At the Copa... Copacabana... Zum Geburtstag nach Bolivien
„...Music and fashion were always the passion... at the Copa... they fell in love!“
Barri Manilow sang allerdings nicht von Copacabana in Bolivien am südlichen Ufer des Titicacasees, sondern von einem Nachtclub in New York City. Ich habe die Melodie dieser Tage jedenfalls ständig im Ohr (dank eines grandiosen Musikmixes, den ich irgendwann einmal geschenkt bekommen habe).
Wir brechen in Puno auf und nehmen einen Bus gen Süden, der uns im ersten Ort hinter der bolivianischen Grenze absetzen und dann seinen Weg nach La Paz fortsetzen wird. Ich habe lange gehadert, ob ich wirklich weitere Tage auf Höhe des Titicacasees (ca. 3800 Meter) verbringen möchte, oder aufgrund meiner Schlafstörungen und temporären Atembeschwerden besser schneller auf unter dreitausend Meter absteigen sollte.
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| "Her name was Lola, she was a showgirl..." Mit Ohrwurm laufe ich durch die Straßen von Copacabana und treffe auf diese "Showgirls", die allerdings schon ein paar Bierchen intus haben. |
[Warnung: Ich habe ein paar Tage nicht geschrieben. Wenn das der Fall ist, neige ich immer dazu, sehr sehr ausführlich zu werden. Dieser Blogbeitrag berichtet von einem Tag im bolivianischen Copacabana, an dem eigentlich gar nichts Besonderes passiert, über den ich aber dennoch 1.719 Wörter bzw 11.192 Zeichen geschrieben habe. Wer also auf Action und Spannung hofft, sollte diesen Text überspringen. Es geht nur um eine tolle Begegnung, Backgammon, fehlende Flaschenöffner und Gaudi-Architektur-Nachahmung. Wer gerne über Nichtigkeiten liest: Viel Spaß!]
Die Entscheidung ist nun also gefallen, ich kämpfe im Bus mit meiner Müdigkeit und versuche nicht einzuschlafen, um mehr vom See und der südperuanischen Landschaft mitzubekommen – vergebens. Nach drei Stunden Fahrzeit erreichen wir den Grenzübergang, den elften auf meiner Reise. Ich wundere mich, wie einfach und schnell hier alles geht. Für Papa fragt hier und da nochmal nach, wie alles läuft, er ist mir mit Sicherheit auch nicht böse, dass ich den Papierkram übernehme.
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| Vielleicht die einzigen Bewohner Copacabanas, die heute nicht alkoholisiert auf der Straße unterwegs sind. |
In Copacabana knallt die Sonne und die Vorstellung, in den letzten Nächten gefroren und unterwegs Schal und Mütze getragen zu haben, erscheint mir absurd. Nachdem unser Bus in gefühlten dreiundzwanzig Zügen gewendet hat, Papa die Rucksäcke aus dem riesigen Gepäckraum in Empfang genommen und ich einen Geldautomaten aufgesucht habe, müssen wir uns beeilen, noch etwas zwischen die Zähne zu bekommen. Auf der Fahrt hatten wir bereits Fahrkarten für ein Boot zur Isla del Sol erstanden, das in einer knappen Stunde abfahren würde. Ein kleines Thairestaurant scheint eine gute Option für ein schnelles Mittagessen darzustellen. Hier fällt mir nicht zum ersten Mal auf, in welch jungem Alter viele Kinder im Service arbeiten. Der schätzungsweise 14jährige Junge, der uns bedient, macht einen sehr schüchternen Eindruck, spricht kaum und hat offenbar auch noch nicht gezeigt bekommen, wie man einen Suppenteller auf dem Tisch abstellt, ohne etwas zu verschütten. Unsere Blicke wandern ständig zwischen Uhr und geschlossener Küchentür hin und her, bis wir schließlich unsere Currys in letzter Minute serviert bekommen und hinunterschlingen. Der dazugehörige Obstsalat wird uns in einem kleinen Plastiktütchen in die Hand gedrückt, sozusagen Nachtisch to go. Und dann kommt natürlich noch, wie wir es aus Peru bereits gewöhnt sind, das Warten auf das Wechselgeld. Das Ende vom Lied: Wir fahren heute nicht mit dem Boot auf die Isla del Sol.
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| Nur eine von vielen Straßenecken, die solch ein Bild abliefern. |
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| Immerhin zieht man sich hier schick an... zum Trinken... |
Nein, wir sind nicht zu spät an der Anlegestelle. Na gut, vielleicht ein paar Minuten, aber das spielt im Endeffekt keine Rolle. Es gibt nicht ein Schiffchen, dass Passagiere auf die nahegelegene Insel im Titicacasee fährt, sondern Dutzende von Booten. Mit unserem Ticket und dem Namen des Unternehmens sollte es im Grunde kein Problem sein, das entsprechende Gefährt zu finden, jedoch scheinen sich selbst die verschiedenen Betreiber keineswegs einig zu sein, wo wir an Board gehen dürfen. Drei oder vier Mal werden wir hin und hergeschickt, irgendwann ist unser Ticket schon entwertet, wird vom nächsten Kontrolleur nicht mehr anerkannt. Nach ein wenig hin- und her-Geschreie zwischen ein paar Männern ist das Ticket dann doch okay. Wir sitzen endlich, haben unsere Rucksäcke verstaut. Es wird voller, lauter, es stinkt nach Benzin. Unsere Rucksäcke müssen nun doch woanders hin. Und ob wir dort sitzen bleiben können, ist auch fraglich. Überhaupt macht das Schiff langsam den Eindruck, an seine Beladungsgrenzen zu geraten. Um uns herum scheinen fast alle Reisenden „Extrem-Backpacker“ zu sein: riesige Rucksäcke mit Zelten, Isomatten, Schlafsäcken, Kochutensilien und ohne ende Proviant. Sogar Wasser wird in größeren Mengen mitgeschleppt, um auf der Insel Kosten zu sparen. Bolivien gilt als sehr sehr günstiges Reiseland und ist besonders bei Rucksackreisenden mit sehr niedrigem Budget beliebt. Ich zähle gerade mehr Menschen mit Dreadlocks als ich in den letzten vier Monaten in Summe gesehen habe. Piercings, Tattoos, extremer Schmuck, abgewetzte Kleidung... irgendwie sind hier alle sehr „alternativ“.
Papa und ich schauen uns an, schauen uns um, schauen uns wieder an. Wir machen uns keine Sorgen um die Überfahrt, aber fragen uns gerade, was auf der Insel „abgeht“ und ob wir da mit unserem Wunsch nach zwei ruhigen und erholsamen Tagen, reinpassen. Wir wechseln nur wenige Worte bevor die Entscheidung gefallen ist, das Boot zu verlassen. Für die wenigen Euro, die wir in die ohnehin bereits entwerteten Fahrkarten investiert haben, machen wir uns nicht die Mühe, uns um eine Rückgabe zu bemühen. Es ist ausgesprochen angenehm, dass wir beide den gleichen Eindruck von der Situation haben und die gleichen Schlüsse ziehen. Ich bin nicht böse, dass die Reise für heute zu Ende ist und wir nach einem kurzen steilen Anstieg unser Gepäck in zwei kleinen, schlichten Einzelzimmern abliefern können. Jetzt gibt es nur eines: einen freien Nachmittag, ganz ohne Pläne, ohne Verpflichtungen. Außerdem ist ja auch Papas Geburtstag, dazu noch ein runder.
Wir sitzen in einem kleinen Café, recherchieren ein wenig, planen und belustigen ein kleines Mädchen, dass immer wieder an unseren Tisch kommt, neugierig auf mein Netbook schaut und ihre Spielchen spielt, bis es von der Mutter schließlich aufgesammelt wird. Schön ist zu beobachten, wie der Angestellte des Cafés kurzerhand nebenan frische Milch kaufen geht, nachdem wir zwei Milchkaffees bestellt haben. In einem anderen gastronomischen Betrieb ist die Bestellung von Heißgetränken gar nicht erst möglich, da der Strom offenbar ausgefallen ist. Papa entscheidet sich für ein Glas Rotwein mit der Folge, dass die Kellnerin mit der Flasche quer über die Straße zu einem anderen Lokal läuft und mit der geöffneten Flasche wiederkehrt. Unvorstellbar, dass ein Restaurant verschiedene Weinsorten auf der Karte, aber keinen Flaschenöffner im Haus hat.
Wir sitzen in einem kleinen Café, recherchieren ein wenig, planen und belustigen ein kleines Mädchen, dass immer wieder an unseren Tisch kommt, neugierig auf mein Netbook schaut und ihre Spielchen spielt, bis es von der Mutter schließlich aufgesammelt wird. Schön ist zu beobachten, wie der Angestellte des Cafés kurzerhand nebenan frische Milch kaufen geht, nachdem wir zwei Milchkaffees bestellt haben. In einem anderen gastronomischen Betrieb ist die Bestellung von Heißgetränken gar nicht erst möglich, da der Strom offenbar ausgefallen ist. Papa entscheidet sich für ein Glas Rotwein mit der Folge, dass die Kellnerin mit der Flasche quer über die Straße zu einem anderen Lokal läuft und mit der geöffneten Flasche wiederkehrt. Unvorstellbar, dass ein Restaurant verschiedene Weinsorten auf der Karte, aber keinen Flaschenöffner im Haus hat.
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| Backgammon als Reisespiel, das quasi keinen zusätzlichen Platz wegnimmt: Tasche, Münzen und zwei Würfel |
Wir vertreiben uns die Zeit mit Backgammon spielen (das Spiel habe ich bereits in Guatemala auf eine Stofftasche gezeichnet aber bisher selten die Gelegenheit gehabt, es zu spielen), Spanisch lernen und quatschen. Süßes Nichtstun, könnte man auch sagen.
Ein Spaziergang durch das Zentrum des Ortes erinnert mich im ersten Moment an Puno: Auch hier wird ausgelassen gefeiert, ich weiß allerdings nicht, was der Anlass ist. Überall am Straßenrand sind „Bierstände“ aufgebaut, das heißt vor den Hauseingängen stehen unzählige Bierkästen und daneben sitzt eine Person unter einem Sonnenschirm, die das vermutlich ungekühlte Gebräu verkauft. In weiten Teilen des Zentrums riecht es nach Alkohol und Urin und alle paar Meter stolpert mir – am frühen Nachmittag – ein alkoholisierter Mann oder eine beschwipste Frau entgegen. Ab und an hört man das Poltern einer umfallenden Bank und kann danach beobachten, wie jemandem von der Straße aufgeholfen wird, bevor weiter getrunken wird. Ich habe das Gefühl, die halbe Bevölkerung dieses beschaulichen Örtchens ist an diesem Montagnachmittag vollkommen besoffen.
Schöner anzusehen sind die offenbar weniger alkoholisierten Menschen, die vor der Kirche in ihren farbenfrohen Kleidern ausgelassen tanzen. Eine Gruppe Männer wandert musizierend durch die Straßen und sorgt für die entsprechende akustische Kulisse. Das ganze Geschehen ist interessant zu beobachten, ich bin aber froh, dass mir diese Sauferei in der Form bei uns nicht begegnet. Ach, Moment, wir haben ja Karneval, das war mir fast entfallen. Ein Tourist, der Altweiber durch die Düsseldorfer Altstadt spaziert, muss sich genauso seinen Teil denken, wie ich mir heute. So hat wohl jedes Land seine fragwürdigen Sitten und Gebräuche.
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| Hinter den von Bögen überspannten Fenstern verbirgt sich das gemütliche Restaurant des Hostals "La Cúpula" |
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| Der abendliche Ausblick vom Restaurant über die Stadt Copacabana und das Ufer des Titicacasees |
Der Abend wird heute unerwartet lang – ausgesprochen positiv lang und unterhaltsam! Wir folgen ausnahmsweise noch einmal einem Tipp im Reiseführer: gut essen kann man im „La Cúpula“, heißt es. Glücklicherweise bekommen wir ohne Reservierung einen Tisch in dem kleinen Restaurant im zweiten Stock eines „Hostals“. „Gutes Essen“ ist die Untertreibung schlechthin: Das Essen ist grandios, das Ambiente traumhaft und der Abend einzigartig. Schnell kommen wir mit Conny und Dieter (Schweizerin und Deutscher) vom Nachbartisch ins Gespräch, reden über viel Reisen, etwas weniger Arbeiten, etwas mehr Leben, gutes Essen, schöne Orte, peruanische Musik... Als schließlich Teller und Gläser geleert sind, werden wir trotz später Stunde noch zu einem Gläschen in den „Turm“ eingeladen. „La Cúpula“ trägt zwar den Beinamen „Hostal“ (die Definition von einem Hostel wird mir immer unklarer), bietet aber erstklassige Unterkünfte. Ich kenne mich zwar in der gehobenen Klasse von Unterkünften nicht aus, besonders nicht in Bolivien, staune aber nicht schlecht, als ich das dreistöckige Ferienhäuschen betrete. Der Architekt hat wohl Gaudi als großes Vorbild und beim Bau von dem Turm, der Schnecke und den anderen Gebäuden der Anlage seiner Phantasie freien Lauf gelassen. Das runde Gebäude hat nichts Gewöhnliches, stattdessen allerhand liebevoll gestaltete Details – von runden Betten über Aloe Vera Pflanzen in der Dusche mit zwei sich gegenüberliegenden Duschköpfen. Vor dem Pärchen, mit dem wir gerade weit nach Mitternacht Geschichten austauschen, haben hier wohl zuletzt acht Personen gewohnt – und mit 52 Dollar für den kleinen Palast wohl nicht mehr bezahlt als man für manches Bett im Schlafsaal hinblättern müsste. Ich nehme mir fest vor, hier zu übernachten, wenn mein Weg mich noch mal an Copacabana vorbei führt.
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| Schneckenförmige Sitzgelegenheiten, ein Holz-Fliesen-Boden und sogar ein kleiner Holzofen machen den "Turm" zu einem ganz besonderen Wohnerlebnis. Hier mag ich auch mal schlafen! |
Trotz großer Müdigkeit und fortgeschrittener Stunde schlafe ich wieder nicht durch. Ich schlage Papa vor, dem es auch nicht so viel besser ergangen ist, dass er alleine die Isla del Sol besucht und wir uns in zwei Tagen in Cusco wiedertreffen, das deutlich niedriger liegt. Wir überlegen ein bisschen hin und her und müssen feststellen, dass wir uns beide offenbar immer noch nicht vernünftig akklimatisiert haben und unter der Höhe nach wie vor leiden. Wieder treffen wir einen schnellen Entschluss: Wir wissen, dass in einer knappen Stunde ein Bus nach Cusco fährt, der den ganzen Tag unterwegs sein würde. Bevor wir uns weiter quälen entscheiden wir uns für die lange Busfahrt, so hoffen wir wenigstens auf eine erholsame Nacht am Ende dieses Tages. Wenn man will, kann man seinen Rucksack sehr schnell packen und wenn man Glück hat (und Nebensaison ist), kann man auch sehr kurzfristig noch einen Bus bekommen. Cama, übersetzt „Bett“, nennt sich ein Bussitzplatz mit einem 160°-Liegewinkel, auf dem man wunderbar schlafen kann. Nach dem wiederum einfachen Grenzübergang nach Peru und Umsteigen in Puno, kann ich im bequemen Reisebus endlich ein wenig Schlaf nachholen. Endlich in Cusco – 3400m ü.NN – ich dachte eigentlich, die Stadt liege noch etwas tiefer – aber die wenigen hundert Meter „Abstieg“ haben einen riesigen Vorteil: Ich schlafe die erste Nacht seit einer Woche endlich wieder durch! Welch Wohltat!









Wahrer Luxus: Schlaf! Essen! Nette Begegnungen!
AntwortenLöschenwow, einfachklasse! Mein PC hatte leider sich leider einen Virus eingefangen. Also komme ich erst jetzt zum lesen. Beim nächsten Besuch müssen wir unbedingt Backgammon spielen
AntwortenLöschenAch so, Anonymous bin ich. Deine Tante, du weisst schon welche. Habe mal wieder mein Google -Passwort vergessen. .
AntwortenLöschenIch bin fasziniert von deinen tollen Fotos und wie lebendig du dein Tagebuch schreibst. Ich hoffe es geht euch wieder gut.Ich freue mich schon auf die nächsten Bilder und Berichte .L.G. Uschi
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