Oh, wie schön ist Panama!
Erinnert ihr euch noch die Geschichte, wie der kleine Tiger und der kleine Bär nach Panama reisen? Ich muss gestehen, dass ich sie nur noch verschwommen im Kopf hatte und schon vor meiner Abreise mal recherchiert habe, woher meine blinde Vorfreude auf das mittelamerikanische Land stammt. Die Geschichten von Janosch sind wohl vielen deutschen Kindern in den Achtziger Jahren vorgelesen worden und die Tigerente scheint fast den Bekanntheitsgrad der Maus erlangt zu haben. Die Geschichte handelt jedenfalls von besagten Freunden, Tiger und Bär, die eine wohlriechende Bananenkiste mit der Aufschrift „Panama“ finden und daraufhin beschließen, das neu ernannte Land ihrer Träume zu suchen um dort zu leben. Nach einer langen Reise, die sie letztendlich im Kreis führt, finden sie vor ihrem mittlerweile verwittertem und mit Pflanzen überwuchertem Haus das alte Holzstück mit dem Wort „Panama“ wieder und glauben, ihr Ziel erreicht zu haben. Von da an leben sie glücklich in ihrem lang ersehnten „Traumland“.
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| Da ich keine kleine Holztigerente als Fotomotiv dabei habe, muss ich ein bisschen mit Photoshop schummeln. |
Selbstredend, dass ich mir genauer ansehen möchte, was Tiger und Bär möglicherweise verpasst haben. Ich muss nun aber zugeben, dass Panama bei meiner bisherigen Reiseplanung dann doch von der Liste der favorisierten Ziele gestrichen wurde und nun nur als Zwischenstopp auf der Weiterreise nach Kolumbien dient. Ursprünglich wollte ich mal Kolumbien auslassen („das ist da ganz gefährlich und du wirst bestimmt gemopst...“), habe mich aber nach den so oft gehörten Positivberichten umentschieden. Drei Tage Panama City stehen also auf dem Programm, bevor ich den nördlichen der beiden amerikanischen Kontinente auf dem Seeweg verlassen werde. Stellt sich nun also die Frage, wie ich die 800 Kilometer von San José und vor allem die Grenze überwinde.
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| Fischmarkt Panama City |
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| Weihnachtsmusik im Einkaufszentrum |
Nach Kauf meines Bustickets habe ich also zwei Stunden Zeit, um bei der Bancrédito meine sieben Dollar für die Ausreise zu begleichen. Ich habe die Information der Ticketverkäuferin noch einmal überprüft: an der Grenze gibt es eine Filiale der Bank, die schließt allerdings am Nachmittag und ich werde erst am Abend an der Grenze sein. Da ich schon in Mexiko eine Ausreisegebühr bei einer Bank zahlen musste und glücklicherweise zur richtigen Uhrzeit vor Ort war, weiß ich, dass diese Bürokratie-Geschichten Probleme geben können. Als ich die Bank erreiche, finde ich kein unübliches Bild vor: Dutzende von Menschen, wahrscheinlich sogar über hundert warten in einer schmalen Schlange vor dem Gebäude. Die möchten bestimmt ihren Halbmonatslohn abholen, denke ich mir. Dieses Verhalten ließ sich schon in einigen Ländern beobachten. Als ich mich am Eingang nach dem „impuesto de salida via terrestre“ erkundige, werde ich auf die Warteschlange verwiesen. Sie alle stehen aus dem gleichen Grund an: die geplante Ausreise aus Costa Rica auf dem Landweg. Ich frage nach Alternativen, mein Bus führe schon in einer guten Stunde. Man sagt mir, die Wartezeit betrage vier bis fünf Stunden. Nach ein wenig Diskussion erhalte ich den Hinweis, dass die Bank noch eine Filiale weiter außerhalb des Zentrums habe. Außerdem könne ich mein Ticket ja umbuchen und noch eine Nacht in San José bleiben. Ich entschließe mich, weder das Ticket umzutauschen noch mit dem Taxi zu der anderen Bankfiliale zu hetzen. Stattdessen suche ich mir eine potentielle Übernachtungsmöglichkeit in dem Grenzort heraus und betrete wenig später den Bus mit der Überzeugung, dass ich an der Grenze übernachten muss und am nächsten Morgen meine ausstehende Zahlung bei der Bank an der Grenze begleiche. Ich muss dazu sagen, dass ich bisher alle Grenzen „selbständig“ überquert habe und noch nie einen Bus vorgebucht habe bzw. mit selbigem eine Landesgrenze überfahren habe. Warum auch? Ich bekomme einen Haufen verunsichernder und inkorrekte Informationen und habe im Endeffekt zwar einen bequemeren Sitzplatz für die Dauer der Fahrt aber dafür umso mehr Stress beim Grenzübergang selber.
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| Wie die Geier hocken sie da.... Casco Viejo |
Schnell stellt sich heraus, dass zwar offenbar die vielen Menschen aus Nicaragua, die zum Weihnachtseinkauf nach Panama wollen, die kostbare Bescheinigung benötigen, alle US- und EU-Touristen aber ohne auskommen. An der Grenze fällt kein Wort über anfallende Kosten oder fehlende Papiere. Keine Übernachtung in Costa Rica. Eine Info, die ich in einem der letzten Hostels in Nicaragua zufällig mitbekommen habe, stellt sich als wertvoll heraus. Ich habe mir über mein deutsches Reisebüro, in dem ich die Flüge gebucht habe, einen fiktiven Heimflug von Panama reservieren lassen. Und tatsächlich wird ein Rückflugticket aus dem Land verlangt. Da es auf deutsch ausgestellt ist, kann der Beamte wohl kaum nachvollziehen, dass es sich um eine nichtssagende Reservierung handelt. Ein Pärchen aus Schweden hat hingegen massive Probleme, muss lange diskutieren und soll anstelle eines Tickets 500 USD in bar nachweisen. Ich habe schon mal gehört, dass auch eine Kreditkarte die Beamten besänftigen kann und teile es den beiden verzweifelten Schweden mit. Wenige Minuten später haben auch sie ihren Stempel im Pass. Schön, wenn man sich diesen kleinen Schrecken ersparen kann. Schon oft habe ich von Reisenden gehört, die ihre Flüge irgendwo günstig im Internet geschossen haben und dann an der Grenze eine böse Überraschung erleben und teure Ausreiseflüge erstehen müssen, um ins Land einreisen oder gar den Flieger besteigen zu dürfen.
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| Latte Macciaoto und eine Tafel Ritter Sport dunkel mit ganzen Nüssen - wie Weihnachten! |
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| Ein Wohngebiet in der Stadt - leider ist die Straße, die hier hinführt, für Fußgänger eine Sackgasse. |
Für mich unerwartet geht es danach mit dem kompletten Gepäck in einen abgeschlossenen Raum – Grenzkontrolle! Ich wundere mich, da ich solch gründliches Vorgehen bisher nicht erlebt habe. Die anderen jungen Rucksackreisenden berichten mir, dass es doch ganz normal sei und bisher an jeder Grenze so abgelaufen sei. Jetzt verstehe ich auch, dass ich die großen Reisebusse an den Grenzen immer überholt habe. Bisher war ich in der Regel die einzige Touristin in meinen fahrbaren Untersätzen und jeder Grenzübergang verlief problemlos und ausgesprochen schnell. Auch heute scheint sich für mein Gepäck niemand so recht zu interessieren. Das bin ich aber schon gewohnt, selbst auf Klassenfahrt in der Mittelstufe wurden ab und zu die Rucksäcke meiner Mitschüler auf Alkohol (für den wir damals noch zu jung waren) kontrolliert, meiner wurde allerdings immer ausgelassen. Ich strahle wohl ein Nicht-Schmuggler-Dasein aus. Spart auf jeden Fall Zeit und Nerven.
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| Fünftes Semester Bachelor: Entwurf eines Bürogebäudes - die Ähnlichkeit ist verblüffend - bis ins Detail! |
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| Dunkler Beton und reflektierendes Glas. |
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| Auf ins Getümmel! Hier gibt es immerhin noch Gehwege und sogar Fußgängerbrücken! |
Panama. Jetzt bin ich also da – im Land der Träume des Tigers und des Bären. Ich muss unbedingt noch erwähnen, dass die Busstrecke im Süden Costa Ricas, entlang der Pazifikküste, bisher ein landschaftliches Highlight darstellt. Schroffe Felsen in der Brandung, üppige Vegetation und ein farbenfroher Sonnenuntergang machen die Fahrt zu einem Genuss für die Sinne. Und zwar nicht nur die Augen, denn: Costa Rica riecht phantastisch! Ich habe während der Fahrt das Fenster weit geöffnet und stecke die meiste Zeit den Kopf in den Wind. Es riecht nach frisch gemähtem Gras, nach Regen, nach Salz und Meer. Ach wie schön ist das Reisen im nicht-klimatisierten Reisebus.
Als ich David in Panama erreiche ist es schon lange dunkel. An der Grenze habe ich Roland kennengelernt (na gut, der Name war so ähnlich, aber ich konnte ihn mir beim besten Willen nicht merken), der ein bisschen besorgt um mich ist. Er habe selbst eine 27jährige Tochter und würde sie niemals auf diese Art und Weise alleine reisen lassen. Was denn meine Eltern dazu sagen würden. Er und ein junger Mann aus El Salvador haben auch Panama City zum Ziel und wir bemühen uns in David gemeinsam um ein Anschlussticket. Alles kein Problem, um Mitternacht können wir den doppelstöckigen Expressbus in die Hauptstadt nehmen. Vorher haben wir noch gute zwei Stunden Zeit zum Abendessen (ich kann eine Einladung nicht ausschlagen ohne auf größten Widerstand zu stoßen) und Kartenspielen. „Trio“ ist die panamesische Form von Rommé und ehrlich gesagt ziemlich langweilig im Vergleich zu der Version, die ich gerne spiele. In meinem Rucksack habe ich noch das unbenutzte Kartenspiel von Sabine gefunden, dass ich mehr oder weniger unbeabsichtigt behalten habe, nachdem es sich einmal in meinem Gepäck befand und Sabine beteuerte, dass sie es nie benutzen würde. Zwei kleine Jungs (möglicherweise aus Panama) haben sich gerade (um halb zwölf nachts) zwei Cappuccinos bestellt und wollen unbedingt mit uns „21“ spielen. Erst als die Mutter von draußen an die Scheibe klopft, verabschieden sich die aufgeweckten Kerlchen. Sechs Stunden, eine handvoll Erdbeeren und eine Mütze Schlaf später sitze ich am Busbahnhof in Panama City. Noch ist die Sonne nicht über den Horizont geklettert, also nehme ich mir Zeit, putze meine Zähne, frühstücke und besorge mir ein Metrobusticket. Das Hostel „Mamallena“ - eine der wenigen preisgünstigen Unterkünfte in der Stadt ist gut erreichbar. Noch ist für mich kein Bett frei, aber ich kann Duschen und mich ausruhen, bis gegen neun jemand auscheckt. Der Schlaf der Fahrt muss ausreichen, jetzt noch mal ins Bett gehen kommt nicht in Frage. Mit Benny und einem Deutschtürken, dessen Name ich mir – Schande über mein Haupt – auch nicht gemerkt habe ziehe ich los Richtung Casco Viejo. Fischmarkt, heruntergekommene Gasse und schließlich das historische Zentrum, das sich aus einer Mischung aus gut restaurierten und vollkommen verfallenen Gebäuden zusammensetzt. Ich verbringe einige Stunden in einer riesigen Mall und finde endlich neue Trekking-Schuhe. Günstig ist es hier sowieso und auf mein Modell gibt es noch 50% Rabatt. Jetzt kann ich endlich wieder Vulkane besteigen... Am zweiten Tag halte ich mich überwiegend im modernen Teil der Stadt auf, laufe Stundenlang umher und finde ein interessantes Gebäude. Der Wolkenkratzer, der Büros beherbergt, erinnert mich stark an einen meiner Entwürfe im Studium. Quadratische Etagen sind übereinandergestapelt und in leicht versetztem Winkel Etage für Etage gegeneinander verdreht. Echt spannend – ich habe das Gefühl, ein Gebäude zu betrachten, das ich selber entworfen habe. Mal eine ungewöhnliche Erfahrung. Betreten kann ich das wie üblich streng bewachte Gebäude leider nicht.
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| Weihnachtlicher Chickenbus - da hat sich jemand viel Mühe mit dem Anbringen von Lichterketten gegeben. |
Tag drei ist schon fast ein Tag zu viel für die Großstadt. Ich laufe morgens einfach mal los – Richtung Osten. Es gibt noch das „ganz alte“ Panama, Panama Viejo, eine Ruine, die irgendwann mal das Zentrum dieser Stadt dargestellt hat. Der Plan, einfach mal am Wasser entlangzulaufen, geht nicht ganz auf. Die ersten Kilometer laufen gut und es gibt viel zu sehen, aber dann stecke ich plötzlich bis zum Hals in der Sch****. Na ja, nicht ganz, aber immerhin bis zum Knöchel im Schlamm. Merke: Wenn es ausschließlich eine mehrspurige Hauptverkehrsstraße gibt, versuche nicht, im Küstenbereich daneben deinen Weg zu gehen! Nach einer anstrengenden Stunde in Matsch und über „Stock und Stein“ muss ich umkehren – das führt hier zu nichts. Schließlich erreiche ich mein Ziel mit dem Bus. Gut, fast mein Ziel. Wie so oft steige ich einfach aus dem Bus und habe vor, noch ein bisschen „rumzulaufen“. Keine Minute habe ich den Bus verlassen, schon werde ich von einem freundliche Polizisten aufgehalten. Was ich hier mache, wo ich hin will.
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| Alt vs. neu - Ausblick vom Mirador in "Panama Viejo" |
Hier ist es mal wieder zu gefährlich für allein reisende Mädels, man könne mich ausrauben. Der gute Mann ruft seinen Kollegen, der mich kurzerhand zum Eingang der Ruinen fährt. Keine Widerrede. Und die Handynummer des zweiten Polizisten muss ich mir auch notieren falls ich weitere Probleme habe. (Hatte ich schon irgendwelche Probleme?) Nach einer Tour durch die nicht wahnsinnig spannenden Mauerbruchstücke und einem Stündchen auf dem Mirador (= Aussichtsturm: fünf Minuten Ausblick, fünfzig Minuten lesen) trete ich den Rückweg an. Und es passiert schon wieder. Diesmal ist es ein Polizist auf einem Fahrrad, der mich unbedingt zur sehr nah gelegenen Bushaltestelle begleiten möchte. Gut, wenn ich ihm damit einen Gefallen tue. Als er weiß, wo ich hinfahren werde, telefoniert er einige Male und ich höre mehrfach den Namen meines Hostels. Was genau er da bespricht, weiß ich immer noch nicht. Vielleicht versichert er sich auch nur, dass der Bus tatsächlich in meine Richtung fährt. Auf jeden Fall komme ich heil an und ziehe später noch mal los, um ein paar Einkäufe zu erledigen: Sonnenmilch, Getränke und Snacks – fürs Weihnachtsfest auf hoher See.
Fünf Tage werde ich jetzt auf einem Katamaran und den San Blas Islands vor der Karibikküste Panamas verbringen. Am ersten Weihnachtstag erreiche ich voraussichtlich Cartagena in Kolumbien. Wie schön die Inseln wirklich sind, wie die Einheimischen Weihnacht feiern und ob ich seekrank werde erfahrt ihr dann nächste Woche. Um am 24. Dezember gibt es ab mittags einen kleinen Weihnachtsgruß auf einsameinsel.de!
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