Der lange Weg nach Machu Picchu
Es gibt drei Varianten, die Ruinen von Machu Picchu zu erreichen: mit einer mehrtägigen Wanderung, mit einen vollkommen überteuerten Zug oder mit Bus, Sammeltaxi und die letzten Kilometer zu Fuß, was allerdings einen gigantischen Umweg bedeutet. Auf der Karte sieht die letzte Variante ganz interessant aus uns wir beschließen, es auf diese Weise einfach auf dem Hinweg mal zu versuchen. Ausgeschlafen und mit einem reichhaltigen Frühstück im Magen machen wir uns auf den Weg zum zentralen Platz von Ollantaytambo, wo wir nach einer überschaubaren Wartezeit in einen großen Bus einsteigen. Mehrere Fahrer hatten uns bereits ihre Dienste angeboten, die wir dankend abgelehnt haben. Als wir den Bus betreten, bin ich mir nicht mehr so sicher, ob ich die soeben getroffene Wahl des Verkehrsmittels noch einmal treffen würde. Natürlich macht es im Moment einen erheblichen Unterschied, dass ich nicht alleine unterwegs bin. Es ist immer schwer abzuschätzen, was man einer anderen Person zumuten kann, die normalerweise bequemer reisen würde. Papa ist allerdings vollkommen entspannt, auch als klar ist, dass alle Sitzplätze belegt sind. Zusammen mit den beiden Mädels aus Spanien, die mit uns in den vollen Bus zugestiegen sind, nehmen wir im Gang zwischen den Sitzen auf dem Fußboden Platz. Eigentlich kann man es sich hier sogar ganz gemütlich einrichten, aber ich habe irgendwie zu breite Schultern und es bleibt nur die Möglichkeit, die nächsten drei Stunden im Stehen zu verbringen. Das hat immerhin den Vorteil, dass ich raus gucken kann. Die Gebirgslandschaft ist spektakulär: im Tal fließt ein reißender Fluss, der vielerorts von kleinen Bergflüssen gespeist wird, die so steil sind, dass die sich als schmale weiße Linien die Hänge entlang schlängeln. Schafe, Esel, Schweine und Alpakas grasen in den Hängen und lassen sich dabei offenbar von nichts und niemandem stören. Auf den letzten Kilometern bekommen wir noch einen Sitzplatz und ich unterhalte mich mit einem Peruaner über die Exportprodukte von Deutschland und Peru. Irgendwie ist er besonders interessiert daran, welche Arten von Obst und Gemüse bei uns angebaut werden. Ich bemerke gerade, welchen Vorteil es hat, ab und zu in gehobeneren Restaurants zu speisen, die vorrangig für Touristen ausgelegt sind: Es gibt häufig zweisprachige Karten, sodass ich meinen Lebensmittel-Wortschatz im Spanischen laufend erweitere. Vor ein paar Wochen wusste ich noch nicht, was Basilikum, Oliven und Möhre auf Spanisch heißt. Viele meiner Mahlzeiten bestanden bisher aus dem „Menu del día“, bei dem ich meist nur vorher erfahre, ob es sich um Hühnchen oder Rindfleisch handelt.
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| Rechts der Hang, links der Abgrund - und im Tal der reißende Flug Urubamba. |
Der Bus erreicht nach langen vier Stunden und kleineren Schwierigkeiten auf der Strecke schließlich Santa Maria, bevor er ohne uns seinen Weg nach Nordwesten fortsetzt. Außer uns und den beiden Spanierinnen möchten auch Sebastian und Corinna aus Stuttgart nach Machu Picchu. Schnell findet sich ein Fahrer, der uns für ein paar Soles mit Stopp zum Mittagessen in Santa Teresa zur „Hidroelectrica“, einem Wasserwerk am Rio Urubamba fährt. Aguas Calientes, der kleine Ort in unmittelbarer Nähe zu der Inkastätte Machu Picchu, liegt in einem engen Tal und ist von beiden Seiten ausschließlich mit der Bahn oder zu Fuß zu erreichen. Während die Strecke von Osten her einen Tagesmarsch darstellt, haben wir vom Wasserwerk im Westen nur zehn Kilometer vor uns.
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| Kalt und nass - und bestimmt nicht ungefährlich... Ich habe frage mich, ob sich der Fluss zum Rafting eignet...? |
Rückblickend ist der kritischste Teil der Strecke allerdings die Autofahrt zum Wasserwerk, die an steilen Hängen entlangführt. Die Straße ist weitestgehend einspurig, nicht asphaltiert und natürlich auch nicht mit Leitplanken gesichert. Ich kann mich nicht so recht entscheiden, ob ich sie kritischer, „gefährlicher“ finde, als die Straßen im Süden von Kolumbien. Heute Morgen habe ich noch gelesen, dass eine Deutsche und sechs weitere Menschen bei einem Busunglück in Kolumbien ums Leben gekommen sind – mit der Busgesellschaft, die ich vor Ort auch benutzt habe. Man muss schon leider sagen, dass die Straßen in Kombination mit der Fahrweise vieler Busfahrer wirklich nicht ungefährlich sind. Auf unserer heutigen Serpentinenfahrt ist der Ausblick wortwörtlich atemberaubend und ich bin hin- und hergerissen, ob ich die Tour nun aufregend oder furchteinflößend finden soll. Wir kommen heil an und tragen uns am kleinen Bahnhof am Wasserwerk in ein Buch ein. Wir sind nicht die Einzigen sind, die die Laufstrecke gegenüber der Bahnfahrt von Ollantaytambo oder Cusco bevorzugen. Die ersten Minuten geht es steil bergauf – ich bin heilfroh, dass wir die großen Rucksäcke in unserer letzten Unterkunft zurückgelassen haben und nur mit Gepäck für zwei Tage reisen (von denen wohl 80% des Gewichtes auf meine Kameraausrüstung fallen). Die Bahngleise, denen wir in den nächsten zwei Stunden folgen werden, liegen flach in dem schmalen Tal und schlängeln sich am Fluss entlang. Teilweise gibt es Trampelpfade, die angenehm zu begehen sind, teilweise laufen wir auf Schotter und manchmal auch auf den Holzbohlen unter den Gleisen. Wir kreuzen große und kleine Brücken und drehen uns immer wieder um, um sicherzugehen, nicht von einem der blauen Perurail-Züge überrollt zu werden. Prinzipiell besteht keine große Gefahr, mit der Bahn in Berührung zu kommen, da selbige sehr langsam unterwegs ist und bis auf an einigen wenigen kurzen Wegstücken immer genügend Platz ist, um ausreichend Abstand zu den Gleisen zu gewinnen, sollte doch mal ein Zug vorbeirollen. Genau einer dieser Engpässe wird einer jungen Brasilianerin zum Verhängnis. Ein schmaler Seitenarm des Flusses bahnt sich seinen Weg unter den Bahngleisen hindurch, die aus diesem Grund über fünf, sechs Meter über eine schmale Brücke verlaufen. Brücke heißt in diesem Fall, dass die Schienen mit ihrer Unterkonstruktion aufgeständert sind, sich daneben jedoch kein Weg für Fußgänger befindet.
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| Eine vernünftige Brücke ganz zu Anfang der zehn Kilometer langen Strecke. |
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| Gleich haben wir es geschafft: zwei Tunnel müssen wir noch durchqueren und dann sind wird endlich in Aguas Calientes |
Das besagte Mädel erschrickt sich jedenfalls so über den ankommenden Zug und reagiert offenbar zu spät, dass sie irgendwie im Wasser landet – samt ihres Gepäcks. Während der Zug an mir vorbeifährt, bin ich mit Fotografieren des aus Richtung Wasserwerk herannahenden Zuges beschäftigt, sodass ich den Zwischenfall erst einige Minuten später mitbekomme. Glücklicherweise hat sich die junge Frau nicht verletzt, sie vermisst allerdings ihren Beutel mit allen Wertsachen – inklusive Reisepass. Viel mehr, als ihr trockene Klamotten für den übrigen Weg zu leihen, kann ich im Moment auch nicht machen. Es ist schön zu sehen, dass sich direkt viele weitere Wanderer finden, die zumindest moralischen Beistand leisten.
Wir erreichen Aquas Calientes noch rechtzeitig, um Eintrittskarten für Machu Picchu für den nächsten Morgen zu erwerben. Wenn man bedenkt, dass man in der Hochsaison schon weit im Voraus Karten kaufen muss, wenn man ein bestimmtes Datum oder gar eine bestimmte Uhrzeit im Auge hat, bin ich mal wieder froh, dass wir in der Regenzeit unterwegs sind.
Um fünf Uhr sollte eigentlich mein Wecker klingeln. Leider hatte ich nicht bedacht, dass heute Samstag ist und ungeschickter Weise die Weckfunktion für Wochentags aktiviert. Leicht irritierend ist jedoch, dass mein Telefon beim Einstellen noch irgendetwas anzeigte wie „Der Wecker klingelt in 9 Stunden und 7 Minuten!“. Von wegen! An dieser Stelle noch mal herzlichen Dank an Sarah, die mir passender Weise um 05:07 eine Nachricht schickte (schön, dass sie jetzt auch ein Smartphone hat) und unser fast-rechtzeitiges Aufstehen somit sicherstellte.
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| Am Eingang zu Machu Picchu: immerhin die Hände werden so wieder warm! |
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| Es sieht nach Regen aus während des frühmorgendlichen Aufstiegs. |
Das Frühstück ist eine kleine Katastrophe, sodass es uns nicht schwer fällt, uns auf den Weg zu machen. Nass, kalt und dunkel. Okay, zumindest kalt und dunkel. Dann nur kalt, dann nass und noch kälter und irgendwann endlich warm, trocken und hell. Der Weg von Aguas Calientes zum Eingang von Machu Picchu kostet uns eine knappe halbe Stunde und es dauert noch eine weitere Stunde, bis wir zum eigentlichen Eingang zu den Ruinen gelangen. Man könnte auch den mit zehn Dollar vollkommen überteuerten Bus nehmen, aber das wäre ja kein ordentlicher Besuch von Machu Picchu. Wenn man es sich zeitlich und kräftemäßig leisten kann, gehört der Aufstieg dazu.
Endlich oben angekommen, setzt der Regen ein, den wir schon die ganze Zeit haben kommen sehen. Logischer Weise ebenfalls vollkommen überteuert ist der Kiosk im Eingangsbereich, der bei strömendem Regen wie gerufen kommt. Heiße Schokolade gibt es nicht, der Milchkaffee schmeckt mir nicht besonders gut, aber er reicht immerhin, um die Hände wieder aufzuwärmen. Einige Partien Backgammon später raffen wir uns auf und hoffen auf einen regenfreien Vormittag, den wir auch bekommen sollen.







Nochmals: gern geschehen! Nicht auszudenken... :D
AntwortenLöschenWobei ich mich da an noch eine Wecker-/Uhrzeitaktion erinnere - Good morning, Sheffield!