Colca-Canyon: Morgenthermik am Cruz del Cóndor
Das tiefste Canyon der Welt befindet sich nicht etwa in Arizona, sondern in Peru. Das Cotahuasi-Canyon hält mit über 3400 Metern Tiefe den Weltrekord, ist allerdings noch relativ schwer zugänglich und mit einer anstrengenden Anreise verbunden. Wir begnügen uns mit dem Besuch des zweittiefsten Canyons. Das Tal, durch das der Rio Colca fließt, erstreckt sich über einhundert Kilometer westlich von Chivay.
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| 6000 Meter hohe Berge, saftig grüne Hangterrassierungen und das Tal des Rio Colca |
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| Und das Colca-Canyon noch mal als Panorama. |
Bei meiner gestrigen Radtour habe ich die Ausläufer des Colca-Tals östlich von Chivay kennengelernt und bin gespannt auf das eigentliche Colca-Canyon, das durch seine deutlich engere und tiefere Talform diese Bezeichnung verdient. Aufgrund fehlender öffentlicher Verkehrsmittel scheint die einzig sinnvolle Möglichkeit, die Gegend in einem überschaubaren Zeitraum zu erkunden, eine geführte Tour zu sein. Schnell findet sich ein Anbieter, der ein attraktives Gesamtpaket anbietet und uns einen weiteren Tag vor größerem Organisationsaufwand bewahrt. Ich kann ja immer wieder nur betonen, dass mir das ganze Eigenorganisieren, Planen oder auch einfach drauf los fahren und vor allem die Ungewissheit, was einen genau erwartet, besonders viel Spaß machen. Gleichzeitig fällt es mir im Moment aber wirklich leicht, mich von einem Fahrer durch die Gegend fahren zu lassen und mir von einem Guide die wichtigsten Infos berichten zu lassen, ohne selber körperliche oder mentale Anstrengungen auf mich nehme zu müssen. Wenn man wenig schläft und bei jeder noch so kleinen Anstrengung außer Atem kommt, gibt es kaum etwas angenehmeres als einfach nur zu konsumieren. Wäre ich im Moment alleine unterwegs, würde ich vielleicht wirklich zwei, drei Tage im Bett verbringen in der Hoffnung, danach vollkommen fit zu sein, um dann wahrscheinlich festzustellen, dass es mich nur noch müder und träger macht.
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| Diese Mädels verdienen sich am frühen Morgen noch etwas dazu, indem sie auf dem Dorfplatz in traditionellen Kleidern tanzen. |
Wir werden also an diesem sonnigen, aber knackig kalten Morgen direkt von unserer Unterkunft abgeholt, um zwanzig Minuten später mit gerade mal sieben Leuten in einem Kleinbus, der für doppelt so viele Menschen Platz bietet, den Ort Chivay westwärts zu verlassen.
Bevor es zur eigentlichen Hauptattraktion, dem „Cruz del Cóndor“, geht, halten wir an mehreren Aussichtspunkten und in einem kleinen Dorf. Ganz offensichtlich dreht sich in diesem Bergdorf alles um den Tourismus. Unser Kleinbus ist bei Weitem nicht der Einzige, der hier einen Zwischenstopp einlegt und ich vermute, dass das bunte Treiben auf dem Marktplatz jeden Tag ähnlich aussieht und eine einzige Show für uns ist – die „reichen“ Touristen. Ein paar junge Mädels tanzen in traditioneller Kleidung (morgens um sieben!), ein paar Frauen verkaufen Textilwaren und Schmuck und wieder andere lassen sich mit Lamas und Alpacas fotografieren – alles gegen ein kleines Trinkgeld natürlich. Es ist schon irgendwie ein lustiges Chaos und mit den vielen Europäern, Asiaten und anderen „Gringos“ und deren großen Kameras komme ich mir ein bisschen vor wie im Zoo (da kann ich mich natürlich nicht ausnehmen).
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| Warten auf die Kondore - hier oben lässt sich heute gut die Sonne genießen. |
Weiter geht's in unserem deutschen Bus, dessen Kühlergrill mit einem dreizackigen Stern verziert ist. Der große Vorteil an so einem Privatfahrer ist aus meiner Sicht, dass er jederzeit am Wegesrand halten kann, wenn man einmal die tolle Aussicht ins Tal genießen oder einfach nur ein Foto schießen möchte. Als wir schließlich das „Cruz del Cóndor“ erreichen, haben sich schon einige Dutzend Touristen eingefunden. Noch ist kein Vogel zu sehen. Ich kann nicht anders, als mir Gedanken über die Sonneneinstrahlung und die Hänge zu machen. Wann geht die Thermik wirklich los? An welcher Stelle werden die Kondore an uns vorbeigleiten? Ich habe keine Lust, mich zwischen die vielen Menschen an dem Geländer zu drängen und die gigantischen Teleobjektive der Japaner vor er Nase hängen zu haben. Also setze ich mich auf den kleinen Felsen mit dem großen Kreuz, das vermutlich Namensgeber dieses Ortes ist. Man muss nicht einmal aufmerksam hinsehen, um mitzubekommen, als der erste Kondor im Anflug ist. Ein Raunen geht durch die Menschenmenge und alle Köpfe drehen sich nach links.
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| Auf dich haben wir schon lange gewartet! |
Der Andenkondor gehört zu den Neuweltgeiern und kommt in den kompletten Anden vor, im Norden leben jedoch deutlich weniger Tiere als im Süden des Kontinents. Bis zu drei Meter Spannweite sollen einzelne Kondore aufweisen, die Größe ist allerdings ausgesprochen schwer einschätzbar, wenn ein solcher Vogel in einiger Entfernung an einem vorbeigleitet.
Ich bin beeindruckt von der Eleganz des großen schwarzen Vogels mit dem weißen Kopf, der lautlos an uns vorbeizieht. Der Moment geht viel zu schnell vorbei, aber am Horizont entdecke ich schon das nächste Pärchen. Die beiden jungen Kondore, die sich an ihrer dunkelbraunen Gefiederfarbe von den älteren Tieren unterscheiden lassen, kommen deutlich niedriger am Cruz del Cóndor an und suchen sich erst mal einen vernünftigen Bart (thermischen Aufwind), in dem sie einige zig Meter Höhe gewinnen. Als noch ein drittes Tier dazukommt bin ich ganz beeindruckt von der Flugdisziplin der Kondore – nun ja, vielleicht ist es auch Zufall. Im Gegensatz zu manch einem Segelflieger bekommen es die drei jedenfalls hin, alle in der gleichen Kreisrichtung den Aufwind zu nutzen und sich nicht gegenseitig in die Quere zu kommen. Da hätte man glatt ein Lehrvideo für Flugschüler drehen können! Während ich da so auf dem Felsen sitze und die großen und kleinen Flugkünstler beobachte, wächst meine Sehnsucht. Wäre das jetzt schön, im Flugzeug zu sitzen. In diesem Moment bereue ich zutiefst, dass ich im Frühjahr nicht am Alpenflugtraining teilnehmen kann. Oh je, werde ich diese Sucht je wieder los? Ich habe meine Reise ja bewusst zum Ende der Segelflugsaison in Deutschland angetreten, aber hier in den Anden vermisse ich das Fliegen doch. Wollte ich mit einem Kondor tauschen? Immerhin leben sie in einer wunderschönen Gegend und haben wahrscheinlich nicht viel mehr Sorgen als Futtersuche, Kinder großziehen und natürlich Thermik finden.
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| Nicht ganz scharf - aber man kann erahnen, mit welcher Eleganz sich diese beiden jungen Kondore fortbewegen. |
Wieder zurück im Bus macht unser Guide noch eine amüsante Bemerkung: Es würden immer wieder Touristen zu nah am Hang stehen, die dann beim Eintreffen der Kondore so erschrecken, dass sie ihre Kamera fallen lassen. Die Kondore sammeln die Kameras dann auf und fotografieren am nächsten Tag die Touristen. Mit gebrochenem Englisch und ein paar Brocken Spanisch dazwischen ist eigentlich alles, was der junge Peruaner erzählt irgendwie komisch. Auf der Hinfahrt berichtete er uns schon, dass für heute Erdbeben angesagt seien, was er dann erst auf dem Rückweg wieder revidiert, als wir uns wundern, dass die Straße vor uns nicht von weiteren Erdrutschen heimgesucht wurde.
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| Sieben Tage alt! Es hat eigentlich mehr von einem Steiff-Kuscheltier als von einem lebendigen Lama. |
Wir halten auf dem Rückweg in einem weiteren Dorf, das der morgendlichen Veranstaltung ähnelt. Ich drehe eine Runde durch den Ort – fernab des wuseligen Platzes, an dem der Bus wartet und der Kirche, die sich Papa währenddessen näher ansieht. Bruchsteinhäuschen in einfachster Bauweise, Wellblechdächer und ein paar Esel prägen das Bild. In den schmalen Gassen begegne ich keiner Menschenseele, erst als ich mich wieder der Kirche nähere, entdecke ich ein paar Einheimische. Wir trinken einen frischen Kaktusfeigensaft und ich komme in den Genuss, das Fell eines sieben Tage alten Lamas zu streicheln. Ganz schön weich – und natürlich noch viel heller und sauberer als seine älteren Artgenossen. Mittags endet unsere Tour wieder in Chivay, wo wir gerade noch genug Zeit zum Mittagessen haben, bevor wir in den Bus nach Puno steigen. |
| Noch ein Jungtier. |
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| Älterer Kondor. |
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| Und noch einmal im Profil |
Dein Wintersaison ist deutlich viel besser als meins......
AntwortenLöschenSchön sind die Kondore!!