Ein Monat - ein Zuhause

20:24 Einsame Insel.de 0 Comments

Rucksack auspacken, Zahnbürste und Duschzeug raussuchen, Kameraakku und Kindle an die Lade hängen (und der blöde "geniale Weltweitadapter" fällt schon wieder aus der Steckdose), Trinkwasser besorgen, Fotos sichern, Blog schreiben, Abendessen, eine nette Unterhaltung im Hostel führen, aber ja nicht zu spät ins Bett gehen, da morgen früh der Bus nach Timbuktu fährt oder der Tag in Buxdehude genutzt werden will...

Eine Wand voller touristischer Wegweiser in San Pedro: Spanish School, Hostel, Café..

Ja, so ist das Backpacker-Leben. Natürlich packt man nicht jeden Tag ein und aus, aber auch bei drei Übernachtungen ist das Ganze nicht weniger "stressig" als ein Wochenendausflug im Alltag zuhause. Man muss auch bedenken, dass die gesamte Reiseplanung noch nebenher läuft: nächstes Reiseziel, Fortbewegung, Unterkunft usw. werden in der Regel spontan festgelegt. Zwar ist das eine Art von Stress, die mir gefällt (manche mögen jetzt schmunzeln und anmerken, dass ich generell das Wort "Stress" eher positiv belegt sehe), aber auf Dauer hält man das auch nicht durch.

Ich bin nun exakt einen Monate gereist, das sind 30 Tage oder 720 Stunden, bevor ich das erste Mal an einem Ort richtig zur Ruhe kommen kann. Ursprünglich wollte ich zwei, drei Wochen "schnell reisen", aber scheinbar war ich noch nicht erschöpft genug nach gut drei Wochen in Mexiko und habe noch eine Woche Belize und Tikal drangehängt. Damit ich die Ruhe danach auch wirklich zu schätzen weiß, quäle ich mich noch eineinhalb Tage in den Bussen Guatemalas. Morgens geht es von Flores (fast eine Insel, die noch mit einem Straßenstreifen mit dem Festland verbunden ist) bzw. Santa Elena in einem großen Reisebus nach Guatemala City. Aufhalten möchte ich mich hier nicht, im Nachhinein wäre es wahrscheinlich einfacher gewesen, eine Nacht in der Stadt zu verbringen. Stattdessen fahre ich mit einem "Shuttlebus", den ich direkt mit gebucht habe, bis Antigua weiter. Ich bin heilfroh, dass der Fahrer des Shuttles direkt am Busterminal (mit Schildchen "Antigua") wartet und ich nicht um neun Uhr abends quer durch die nicht ganz ungefährliche Hauptstadt laufen muss. Zum Glück habe ich auch eine Idee, wo ich in Antigua unterkommen kann, denn um elf Uhr ist es ganz schön düster in der angeblich so hübschen Kolonialstadt. Straßenbeleuchtung ist in Guatemala alles andere als üblich. Erleichtert erreiche ich die "Rezeption" des angesteuerten Hostels und falle wenig später nach einer Dusche vollkommen erschöpft ins Bett.

Blick aus dem Fenster: Wellblech ist die Standarddacheindeckung
Mittwoch früh gibt's noch Frühstück im Hostel, ein nettes Gespräch - zur Abwechslung mal auf deutsch (ja, auch hier scheint es Deutsche zu geben, die sogar noch länger reisen als ich) - und ich mache mich auf gen Busbahnhof. Eigentlich sollte noch ein "Shuttle" Richtung Atitlansee fahren, jetzt erfahre ich allerdings, dass er doch schon längst unterwegs sei und der nächste in sechs Stunden führe. Dann die einheimische Variante. Eine letzte Warnung von einem französischen Pärchen, ihnen hätte man die Rucksäcke im Bus aufgeschlitzt - und auf ins Getümmel!

Chickenbus heißt das Stichwort! Man stelle sich einen amerikanischen Schulbus vor. Ja, genau, diese gelben Blechkisten. Amerikanische Kinder mögen zwar dicker sein als deutsche, trotzdem ist eine Sitzbank in einem solchen Schulbus ziemlich schmal. Schätzungsweise sind sie ausgelegt für zwei durchschnittliche Kinder - welcher Nationalität auch immer. In einem guatemaltekischen Chickenbus (meist nicht mehr gellb sondern bunt lackiert) sitzt man zu dritt auf einer dieser Bänke und - als sei das noch nicht eng genug - quetscht sich auch noch eine Person in den maximal fünfzig Zentimeter breiten Mittelgang. Wenn man Pech hat und in einen quasi vollen Bus einsteigt (glaubt mir, das Wort "voll" ist durchaus dehnbar), darf man sich selber in den Gang quetschen und auf den Boden hocken - natürlich dann auch jedes Mal aufstehen, wenn jemand aus- oder einsteigen muss. Und mit einem europäischen Kreuz oder Gesäß klemmt man auch eher fest, als dass man gemütlich sitzt oder hockt. Riesenspaß auf jeden Fall - besonders auf längeren Strecken

Wäsche trocknen auf den Dächern über San Pedro - ich mag dieses Fotos irgendwie :)
Auf dem Weg von Antigua nach San Pedro wechsel ich fünf Mal den Bus. Je mehr ich mich meinem Ziel nähere, desto kleiner werden die Busse bzw. Transportfahrzeuge. Die letzten Kilometer stehe ich auf der Ladefläche eines PickUps - wenigstens kann ich mich hier frei bewegen und sehe ein bisschen was Anderes als nur schwarze Köpfe.  Ich finde die "San Pedro Spanisch School" relativ schnell - in direkter Nähe zum See und somit vom Stadtzentrum aus durch eine steile Straße bergab zu erreichen.
Ich fülle ein Formular aus undschon zwanzig Minuten später kommt Bertolo mit seinem nagelneuen Mountainbike angeradelt. In seiner Familie werde ich voraussichtlich die nächsten vier Wochen verbringen. Hätte ich gewusst, dass sich sein Haus um die Ecke des Marktes befindet, in dessen Nähe ich angekommen bin, hätte ich meinen Rucksack nicht den Berg hinunter getragen um ihn jetzt in der brüllenden Hitze wieder hochzutragen. Glücklicherweise habe ich in Mexiko einen (Sonnen)Hut erstanden.

Zunächst lerne ich Lia (Bertolos Frau) kennen, die Kinder sind noch nicht zuhause. Viel lässt nicht darauf schließen, dass das Haus von vier Familienmitgliedern bewohnt ist. Im Erdgeschoss befindet sich ein Computerladen - wie ich später erfahre noch nicht eröffnet - im Erdgeschoss vier (Schlaf-)Zimmer und im zweiten Obergeschoss Küche und ein Wohnzimmer, das mit einer Couch/Bank und einem Fernseher auf einem Holztisch bestückt ist. Das tollste am Haus ist die "Dachterrasse" mit Blick über den See und die Dächer der Stadt.

Vier Wochen guatemaltektischen Alltag habe ich vor mir - in einer noch unbekannten Familie und mit einem hoffentlich fähigen Spanischlehrer!

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