Schule, Familienleben und Alltag in Guatemala

15:41 Einsame Insel.de 4 Comments

Nun habe ich also einen Alltag. Regelmäßigkeiten, Gewohnheiten, feste Uhrzeiten,
einen Ort, den ich immer wieder zur gleichen Zeit besuche,
einen Ort, an dem ich wohne,
einen Ort, an dem ist esse.

Das Resultat einer relativ aufwändigen Backaktion
Ich habe meinen Rucksack leergeräumt, dessen Verschluss sowieso vor wenigen Tagen gebrochen ist und repariert werden muss. Ach ja, den Reisverschluss meiner Softshelljacke kann ich dann auch direkt machen lassen. Wäsche waschen steht an, Fotos (aus)sortieren, den Blog auf Vordermann bringen. Wo ich egrade bei dem Thema bin, habt ihr auch immer Probleme mit der Kommentarfunktion bei Blogspot? Oder versucht ihr es gar nicht, meine Beiträge zu kommentieren? Ich kann jedenfalls nur sporadisch die Kommentarfunktion aufrufen und schiebe es immer wieder auf meinen Browser - ist aber wirklich schade, würde mich freuen, wenn hier auch mal die ein oder andere Frage auftaucht oder auch Anregungen für die weitere Reise.

Frühstück & Schulweg
Zurück zu meinem Alltag. Die ersten vier Tage in San Pedro de la Laguna lasse ich mal aus, die habe ich nämlich weitestgehend (abgesehen von ein paar Stunden in der Schule) im Bett verbracht. Fieber, Kopfschmerzen und andere Symptome haben mir das letzte Wochenende ganz schön schwer gemacht. Seit Montag genieße ich das Leben wieder. Mein Wecker klingelt um viertel vor sieben, um sieben gibt es Frühstück. Lia ist eine vorzügliche Köchin. Als Müsli-in zwei Minuten-vor-der-Arbeit-Esser werde ich hier richtig verwöhnt. Am ersten Tag gibt es Tortillas, Frijoles (ein dunkles Pürree aus Bohnen, lauwarm, mehlig und unspannend), zwei gebratene Eier und vier kleine gebratene Würstchen. Typisches Frühstück. Dieso Kombination bekommt man in Mexiko und in Guatemala offenbar überall. Allerdings fehlt mir hier die tolle scharfe Salsa aus Mexiko. Frisch gemachte Soßen gibt es hier zwar auch (mit Tomaten-, Jalapeno- und Chilistückchen), allerdings kommen die nicht an die mexikanischen Soßen heran. Ich bin nicht böse, dass an den Folgetagen immer etwas Neues auf den Tisch kommt. Obst, Joghurt und Müsli, Pfannkuchen mit Banane, Ananaes und Schokoladensirup, Omelette mit gebratenem Gemüse, Cornflakes mit Milch und Banane. Wie zuhause - naja, fast, die Milch wird hier erwärmt, bevor sie den Flocken zugegeben wird. 

Lia und Bertolo machen zum ersten Mal unter fachkundiger Anleitung Pizza selber

Nach der ersten vollwertigen Mahlzeit am Tag geht es in die Schule. Mein Schulweg führt vorbei am Markt, auf dem ich mir abhängig von der Art des Frühstücks noch einen frisch gepressten Orangensaft oder eine Erdbeerbananenmilch gönne (5 Quetzales, also knappe fünfzig Cent ist dieses Getränk allemal wert!). Vom Markt aus geht es steil bergab Richtung See, die "Hauptstraße" (von schätzungsweise vier, fünf Metern Breite) wird derzeit neu gepflastert. Jeden Morgen eine neue Herausforderung: Mal ist das Erdreich aufgebaggert und kaum überwindbar, mal sitzen zwei dutzend Steinmetze am Straßenrand und bearbeiten die neuen großen Pflastersteine mit Hammer und Meißel, sodass ich mich vor den umherfliegenden Splittern schützen muss. Eines Morgens bewege ich mich neben tiefen Furchen, die der Regen der letzten Nacht ins Erdreich gespült hat. Bei Regen muss ich zumindest bergauf meine Flipflops ausziehen, da die Steigung so groß ist, dass ich rückwärts "aus den Latschen kippe". Alles in allem täglich ein interessanter Schulweg. Sobald ich den See ruhig vor mir liegen sehe, biege ich links in eine Seitenstraße und bahne mir meinen Weg durch die schmalen Gassen zur San Pedro Spanish School, die in dem "touristischen Viertel" der Stadt liegt. Hier gibt es einige "teure" Cafés mit Wifi, gepolsterten Stühlen und Latte Macciato im Angebot. Guten Kaffee bekommt man hier tatsächlich, was in Guatemala nicht selbstverständlich ist. Der gute Kaffee wird exportiert, die zweite Wahl wird im Land verkauft und zubereitet.

Aus dem restlichen Hefeteig werden Zimtschnecken gerollt - Angie hilft mir beim Schnecken rollen
Unterricht in der "San Pedro Spanish School"
Pünktlich um acht geht der Unterricht los. In der ersten Woche lerne ich bei Manuel, einem zwanzigjährigen Guatemalteken. Natürlich kann er mir mit meinem sehr geringen Sprachniveau eine Menge beibringen, trotzdem habe ich von Anfang an nicht das Gefühl, dass wir die Zeit optimal nutzen. Mein Lehrer macht einen sehr unerfahrenen Eindruck, weiß teilweise nicht so recht, wie er vorgehen soll und spricht vor allen Dingen kein Englisch. Ich hatte zwar ausdrücklich darum gebeten, überwiegend (im Grunde ausschließlich) Spanisch zu sprechen, aber ein paar Grammatikregeln oder grundlegende Fragen würde ich doch gerne auf einer Sprache erklärt bekommen, die ich vollständig verstehe. Dass es beispielsweise in der Konjugation von Verben in Lateinamerika keine zweite Person im Plural gibt, wird mir erst nach einigen Tagen so richtig klar. Auch auf Nachfrage bekomme ich keine vernünftige Aussage. Immer wieder schlage ich am Nachmittag selber Vokabeln nach oder suche Erklärungen im Internet, die mir mein Lehrer nicht liefern konnte. Relativ schnell steht fest, dass ich nach Ablauf der ersten Woche den Lehrer wechseln werde. Das sei kein Problem, versicherte man mir zu Anfang und ich solle das Angebot auf jeden Fall annehmen, wenn ich es für sinnvoll hielte.
Um zehn machen wir immer eine zwanzigminütige Pause, sodass ich mit der Zeit einige andere Schüler kennenlerne. Ich habe es noch nicht ausdrücklich erwähnt: der Unterricht ist Einzelunterricht. Das ist auch die einzige Methode, die hier angeboten wird. Auf Nachfrage könnten zwei blutige Anfänger mit Sicherheit mit einem gemeinsamen Lehrer starten, aber eigentlich macht das wenig Sinn. Ich genieße es total, dass ich jederzeit nachfragen kann, wenn ich etwas nicht verstanden habe und dass das Tempo immer mir angepasst ist - und nur mir. Ich muss auf niemanden warten, der auch nach dem zehnten Mal ein relelmäßiges Verb nicht konjugieren kann und es regt sich auch niemand auf, wenn ich zum fünften Mal am selben Morgen "ser" und "estar" verwechsel.
Man muss dazu sagen, dass ein Großteil der Studenten aus dem englischen Sprachraum stammt (überwiegend USA, Kanada, aber auch Australien und Neuseeland), somit kennen Viele die "Problematik" des Konjugierens gar nicht oder sind es nicht gewohnt, dass Substantive verschiedene Artikel haben.

Spiegelung im Fenster: dieser Nachbarjunge steht täglich mit seinem Drachen auf dem Dach - stundenlang!

Nach der Schule...
Nach vier Stunden Input geht es wieder bergauf - zurück zu Lia und Bertolo, der jeden Mittag zum Essen zuhause ist. An seiner stelle würde ich das genauso machen, wenn ich eine so gute Köchin wie Lia zuhause hätte...
Das Essen ist abwechslungsreich, sowohl taditionall guatemaltekisch als auch "international", es gibt viel Gemüse, ein bisschen Fleisch und natürlich viele Tortillas, die hier bei keiner Mahlzeit fehlen dürfen (ich lasse sie meist "links liegen", da sie zu Glück in einem Extrabehälter auf dem Tisch stehen).

Hier lerne ich heute vier Stunden Spanisch - jeden Tag bin ich mit meinem Lehrer in eine anderen "Klassenraum"

Hausaufgaben...
Am Nachmittag mache ich meine Hausaufgaben, die normalerweise in kürzester Zeit erledigt sind. Das Konjugieren von Verben und einsetzen selbiger in vorgegebene Sätze ich nicht unbedingt sehr fordernd. Ich versuche immer ein bisschen mehr zu machen, ein paar Vokabeln zu lernen oder mehr Übungen zu bearbeiten, aber oft ist mein Speicher für den Tag doch schon recht voll und ich bin froh, den Nachmittag anders nutzen zu können. Nachdem ich die ersten vier, fünf Tage überwiegend im Bett verbracht, vielleicht ein bisschen gelesen habe, aber sonst ein paar ausgesprochen ruhige Tage hatte, bin ich jetzt umso mehr motiviert, aktiv zu werden. Bewegung, neue Eindrücke, Tagesausflüge am Wochenende und Erkunden der näheren Umgebung an den Wochentagen steht auf dem Programm.

Einkaufen, Regen & Pizza Backen
Bertolo fragt, ob und was ich ich Deutschland gerne koche und ich erkläre, dass ich kein großer Freund von dem typisch deutschen Essen mit viel Fleisch, Kartoffeln und eher wenig Gemüse bin. Ich koche gerne mediterran, viel Gemüse, wenig Fleisch, ab und zu asiatisch. Seine Augen strahlen, als ich bestätige, dass ich Pizza machen kann – so mit Teig und Belag und was dazu gehört. Ich verspreche, in den nächsten Tagen Pizza zu machen. Gesagt, getan. Ich gehe mit Lia und den Kindern einkaufen. Im „Touristenviertel“ am See gibt es einen Lebensmittelladen, der einige westliche“ Produkte verkauft. Ich hätte nicht gedacht, dass wir in San Pedro irgendwo Tomatenmark bekommen, nachdem Lia mit meinen Erklärungen relativ wenig anfangen konnte. Klar, frische Tomaten sind auch toll und hier sehr aromatisch, aber die möchte ich nur als Belag einsetzen. Wir laufen zurück Richtung Markt – Frank an Lias Hand, Angie an meiner. Ich muss meinen Arm ganz schön strecken und meine Schulter hängen lassen, damit ich ihre Hand erreiche. Besonders am Hang gehe ich immer einen Schritt weiter hangabwärts, damit ich sie überhaupt an der Hand halten kann (na gut, das wäre zuhause wohl nicht anders, ich habe gehört, da sind kleine Kinder auch ziemlich klein).

Mercado San Pedro
Auf dem Markt bekommen wir Gemüse und Ananas, in einem kleinen Laden Mehl und Schinken, Käse liegt bereits zuhause im Kühlschrank. Hefe ist das größte Problem. Bisher konnte uns noch niemand weiterhelfen. Plötzlich überrascht uns ein heftiger Wolkenbruch und wir haben keine Chance, trockenen Fußes nach Hause zu kommen. Nun gut, mit meinen Flip Flops wird das mit den trockenen Füßen auch nach dem Regen unmöglich sein. Der Regen ist jedoch so stark, dass wir uns fast eine halbe Stunde unter einem Vordach unterstellen und warten. Angie und Frank haben einen Riesenspaß und strecken immer wieder ihre Füße unter dem Dach hervor. Die Straßen sind so steil, dass das Wasser mit enormer Geschwindigkeit den Hang hinunterfließt, jedoch sind die Wassermassen so groß, dass ständig eine zentimeterdicke Schicht Wasser die Straße bedeckt. Selbst Minuten nach Ende des „Schauers“ zieht sich das Wasser bei Begehen der Straße noch bis über die Knöchel die Füße hoch. An Treppenstufen vor Hauseingängen staut sich das Wasser, von Dächern fließt es gesammelt ab und Frank hat einen Riesenspaß unter den Abflüssen zu duschen. Angie hüpft lieber mit vollem Schwung in die gestauten Wasseransammlungen. Zurück am Haus sind die Zwillinge klitschnass – und glücklich! Lia scheint genau so viel Freude zu empfinden, wie die Kinder selber. Selbst als Frank durch das ganze Haus nach oben aufs Dach rennt, um noch einmal in die dort angesammelte Pfütze zu springen, beschwert sie sich nicht über die nassen und dreckigen Böden. Bevor sie die beiden unter die Dusche steckt, drückt sie einem Mädchen auf der Straße ein paar Quetzales in die Hand und schickt sie zum Hefe kaufen. Sie kommt mit einem riesigen Stück wieder, nach kurzer Erläuterung der benötigten Menge verschwindet sie wieder und kommt mit einer Handvoll zurück. Im wahrsten Sinne des Wortes: Lia holt ein kleines Schüsselchen aus der Küche, um die Hefe aus ihrer Hand in den Behälter zu entleeren. Nun sind die Teigzutaten komplett. Eigentlich wollte ich ja zum abendlichen Konversationskurs in die Schule, aber nach dem Regen ist es schon zu spät.

Einer der freundlichen Marktverkäufer
 Es ist noch Hefe übrig, also schlage ich kurzerhand vor noch Zimtschnecken zu backen, zwar nicht ganz so saftig wie die guten in Belize (und natürlich die in Schweden, an die kommt man hier nur so schlecht ran), aber trotzdem lecker. Und natürlich ein Riesenspaß für die Kleinen (und großen) Kinder...
Der Tag ist schon wieder wahnsinnig schnell vergangen - ich glaube, morgen muss Lia wieder kochen, heute habe ich nicht mal meine Hausaufgaben geschafft und erledige sie noch schnell am nächsten Morgen vor der Schule.

Fortschritte im Spanischen
Nach einer Woche bekomme ich eine neue Lehrerin. Teresa ist deutlich älter als Manuel, spricht relativ gut Englisch und macht schon am ersten Tag den Eindruck, sehr strukturiert und bewusst vorzugehen. Ich erwähne einige Schwächen bzw. Bereiche, die bisher noch nicht behandelt wurden, mir aber bei jedem zweiten Satz fehlen und am Ende des ersten Tages habe ich das Gefühl, genauso viel gelernt zu haben wie an den fünf vergangenen Tagen. Die vier Stunden gehen viel schneller um als gestern, machen mehr Spaß und ich finde es richtig schade, als die Zeit für den Tag um ist. Wenn das so weiter geht, spreche ich in drei Wochen so viel Spanisch wie Französisch nach drei Jahren Unterricht bei Herrn Lepenies am Haaner Gymnasium :)  (...und das hat damals keinen Spaß gemacht).

Auf geht's in die zweite Woche... gesund und munter und voller Vorfreude!

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4 Kommentare:

  1. Hola,

    Die Probleme mit den Kommentare gibt es an dieser Seite von den Blog auch! Wir sind dich noch nicht ganz vergessen ;-) Manchmal hilft x mal F5 drücken um die Kommentarseite wieder zurück zu bekommen. Mir ist aber auch nicht so ganz klar, was der Grund jetzt ist. Ich habe auch schon verschiedene Browsers benutzt. Hat nichts genutzt. Wir lesen aber mit, also bleib mal schreiben und Fotografieren..

    Viel erfolg mit den Spanisch Kurs! Nächste Blognachricht auf Spanisch bitte ;-)

    Schöne Gruße aus Venlo.
    Lilian

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    1. Hi Sylvia,
      das mit den nur ungegnügend funktioniernden Kommentaren habe ich bisher auf mein mangelndes Verständnis des Programmes geschoben. Manchmal hat es funktioniert und ein anderes Mal nach mehrmaligen Versuchen nicht. Ich dachte es wäre ein Fehler von mir. Puh! Nochmal Glück gehabt :)
      Lilian kann ich mich nur anschließen. bitte weiter schreiben. Wir lesen hier eifrig Deine Einträge und sind immer schon ganz gespannt was Du als nächstes berichtest. Weiter so! Mit der Familie scheinst Du ja auch Glück zu haben. Die sehen sehr sympathisch aus! Bei uns sind es gerade mal 12 Grad, bei grauem Himmel und es regnet. Also genieße den Sonnenschein und das warme Wetter. Viele tolle Erlebnisse weiterhin - Lioba

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    2. Sehr schön, also immer schön F5 drücken :)
      Ich versuche, das Problem irgendwie zu beheben, aber habe noch keine gute Idee (außer Exportieren und Umziehen des gesamten Blogs).
      Die Zimtschnecken waren meine Idee, die habe ich schon in Deuutschland gerne gemacht. Ich habe immer das Gefühl, die Dinger gibt's auf der ganzen Welt, außer in Deutschland. Bei uns kann ich Franzbrötchen empfehlen - gibt es normalerweise in Hamburg, in den letzten Monaten aber auch in anderen Bäckereien in D.

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  2. Und wo bleibt der eigene Abschnitt über das Essen? Fotos!!!!!
    Ich habe das Gefühl, das Essen ist ein zentrales Thema und nach jedem Abschnitt läuft mir das Wasser im Mund zusammen!

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