Von der Brücke springen, den Wasserfall hochklettern und über den Fluß schaukeln...

23:03 Einsame Insel.de 3 Comments

Lange habe ich überlegt, ob ein "Tagesausflug" eine An- und Abreise wert sein kann, die die Dauer des Aufenthaltes vermutlich übersteigen wird. Im Nachhinein kann ich die Frage nur bejahen. Von Guatemala geht es nach dem Frühstück nach Cobán und weiter nach Lanquin. Das rund zehn Kilometer und eine Autostunde entfernte Semuc Champey und das mir empfohlene Hostel "Utopia" erreiche ich am selben Abend nicht mehr, sondern entscheide mich, in dem etwas größeren Ort Lanquin zu nächtigen. Größer heißt in diesem Fall, dass es einen Marktplatz, ein paar kleine Läden und mehr als eine handvoll Gebäude gibt. Am Morgen des Folgetages geht es um kurz nach neun los: die große Tour beginnt. Ich bin froh, dass ich ausnahmsweise mal wieder an einer Kompletttour teilnehme, da ich den Tag alleine mit Sicherheit deutlich weniger spannend erlebt hätte.
Sprung von der Brücke aus vierzehn Metern Höhe
Die große Schaukel... nach der dunklen Höhle eine Abkühlung bei Tageslicht.
Mit einem Allradfahrzeug geht es nach Semuc. Jetzt verstehe ich auch, warum wir nicht über eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 10 km/h hinauskommen: Die "Straße", die den Namen eigentlich nicht verdient hat, ist keine Asphaltpiste, sondern ein breiter Schotterstreifen, der bei extremen Steigungen ab und zu zwei Betonierte Streifen aufweist. Nach einem kleinen Zwischenfall auf den ersten Metern (ein zerbrochener Plastiksonnenschutz eines entgegenkommenden Fahrzeuges und ein eingeklemmter Finger) setzen wir unsere erschöpfende Fahrt fort und erreichen endlich die Höhle. Was es mit dieser Höhle so genau auf sich hat, weiß ich noch gar nicht und habe auch nicht allzu große Erwartungen. Ich lasse mich lieber positiv überraschen, als hinterher enttäuscht zu sein. Kein Wunder, dass meine Erwartungen um Längen übertroffen werden. Wir stehen am Eingang der Höhle und bekommen Kerzen in die Hand gedrückt. Bekleidet mit Bikini und den guten Trekkingsandalen (die sich nun doch bezahlt machen) betreten wir das dunkle Loch.

Die ersten Meter der Höhle sind noch vom Sonnenlicht erhellt.

Danach hilft nur das Licht einer Kerze, den richtigen Weg zu finden.
Nachdem wir uns mit ein wenig Ruß beschmiert haben um bösen Geistern oder irgendeinem Unfall innerhab der Höhle vorzubeugen, bewegen wir uns weiter ins Innere des Höhlen- bzw. Tunnelsystems. Streckenweise hilft ein Seil, die Orientierung zu behalten. Trotzdem ist ein ortskundiger Führer unentbehrlich. Das Geschrei der beiden israelischen Mädels hinter mir ist groß, als wir das erste Mal vollständig ins kalte Wasser steigen müssen. So kalt ist das Wasser nun auch wieder nicht - im Laufe des Tages stellt sich heraus, dass die beiden überhaupt gerne schreien. Immer wieder wird das Licht meiner Kerze durch einen Windstoß oder zu schnelle Bewegungen gelöscht und ich stelle fest, wie dunkel es hier ist. Im Notfall habe ich jaa noch das Display meiner Unterwasserkamera zum leuchten!

Irgendwo in der Finsternis: bloß nicht die Kerze ausgehen lassen!

Unsere Tour gleicht eher einem Hindernislauf als einem Spaziergang. Erste Hürde stellt ein kleiner Wasserfall dar, in dem ein Seil hängt, das das Hinaufklettern erleichtern soll. Das größere Problem sind aber die Wassermengen, die mich quasi blind machen. Schwimmend geht es weiter; über uns glitzern Tropfsteine im Kerzenschein. Irgendwann heißt es: Ende der Tour, es geht nicht weiter. Sackgasse! Und jetzt? Uns wird vorgemacht, was als nächstes kommen könnte: die Felsen seitlich des Höhlenraums hochklettern -  fünf, sechs Kerzen leuchten den Weg - und dann in das Wasserloch darunter springen. Ich bin etwas skeptisch, da bei der Dunkelheit relativ scher erkennbar ist, wo man tatsächlich hinspringen kann und wohin nicht. Die Mädels sind generell alle sehr zurückhaltend, aber wirklich "gefährlich" scheint das Ganze auch nicht zu sein. Man muss aber genau zuhören, worauf zu achten ist. Ein paar Minuten später stelle ich fest, dass nicht das Springen aus knapp fünf Meter höhe das Schwierige ist, sondern das hochklettern an der feuchten Felswand und Halt finden vor dem Sprung. Mit einer Taschenlampe wird mir die Stelle geleuchtet, die ich anvisieren soll. Alles ollkommen unspektakulär: Die Höhe ist noch nicht so groß, dass man wirklich in das "freier Fall"-Gefühl kommt. Wie sich das anfühlt, würde ich später an diesem Tag noch erfahren. Es geht zurück Richtung Ausgang, aber eine kleine Überraschung wartet noch auf uns. Wir sind schon über eine Stunde in der Höhle, die ersten frieren mittlerweile in dem kalten Wasser. Raus geht es über eine "slide" - eine Rutsche, die sich irgendwo in der Felswand verstecken soll. Vor mir entscheiden die beiden Mädels, dass sie lieber den anderen Weg nehmen und die Rutsche umgehen. Als ich vor der Öffnung mit einem fünfzig Zentimeter großen Durchmesser stehe, weiß ich warum. Mittlerweile vertraue ich unserem Guide aber soweit, dass ich mich auf die Felsen oberhalb das Lochs setze. Ich kann nicht sehen, wie es weitergeht. Etwas verwundert bin ich aber, als meine Kamera einfach an ihrem langen Band nach unten weitergegeben wird. Tief kann es also nicht sein. Und tatsächlich geht es nur zwei Meter abwärts. Der ein oder andere hat sich den Kopf gestoßen und ärgert sich über die generelle "Unsicherheit" der ganzen Aktion. Klar, in Europa wäre die ganze Tour nicht möglich: da müsste jeder einen Kelm und eine Kopflampe tragen, festes Schuhwerk und es gäbe "Notausgangspfeile", die auf den Ausgang der Höhle hinweisen. Die meximale Gruppengröße würde festgelegt und an den Sprung im Dunkeln wäre gar nicht zu denken.

Der Augang ist in Sicht!
Bevor wir auf die Idee kommen, uns wieder vollständig zu bekleiden, geht es ein Stück flußaufwärts zur großen Schaukel. Auch hier wieder Diskussion im Vorfeld: ob man nicht gegen die seitlichen Stangen knallt, wenn man diese Schaukel mit so viel Schwung benutzt... Viel problematischer ist hingegen, dass man im richtigen Zeitpunkt abspringen muss, um sich nicht an der Wasseroberfläche zu verletzen. Klar, kennt man ja aus der eigenen Kindheit. Also auf geht's. Macht Spaß, aber tut auch ein bisschen weh... und sieht bei mir auch nicht so ellegant aus wie bei den männlichen Kollegen, die teilweise aus dem Sitzen in einen Köpper übergehen. Körperbeherrschung und so. Egal, anderes Thema, weiter geht's zum nächsten Spielplatz.
Na gut, nicht alle springen eleganter ab als ich :)
Weiter flußaufwärts, unterhalb eines etwas größeren Wasserfalls, schwingen wir uns auf dicke aufgeblasene Autoschläuche ("Tubing" nennt man das Ganze) und plätschern gemütlich den Fluß hinunter. Zugegebenermaßen ist mein Ring etwas klein und ich kann kaum Gleichgewicht halten, sodass Schwimmen bzw. sich ohne den Reifen treiben lassen mehr Spaß macht. Außerdem habe ich so kein Metallventil im Rücken. Zurück an der Höhle bekommen wir unsere vorher eingeschlossenen Klamotten und Wertsachen wieder (Stichwort SLR) wieder und machen uns auf den Weg zu nahe gelegenen Brücke über den Fluß. Ich habe schonmal etwas davon gehört, dass man hier von einer Brücke springen könnte, der Wasserstand aber so stark variiere, dass das nicht immer möglich sei. Aber würde ich ja sowieso nicht machen. 14m - in Worten vierzehn Meter geht es abwärts. Das erfahre ich aber erst hinterher. Ich erinnere mich, wie schwer ich mich für mein Schwimmabzeichen getan habe, vom Dreimeterbrett zu springen. Das mag daran liegeen, dass ich damals selber nur halb so groß war, aber irgendwie wirkt diese Höhe im Hallenbad auch anders als die Höhe dieser schönen gelben Brücke über dem Fluß bei Semuc Champey. Der Sprung ist dann wohl das beste Erlebnis des Tages. Wäre ich alleine Unterwegs gewesen, wäre ich natürlich niemals auf so eine lebensmüde Idee gekommen. Nein, im ernst, alleine hätte ich das nicht gemacht, aber wenn jemand weiß, wie die Felsen im Flußbett aussehen und dass der Wasserstand ausreichend hoch ist, sehe ich da weniger Probleme.
Auch hier sieht man mal wieder ganz klar den Unterschied zwischen denen, die ihren Körper beherrschen und wissen was sie tun und denen, die planlos ins Blaue springen und mit knallroten Beinen wieder ans Ufer zurückkehren. Ich springe immerhin schmerzfrei, aber mit einer völlig neuen Erfahrung: Der freie Fall. Das hat dann wahrscheinlich irgendwas mit diesem Adrenalin zu tun, von dem so viele Leute sprechen. Ein, zwei, fünf, sechs Meter sind ein ganz normaler Sprung wie der am Vormittag in der Höhle. Dann realisiert mein Prozessor aber irgendwie, dass er sich verrechnet hat und glaubte, dass die Füße längst das Wasser berühren müssten. Stattdessen falle ich jedoch weiter. Dass dieser Prozess, dieser Wechsel von "alles gut" zu "hilfe, ich falle!"  in Bruchteilen einer Sekunde in mir vorgeht ist schon erstaunlich. Die Zeit bis zum eintauchen ins Wasser reicht kaum aus, um einen Schrei auszustoßen. Als ich wieder auftauche bestätige ich nur die Mädels oben auf der Brücke: Macht es unbedingt, es ist genial! Na ja, wenn sie mir nicht glauben wollen, selber Schuld. Ihr verpasst was!

Bisher ist nur mein Schatten auf der Wasseroberfläche. Möchte ich da wirklich runter?
Das eigentliche Ziel meines Tagesausflugs, der Ort, der mich von den Fotos her hierher gelockt hat, ist Semuc Champey. Der Fluß, den ich mittlerweile schon ganz gut zu kennen glaube, fließt auf einem einige hindert Meter langen Abschnitt größtenteils unterirdisch in einem natürlichen Tunnel, darüber jedoch plätschert eine kleinere Menge Wasser langsam über flache Stufen Hangabwärts. Bevor es zum Familienbadespaß in die natürlichen Pools geht, steht der Aufstieg zum Aussichtspunkt an. Das Holzschild am Fuße einer Treppe erklärt: 1 1/4 hours! Über eine Stunde? Das kann ich mir gar nicht vorstellen - nicht, nachdem ich so viele Fotos gesehen habe, die von dieser Stelle aus aufgenmmen worden sein müssen. Die Mädels und Jungs aus Israel bleiben lieber unten und warten auf unsere Rückkehr. Puh, über eine Stunde ohne Gegacker und Geschrei - wie entspannend. Ich weiß auch nicht, was diese Mädels heute gefrühstückt haben, aber sie sind definitiv die Art von Zeitgenossen, auf deren Anwesenheit ich nun verzichten kann. Der Aufstieg dauert eine ganze Viertelstunde. Das Schild bezieht sich also offensichtlich auf die Aufstiegsdauer für gehbehinderte Menschen, anders kann ich es mir nicht erklären.

Semuc Champey - Von oben sehen die Kaskaden wahrscheinlich spannender aus als von unten!

Badewannentemperatur

Nach einer ausführlichen Bade- und Rutschpartie sind wir alle ausgesprochen erschöpft und dankbar, dass wir den Heimweg antreten können. Im PickUp wird gewitzelt, wie toll diese kostenlose Massage durch die Schotterpiste unter uns ja sei, eigentlich sind wir aber alle froh, als wir das Hostel erreichen und nach einer ausgiebigen Mahlzeit beim Grillstand um die Ecke ins Bett fallen können.

Noch mehr Rutschen! Diese Schuhe haben sich mittlerweile wirklich bezahlt gemacht!


Ja, die Fahrt hat sich gelohnt! Auch mit dem Wissen, dass ich am folgenden Tag dreizehn Stunden in "lokalen Bussen" mit dem Ziel "Santa Ana" in El Salvador brauchen würde.

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3 Kommentare:

  1. Liebe Sylvia,
    da liest man ein Wochenende lang keinen Blog und verpasst anscheindend direkt mal allerhand.
    Die Geschichte mit Deinem Fuß klingt nach einem Wunder, das Treffen mit Mario perfekt, die Höhlenbesichtigung spannend, der Essensbericht fantastisch lecker...
    Aber auch so verpassen wir in der Welt da draußen anscheinend allerhand. Weiter so und bleib gesund!

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  2. Ich glaube, das Gefühl "etwas zu verpassen" darf man gar nicht erst aufkommen lassen. Wenn ich mir die Geschichten der anderen Reisenden anhöre, wird immer wieder klar, dass die ganze Welt voller schöner Dinge ist und man immer für sich entscheiden muss, was einem am wichtigsten ist. Manchmal habe ich das Gefühl, viele Reisende kennen Deutschland viel besser als ich es tue und ich sollte erstmal im Bergischen Land (denke gerade an dein Buch, Anne) oder bei Schloss Neuschwanstein anfangen :)
    Es ist schön, hier so viel zu entdecken, aber irgendwie lehrt es mich gleichzeitig auch, was ich zuhause "verpasse" oder eben nicht verpasse, aber auch erleben könnte, wenn ich nicht hier wäre. Wenn man anfängt drüber nachzudenken, endet das in einem Teufelskreis. Dir würden wahrscheinlich viel mehr Dinge enifallen, die zu "zuhause" nicht verpassen wolltest als Dinge, die du glaubst woanders zu verpassen. Und hey - wir sind Mitte zwanzig, das Leben ist noch lang :-D

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  3. Liebe Sylvia,
    das kann man alles gar nicht so schnell aufnehmen, was du alles schreibst, wenn man nur alle paar Tage reinschaut. Gigantisch. Irgendwann in diesem Leben möchte ich doch mal mitfahren und laufen. Schön, dass du auch von anderer Seite hörst, wie schön Deutschland ist, denn wir haben auch im Bergischen Land und im Allgäu Urlaub gemacht und einen traumhaften Ausflug zum Schloss Neuschwanstein erlebt. Und ich könnte jede Woche irgendwohinfahren, weil es in Deutschland noch so viel Schönes zu entdecken und zu verspeisen gibt. (Schade, dass du nie mit warst...)
    Weiterhin wünsche ich dir so viel Mut und Kraft und Gelassenheit wie bisher und heile Knochen.
    Mom

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