El Salvador - zu Recht ein negativer Ruf?
"Eine schöne Reise wünsche ich dir, aber lass auf jeden Fall El Salvador aus!" - so ähnlich lautet der letzte Satz eines Freundes in Deutschland.
Bis Anfang der Neunziger forderte der Bürgerkrieg im kleinsten Land Zentralamerikas viele Opfer - auch heute kann man wohl kaum von einem Land mit einer stabilen politischen oder wirtschaftlichen Lage sprechen. Die Gewaltbereitschaft ist hoch, im Jahresdurchschnitt kommen pro Tag zwölf Menschen durch Tötungsdelikte ums Leben. Es ist immer eine schwierige Frage, inwieweit man sich als Tourist von diesen Statistiken beeinflusst sehen möchte und vor allem inwieweit man überhaupt Interesse hat, ein solches Land "zum Vergnügen" zu besuchen.
Nach allem was ich gehört habe stehen viele der Morde und Gewaltverbrechen in Zentralamerika im Zusammenhang mit Banden und deren Drogengeschäften. Durchaus ein Umfeld, aus dem man sich heraushalten kann, wenn man sich nicht in den falschen Gegenden bewegt. Die Floskel "zur falschen Zeit am falschen Ort" bekommt hier natürlich eine andere Bedeutung, wenn gewisse Orte eigentlich jederzeit "falsch" sind und man sie am besten komplett meiden sollte.
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| Blick über die Dächer von Santa Ana von der Dachterrasse des Hostels "Casa Verde" |
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| Über den Dächern von Santa Ana |
Ich komme von Norden - Cobán in Guatemala - und habe mir vorgenommen, San Salvador ohne die Zuhilfenahme von Touristenshuttlebussen zu erreichen. Eine grobe Vorstellung von der Route reicht im Grunde aus, um sich seinen Weg durchzuschlagen - zumindest wenn man wenigstens grundlegende Spanischkenntnisse hat. In den letzten vier, fünf Wochen habe ich in Belize und Guatemala etwa 2700 Kilometer zurückgelegt - ziemlich genau dieselbe Strecke wie in den guten drei Wochen Mexiko davor. Da sollte die knapp 500 km lange Strecke in die Hauptstadt von El Salvador doch zu machen sein. Hoffentlich ohne gewaltätige Zwischenfälle.
Um sechs geht es von Lanquin mit dem Colectivo nach Cobán. Vier Stunden Bus nach El Rancho, weiter nach Chiquimula und bis zum Grenzübergang. Ein Ausreisestempel wird auf guatemaltekischer Seite in meinen Pass gedrückt, hinter der Grenze interessiert man sich nicht sehr detailliert für meinen Pass dank Grenzabkommen zwischen Guate, Honduras, El Salvador und Nicaragua. Da es schon relativ spät ist, entscheide ich mich, die Nacht lieber in Santa Ana als in San Salvador zu verbringen. Die Busfahrt in die südlichere Hauptstadt wäre zwar nur etwa eine Stunde länger, aber dort müsste ich mich dann auch erstmal zurecht finden und aufgrund der fortgeschrittenen Stunde ein teures Taxi nehmen um ein Hostel zu erreichen.
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| Casa Verde in Santa Ana: schön gestaltete Innenhöfe versüßen den kurzen Aufenthalt |
Die Entscheidung stellt sich bald als ausgesprochen richtig heraus: Mit Maggie aus Hawaii laufe ich die letzten ein, zwei Kilometer in der Dämmerung durch Santa Ana. Wir haben den Tag über schon eine Menge Spaß gehabt. Sie ist eine ausgesprochen aufgeschlossene, freundliche und fröhliche Amerikanerin, die bei jeder Gelegenheit lacht. Und irgendwie hat sie mich damit heute angesteckt. Unser Tag in den Chickenbussen von Guatemala und El Salvador war ein kleines Abenteuer, das wir in vollen Zügen genossen haben. Am meisten reizt mich an der günstigen Fortbewegungsart, dass man relativ schnell Kontakt zu den Einheimischen herstellen kann, das ist in den großen, teureren Bussen im Grunde gar nicht möglich, da sie zu einem Großteil mit Touristen besetzt sind. Die wenigen Locals, die mit Ticabus & Co. unterwegs sind, sind vermutlich eher Geschäftsreisende. Ich habe es allerdings noch nicht ausprobiert, sehe die voll besetzten Buss nur öfter auf der Straße, wenn wir mir unserer alten Klapperkiste überholen (sollte es nicht andersherum sein? Das könnte auch dafür sprechen, dass die Touribusse etwas sicherheitsbewusster gefahren werden...).
Es gibt noch einen weiteren Grund, oft den Bus zu wechseln statt in einer Komfortkutsche quer durchs Land zu fahren. Nein, ich meine nicht die Möglichkeit, die Fenster zu öffnen und auch nicht die tollen bunten Farben der klapprigen Bluebirdbusse aus den USA. Ich spreche von Essen, Trinken, Snacks und dem ganzen Spektakel um alles, was in den Gefährten selbst, durch die Fenster und an den Straßenrändern verkauft wird.
"Piña, Papaya, Piña, Papaya, Piña..."
"Aqua de Coco, aqua de coco, agua...""Tamales con pollo, tamales, tamales...!" "Manias, manias, manias, manias dulces, manias salados, manias dulces..."Es dauert immer eine Weile, bis ich die jeweiligen Spezialitäten des Landes kenne und weiß, was gut ist und sich zu kaufen lohnt. Beispielsweise werden einige Früchte angeboten, die mir zwar im reifen Zustand schmecken, aber teilweise unreif mit Salz, Chilipulver und Limonensaft verkauft werden und so nicht ganz meinen Erwartungen entsprechen. Dafür sind manche Dinge von gleichbleibend guter Qualität: die Kokosnussmilch hier ist die beste, die ich je Getrunken habe und Erdnüsse in allen Varianten dienen oft als Wegzehrung, wenn es nichts "Vernünftiges" zu futtern gibt.
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| Ein ungewöhnlich komfortabler Bus für die letzten Kilometer und allerhand Süßkram aus Erdnüssen und Kokosnus |
Santa Ana ist also ein lohnenswerter Stop, weil ich mir eine nächtliche Suchtour in San Salvador erspare und vor allen Dingen, weil ich in einem äußerst schönen und entspannten Hostel unterkomme. Im Casa Verde gibt es zwei Innenhöfe mit einer Menge Hängematten, sogar einem kleinen Pool und überhaupt einer sehr angenehmen Atmosphäre. Mein Abendessen besteht aus den Pizzaresten eines anderen Hostelgastes - wofür ich sehr dankbar bin, da ich in meinem völlig übermüdeten Zustand nicht mehr vor die Tür muss. Und in El Sanvador ist es ja sowieso überall soooo gefährlich. Nach Dusche, Essen und einem Stündchen quatschen mit den anderen Hostelbewohnern kann ich mehr als zehn Stunden schlafen und bin am nächsten Morgen bereit für das nächste Abenteuer. Milchkaffee - hier heißt es "Leche con café", wenn man lieber mehr Milch als Kaffee trinkt - und eine warme Zimtschnecke sowie ein Spaziergang über den Markt von Santa Ana sind der perfekte Start in den Tag.
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| Die kleinen Freuden des Alltags lerne ich hier besonders zu schätzen: Canelones y Leche von Café |
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| Fast noch besser als das Frühstück: die Dusche im Hostel in San Salvador: Warmes Wasser, Wasserdruck und so eine Brause! |
Zwei Stunden später erreiche ich nach einer angenehm kurzen Busfahrt und einem etwas längeren Fußmarsch San Salvador - bei Tag macht die Stadt auf jeden Fall keinen besonders unsicheren Eindruck. Der Tag geht gut weiter: nach einem guten Monate treffe ich Debbie wieder- die Wiedersehensfreude ist groß. Und dann gibt es auch noch eine richtig gute Dusche. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal heißes Wasser UND Druck auf der Leitung hatte. Jedenfalls genieße ich das ausnahmsweise mal nicht kühle Nass in vollen Zügen. Wunderbarer Morgen! Das Timing passt auch, denn um eins holt uns Eduardo ab, eine weitere Couchsurfing-Bekanntschaft. Er hat sich bereiterklärt, uns die ach-so-gefährliche Landeshauptstadt zu zeigen. Und offenbar ist es diesmal wie auch in Guatemala so, dass auch die Einheimischen ihre Stadt für gefährlich halten. Zumindest gewisse Viertel sollte man meiden und nach Einbruch der Dunkelheit begiebt man sich am Besten gar nicht mehr vor die Tür. Gut, dass Eduardo weiß, wo wir "in Sicherheit" sind.
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| Eine der wenigen Sehenswürdigkeiten im Zentrum von San Salvador, die wir mit Eduardo besuchen. |
In der Mittagshitze starten wir unsere kleine Stadttour. Viel gibt es im Zentrum eigentlich gar nicht zu sehen: die ein oder andere Kirche und ein kleines Café aus den achtziger Jahren, in dem wir zu Mittag essen. Ich muss aber sagen, dass ich von einer der Kirchen überrascht werde: Die „Iglesia de Rosario“ im Zentrum San Salvadors kann von außen nicht besonders glänzen. Wo man auch hinsieht: es dominiert verwitterter, dreckiger Sichtbeton – eine endlose Anzahl verschiedener Grautöne. Aus der Ferne lässt sich zwar erahnen, dass auch ein wenig farbiges Glas verbaut wurde, aber welch großer Kontrast zwischen der Außenansicht und dem Innenraum besteht, erstaunt mich beim Betreten des Sakralbaus doch enorm.
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| Iglesia de Rosario in San Salvador: Außenansicht und Innenraum |
Das Bild spricht für sich, denke ich. Ich bin mal wieder froh, dass ich mein Weitwinkelobjektiv mitgenommen habe :) Regenbogenfarbiges Licht, Fliesen im Schachbrettmuster und ein bogenförmiges Lichtband sind vielleicht nicht Jedermanns Geschmack, aber interessant ist die Komposition allemal.
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| Santa Tecla westlich von San Salvador macht fast einen europäischen Eindruck |
Den Abend verbringen wir in Santa Tecla, einer nahegelegenen etwas kleineren Stadt, in der man sich angeblich viel sicherer bewegen kann. Ich traue meinen Augen kaum: hier kann man tatsächlich draußen vor Cafés und Bars sitzen und die Abendsonne genießen. Bei einem kalten Reis-Zimt-Milchgetränk (den namen dieses traditionellen Getränks muss ich nochmal herausfinden) lassen wir den Tag bei El Salvador - California - Deutschland - "Kulturaustauschgesprächen" ausklingen.
Morgen geht's mit dem Bus an den nahen Pazifikstrand: El Tunco heißt das Ziel und Surfen lernen ist der Plan! Bisher habe ich in diesem Land mit dem schlechten Ruf nur Positives erlebt und bin auf ausgesprochen freundliche und offene Menschen gestroffen!
Wie immer eine Freude zu lesen und anzuschauen :-)
AntwortenLöschenIch wünsche Dir, liebe Sylvia, weiterhin angenehme Erfahrung mit Ländern und Leuten und dass sich Deine offene und positive Einstellung immer wieder bestätigt.
Dein Papa.