Vergessene Verwandtschaft und ein entspanntes Wochenende in San José
Wenn beide Eltern aus einer deutschen Familie stammen, trifft man schnell die Annahme, man habe keine Verwandtschaft im Ausland. Für meine halbjährige Lateinamerika-Reise habe ich nur wenige Wochen vor Abflug aus Deutschland entschieden. So gab es nicht allzu viel Gelegenheit, sich ausführlich über die geplanten Ziele zu informieren und mit anderen darüber zu sprechen. Genaugenommen waren noch nicht einmal Ziele geplant. Und trotzdem: Jeder zweite, mit dem ich über meine Pläne sprach, schien einen Vetter in Panama, einen guten Freund in Mexiko oder eine ehemalige Kollegin in Nicaragua zu haben. In meiner direkten Umgebung taten sich jedoch keine solchen Verbindungen auf. Ich wusste zwar, dass es da jemanden, den ich mal kannte, in Costa Rica gibt, aber die Informationen waren nur wage und der Zeitpunkt unserer letzten Begegnung liegt mehr als zehn Jahre zurück. Durch gewisse Umstände und eine rechtzeitig abgeschickte Mail stellt meine Mutter „in letzter Sekunde“ den Kontakt zu ihrem Cousin in San José her. Johannes, seine costaricanische Frau Silvia und ihr vierjähriger Sohn Pedro leben seit einigen Jahren zusammen in der Hauptstadt Costa Ricas, Johannes hat hingegen schon vor zehn Jahren Deutschland verlassen. Und um den Kreis zu schließen: Er arbeitet natürlich auch für einen großen Leverkusener Chemiekonzern, kennt Fliegerkameraden von mir und gleichzeitig kennt Mario, der in Guatemala arbeitet, Johannes zumindest vom Namen her. Kleine Welt.
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| Pedro - der nächste große deutsch-costaricanisch-brasilenische Fußballprofi! |
Als ich meinen Expressbus in Flughafennähe verlasse, um in einen Stadtbus umzusteigen, steht der Verkehr. Für den ersten Kilometer (bzw. nicht einmal die Hälfte der Landebahnlänge) benötigen wir mehr als eine Stunde und ich bin froh, nicht in ein Taxi gestiegen zu sein. Ein weiterer Bus, einen Brombeerjoghurtdrink und eine Zimtschnecke später nähere ich mich fußläufig dem Ziel. Ein Anrufversuch bei meinem „Onkel zweiten Grades“ bleibt ohne Erfolg, also werde ich wohl ohne weitere Absprachen vor der Tür stehen. Nach ein wenig Suche in dem abgeriegelten idyllisch gelegenen Wohngebiet finde ich das Anwesen tatsächlich. Natürlich ist es mittlerweile stockdunkel, aber immerhin deutlich früher, als ich zwischenzeitlich befürchtet hatte.
Ich werde geschätzt achtmal Willkommen geheißen, der Familie vorgestellt und bekomme „mein Zimmer“ gezeigt. Ein eigenes Zimmer mit großem Bett, eigenem Bad und einer Dusche – MIT heißem Wasser! Es ist unvorstellbar, wie man solche sonst alltägliche Details auf einmal zu schätzen weiß. Herrlich, ein Wochenende in einer Familie zu wohnen, die mich mit offenen Armen empfängt und sich freut, mich als Gast zu haben! Kein Hotel der Welt kann einem dieses Gefühl vermitteln. Trotz Müdigkeit unterhalte ich mich noch stundenlang mit meinem „Onkel zweiten Grades“ (unsere Verwandtschaftsbeziehung musste ich erst mal googlen). Johannes, der berufsbedingt unter anderem schon in Indien, Brasilien und den USA gelebt hat, kann mein Fernweh offenbar ganz gut nachempfinden und ist zumindest nicht so verwundert wie manch anderer Verwandter oder Bekannter in Deutschland, der fest davon überzeugt ist, dass es zuhause am schönsten ist. Es tut so gut, dass ich mal in meiner Muttersprache über die Dinge diskutieren kann, die mich gerade am meisten bewegen. Auch wenn wir uns viele Jahre nicht gesehen haben und somit als erwachsene Menschen noch nicht miteinander gesprochen haben, kommt es mir vor, als würde ich mit einem alten Bekannten reden. Es tut einfach mal gut, wenn man nicht bei dem üblichen „Reise-Smalltalk“ „von wo kommst du?“ und „wo gehst du hin?“ hängenbleibt. Natürlich hängt das auch mit dem zeitlichen Rahmen zusammen. In vielen Hostels unterhält man sich mit neuen Bekanntschaften zwischen Aufstehen und Zähneputzen, beim Frühstück, beim Kochen oder mal ein Stündchen beim Bierchen am Abend. Aber zu ernsthaft längeren Unterhaltungen kommt es eher selten.
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| Der Karter des Vulkans Poás - leider geben uns die Wolken heute den Blick auf den türkisen See nicht frei. |
Ausgeschlafen genieße ich ein Frühstück mit frischem Baguette, Spiegelei, Käse, Müsli und frisch gepresstem Orangensaft. Ein bisschen deutsch ist das schon, aber auf jeden Fall gut! Während Johannes an einem Golfturnier teilnimmt und Silvia und Pedro Einkäufe erledigen, nutze ich die Zeit zum Blog schreiben und Skypen. Endlich mal eine konstant funktionierende Internetverbindung! Davon konnte ich in Nicaragua sowohl auf den Inseln als auch auf dem Festland nur träumen. Mittags gibt es auf dem Gelände des Golfclubs ein großes Buffet. Fischfilet in Kokossauce, ein süßes Möhrenpürré und so allerhand Dinge, die ich nie zu meinen Lieblingsspeisen zählen würde, die hier aber richtig gut schmecken. Eine Band spielt live (so laut, dass sich Pedro anfangs die Ohren zuhält), bevor die Sieger des Turniers geehrt werden. Heute ist der Himmel vollkommen bewölkt, was ausgesprochen gut tut, da es nicht so heiß ist, wie in den letzten Tagen in Nicaragua. Pedro wartet sowieso nur darauf, dass wir Fußball spielen und als wir seinem Wunsch nachgehen bin ich erst recht froh, dass die Sonne nicht ungehindert auf uns knallt. Pedro ist wahnsinnig Fußball-begeistert, hat seine nationalen und seine deutschen Lieblingsmannschaften und scheint Tag und Nacht Trikots und Fußballschuhe zu tragen. Tore schießen und über das Fußballfeld des Golfclubs fegen macht ihm eine Riesenfreude, auch wenn er sich erst mal daran gewöhnen muss, dass ich ihn nicht prinzipiell gewinnen lasse. Es ist herrlich, wie Pedro Gestiken der Fußballspieler nachmacht, die er vermutlich im Fernsehen beobachtet hat. Er freut sich riesig über seine Tore, schreit „Gooooaaaal“ und rennt mit angewinkelten Armen und geballten Fäusten im Kreis. Mir wird es trotz Wolkendecke irgendwann zu warm und ich schwimme ein paar Bahnen im vollkommen leeren Sportbecken. So ein Golfclub hat offenbar auch für Nichtgolfer einiges zu bieten. Zusammenfassend würde ich das ganze Wochenende einfach als „Urlaub“ bezeichnen – Urlaub vom Reisen, Urlaub vom Planen, sich ständig Gedanken machen, vom täglich neue Leute kennenlernen und vom rastlos sein. Ich kann mich vollkommen entspannen, am Abend das beste Steak meines Lebens genießen und endlose Unterhaltungen über Gott und die Welt führen.
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| Wir scherzen, dass wir uns gerade auch in irgendeinem deutschen Gebirge befinden könnten. |
Sonntag steht etwas anderes auf dem Plan. Etwas ganz neues, die dagewesenes... na? Richtig, ein Vulkan! Ich hatte Bedenken bezüglich meines mangelhaft geeigneten Schuhwerks geäußert, die sich aber schnell als überflüssig herausstellen. Der gut 2700 Meter hohe Vulkan Poás liegt knapp eine Autostunde von San José entfernt. Genau wie der Vulkan Masaya in Nicaragua kann man hier bis fast zum Krater fahren. Im Gegensatz zu allen bisherigen Vulkantouren lege ich diesmal tatsächlich kaum einen Kilometer zu Fuß zurück, den Großteil der Anfahrt sitze ich gemütlich im Auto. In meinen Flip Flops, aber zum Glück mit langer Jeans und Jacke friere ich schon fast in der Höhe. Es ist nach wie vor bewölkt und verhältnismäßig windig. Der Kratersee, der mit einem extrem hohen Säuregehalt (PH-Wert unter eins) normalerweise türkisblau ist, ist anfangs nicht einmal zu erahnen. Nach zehn Minuten geben die Wolken den Blick für einige Sekunden frei, ein Raunen und Applaudieren geht durch die wartende Touristenmenge und der See ist kurz zu sehen. Schon Augenblicke später schauen wir wieder auf eine weiß-graue diffuse Masse. Auf dem Rückweg halten wir um einen Blick auf die unter uns liegende Hauptstadt zu erhaschen: auch hier schieben sich Wolken von allen Seiten vor unser Sichtfeld. Die Stadt San José beherbergt weniger als eine halbe Millionen Einwohner und ist die größte Stadt des Landes Costa Rica (4,3 Millionen Menschen). Architektonisch fällt aus der Ferne nur das 2011 eröffnete Nationalstadion auf.
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| Mittlerweile weiß ich, wie ich Tiere anlocke: die Imitation des Geräuschs einer raschelnden Plastiktüte klappt heute sehr gut! |
Schon Montag möchte ich das Land wieder verlassen und habe im Vorfeld Schwierigkeiten, ein Busticket nach Panama zu bekommen oder wenigstens Informationen zu erhalten. Einige Busgesellschaften haben weder Website noch erreichbare Telefonhotline, andere teilen mir mit, dass alle Busse nach Panama City für die komplette nächste Woche ausgebucht sind. Kaum zu glauben! Dennoch entscheide ich mich am Montag, an dem für meine Gastgeber ja sowieso wieder eine normale Arbeitswoche beginnt, einfach zu einer der vielen verschiedenen privaten Busstationen zu fahren und irgendeinen Bus gen Süden zu nehmen. Hier warten und nichts tun bis ein Direktbus einen Platz für mich frei hat, kommt jedenfalls nicht in Frage! Gesagt, getan. Pedro muss zum Fußball, Silvia ist schon auf dem Weg zur Arbeit und Johannes setzt mich an einer Bushaltestelle ab. Zehn Minuten warten, zwanzig Minuten Busfahren und ebenso lange durch eine Art Fußgängerzone laufen – eine gute Stunde später erreiche ich die Busstation. Ich kaufe ein Ticket nach David in Panama und nehme mir vor, dort die Nacht zu verbringen. Die freundliche Dame hinter dem Schalter erklärt mir jedoch, dass ich noch ein Ausreiseformular benötige, für das ich sieben Dollar bei der „Bancrédito“ zahlen müsse. Die Bank habe eine Filiale in der Innenstadt von San José und ohne dieses Formular könne ich die Grenze nicht passieren, der Bus würde dann nicht auf mich warten. Gut, denke ich mir, ich habe ja noch mehr als zwei Stunden Zeit, kein Problem! Schon eine halbe Stunde später sollte die Situation deutlich auswegloser aussehen...
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| Pferdetransport mal anders. In San José scheint immer und überall viel Verkehr zu sein. |






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