Die längste aller Reisen – Von Managua zur „Little Corn Island“ zu Land und zu See

17:40 Einsame Insel.de 4 Comments

Alle Nicaragua-Reisenden, die ich bisher getroffen habe, schwärmen von der Little Corn Island, einer nur drei Quadratkilometer großen Insel, etwa siebzig Kilometer vor der Karibikküste gelegen. Die Karte des größten mittelamerikanischen Landes lässt bereits erahnen, dass die meisten Städte im Westen und in der Nähe der beiden großen Seen liegen (90% der Bevölkerung leben hier). Dementsprechend ist auch die Infrastruktur nahe der Pazifikküste um Längen besser als in östlicheren Landesteilen. Wenn man also wenig Zeit hat und möglichst viel sehen möchte, hält man sich am Besten ausschließlich im Westen auf und lässt die Karibik komplett aus. Aber ich habe ja Zeit... Und ich möchte gerne die kleine „Mais-Insel“ sehen. Als ich mich in El Salvador entschlossen hatte, nicht an die Karibikküste von Honduras zu fahren, war gleichzeitig klar, dass ich das in Nicaragua nachholen würde und hier noch einmal in die Unterwasserwelt abtauchen würde.

Diese grandiose Karte von Nicaragua steht direkt hinter der Grenze, wenn man das Land von Norden betritt. Es gibt noch ein weiteres "Willkommen"-Schild, das allerdings noch weit mehr verrostet und mittlerweile umgekippt ist.


Von Managua könnte ich mit einer kleinen Propellermaschine mit Zwischenstopp in Bluefields auf die Big Corn Island fliegen und von dort mit dem Boot übersetzen. Kostenpunkt knapp 200 Dollar mit dem großen Nachteil, dass ich mich auf einen Rückflugtermin festlegen muss. Oder ich begebe mich auf den langen Weg zu Land und zu Wasser. Ich entscheide mich für eine Kombination: hinschippern und zurückfliegen. So kann ich vor Ort entscheiden, wie lange ich bleiben möchte und finde preislich einen Kompromiss (ein One-Way-Ticket kostet deutlich mehr als die Hälfte des Returntickets).
Der Frachter, der von Bluefields an der Karibikküste bis zur Insel fährt, legt nur einmal pro Woche ab. Also muss die Reise gut geplant sein. Der erste Versuch, die Reise anzutreten, geht jedoch schief. Sabine und ich fahren Montagabend mit dem Taxi zur abgelegenen Busstation in Managua um dort zu erfahren, dass sowohl der Nachtbus als auch der am nächsten Morgen bereits ausverkauft sind. Weihnachtszeit. Was ich deutlich später erst erfahre: Kürzlich haben die großen Ferien in Nicaragua begonnen – kein Wunder, dass alle Welt reist. Wir kehren also fast unverrichteter Dinge in unser Hostel in der Stadt zurück. Aber nur fast: Unser Busticket für den nächsten Abend haben wir in der Tasche und ein Date für den zweiten Anlauf mit unserem Taxifahrer Jonathan, der sich gleichzeitig als ausgesprochen hilfreicher Spanischlehrer während der Fahrzeit erweist, ist auch abgestimmt.

Ich bin also gezwungen, einen weiteren Tag in der Landeshauptstadt zu verbringen, in der man sich angeblich nicht unbedingt überall sicher fortbewegen kann und von der ich glaube, alle „Sehenswürdigkeiten“ bzw. sehenswerten Ecken schon erkundet zu haben. Relativ schnell kommt mir der Gedanke, dass ich diesen unvorhergesehenen „freien Tag“ gar nicht so schlecht finde und ich mir einfach mal Zeit nehmen kann für meine Fotos, meine Texte und alles, worauf ich spontan Lust habe. Zurück im Hostel teste ich den Pool, den ich für zu kalt erachte, lese und entspanne. Am nächsten Morgen gehe ich im gut sortierten Supermarkt in der nahe gelegenen Mall einkaufen, frühstücke ausgiebig und kehre dann in das Einkaufszentrum zurück, um stundenlang in einem kleinen Café mit Aircondition zu sitzen und meine Fotos vom Vulkantrekking auszusortieren und den entsprechenden Blogeintrag zu verfassen. Und das alles ohne Zeitdruck, da wir erst um halb acht von Jonathan abgeholt werden würden. Das erste Mal seit langem koche ich wieder in einer Hostelküche und freue mich über meine mittlerweile vielfältige Gewürztüte. Öfter bekomme ich zu hören, ich sei ja so typisch deutsch. Organisiert, für alle Fälle gewappnet und natürlich in allem was ich tue besonders effizient. Meistens kann ich das wohl als kompliment auffassen und bei so einer Rucksackreise können diesese Eigenschaften ja nicht schaden.
Ich weiß, das mag für euch albern klingen, aber für mich ist dieser freie Tag tatsächlich mal ein Tag Urlaub vom Reisen. Erst in den nächsten Tagen würde mir klar werden, wie gut es war, diesen Tag vor dem Antritt der Reise auf die Corn Islands so entspannt zu verbringen.


Panga von El Rama nach Bluefields - glücklicherweise mit Regenplane
 Dienstagabend. Kurz vor neun sitzen wir im Bus. Ich bin erleichtert, dass es "richtige" Sitze gibt, nicht diese hier so typischen Kunstlederbänke, auf die gerne mal zwei statt drei Personen gesetzt werden. Wir haben einen Platz in der ersten Reihe, direkt hinter dem Fahrer und so ungewöhnlich viel Beinfreiheit. Die großen Rucksäcke sind auf dem Dach verstaut und ausnahmsweise mit einer Plastikplane bedeckt, sodass wir uns keine Sorge um Niederschlag machen müssen. Die Bustür ist fast während der gesamten Fahrt geöffnet - somit ist schwer zu beurteilen, ob meine Nackenstarre vom Zug oder von einer ungünstigen Sitzposition kommt. Eine halbe Mütze voll Schlaf später erreichen wir El Rama, es ist kurz vor vier und noch stockdunkel. Wir haben schon ein Ticket für das „Panga“ - ein kleines Schnellboot – nach Bluefields zusammen mit dem Busticket gekauft, müssen uns allerdings jetzt schlaftrunken noch einmal anstellen, um unseren Platz auf dem Boot zu sichern. Ich schlafe noch zwei Stunden sitzend auf meinen Rucksack gelehnt – manchmal ist das große Ding doch ganz praktisch. Als wir endlich das Panga betreten, fängt es an wie aus Eimern zu schütten. Wir gehören noch zu den wenigen Passagieren, die das Glück haben, in einem überdachten Boot zu sitzen. In voller Fahrt hilft jedoch nur eine Plastikplane um zu vermeiden, dass wir bis auf die Knochen nass werden. Die Fahrt bei Sonnenaufgang ist trotz des lang anhaltenden Regens ein positives Erlebnis. Ich hätte auch nichts gegen eine langsamere Flussfahrt, bei der man sich ein wenig die Landschaft ansehen kann. Aber die lange Fahrt auf dem karibischen Meer habe ich ja noch vor mir. 

Kurz nach Sonnenaufgang hat der Regen wieder nachgelassen und die Fahrt im "Panga" macht richtig Spaß - ist allerdings etwas zu schnell für anständige Fotos.

Zwischenzeitlich war ich der Meinung, aufgrund des verspäteten Reiseantritts Schwierigkeiten zu bekommen, rechtzeitig in Bluefields zu sein, um das Schiff zu den Inseln zu erreichen. Dort angekommen heißt es jedoch, die „Captain D“ liefe erst am Nachmittag aus dem Hafen aus und sei bisher noch gar nicht eingetroffen. Ich bin todmüde und heilfroh, als Sabine und ich nach Ticketkauf, Frühstücken und einer Weile Umherirren in der Küstenstadt Bluefields ein ruhiges Restaurant am Wasser finden, in dem wir uns bei einem Kaltgetränk die nächsten Stunden aufhalten können. Um vier zurück am Hafen, um sechs endlich auf dem Schiff erwarten wir eine baldige Abfahrt. Das mitgebuchte „Bett“ stellt sich als 1,80m langer Holzkasten heraus, der gerade genug Platz für eine Person samt Gepäck bietet – Bewegen kaum möglich. Ich bin als eine der Ersten auf dem Schlafdeck und verstehe erst im Nachhinein, dass der gezahlte Extrabetrag keineswegs eine Garantie für einen Schlafplatz, sondern ausschließlich die Leihgebühr für eine dünne, olle Matratze darstellt. Glück gehabt, dass Sabine und ich noch zwei der zwar durchnummerierten Holzkästen ergattert haben, die allerdings nicht im Bezug zu unseren Namen auf der Liste der Fahrkarten mit Bettenzuschlag steht. Am späten Abend, nachdem ich mich endlich halbwegs in meinem offenen Sarg eingerichtet habe und mich immer noch wundere, dass wir noch im Hafen liegen, heißt es dann plötzlich, wir würden erst am nächsten Morgen unsere Reise fortsetzen. Ob es an einem Motorproblem liegt oder man einfach die ganze Nacht benötigt, um den Frachter zu be- und entladen, bleibt unklar. Bewehrungseisen, Zementsäcke, Kloschüsseln, Lebensmittel, Schweine, Fahrzeuge – alle erdenklichen Güter werden auf die Corn Islands transportiert. Mittlerweile ist also schon Donnerstag. Kurz vor neun setzen wir uns endlich in Bewegung. Ich habe mich schon fast an meine hölzerne Unterlage gewöhnt, auch wenn ich nicht sonderlich viel geschlafen habe. Aber mit Kindle und Hörbüchern ist die Zeit erträglich gewesen.

Am Rande des Ortes Bluefields finden wir ein ruhiges Fleckchen zum Ausruhen.
Das Wasser lädt hier allerdings nicht zum Baden ein.
Ich habe einen neuen Freund am Hafen von Bluefields. Schweini teilt sich später mit mir das Schiff, glücklicherweise schläft er auf einem anderen Deck, wird aber wieder nicht viel mehr Platz haben als hier zwischen Auto und Laternensposten.

Ich befinde mich deutlich weniger als einen Meter unter dem Trapezblechdach des Decks und spüre, wie die Hitze der Sonne durch das dünne Material strahlt. Zwischendurch gibt es heftige Regenschauer – so ist ein Wechsel auf einen Boden-Sitzplatz im Freien auch nicht unbedingt erstrebenswert. Zum Frühstück gibt es Müsli mit Milch, Bananenscheiben, frischer Kokosnuss und Zimt. Das rettet meinen Tag. Eigentlich hätte ich ja schon längst am Ziel sein sollen. Und dann habe ich da noch die köstlichen Passionsfrüchte, die ich in Bluefields erstanden habe – jetzt sind wirklich alle Reisesorgen vergessen! Als meine Vorräte aufgebraucht sind und ich mich nach einem kühlen Getränk sehne, erreichen wir am Nachmittag endlich die große der beiden Corn Islands und haben noch Zeit für einen Snack, bevor wir das Schnellboot auf die Little Corn Island nehmen. Was ein Aufwand! 

Fast 24 Stunden verbringe ich auf diesem Deck! Alles andere als bequem...
 Und nun fragt man sich: war es den Aufwand wirklich wert? Ob die Insel wirklich so schön ist, wie ich es mir erhoffe, kann ich noch nicht sagen, da es schon dämmert und ich nur mit Taschenlampe den Weg zu einer Unterkunft finden kann. Aber ob ich im Nachhinein bereue, den Land- und Seeweg genommen zu haben? Nein, eigentlich nicht. Klar, es war mehr als anstrengend und ich habe viel Zeit „verloren“, die ich an schöneren Orten hätte verbringen können. Aber trotzdem gehört die ganze Aktion zur Gesamterfahrung „Little Corn Island“ dazu und ein einstündiger Flug wäre im Verhältnis ganz schön langweilig gewesen. Na gut, ich gebe zu, Lust auf einen Cessna-Flug hätte ich ja schon, aber das ist wieder eine andere Geschichte. Nicht nur einmal musste ich auf der Überfahrt von Bluefields aus an irgendwelche Geschichten über Sklavenschiffe denken oder gar an Viehtransporte. Hätte ich nicht meine eigenen eineinhalb Quadratmeter gehabt, hätte ich die Überfahrt wahrscheinlich deutlich unangenehmer empfunden. Aber dafür bin ich ja jetzt am Ziel und um eine Erfahrung reicher. Man stelle sich einmal vor, auf dieser Insel zu leben und jede Fahrt zum Festland auf diese Weise hinter sich bringen zu müssen... Da wird einem doch mal wieder bewusst, wie gut wir es in unserem schönen Industrieland mit einer weit entwickelten Infrastruktur haben.

Ankunft auf der Big Corn Island und Kurzes Warten auf die Weiterfahrt - in zwei Stunden sind wir am Ziel - nach Sonnenuntergang des dritten Tages (und 44 Stunden "on the road")!

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4 Kommentare:

  1. Liebe Sylvia,
    wunderschön, deine Reiseberichte zu lesen und die "Postkarten" zu bewundern. Mir gefallen selbst die strahlenden Männer - sieht man ja in Deutschland auch nicht so oft... Ich hoffe, deine Wunde ist gut verheilt und es bleibt bei kleineren Blessuren. Falls du nach Costa Rica kommst, würden sich mein Vetter Johannes und seine Frau Silvia sehr über deinen Besuch freuen...
    Übrigens gibt es auch in D. viele freundliche, nette und großzügigie Menschen. Und es werden jeden Tag mehr.
    Alles Gute weiterhin
    wünscht dir Mutti

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    1. ...dass man dich noch mal mit Reiseberichten erfreuen kann, wundert mich - schön!
      Wäre schön, wenn das mit Costa Rica klappt, werde dort aber wenn nur einen kurzen Zwischenstop einlegen!

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  2. Ha Sylvia,
    Nach langen auch von mir mal wieder einen Kommentar! Wie hasst du überhaupt noch Zeit zum Reisen mit al die Bilder und Bloggeschichten. Ich muss ja schon richtig Zeit nehmen um mir jede par Tage wieder zum heutige Tag zu lesen ;-)
    Aber tolle Geschichten und Bilder wieder. Mach so weiter!
    Was die weiniger lustige Sachen wie unkomfortables Reisen betrifft, genau wie du sagst, das gehört zum Totalerlebnis! No worries, you're making great memories habe ich mal irgendwo gelesen als ein Pilot seine Winglets zuhause vergessen war. So lange alles noch Heile und gesund bleibt einfach weiter so machen.
    Wir können hier sonnige Geschichten gebrauchen (kalt, grau und nass). Und auch die unkomfortabele Seite bitte, so dass wir uns ein bisschen trösten können mit der Gedanke das wir bequem zu Hause sind ;-)

    Schöne Grüße aus Venlo!!
    Lilian

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    1. Freut mich, von dir zu lesen!
      Ich bemühe mich immer, sowohl positive als auch "unkomfortable" Seiten zu berichten. Und gerade die Kontraste machen es ja auch aus, dass die ganze Reise spannend bleibt. Im nächsten Beitrag wirst du lesen, dass ich gar nicht so viel mit einer schönen, ruhigen "einsamen Insel" anfangen kann und mich an den vielfältigeren Orten (mit ihren verschiedenen Facetten) in der Regel wohler fühle bzw. es genieße, mehr zu erleben!
      Liebe Grüße aus Granada, Nicaragua nach Venlo!
      P.S. Was fliegst du nächstes Jahr mit? Magst du mir mal eine Mail schreiben? Habe deine Adresse nicht dabei...

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