnachtsbesorgungen gemacht werden, die letzten Kleinigkeiten, die vergessen oder nicht rechtzeitig geschafft wurden, sondern man glaubt vielmehr, dass dieser Tag der offizielle Shoppingtag im Staate Kolumbien ist. Alle Straßen sind nicht nur belebt, sondern überfüllt und in den Läden herrscht ein einziges Chaos. Gut, dass ich mich (wie so oft) um dieses Chaos und den Trubel um Geschenke wieder mal drücken kann. Das letzte Weihnachten, das ich zuhause verbracht habe, war wohl das wenige Tage vor Abgabe meiner Masterthesis. Und da war selbige auch der Hauptgrund, nicht unterwegs zu sein. In Deutschland ist es nun mal so, dass zwischen Heiligabend und Neujahr in Uni und Job nicht viel passiert und sich diese Woche durchaus zum Reisen eignet.
In Kolumbien ist nun also Hauptsaison. Und ich befinde mich in der angeblich schönsten Stadt an der Karibikküste und habe kein funktionierendes Weitwinkelobjektiv. Tragisch. Neue Herausforderung also: Canon f1,4 50mm – Lichtstarke Festbrennweite und Südamerika. Und für die, die nicht so viel fotografieren: Ich habe ein Objektiv, mit dem man nicht zoomen kann, sodass ich die Distanz zum fotografierten Objekt einzig und alleine durch meine Position ändern kann. Und wenn ich nicht genug Distanz aufbauen kann, gibt es kein Foto. Ich habe eben mal durch meine bisherigen Lieblingsfotos geklickt – allesamt Naturaufnahmen und allesamt – natürlich! - mit dem nun defekten Objektiv aufgenommen. Das wird hart! Ich nehme natürlich gerne Spenden entgegen ;)
Um das Thema „Weihnachten“ noch mal kurz aufzugreifen: Am Heiligabend (hier entsprechend am Nachmittag) hängen alle Reisenden mit ihren Laptops, Smartphones und Tablets im Atrium des Hostels und telefonieren mit der Family zuhause. Ein lustiger Anblick. Wenn man weiß, wie viele Menschen um einen herum ebenfalls telefonieren und wie viele Reisende dazu noch deutsch sprechen, kann man meiner Meinung nach seine Stimme etwas gedämpft halten. Eine junge Deutsche berichtet lautstark von den Schwangerschafts- und Entbindungsproblemen einer Reisebekannten, fragt daraufhin ihren Vater, wie viel er denn zugenommen habe und bedankt sich tausendfach für die Lindor-Schokolade, die sie offenbar schon vor Reiseantritt geschenkt bekommen hat. Das Gespräch mit ihrer Familie ist ja noch ganz amüsant und fast bühnenreif, aber beim dritten Gespräch mit einer Freundin suche ich dann das Weite. Zu viele Informationen!
| An jeder Ecke werden Hüte verkauft - ich dachte bisher, die weißen mit dem schwarzen Band seien typisch für Panama! |
Zum Abendessen suche ich mir mit einer Iranerin, einer Deutschen und einem Holländer ein kleines Restaurant – entspannt und gemütlich. Abends ist das Wetter hier richtig angenehm und perfekt zum draußen sitzen. Nach der fast schlaflosen letzten Nacht auf dem Katamaran falle ich an diesem Abend als erste ins Bett und sammle neue Energie um am nächsten Tag die Stadt anzuschauen.
Nach ein paar Stunden Sightseeing in der heute erstaunlicherweise fast menschenleeren Altstadt (zumindest im Vergleich zu gestern), einer „Limonada de Coco“ in einem Café und einem ersten Postkartenschreiben (ja, so was kann man hier kaufen im Gegensatz zu halb Mittelamerika!) kehre ich ins Hostel zurück. Mit Terese aus Stuttgart und Jan aus Amsterdam geht es dann noch für ein paar Stunden zum kaum erwähnenswerten, völlig überlaufenen und von Hochhäusern gesäumten Strand „Playa Grande“. Ich lache mich kaputt als zwei halbstarke Jungs vor uns stehen bleiben um einen spanischen Rap vorzutragen. Es klingt allerdings wahnsinnig albern und ich denke nicht im Traum daran, den beiden etwas für ihre Darbietung zu geben. Scheinbar ist der große weiße Jan aber auch eher das Zentrum ihrer Aufmerksamkeit.
Dank langer Öffnungszeiten der Supermärkte entscheide ich mich heute zum selber kochen: Tilapiafilet und Mango-Kokos-Frühlingszwiebel-Curry mit Reis. Dass ich freiwillig einmal Fisch kaufen und kochen würde... Irgendwie bin ich auf den Geschmack gekommen. Und nachdem ich in der Hostelküche zu hören bekomme „That smells divine!“ kann es ja nur noch gut werden :)
Nun also noch ein paar meiner 50mm-Fotos, wobei mich mal interessieren würde, ob ihr den Unterschied merkt. Klar sind die Motive immer andere, aber ich merke doch, dass ich mir mit dem Objektiv viel mehr Zeit nehme und nehmen muss.



Hallo Sylvia,
AntwortenLöschenSchön zu lesen das du in Süd-Amerika angekommen bist. Ich freue mich auf diesen Teil deiner Reise!
Ärgerlich von das Objektiv, würde mir genauso gehen. Aber wie du bestimmt auch weißt, macht der Fotograf das Bild, und nicht die Kamera. Also, mir gefallen die Bilder immerhin sehr gut.
Wünsche dir weiterhin gute Reise und natürlich einen guten Rutsch!
Schöne Grüße aus ein stürmisches Holland!
Lilian
ps. Über den Roggensichtigung bin ich ganz eifersüchtig. ;-) Den würde ich auch mal ganz gerne irgendwo sehen (und nicht im Aquarium selbstverständlich).
Danke, ich wünsche dir auch einen guten Rutsch! "Roggensichtung" ist eine schöne Wortschöpfung :-D
LöschenFotos sehen immer einfach toll aus, man merkt nicht mal, dass du dich ueber dein Objektiv aergerst! :)
AntwortenLöschenEin Beitrag mit sehr vielen schönen Bildern - oh man, echt schwierig!
AntwortenLöschenIch stehe auch total auf Essensbilder!!!! Daumen hoch für Essenbildern!