"Das höchste Risiko besteht in Guatemala-Stadt..."
"Erpressungen, Entführungen und besonders bewaffnete Raubüberfälle sind weit verbreitet. Die Mordrate gehört – trotz eines leichten Rückgangs in den letzten Jahren – immer noch zu den höchsten der Welt." So lauten die ersten Sätze auf der Seite des deutschen Auswärtigen Amtes für das Land Guatemala. Die Hauptstadt sei besonders kritisch und die generelle Gewaltbereitschaft sei extrem hoch. Ich bin morgen genau zwei Monate unterwegs und mir ist bisher keinerlei Gewalt widerfahren (mal abgesehen von dem mir zugefügten Einrenkschmerz meines verstauchten Fußes). Vor ein paar Stunden habe ich noch gesagt, dass die Frauen, die mich auf den Straßen von San Salvador anfassen, um mich in ihre Klamottenläden zu ziehen, wahrscheinlich bisher die nervigste Erfahrung war. Von Gewalt oder Gefahr kann hier jedoch nicht die Rede sein.
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| Iglesia Ciudad de Guatemala |
Ich wäre eigentlich gar nicht in die Hauptstadt Guatemalas gefahren - höchstens zur Durchreise, hätte ich nicht vor ein paar Wochen die Nachricht von meinem Fliegerfreund Dominik bekommen, dass er gerade einen Freund aus Guatemala hosten würde. Mittlerweile kenne ich auch die ganze Geschichte, denn ich habe Mario aus Guatemala City und seine Familie kennenlernen dürfen. Mario arbeitet bei Bayer und hat kürzlich einen Wettbewerb gewonnen, in dem er eine gute Idee für eine App für das Leverkusener Unternehmen entwickelte. Der Konzern ludt ihn daraufhin nach Deutschland ein, um an mehreren Workshops teilzunehmen. Via Couchsurfing landete Mario bei Dominik in Leverkusen und er wiederum stellte den Kontakt zu mir her. Für die Nichtreisenden unter meinen Lesern: Couchsurfing.org ist eine Website, die die Möglichkeit bietet, (überwiegend junge) Leute weltweit zu kontaktieren um in deren vier Wänden zu nächtigen oder einfach nur jemanden zu treffen, der einem die Stadt zeigt oder sich bei einem Kaffee ein bisschen austauschen möchte. Jedenfalls eine gradiose Möglichkeit, eine andere Kultur kennenzulernen!
Nach meinen kurzzeitigen Mobilitätsproblemen in San Pedro nehme ich schließlich Sonntagmorgen den Bus nach Guatemala City. Das "Tikal Futura", ein riesiges Gebäude, das ein Hotel und eine Shoppingmall beherbergt, eignet sich gut als Treffpunkt. Mario wartet schon auf mich. Glücklicherweise hatte ich auf die zu erwartende Ankunftszeit eine Stunde aufgeschlagen, sodass ich mit 45 Minuten Verspätung des Busses genau rechtzeitig zum Treffpunkt komme.
Mario stellt sich als ausgesprochen offener, sympathischer und liebenswürdiger Zeitgenosse heraus. Natürlich stimme ich zu, seine Familie zum Mittagessen zu treffen. Wir fahren im Auto "nach Hause", ich lerne zwei seiner drei älteren Brüder und seine Eltern kennen. Alle sind wahnsinnig freundlich und herzlich (hier Gehört ein Kuss auf die Wange und eine Umarmung zur Begrüßung). Zu sechst fahren wir im Familienbus Richtung "Restaurant" (ich bin überrascht, dass es mehrere Autos in dieser Familie gibt, wo in San Pedro schon ein Fahrrad außergewöhnlichen Luxus darzustellen scheint). Die Familie geht regelmäßig gemeinsam Sonntags essen - alle haben sich chic gemacht (zumindest fühle ich mich mit Jeans und Trekkingschuhen, die ich auf Busreisen meistens trage, um sie nicht im Gepäck verstauen zu müssen, ein wenig unwohl). Der Familienausflug geht jedoch nicht in ein lokales Restaurant sondern in eine amerikanische Fastfoodkette. Alle essen das gleiche Rindfleisch-belegte Sandwich, nur Beilagen und Getränke variieren. Da fällt es mir leicht, mich mit meiner Wahl anzupassen. Auf Gegenwehr stößt jedoch der Versuch, die Einladung zum Essen auszuschlagen.
Wir sitzen zu sechst um zwei kleine runde Metalltische auf der Terrasse des "Restaurants", Sandwiches, kleine Schälchen mit Jalapenos & Ketchup und Pappbecher vor uns und fangen nicht an zu essen. Erst einmal wird gebetet: auf Spanisch, ein paar Sätze... und dann wird sich ein guter Appetit gewünscht und gegessen. Neben dem Thema "Religion" gibt es noch viele andere, die Marios Familie brennend interessieren. Ich bin normalerweise ein relativ schneller Esser, heute habe ich aber am längsten von meinem Sandwich, da ich ununterbrochen Fragen beantworte und von meiner Reise, meiner Familie und meinem Leben in Deutschland berichte. Und das alles in Spanisch... nur Mario spricht Englisch und hilft ab und an mit einer Vokabel aus. Gutes Training!
Das Haus meiner "Hostfamilie" liegt in einer ruhigen, "sicheren" Gegend, der Zone 7 von Guatemala City. Nur wer bekannt ist oder einen Ausweis vorweisen kann, wird in das abgeriegelte und von schwer bewaffneten Sicherheitsleuten bewachte Viertel gelassen. Fast alle Häuser sind hoch eingezäunt oder ummauert und weisen alle erdenklichen Sicherheitsvorkehrungen auf.
Und trotzdem gefällt es mir hier. Im Gegensatz zu den meisten Orten auf diesem Kontinent, an denen ich bisher ein bisschen Zeit verbracht habe, ist es hier ausgesprochen ruhig, die Luft ist frisch und irgendwie ist das Haus von Marios Familie doch ein ganz normales Haus. Es gibt eine voll ausgestattete Küche, eine Waschmaschine, einen Trockner, eine funktionierende Dusche und sogar ein Waschbecken (hatte ich in San Pedro nicht). Montagmorgen bin ich fit und ausgeschlafen, es gibt es ein gigantisches Frühstück und da Mario arbeiten ist fahre ich für den Tag mit seinen Brüdern, die derzeit Urlaub haben, nach Antigua - die von den meisten Touristen besuchte Stadt des Landes, die ich bisher nur bei Nacht "gesehen" habe.
Am Abend fahren Mario und ich in einen Stadtteil Guatemalas, der vor wenigen Jahren neu errichtet wurde und offenbar eine Art europäische Fußgängerzone immitieren soll. Es ist sicher, sauber und für viele Guatemalteken der Inbegriff einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung. Der ganze Ort kommt mir seltsam surreal vor, besonders komisch ist, dass hier Mitte November schon alles nach Weihnachten aussieht. Wir treffen zwei seiner Freunde zum Essen und Kaffee trinken und laufen ein wenig herum. Am Rande der "Stadt" sind hohe Mauern errichtet, die mit Stacheldrahtringen geschützt und an allen Ecken ud Enden Bewacht sind. Wieder so eine Insel, die nichts mit ihrer Umgebung zu tun hat.
Nach einer zweiten ausgesprochen erholsamen Nacht in meinem gemütlichen Gästezimmer und vielen interessanten Gesprächen (auf Spanisch natürlich) über das Leben in Guatemala und in Deutschland, Marios Wunsch in Deutschland zu arbeiten oder zu studieren, die Arbeit seines Vaters als Bauingenieur, meine Arbeit als Architektin... und tausend andere Dinge werde ich zum Busbahnhof gebracht, um meine Reise fortzusetzen. Ich bin Dominik, der das ganze eingefädelt hat, und Mario und seiner Familie unendlich dankbar für dieses tolle Erlebnis und zwei schöne Tage in der "gefährlichen" Landeshauptstadt.
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| Sonntagabend in Guatemala City: Sonnenuntergang, viel Verkehr und vollgestopfte Fußgängerzone |
Nach meinen kurzzeitigen Mobilitätsproblemen in San Pedro nehme ich schließlich Sonntagmorgen den Bus nach Guatemala City. Das "Tikal Futura", ein riesiges Gebäude, das ein Hotel und eine Shoppingmall beherbergt, eignet sich gut als Treffpunkt. Mario wartet schon auf mich. Glücklicherweise hatte ich auf die zu erwartende Ankunftszeit eine Stunde aufgeschlagen, sodass ich mit 45 Minuten Verspätung des Busses genau rechtzeitig zum Treffpunkt komme.
Mario stellt sich als ausgesprochen offener, sympathischer und liebenswürdiger Zeitgenosse heraus. Natürlich stimme ich zu, seine Familie zum Mittagessen zu treffen. Wir fahren im Auto "nach Hause", ich lerne zwei seiner drei älteren Brüder und seine Eltern kennen. Alle sind wahnsinnig freundlich und herzlich (hier Gehört ein Kuss auf die Wange und eine Umarmung zur Begrüßung). Zu sechst fahren wir im Familienbus Richtung "Restaurant" (ich bin überrascht, dass es mehrere Autos in dieser Familie gibt, wo in San Pedro schon ein Fahrrad außergewöhnlichen Luxus darzustellen scheint). Die Familie geht regelmäßig gemeinsam Sonntags essen - alle haben sich chic gemacht (zumindest fühle ich mich mit Jeans und Trekkingschuhen, die ich auf Busreisen meistens trage, um sie nicht im Gepäck verstauen zu müssen, ein wenig unwohl). Der Familienausflug geht jedoch nicht in ein lokales Restaurant sondern in eine amerikanische Fastfoodkette. Alle essen das gleiche Rindfleisch-belegte Sandwich, nur Beilagen und Getränke variieren. Da fällt es mir leicht, mich mit meiner Wahl anzupassen. Auf Gegenwehr stößt jedoch der Versuch, die Einladung zum Essen auszuschlagen.
Wir sitzen zu sechst um zwei kleine runde Metalltische auf der Terrasse des "Restaurants", Sandwiches, kleine Schälchen mit Jalapenos & Ketchup und Pappbecher vor uns und fangen nicht an zu essen. Erst einmal wird gebetet: auf Spanisch, ein paar Sätze... und dann wird sich ein guter Appetit gewünscht und gegessen. Neben dem Thema "Religion" gibt es noch viele andere, die Marios Familie brennend interessieren. Ich bin normalerweise ein relativ schneller Esser, heute habe ich aber am längsten von meinem Sandwich, da ich ununterbrochen Fragen beantworte und von meiner Reise, meiner Familie und meinem Leben in Deutschland berichte. Und das alles in Spanisch... nur Mario spricht Englisch und hilft ab und an mit einer Vokabel aus. Gutes Training!
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| Durchaus übliche Zeichen am Eingang eines Restaurantes. |
Das Haus meiner "Hostfamilie" liegt in einer ruhigen, "sicheren" Gegend, der Zone 7 von Guatemala City. Nur wer bekannt ist oder einen Ausweis vorweisen kann, wird in das abgeriegelte und von schwer bewaffneten Sicherheitsleuten bewachte Viertel gelassen. Fast alle Häuser sind hoch eingezäunt oder ummauert und weisen alle erdenklichen Sicherheitsvorkehrungen auf.
Und trotzdem gefällt es mir hier. Im Gegensatz zu den meisten Orten auf diesem Kontinent, an denen ich bisher ein bisschen Zeit verbracht habe, ist es hier ausgesprochen ruhig, die Luft ist frisch und irgendwie ist das Haus von Marios Familie doch ein ganz normales Haus. Es gibt eine voll ausgestattete Küche, eine Waschmaschine, einen Trockner, eine funktionierende Dusche und sogar ein Waschbecken (hatte ich in San Pedro nicht). Montagmorgen bin ich fit und ausgeschlafen, es gibt es ein gigantisches Frühstück und da Mario arbeiten ist fahre ich für den Tag mit seinen Brüdern, die derzeit Urlaub haben, nach Antigua - die von den meisten Touristen besuchte Stadt des Landes, die ich bisher nur bei Nacht "gesehen" habe.
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| Mitte November: Weihnachten in Guatemala City |
Am Abend fahren Mario und ich in einen Stadtteil Guatemalas, der vor wenigen Jahren neu errichtet wurde und offenbar eine Art europäische Fußgängerzone immitieren soll. Es ist sicher, sauber und für viele Guatemalteken der Inbegriff einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung. Der ganze Ort kommt mir seltsam surreal vor, besonders komisch ist, dass hier Mitte November schon alles nach Weihnachten aussieht. Wir treffen zwei seiner Freunde zum Essen und Kaffee trinken und laufen ein wenig herum. Am Rande der "Stadt" sind hohe Mauern errichtet, die mit Stacheldrahtringen geschützt und an allen Ecken ud Enden Bewacht sind. Wieder so eine Insel, die nichts mit ihrer Umgebung zu tun hat.
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| Cafébesuch mit Sara, Roberto und Mario (der mit seiner Größe glatt als Europäer durchgeht) |
Nach einer zweiten ausgesprochen erholsamen Nacht in meinem gemütlichen Gästezimmer und vielen interessanten Gesprächen (auf Spanisch natürlich) über das Leben in Guatemala und in Deutschland, Marios Wunsch in Deutschland zu arbeiten oder zu studieren, die Arbeit seines Vaters als Bauingenieur, meine Arbeit als Architektin... und tausend andere Dinge werde ich zum Busbahnhof gebracht, um meine Reise fortzusetzen. Ich bin Dominik, der das ganze eingefädelt hat, und Mario und seiner Familie unendlich dankbar für dieses tolle Erlebnis und zwei schöne Tage in der "gefährlichen" Landeshauptstadt.






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