Von der Isla de Ometepe nach Costa Rica
In Nicaragua klappt es wunderbar, im gleichmäßigen Wechsel Natur und Stadtaufenthalten zu kombinieren. Kolonialstadt León, Vulkantrekking mit Camping, Hauptstadt Managua, Corn Islands mit Unterwasserwelt, urbanes Touristenzentrum Granada und nun als letzter Stopp die Vulkaninsel Ometepe im Nicaraguasee. Der erste Bus von Granada fährt schon um fünf – aber der zweite ist mir heute früh genug. Eine gute Stunde Fahrt nach Rivas, dann mit dem „Sammeltaxi“ zur Fähre (Taxis werden hier pro Person gezahlt) und bevor um neun Uhr das nächste Boot fährt gibt es noch „Gallo Pinto“, das Nationalgericht. Der vermeintliche Hahn ist in Wirklichkeit eine Mischung aus Reis und roten Bohnen, dazu gibt es Rührei mit Zwiebeln und ein Stück (mir viel zu starken) Käse. Ich bin froh, dass ich etwas gegessen habe: die einstündige Fahrt auf dem See, der so groß ist, dass man den Eindruck hat, man befinde sich auf dem offenen Meer, ist heute nichts für einen schwachen Magen und ich bin dankbar, dass selbiger nicht leer ist.
Beim Reisen stelle ich immer wieder fest, dass man Hungergefühl weniger von festen Uhrzeiten abhängt oder davon, wann ich das letzte Mal gegessen habe, als mehr von irgendwelchen subjektiven Wahrnehmungen. Wenn ich früh aufstehe, habe ich auch sehr früh Hunger. Wenn ich viel reise – ob mit Bus, Bahn, Boot oder zu Fuß – kann ich eigentlich die ganze Zeit essen. Auf dem erstaunlich stark auf und ab und links und rechts schaukelnden Schiffchen werden mal wieder große Säcke mit Nahrungsmitteln, außerdem ein Motorrad und ein (zusammengebautes!) Bett transportiert. Endlich wieder festen Boden unter den Füßen! Und das war erst eine Stunde - was werde ich erst sagen, wenn ich ein paar Tage auf einem Katamaran auf der Karibischen See unterwegs bin? Eins steht fest: Eine Apotheke muss definitiv noch vor Abfahrt an der Küste Panamas aufgesucht werden! Ich habe zwar ein Päckchen Ingwertabletten dabei, die ich vor Abfahrt noch in einem deutschen Discounter erworben habe, aber ob sie für Seekrankheit ausreichende Wirkung haben, möchte ich nicht austesten.
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| Sabine und ich auf dem Weg zum Vulkan. Foto: Sandra Wagner |
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| Blick auf den Vulkan Concepción |
Ich quartiere mich direkt im Ort in einem Hostel ein – und werde schon von weitem mit wildem Winken von Sabine begrüßt. Nun gut, diesmal war e auch abgesprochen. Wir sehen uns zwar nur für ein paar Stunden, aber so muss ich mich nicht selber nach einer vernünftigen Bleibe umsehen. Ich kann direkt Sandras Bett im Dormitory übernehmen, dessen Matratzenqualität schon für gut befunden wurde. Eigentlich war die Überlegung, die Insel mit einem Motorrad zu erkunden. Schnell findet sich eine Crossmaschine, die ich für fünfzehn Dollar bis Einbruch der Dunkelheit mieten könnte. Es wird – auch bei der Vermietung von Motorrollern – ausdrücklich empfohlen, nur mit Erfahrung auf Zweirädern die Insel zu erkunden, die Straßen seien nicht einfach. Seit neun Jahren fahre ich nun Motorrad, das dürfte ausreichen – und ich kann mich ja entsprechend auf die gegebene Situation einstellen, denke ich mir. Ein bisschen skeptisch bin ich allerdings bei den Halbschalenhelmen, die man hier überall sieht. Dazu kommt mein schon genanntes Schuhproblem – ganz optimal wäre das alles nicht. Die Überlegungen finden sehr bald ein Ende. Die Bremsen scheinen in Ordnung, auch sonst macht die Maschine einen halbwegs gepflegten Eindruck. Auch der Hinterreifen ist ganz wunderbar: da gibt es diese praktischen Rillen im Gummi, die eine gewisse Tiefe im Material aufweisen. Ich habe gehört, in Deutschland gibt es den sogenannten TÜV, der auf die Existenz dieser regelmäßigen Materialschwächungen besteht. Die müssen sogar eine festgelegte Mindesttiefe haben! Also, mal im ernst: beim Vorderreifen ist nicht nur das Profil abgefahren, es ist sogar soweit runter, dass ich mich frage, wie viel Material da überhaupt noch den Schlauch vom Asphalt trennt. Mit diesem Motorrad zu fahren käme in etwa der Idee gleich, mit meinen Schuhen trotz gebrochener Sohle eine weitere Vulkantour durchzuziehen, frei nach dem Motto „Ich habe ja noch Socken drunter!“. Also: Idee verworfen.
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| Bootsladefläche auf dem Weg zur Isla de Ometepe |
Wahnsinnig viel Laufen ist keine echte Alternative, Fahrradfahren wird nicht empfohlen, also bleibt nur noch das Pferd. Die alte Truppe (die Deutschen von der Little Corn Island) mietet sich also für zwei Stunden drei Pferde und einen einheimischen Führer. Ich benutze das Wort „mieten“, weil es von dem Touristenbüro tatsächlich so dargestellt wird: Wir können ein Fahrrad mieten für einen Dollar die Stunde oder ein Pferd für fünf Dollar die Stunde – eine Begleitung ist offenbar optional, aber wie sich herausstellt mehr als nötig. Wir bewegen uns mit Whiskey und den anderen drei Tieren, deren Namen ich mir nicht so gut eingeprägt habe, zum Fuße des Vulkans. Der steile Berg macht nicht den Anschein, als würde er gerne von mir in FlipFlops erklommen werden. Meine Reiterfahrungen sind zwar ausgesprochen gering, aber ich bin froh, dass ich das Pferd zu führen weiß und nicht auf die ständige Hilfestellung unseres Begleiters angewiesen bin, sondern mich einfach frei vor oder hinter der kleinen Gruppe bewegen kann. Ich reite barfuß und bilde mir ein, dass der merkwürdige einfache Sattel und die unterschiedlich langen Steigbügel nicht wirklich zu meinem Sitzkomfort beitragen und ich genauso gut direkt auf dem Rücken des Tieres sitzen könnte. So oder so steige ich nach unserer kleinen Runde mit Rückenschmerzen und dem üblichen Oberschenkelmuskelkater ab. Ehrlich gesagt hätte ich den Ausritt durchaus nach der ersten Stunde schon beenden können. Merke: Bei 35 Grad, mit Rucksack auf dem Rücken und in den falschen Klamotten ist Reiten eher eine Quälerei als eine Freude. Später stellt sich heraus, dass es uns dreien allen ähnlich ging. Na gut, ich finde mich damit ab, dass ich nicht allzu viel von der Insel sehen werde und habe heute komischerweise auch gar nicht das große Verlangen, mich darum zu bemühen. Es ist schön, noch ein bisschen Zeit mit den Beiden zu verbringen, schließlich kennen wir uns ja nun doch schon ganz gut. Als ich mit Sandra kurz an einer Bäckerei halte, um mir eine Zwischenmahlzeit zu genehmigen (Bus, Boot und Pferd – drei Gründe, Hunger zu haben), sagt sie nur: „Ach, Sabine hat gestern schon gesagt, dass der Laden was für dich wäre!“ - wie Recht sie hat!
Bevor sich die beiden verabschieden, bekomme ich noch eine Empfehlung für einen guten Ort zum Abendessen. In dem „Hospedaje“ um die Ecke sitze ich ein paar Stunden später mit der gesamten Belegschaft meines Hostels (sechs Leuten). Die Preise sind hier wirklich unschlagbar und nicht mit den großen Städten vergleichbar (erstaunlich jedoch, dass es trotz Insellage so günstig ist). Ich bekomme einen gebratenen Fisch (an dem zugegebener Maßen nicht so viel dran ist) mit Reis, gebratenen Bananen, Salat und Salsa für zwei Dollar und zwei Mojitos (Happy Hour!) für einen Dollar. Knapp 2,50 Euro für eine vollwertige Mahlzeit und zwei leckere Cocktails. Und der positive Nebeneffekt ist natürlich, dass aufgrund des guten Preisleistungsverhältnisses ein paar Leute hier sind, mit denen ich mich gut einige Stunden unterhalten kann. Zurück im Hostel finde ich den Luxus eines leeren Zimmers vor. Es gibt zwar acht Betten, aber nur meines ist belegt, sodass ich freie Gewalt über Lichtschalter und Ventilator habe. Und alle Steckdosen gehören mir! Es kann schon mal ein Problem sein, dass man es bei einer Übernachtung nicht schafft, seine elektronischen Geräte aufzuladen. In der Regel muss ich maximal zwei Dinge an die Steckdose hängen, aber oft gibt es nur zwei Steckdosen für sechs oder acht Leute.
Im Vorfeld habe ich überlegt, ob es sich überhaupt lohnt, die Insel in meine Reisedokumentation aufzunehmen. Aber irgendwie gehören ja auch die weniger interessanten Orte dazu.Mit Sicherheit hat der Vulkan mit seiner Umgebung noch vieles mehr zu bieten, aber ich habe bereits andere Pläne und verbringe nur den einen Tag hier, um pünktlich am Freitagabend in San José anzukommen. Noch einmal heißt es: Wecker stellen, früh aufstehen, zusammenpacken und mit der Fähre „Karen“ zurück zum Festland. Wieder das Taxi, wieder in Rivas. Was mir hier bisher noch gar nicht passiert ist, worauf ich aber auch in Zukunft gerne wieder verzichten kann, ist die folgende Erfahrung. Ich bin zunächst die Einzige im Taxi und habe mich auf den normalen Preis von 20 Cordobas, einem knappen Dollar geeinigt. Ein anderer Fahrer bot mir dieselbe Strecke für fünf Dollar an! Ein erster Grund also, meinem ausgewählten Taxifahrer zu vertrauen. Nun möchte er mir jedoch weismachen, dass erst in einigen Stunden wieder ein Bus zur Landesgrenze führe und ich entsprechend keinen Anschluss mehr bekäme, somit erst spät am Abend in der Hauptstadt Costa Ricas ankäme. Ich kenne die Fahrpläne relativ gut und weiß, dass von Rivas etwa halbstündig Busse zur Grenze fahren. Trotzdem möchte der junge Mann mir eine Fahrt für 15 Dollar andrehen. Der Preis geht während unserer zehnminütigen Fahrt zwar noch nach unten, aber ich steige nicht auf das Angebot ein. Selbst als ich aussteige und schon mitbekomme, dass die Busse fahren wie vermutet, versucht er es weiter und lügt mir dreist ins Gesicht. Auf die Frage, warum ich nicht mit ihm fahren wolle, kann ich nur erwidern, dass er ein Lügner ist. Damit ist die Diskussion beendet. So etwas berührt mich zwar nicht emotional, ich baue keinen Ärger, keine Wut ihm gegenüber auf. Ich finde es einfach schade, dass es hier so läuft und dass er sein Geschäft auf einer falschen Aussage aufzubauen versucht. Es wäre etwas anderes, wenn er mir erklären würde, dass ich durch die Taxifahrt zeitliche Vorteile hätte (was außer Frage steht) und er akzeptieren würde, dass es immer noch meine Entscheidung ist, welchen Weg ich wähle.
Wie so oft bin ich im Bus die einzige Touristin, oder zumindest die einzige, der man es ansieht. Das frühe Aufstehen hat sich insofern gelohnt, als dass ich trotz der frühen Stunde schon viel Zeit an der Grenze verbringe und mir so die Möglichkeit noch aufrechterhalte, vor Einbruch der Dunkelheit mein Tagesziel zu erreichen. Die Menschenschlange vor den Schaltern ist länger als an allen bisherigen Grenzübergängen. Dabei hätte ich erwartet, dass zwischen Guatemala, El Salvador, Honduras und Nicaragua deutlich mehr Personen reisen würden aufgrund des Grenzabkommens dieser vier Länder. Auf einen Stempel im Pass warten muss man dort nämlich auch. Costa Rica ist nun außerdem das erste Land, das ausdrücklich nach einem Weiterflugticket fragt. Vor mir wird in Mappen gekramt und Diskussionen werden geführt. Ich habe mir vor wenigen Tagen eine Reservierung für einen Flug Panama – Deutschland schicken lassen, den ich natürlich nicht antreten werden, allerdings glaubte ich, den Ausdruck erst für die Grenze zu Panama zu benötigen. Trotzdem entscheide ich mich, es so zu versuchen. Mit möglichst selbstsicherer Stimme und fehlerfreiem Spanisch erkläre ich, dass ich über Land Reise und am Montag den Bus von San José nach Panama City nehmen würde. Eine Buchung habe ich nicht, nein. In San José wohne ich bei Verwandten, im Stadtteil Belén. Die Dame bedankt sich und haut ohne weiteres Zögern den Stempel in meinen Pass. Hinter der Grenze kaufe ich ein Ticket für einen Expressbus nach San José, der 45 Minuten später abfährt. Ein früherer Bus, der zur Abfahrt bereitsteht, ist bereits voll. Vorweihnachtszeit! Viele Nicas wollen nach Costa Rica, oder – wie sich in einigen Tagen herausstellen wird – nach Panama. In San José bricht bei meiner Ankunft bereits die Dämmerung an. Buenas noches, Costa Rica!





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