San Blas Islands: Auf dem Katamaran von Panama nach Kolumbien
Vier Uhr dreißig, der Wecker klingelt. Vor zwei Stunden war ich schon mal wach und überzeugt davon, aufstehen zu müssen, das war zum Glück Fehlalarm. Wenn ich früh raus muss, gehe ich meist spät ins Bett. Logisch – so ist man dann am nächsten Tag auch richtig schön müde. In der Hostelküche gibt es schon Pfannkuchenteig und Kaffee, ein guter Start in den Tag. Weniger begeistert bin ich eine Stunde später, als unser allradbetriebenes Fahrzeug, das uns Richtung Karibikküste bringen soll, ein wenig überbesetzt ist. Panama City liegt an der Pazifikküste und ist bekanntlich durch den Panamakanal mit dem karibischen Meer verbunden. Wegen rauen Wetters wurde unser Abfahrthafen von Portobelo irgendwo in die Walachei verlegt und so ist eine etwas komplizierte Anfahrt notwendig. Zu dritt sitzen wir nun auf der viel zu schmalen Rückbank, meine Knie hängen mir fast im Gesicht. In der Reihe vor uns nehmen vier Leute Platz – Sardinenbüchse lässt grüßen. Als wir uns nach gut zwei Stunden dem Ziel nähern, zahlen wir zusätzlich zu den veranschlagten dreißig Dollar für den Transport noch insgesamt 22 Dollar, um letztendlich zu unserem Schiff zu kommen.
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| Für fünf Tage mein Zuhause: Der Katamaran Nakar |
Die letzten 45 Minuten fahren wir mit einem kleinen Motorboot, ein heftiger Regenschauer sorgt für einen weiteren Abfall unserer Laune. Wie schon bei anderen „organisierten Touren“ (ich denke gerade an den Bus von San José nach David) habe ich mal wieder den Eindruck, dass niemand genau weiß, was Sache ist und keiner einen Plan hat. Selbst über den Preis des Schnellbootes müssen wir noch diskutieren, weil er offenbar über Nacht um fünfzig Prozent angestiegen ist. Es soll nicht lange Dauern, bis die Strapazen des Morgens wieder vergessen sind. „Nakar“ hat vor einer kleinen Insel der San Blas Inselgruppe geankert, die insgesamt angeblich aus 365 Inseln besteht. Die Zahl kommt mir zwar ein bisschen geschönt vor, aber dass es viele Inseln sind, werden wie in den nächsten Tagen noch feststellen. Unser Kapitän heißt Israel und stammt aus Barcelona, sein einziger Helfer Jonathan ist aus Kolumbien. Als wir den Katamaran betreten, habe ich nicht den Eindruck, dass man uns hier erwartet. Das Schiff sieht „bewohnt“ aus, überall liegen Klamotten, Zigarettenpackungen und allerhand Krimskrams herum. Zunächst sind wir zu fünft und schließlich nach Ankunft eines weiteren Zubringerschnellbootes vollzählig. Ein Pärchen aus London, eines aus Australien (erstaunlicherweise aus Perth – bisher waren wirklich alle Australier, die ich getroffen habe, aus Melbourne), eines aus den USA und Costa Rica und schließlich zwei Jungs aus Toulouse. Ich hatte schon die Befürchtung, das ganze würde in einer reinen Pärchen-Veranstaltung enden. Man muss der Backpacker-Gemeinde allerdings zugute halten, das selbst gemeinsam reisende Verliebte, Verlobte und Verheiratete in der Regel ausgesprochen offen sind und nicht aneinanderkleben wie manch anderes Pärchen, das gemeinsam einen Urlaub verbringt. Beim (zweiten) Frühstück lernen wir uns näher kennen und besprechen den Ablauf der nächsten Tage.
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| Der Anfang einer großen Reise: In Povenir gibt es den Ausreisestempel von Panama. Danach kann es losgehen! |
Wir werden drei Tage zwischen den Inseln umherschippern bevor wir die geschätzt 48-stündige Fahrt nach Cartagena in Kolumbien antreten. Unser erstes Ziel heißt Povenir – das wahrscheinlich schönste Ausreisebüro der Welt. Man stelle sich eine kleine Insel vor, klein im Sinne von der Möglichkeit, das Stück Land innerhalb von zehn Minuten zu Umrunden und jede Palme begrüßt zu haben. Um ein Uhr macht das Büro wieder auf (weit kann der Beamte allerdings aufgrund der örtlichen Gegebenheiten nicht sein), wir müssen uns die Zeit noch ein bisschen mit Schwimmen vertreiben. Der Grenzbeamte, wenn man ihn denn so nennen kann, sitzt in einem kleinen weißen Häuschen mit rot gedecktem Dach auf dieser winzigen Insel und stempelt unsere Pässe. Nun haben wir also Panama verlassen. Aber wo befinden wir uns dann? Als ich unseren Kapitän am Abend frage bestätigt sich die Vermutung, dass wir bis zu unserer Einreise in Kolumbien in „Niemandsland“ unterwegs sind. Die Insel ist ganz nett, aber das Wasser ist weder kristallklar noch azurblau. Einige Palmen sorgen für das „Einsame Insel-Feeling“, aber wir sind gespannt auf unser nächstes Ziel. Zu Mittag gibt es Pasta mit Käse und Schinken, dazu Kartoffelchips. Sehr nahrhaft. Antonio aus England ist ganz begeistert und meint, das entspreche genau seiner Standardernährung während des Studiums.
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| Diego aus Costa Rica ist selber als Passagier an Board, hilft aber wo er kann. |
Der Himmel ist nicht ganz klar, es ziehen einige Wolken durch, die ab und zu die Sonne verdecken, aber insgesamt ist das Wetter ausgesprochen angenehm. Die hohen Temperaturen in Kombination mit drückender Luftfeuchtigkeit in Panama City haben in den letzten Tagen ziemlich an meinen Kräften gezehrt. Heute ist es zwar warm, aber relativ windig und es gibt ständig die Möglichkeit, sich im Wasser abzukühlen. Zum Glück habe ich gestern noch anständige Sonnenmilch gekauft, sodass ich zum ersten Mal auf dieser Reise intensiv dem Sonnenbaden frönen kann. Das Entspannen funktioniert sogar erstaunlich gut – vielleicht liegt das daran, dass ich gar keine andere Möglichkeit habe. Ich beschäftige mich sogar eine Weile mit dem Lernen von spanischen Vokabeln!
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| Grenzhäuschen in der karibischen See: Hier bekommen wir unseren Ausreisestempel aus Panama |
Die Insel Chichime hat wenig mit Povenir gemein. Es gibt kein kleines verputztes Häuschen und keinen Angestellten des Staates Panama, stattdessen ein paar Zelte und temporäre Unterkünfte neben einigen Strohhütten. Da wir zwischen zwei Inseln ankern, ist die Strömung ausgesprochen stark und es kostet mehr Kraft als erwartet, zum Strand zu schwimmen. Der Sand ist fein und annähernd weiß, nur etwas dunkler als an den Stränden in Yucatan. Das Wasser ist so klar, wie ich es bisher noch nicht gesehen habe. Direkt am Strand ist das Wasser einfach nur klar und transparent, aber schon wenige Meter weiter draußen wirkt es knallig türkis. Einige Seesterne tummeln sich in Ufernähe im seichten Wasser. Einer der Jungs ist begeistert: die Fotos würden hier ja tatsächlich aussehen wie im Katalog, ohne dass man einen Filter benutzt oder eine Farbkorrektur vornimmt.
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| Kein gutes Foto - aber ziemlich guter Fisch! |
Zum Abendessen gibt es Fisch aus dem Ofen, der mir auf der Zunge zergeht und göttlich schmeckt. Dass ich so etwas nochmal über Fisch sagen würde! Nachdem die Sonne untergegangen ist spielen wir Karte und genießen den ersten Abend im karibischen Paradies. Wer jetzt meint, dass ich hier nur faulenze, die Sonne genieße, lese, esse und schwimme, dem muss ich leider sagen, dass er recht hat. Ausnahmsweise mal das süße Nichtstun genießen und auch wirklich nichts tun. Ich habe immer gedacht, dass ich das nicht kann, aber für einen Tag klappt es ganz gut.
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| Das kommt doch einem Traumstrand schon sehr nahe! |
Es ist gerade genau Mitternacht, der erste Tag auf der Nakar ist vorbei. Bis eben habe ich mich noch unterhalten, die meisten sind allerdings schon lange im Bett und der Kapitän schnarcht allen Klischees entsprechend laut vor sich hin. Trotz des langen Tages verspüre ich keine Müdigkeit. Meine Koje ist als einzige nur von oben zu betreten, das heißt durch eine schmale Luke muss ich mich zwängen, bevor ich mein sargähnliches Bett betreten kann. Durch die Plexiglasluke, die tagsüber die einzige Belichtung darstellt, kann ich die Sterne sehen. Ich habe es gerade kurz versucht, mich mit diesem kleinen Ausschnitt des Himmelszeltes zu begnügen und dann beschlossen, dass ich mich damit nicht zufriedengebe. So ein Katamaran hat ja den riesigen Vorteil, dass zwischen den beiden „Schwimmkörpern“ im vorderen Bereich ein grobmaschiges Netz gespannt ist, auf dem man wie auf einer riesigen Hängematte über dem Wasser schweben kann. Mit Seidenschlafsack und Kissen lasse ich mich hier nieder. Ich höre nur das Rauschen des Windes in den Palmenblättern auf der nahegelegenen Insel und das Plätschern des Meeres unter mir. Der Blick auf die endlose Anzahl weit entfernter Sterne wird nur durch den zu hellen Mond gestört, der mir schon fast grell erscheint aber gleichzeitig so viel Licht bietet, dass ich hier schreiben kann. Der einzige Gedanke, der mir im Kopf schwebt ist die Frage, ob ich diesen Ort jemals wieder verlassen möchte. Aber dass ich für einsame Inseln nur für einen relativ befristeten Zeitraum Begeisterung verspüre, habe ich ja bereits erörtert. Schließlich lege ich den Laptop weg und genieße für Minuten, vielleicht auch für Stunden den Anblick, dann nur noch die Stille und schlafe irgendwann ein.
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