Interessant sind vor allen Dingen auch die Inhalte, über die ich mich mit meiner Lehrerin unterhalte. Ich erfahre viel über Land und Leute. Meine Gastmutter Lia leiht mir an einem Tag eine traditionelle Kleiderkombination. Die Muster sind typisch für San Pedro und den Atitlansee, in einigen Dörfern werden andere Stoffmuster oder gar ganz andere Kleidungsstücke getragen. Hält man sich im Haus auf oder geht einkaufen, wird über dem Rock eine Art Schürze getragen, die durch ihre farbliche Anpassung an den Rock kaum als solche erkennbar ist. Zum Einkäufe tragen, Hände abtrocknen, Anfassen eines heißen Kochtopfs und vielen anderen Zwecken wird die zweite Stofflage genutzt. Möchte Frau sich beispielsweise draußen hinsetzen, wird der mehrlagige Stoff hinten umgeklappt, sodass nicht die Außen- sondern die Innenseite des Stoffes beschmutzt wird.
Kaffee im Säuglingsalter
Teresa fragt sich, warum ich so groß bin. Es müsse wohl an der Milch liegen, die ich als Kind sicherlich in Massen getrunken habe. In Guatemala sind Milchprodukte teuer (ein Liter haltbare Milch ist etwa doppelt so teuer wie bei uns), sodass eine heiße Schokolade, die mit Milch zubereitet wird, für Kinder wie Erwachsene eine Seltenheit oder gar etwas Unbekanntes ist.
Mal abgesehen von meinem durchaus geringen Milchkonsum in meiner Kindheit glaube ich nicht an die Milchtheorie sondern habe viel mehr den Eindruck, dass es den Kindern hier an einigen Nährstoffen mangelt. Besonders erschreckt mich die Tatsache, dass in Guatemala schon Säuglinge Kaffee trinken! Im ersten Moment klingt das vielleicht ganz lustig - zumindest wenn man sich die Standardkaffeetasse mit Unterteller, Teelöffel und Würfelzucker vorstellt. Tatsächlich wird hier aber Kindern schon im Alter von fünf Monaten Kaffee verabreicht- das billigste Getränk im Lande! Tatsächlich habe ich schon einige Kinder Kaffee trinken sehen - bei Babyflaschen bin ich allerdings von einem anderen Inhalt ausgegangen.
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| Er hat wahrscheinlich schon einige Liter Kaffee getrunken... |
Konversationskurs und Salsa am Abend
In der San Pedro Spanish School gibt es viermal die Woche einen Konversationskurs am Abend. Die meisten Schüler hier sind Amerikaner(innen) und haben einen extrem starken Akzent im Spanischen. Heute waren wir beispielsweise zu viert im A1-B2-Kurs: zwei Mädels aus den USA und Australien haben seit vier bzw. sechs Wochen Spanischunterricht und klingen kein bisschen besser als alle Europäer, die seit ein oder zwei Wochen lernen. Die Aussprache scheint ihnen deutlich schwerer zu fallen als mir. Möglicherweise ist Spanisch für den ein oder anderen die erste Fremdsprache und somit das Lernen nicht gerade einfach.

Dienstags bekommen wir eine Einführung in den Kalender und die Zahlen der Maya. Mein Geburtstag liegt wohl im Sonnenzeichen des Krokodils (IMOX), was ich ehrlichgesagt gerade über das Internet herausgefunden habe, weil ich es mir seit der Erklärungsstunde nicht gemerkt habe (Grafik: http://www.mayakalender.net). Mittwochs wird ein Film gezeigt, der ungünstigerweise Englische und nicht Spanische untertitel zeigt. Das hilft mir nicht wirklich weiter, um mein Spanisch zu verbessern. Gleichzeitig gesprochenes Spanisch verstehen und zur Unterstützung englische Untertitel lesen ist nicht wirklich einfach. Jeden Donnerstag wird Salsa unterrichtet. Ich hätte nicht gedacht, dass ich jemals in meinem Leben irgendeine Form von Tanzunterricht besuchen werde, aber mir war wohl bewusst, wie miserabel ich in so einer Disziplin sein würde. Vier Grundschritte, die ich in der zweiten Woche so langsam verstehe, aber noch lange nicht zu meiner Zufriedenheit umsetzen kann. Und das liegt ausnahmsweise mal nicht an meiner hohen Messlatte sondern an meiner ausgeprägten Unfähigkeit, meine Füße schnell genug in einer vorgegebenen Abfolge zu bewegen. Klingt einfach, ist es aber nicht.
Familienleben 2.0: Mitbewohner, Stromausfall, Tortillas machen
Auch zu Anfang der dritten Woche bleibt das Leben in meiner Gastfamilie spannend. Seit ein paar Tagen wohnt auch Kevin, Anfang 30, aus Colorado bei uns im Haus. Er hat zwar schon mal während der Highschool ein wenig Spanisch gelernt, fängt aber jetzt quasi wieder bei Null an. Wir können morgens zusammen zur Schule gehen, uns unseren Fruchtsmoothie auf dem Markt kaufen und auf dem Weg "heimlich" ein bisschen Englisch sprechen, bevor es in der Schule und später in der Familie wieder heißt: "¡Español, por favor!". Kevin ist extrem offen und bereichert das "Familienleben" durch seine extrovertierte Art ungemein.
Bevor ich es vergesse (es passiert nämlich gerade wieder...): Es gibt in diesem Haus mehrere "Duschen", die heißes Wasser liefern. Direkt an der Duschbrause ist eine eigenwillige Kabelkonstruktion zu erkennen, die ausieht, als hätte jemand, der nichts von Elektrik versteht einfach ein paar Drahte zusammengefummelt, sie mit Klebeband umwickelt, damit sie wenigstens ein bisschen gegen Feuchtigkeit isoliert sind und es scheint, als würde das System funktionieren durch mehr Glück als Verstand. Jedenfalls wird gerade Frank geduscht, das Wasser wird mehrmals an- und abgedreht (die Temperatur ist übrigens nicht regulierbar) und bei jeder Betätigung des Duschknopfes flackert das Licht. Sobald das Wasser abgedreht ist, wird meine Zimmerlampe heller. Traumhaft.
Letzte Woche gab es einen Stromausfall. Irgendwann kurz nach sechs. Gegen sieben dachte ich mir: Hätte ich doch genau auf die Uhr geschaut, dann könnte ich jetzt sagen: 'Wow, schon seit 45 Minuten haben wir keinen Strom!' Bertolo erklärt später, als ich ihn im Haus mit meiner Taschenlampe in der Hand antreffe, dass ein Stromausfall bei starkem Regen wie heute durchaus mal dafür sorgen könnte, dass die Problembehebung zwei, drei Tage dauert. Ich laufe gegen acht in der Stadt herum, es ist stockfinster, nur ein paar der Hotels am See scheinen einen Generator zu haben. Die umliegenden Dörfer am Ufer des Sees wirken wie kleine Ausschnitte aus einem hell erleuchteten Sternenhimmel. Eine Gruppe Menschen kommt auf mich zu und passiert - offenbar eine Hochzeitsgesellschaft. Im Dunkeln. Irgendwie merkwürdig. Zurück zuhause macht es den Eindruck, als wisse niemand so richtig etwas mit seiner Zeit anzufangen. Bertolo kann nicht arbeiten und die Kinder können weder Fernseher noch Computer oder Spielkonsole in Betrieb nehmen. Die ganze Familie schläft früh ein und im Haus ist es zum ersten Mal wirklich still. Ich schreibe Blog, verkleinere Fotos und irgendwann ist auch mein Laptopakku am Ende. Als ich mich gerade damit abfinde, dass ich auch wunderbar die nächsten zwei Tage ohne Laptop, Wlan, Kühlschrank (der ist sowieso meist ziemlich leer) und Warmwasser auskomme, geht das Licht an. Vier Stunden - bei uns kaum vorstellbar, hier keine große Sache.
Ich könnte Seitenweise schreiben...
Wenn ich jedes kleine Erlebnis der letzten Woche so ausführlich beschreibe, muss ich noch eine Woche in San Pedro dranhängen...
In Kurzfassung: Freitag habe ich beim Schulabschluss von Bertolos Schwester (sie ist 17) die Absolventen, Lehrer und Eltern fotografiert: Ein Riesenevent in der Turnhalle von San Pedro, eine furchtbar laute Übertragung der verschiedenen Dankesreden, die nicht einmal Bertolo verstehen konnte aufgrund der miserablen Soundqualität und viele Kinder die tierisch scharf darauf sind, von mir fotografiert zu werden... Abends sind wir zum Abendessen in der Familie eingeladen, im Innenhof des Hauses von Bertolos Eltern. hier kommen Geschwister, Eltern, Onkel, Tanten und deren Kinder zusammen um Tamales (gedämpfter Maisteig mit Hähnchenfüllung) zu essen, Kaffee zu trinken und sich auzutauschen. Wieder einmal gibt es viele Kinder, die meine Kamera total spannend finden.
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| Zeugnisübergabe: Ungewohnt moderne Kleidung! |
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| Schulabschluss: So spannend, dass Füße hochgelegt werden, gegähnt oder sogar geschlafen wird... |
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| Bertolo und Angie vor seinem Computerladen in "Arbeitskleidung" - bei Angie ist es wohl eher Werbung... |
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| Bertolos Vater |
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| Frank ist so begeistert von meinem Deutsch-Spanischen Bildwörterbuch, dass er stundenland höchstinteressiert das Buch studiert |
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| Franks Cousine post derweil lieber vor der Kamera - auch wenn ihre Schwester im Hintergrund das Ganze sehr amüsant findet |
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| Junge und ältere Familienmitglieder |
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| In der Familie gibt es drei Zwillingspärchen |
1. und 2. November in San Pedro: Todos los Santos y Dia de Muertos
Allerheiligen, bzw. am zweiten November (am ersten fand das
Kitefestival in Sumpango statt) begleite ich meine Gastfamilie zu einem der Brüder Bertolos, wo gemeinsam gegessen wird. Das mehrstöckige Haus lässt mich ständig an diverse deutsche Bauvorschriften denken. Es springen viele Kinder herum, unter anderem Angie und Frank, die den kleinen Balkon im ersten Stock ausgesprochen spannend finden. Die Brüstung ist natürlich keine neunzig Zentimeter hoch (wie beispielsweise in Deutschland vorgeschrieben), sondern gerade so hoch, dass Vierjährige prima daran hoch- und darüberklettern können. Immer wieder springt einer der Erwachsenen auf, um eines der Kinder vor einem Sturz zu bewahren. Ich könnte vermutlich unzählige Beispiele nennen, die nicht unseren Vorschriften entsprächen, aber das interessiert euch wahrscheinlich herzlich wenig. Zusammenfassend kann ich jedenfalls sagen, dass mich am Nachmittag nicht wundert, dass ich auf dem Friedhof so viele Geburts- und Todesdaten lese, die sehr eng beieinander liegen. Bertolo zeigt mir den Friedhof: Hier liegen viele Säuglinge und Kleinkinder begraben, genauso Jugendliche, junge Erwachsene und ältere Menschen. Ich habe nicht den Eindruck, dass viele der Guatemalteken hier eines natürlichen Todes gestorben ist. Was ist schon natürlich? Jedenfalls sind viele Menschen sehr jung gestorben. Bertolo kennt viele der Namen. Ein junger Mann, Anfang zwanzig, sei aufgrund übermäßigen Alkoholkonsums gestorben. Direkt darüber taucht ein ähnlicher Name auf, der Mann wurde nur zwei Jahre älter. Bertolo kommentiert, dass er gar nicht wusste, dass auch sein Bruder gestorben sei, auch er habe wohl sehr viel getrunken. Heftig! Der nächste "Bekannte" sei für den Konsum von Drogen bekannt gewesen. Und so weiter... Ich möchte jetzt nicht den Eindruck erwecken, dass jeder Zweite in diesem Ort ein Alkohol- oder Drogenproblem hat (davon habe ich nämlich bisher noch nichts mitbekommen), aber ich bin doch ein wenig schockiert, wie viele Menschen hier sehr früh ihr Leben lassen.
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| Auf dem Friedhof von San Pedro |
Als wir den Friedhof verlassen, betritt eine Gruppe von Frauen, die schwere Tücher über den Köpfen tragen, den Friedhof. Die Frauen schweigen. Ihnen folgt eine Gruppe Männer mit Hüten. Alle bewegen sich auf die kleine "Kapelle" am Ende eines geschmückten Ganges zu. Einige der Männer haben schwer zu tragen: Es werden palettenweise Bierdosen angeschleppt. Dia de los Muertos? Scheinbar soll heute noch ein wenig gefeiert werden...
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| Traditionelles Schauspiel am zweiten November: Viel Alkohol ist im Spiel |
Wenige Meter vom Friedhof entfernt tanzen zwei Dutzend Männer in eher mexikanisch anmutender Kleidung auf einem kleinen mit Fahnen geschmückten Platz. Viel Alkohol ist im Spiel, bunte Rasseln, mexikanische Hüte und eine Reihe Zuschauer, die das bunte treiben mit Freude beobachten. Irgendein traditionelles Schauspiel, zwei der Männer stellen "Wölfe" dar - mehr kann mir Bertolo nicht sagen. Wenn man ihn so betrachtet - in seinem Computerladen-Werbe-Tshirt - wird klar: er ist kein Mann, der an alten Traditionen festhält - zumindest weniger als viele andere Bewohner San Pedros.
The Sound of Guatemala oder: Tortillas selber machen
Aufgrund der Länge dieses Beitrags habe ich den Text über die Herstellung von Tortillas in einem neuen Post abgelegt, diesen findest du
hier.
Toller Bericht, tolle, tolle tolle Bilder!
AntwortenLöschenDu bist mit Herz und Seele dabei!
Ich denke, Du bist auch eine Bereicherung für diese Familie!
P. S. Die Anziehsachen stehen Dir sehr gut! Daumen hoch!
AntwortenLöschen...kleiner Test, ob die Kommentarfunktion auch ohne Anmeldung funktioniert!
AntwortenLöschenHola Sylvia!! Me encanta tu blog y las fotos son alucinantes. Espero que lo sigas pasando muy lindo y sigas disfrutando mucho. Besos!! Micaela
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