Das erste Mal: Surfen lernen in El Tunco, El Salvador

21:55 Einsame Insel.de 3 Comments

Endlose Geduld, perfekte Körperbeherrschung, trainierte Oberarm- und Bauchmuskulatur – Surfen ist ein Sport, der meine besten Eigenschaften vereint. Oder ohne Ironie ausgedrückt: Wellenreiten könnte ein gutes Training für mich sein, um einige meiner Schwächen zeitweise abzulegen bzw. zu verbessern. Um elf Uhr sind Debbie und ich Wayo verabredet – eigentlich Eduardo, aber hier wird er „Wayo“ genannt. Eduardo Nummer eins, der uns San Salvador gezeigt hat, hat uns an seinen Namensvetter vermittelt, er sei ein guter Surflehrer. Ich bin mir noch nicht so sicher, ob es eine große Rolle spielt, wer mir versuchen wird, die fremde Wassersportart beizubringen.

Sonnenuntergang am Strand von El Tunco

Ich leihe mir ein Board aus: es ist riesig, besteht aus einem relativ weichen, ziemlich dicken Kunststoff und ist mit drei Finnen versehen. Die Verletzungsgefahr ist also – mal abgesehen von den drei Minihartplastikflossen an der Unterseite – relativ gering. Sehr gut – genau richtig für einen Tollpatsch wie mich. Wie sich später herausstellt, reicht selbst dieses Anfängerbrett um sich mit blauen Flecken und Schürfwunden zu markieren. Ich muss gerade an diesen riesigen Aufkleber mit dem Buchstaben „A“ denken, den sich einige Führerscheinneulinge auf ihr Auto kleben. So ungefähr komme ich mir mit meinem blau-weißen Ungetüm, das ich kaum elegant unter dem Arm tragen kann, auch vor. Nach dem ersten Training stärken Kratzer an Knien, Schienbeinen, Oberkörper und Armen diesen Eindruck noch.

Hier hat offenbar jemand den Strand schwarz angestrichen...

Schuhe aus schwarzem Sand!
 
Wir beginnen mit Trockenübungen: flach aufs Board legen, die Füße sollen das hintere Ende berühren – so könne ich dann auf dem Wasser am besten das Gleichgewicht halten. Erklärt wird übrigens auf Spanisch. Für zehn Dollar die Stunde kann ich schließlich nicht erwarten, dass mein Lehrer auch noch Englisch spricht. Und jetzt wird es anstrengend: Arme abstützen, aufstehen, eher gesagt aufspringen und in einem Zug auf beiden Füßen landen – und dann auch noch in der richtigen Position und mit gebeugten Knien – ja nicht komplett aufstehen!

Versuch 1: Abrutschen.
Versuch 2: Knie zur Unterstützung nehmen.
Versuch 3: vorderer Fuß vollkommen außermittig auf das Brett stellen.
Versuch 4: Alle vorangegangenen Fehler auf einmal. [...]
Versuch 7: Soweit, so gut, aber zu weit aufgerichtet. ...wie soll man denn so auf den Wellen sein Gleichgewicht halten?

Genauso sah das beie mir aus - Wunschtraumdenken :)

Also auf ins Wasser! An dieser Stelle verweise ich mal auf die Vermutung, dass hier mein Lehrer der Ungeduldige ist, weil ich nicht den Eindruck mache, das aufs-Brett-Steigen heute noch lernen zu können. Nicht, dass der Eindruck entsteht, ich hätte die Trockenübungen auch nur annähernd zur Perfektion (und das ist ja immer mein Ziel...) vollendet.
Wer hätte es gedacht: Auf dem Wasser ist es ein wenig schwieriger in der zuvor besprochenen Art aufzustehen. Erhöhter Schwierigkeitsgrad ist nicht nur durch die Bewegung des Wassers gegeben sondern auch duch die Notwendigkeit, den richtigen Zeitpunkt abzupassen. Irgendwann gegen Ende meiner ersten Stunde dann ein erstes Erfolgserlebnis: Zumindest gibt es irgendwann den Moment, in dem ich mit beiden Füßen auf dem Brett stehe, ohne mich mit Knien oder Händen abzustützen. Dieser Moment ist aber auch wirklich ein Moment, von einer Dauer kann nicht die Rede sein.

Pferde-Reiten wäre wahrscheinlich einfacher als Wellen-Reiten

Da ich das Board tageweise miete, muss die Zeit ausgenutzt werden. Wenn ich die Jungs heir mit ihren von zuhause mitgebrachten Brettern sehe, denke ich immer: was ein Aufwand! Man könnte sich auch für den fairen preis von zehn Dollarn eines leihen. Aber andererseits: wahrscheinlich ist es weniger Aufwand, ein Surfbrett im Flieger zu transportieren als quer durch Europa mit einem Segelflugzeug im Anhänger zu fahren. Da kann ich wahrscheinlich einfach nicht nachvollziehen, was das "eigene Board" ausmacht.
Ich versuche nach meiner ersten Stunde das Gelernte anzuwenden und alleine ein bisschen zu üben. Debbie hat nach 45 Minuten bereits aufgegeben, weil ihre Handgelenke schmerzen. Nachmittags sind die Wellen größere und kraftvoller und ich gebe relativ bald auf, weil ich es einfach nie schaffe, den richtigen Moment abzupassen. Die zweite Stunde mit Lehrer klappt schon bedeutend besser, allerdings dauert es auch hier wieder fast bis zum Ende, dass ich ein wirkliches Erfolgserlebnis habe und mich dazu durchringe, eine weitere Stunde zu nehmen.
Am zweiten Tag bin ich schon viel schneller im Paddeln und kann ab und zu mal ein paar Sekunden auf dem Brett stehen. Ich habe durch Schlucken von Meerwasser wahrscheinlich schon mehr Salz zu mir genommen als in den letzten Wochen durch Nahrungsaufnahme und bin mit kleinen blauen Flecken und Kratzern übersäht. Immerhin bekomme ich auch ein bisschen mehr Farbe - glücklicherweise habe ich die ganze Zeit ein Tshirt getragen und im Gegensatz zu manch Anderem keinen Sonnenbrand.





Leider komme ich relativ schnell an den Punkt, an dem der Muskelkater so groß ist, dass ich jedes weitere Training als Qual ansehe. Mein Nacken ist steif vom umsehen, ob die richtige Welle kommt und meine Arme sind müde vom Paddeln. Irgendwie ist es ja auch immer so: drei Tage Meer sind genug, ich freue mich wieder auf die nächste Stadt.

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El Salvador - zu Recht ein negativer Ruf?

19:11 Einsame Insel.de 1 Comments

"Eine schöne Reise wünsche ich dir, aber lass auf jeden Fall El Salvador aus!" - so ähnlich lautet der letzte Satz eines Freundes in Deutschland.
Bis Anfang der Neunziger forderte der Bürgerkrieg im kleinsten Land Zentralamerikas viele Opfer - auch heute kann man wohl kaum von einem Land mit einer stabilen politischen oder  wirtschaftlichen Lage sprechen. Die Gewaltbereitschaft ist hoch, im Jahresdurchschnitt kommen pro Tag zwölf Menschen durch Tötungsdelikte ums Leben. Es ist immer eine schwierige Frage, inwieweit man sich als Tourist von diesen Statistiken beeinflusst sehen möchte und vor allem inwieweit man überhaupt Interesse hat, ein solches Land "zum Vergnügen" zu besuchen.
Nach allem was ich gehört habe stehen viele der Morde und Gewaltverbrechen in Zentralamerika im Zusammenhang mit Banden und deren Drogengeschäften. Durchaus ein Umfeld, aus dem man sich heraushalten kann, wenn man sich nicht in den falschen Gegenden bewegt. Die Floskel "zur falschen Zeit am falschen Ort" bekommt hier natürlich eine andere Bedeutung, wenn gewisse Orte eigentlich jederzeit "falsch" sind und man sie am besten komplett meiden sollte.

Blick über die Dächer von Santa Ana von der Dachterrasse des Hostels "Casa Verde"

Über den Dächern von Santa Ana
 Ich komme von Norden - Cobán in Guatemala - und habe mir vorgenommen, San Salvador ohne die Zuhilfenahme von Touristenshuttlebussen zu erreichen. Eine grobe Vorstellung von der Route reicht im Grunde aus, um sich seinen Weg durchzuschlagen - zumindest wenn man wenigstens grundlegende Spanischkenntnisse hat. In den letzten vier, fünf Wochen habe ich in Belize und Guatemala etwa 2700 Kilometer zurückgelegt - ziemlich genau dieselbe Strecke wie in den guten drei Wochen Mexiko davor. Da sollte die knapp 500 km lange Strecke in die Hauptstadt von El Salvador doch zu machen sein. Hoffentlich ohne gewaltätige Zwischenfälle.
Um sechs geht es von Lanquin mit dem Colectivo nach Cobán. Vier Stunden Bus nach El Rancho, weiter nach Chiquimula und bis zum Grenzübergang. Ein Ausreisestempel wird auf guatemaltekischer Seite in meinen Pass gedrückt, hinter der Grenze interessiert man sich nicht sehr detailliert für meinen Pass dank Grenzabkommen zwischen Guate, Honduras, El Salvador und Nicaragua. Da es schon relativ spät ist, entscheide ich mich, die Nacht lieber in Santa Ana als in San Salvador zu verbringen. Die Busfahrt in die südlichere Hauptstadt wäre zwar nur etwa eine Stunde länger, aber dort müsste ich mich dann auch erstmal zurecht finden und aufgrund der fortgeschrittenen Stunde ein teures Taxi nehmen um ein Hostel zu erreichen.

Casa Verde in Santa Ana: schön gestaltete Innenhöfe versüßen den kurzen Aufenthalt

Die Entscheidung stellt sich bald als ausgesprochen richtig heraus: Mit Maggie aus Hawaii laufe ich die letzten ein, zwei Kilometer in der Dämmerung durch Santa Ana. Wir haben den Tag über schon eine Menge Spaß gehabt. Sie ist eine ausgesprochen aufgeschlossene, freundliche und fröhliche Amerikanerin, die bei jeder Gelegenheit lacht. Und irgendwie hat sie mich damit heute angesteckt. Unser Tag in den Chickenbussen von  Guatemala und El Salvador war ein kleines Abenteuer, das wir in vollen Zügen genossen haben. Am meisten reizt mich an der günstigen Fortbewegungsart, dass man relativ schnell Kontakt zu den Einheimischen herstellen kann, das ist in den großen, teureren Bussen im Grunde gar nicht möglich, da sie zu einem Großteil mit Touristen besetzt sind. Die wenigen Locals, die mit Ticabus & Co. unterwegs sind, sind vermutlich eher Geschäftsreisende. Ich habe es allerdings noch nicht ausprobiert, sehe die voll besetzten Buss nur öfter auf der Straße, wenn wir mir unserer alten Klapperkiste überholen (sollte es nicht andersherum sein? Das könnte auch dafür sprechen, dass die Touribusse etwas sicherheitsbewusster gefahren werden...).
Es gibt noch einen weiteren Grund, oft den Bus zu wechseln statt in einer Komfortkutsche quer durchs Land zu fahren. Nein, ich meine nicht die Möglichkeit, die Fenster zu öffnen und auch nicht die tollen bunten Farben der klapprigen Bluebirdbusse aus den USA. Ich spreche von Essen, Trinken, Snacks und dem ganzen Spektakel um alles, was in den Gefährten selbst, durch die Fenster und an den Straßenrändern verkauft wird.

"Piña, Papaya, Piña, Papaya, Piña..."
         "Aqua de Coco, aqua de coco, agua..."

"Tamales con pollo, tamales, tamales...!"
                          "Manias, manias, manias, manias dulces, manias salados, manias dulces..."

Es dauert immer eine Weile, bis ich die jeweiligen Spezialitäten des Landes kenne und weiß, was gut ist und sich zu kaufen lohnt. Beispielsweise werden einige Früchte angeboten, die mir zwar im reifen Zustand schmecken, aber teilweise unreif mit Salz, Chilipulver und Limonensaft verkauft werden und so nicht ganz meinen Erwartungen entsprechen. Dafür sind manche Dinge von gleichbleibend guter Qualität: die Kokosnussmilch hier ist die beste, die ich je Getrunken habe und Erdnüsse in allen Varianten dienen oft als Wegzehrung, wenn es nichts "Vernünftiges" zu futtern gibt.

Ein ungewöhnlich komfortabler Bus für die letzten Kilometer und allerhand Süßkram aus Erdnüssen und Kokosnus
Santa Ana ist also ein lohnenswerter Stop, weil ich mir eine nächtliche Suchtour in San Salvador erspare und vor allen Dingen, weil ich in einem äußerst schönen und entspannten Hostel unterkomme. Im Casa Verde gibt es zwei Innenhöfe mit einer Menge Hängematten, sogar einem kleinen Pool und überhaupt einer sehr angenehmen Atmosphäre. Mein Abendessen besteht aus den Pizzaresten eines anderen Hostelgastes - wofür ich sehr dankbar bin, da ich in meinem völlig übermüdeten Zustand nicht mehr vor die Tür muss. Und in El Sanvador ist es ja sowieso überall soooo gefährlich. Nach Dusche, Essen und einem Stündchen quatschen mit den anderen Hostelbewohnern kann ich mehr als zehn Stunden schlafen und bin am nächsten Morgen bereit für das nächste Abenteuer. Milchkaffee - hier heißt es "Leche con café", wenn man lieber mehr Milch als Kaffee trinkt - und eine warme Zimtschnecke sowie ein Spaziergang über den Markt von Santa Ana sind der perfekte Start in den Tag. 
Die kleinen Freuden des Alltags lerne ich hier besonders zu schätzen: Canelones y Leche von Café
Fast noch besser als das Frühstück: die Dusche im Hostel in San Salvador: Warmes Wasser, Wasserdruck und so eine Brause!
Zwei Stunden später erreiche ich nach einer angenehm kurzen Busfahrt und einem etwas längeren Fußmarsch San Salvador - bei Tag macht die Stadt auf jeden Fall keinen besonders unsicheren Eindruck. Der Tag geht gut weiter: nach einem guten Monate treffe ich Debbie wieder- die Wiedersehensfreude ist groß. Und dann gibt es auch noch eine richtig gute Dusche. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal heißes Wasser UND Druck auf der Leitung hatte. Jedenfalls genieße ich das ausnahmsweise mal nicht kühle Nass in vollen Zügen. Wunderbarer Morgen! Das Timing passt auch, denn um eins holt uns Eduardo ab, eine weitere Couchsurfing-Bekanntschaft. Er hat sich bereiterklärt, uns die ach-so-gefährliche Landeshauptstadt zu zeigen. Und offenbar ist es diesmal wie auch in Guatemala so, dass auch die Einheimischen ihre Stadt für gefährlich halten. Zumindest gewisse Viertel sollte man meiden und nach Einbruch der Dunkelheit begiebt man sich am Besten gar nicht mehr vor die Tür. Gut, dass Eduardo weiß, wo wir "in Sicherheit" sind.

Eine der wenigen Sehenswürdigkeiten im Zentrum von San Salvador, die wir mit Eduardo besuchen.
In der Mittagshitze starten wir unsere kleine Stadttour. Viel gibt es im Zentrum eigentlich gar nicht zu sehen: die ein oder andere Kirche und ein kleines Café aus den achtziger Jahren, in dem wir zu Mittag essen. Ich muss aber sagen, dass ich von einer der Kirchen überrascht werde: Die „Iglesia de Rosario“ im Zentrum San Salvadors kann von außen nicht besonders glänzen. Wo man auch hinsieht: es dominiert verwitterter, dreckiger Sichtbeton – eine endlose Anzahl verschiedener Grautöne. Aus der Ferne lässt sich zwar erahnen, dass auch ein wenig farbiges Glas verbaut wurde, aber welch großer Kontrast zwischen der Außenansicht und dem Innenraum besteht, erstaunt mich beim Betreten des Sakralbaus doch enorm.

Iglesia de Rosario in San Salvador: Außenansicht und Innenraum
 Das Bild spricht für sich, denke ich. Ich bin mal wieder froh, dass ich mein Weitwinkelobjektiv mitgenommen habe :) Regenbogenfarbiges Licht, Fliesen im Schachbrettmuster und ein bogenförmiges Lichtband sind vielleicht nicht Jedermanns Geschmack, aber interessant ist die Komposition allemal.

Santa Tecla westlich von San Salvador macht fast einen europäischen Eindruck
 Den Abend verbringen wir in Santa Tecla, einer nahegelegenen etwas kleineren Stadt, in der man sich angeblich viel sicherer bewegen kann. Ich traue meinen Augen kaum: hier kann man tatsächlich draußen vor Cafés und Bars sitzen und die Abendsonne genießen. Bei einem kalten Reis-Zimt-Milchgetränk (den namen dieses traditionellen Getränks muss ich nochmal herausfinden) lassen wir den Tag bei El Salvador - California - Deutschland - "Kulturaustauschgesprächen" ausklingen.

Morgen geht's mit dem Bus an den nahen Pazifikstrand: El Tunco heißt das Ziel und Surfen lernen ist der Plan!  Bisher habe ich in diesem Land mit dem schlechten Ruf nur Positives erlebt und bin auf ausgesprochen freundliche und offene Menschen gestroffen!

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Von der Brücke springen, den Wasserfall hochklettern und über den Fluß schaukeln...

23:03 Einsame Insel.de 3 Comments

Lange habe ich überlegt, ob ein "Tagesausflug" eine An- und Abreise wert sein kann, die die Dauer des Aufenthaltes vermutlich übersteigen wird. Im Nachhinein kann ich die Frage nur bejahen. Von Guatemala geht es nach dem Frühstück nach Cobán und weiter nach Lanquin. Das rund zehn Kilometer und eine Autostunde entfernte Semuc Champey und das mir empfohlene Hostel "Utopia" erreiche ich am selben Abend nicht mehr, sondern entscheide mich, in dem etwas größeren Ort Lanquin zu nächtigen. Größer heißt in diesem Fall, dass es einen Marktplatz, ein paar kleine Läden und mehr als eine handvoll Gebäude gibt. Am Morgen des Folgetages geht es um kurz nach neun los: die große Tour beginnt. Ich bin froh, dass ich ausnahmsweise mal wieder an einer Kompletttour teilnehme, da ich den Tag alleine mit Sicherheit deutlich weniger spannend erlebt hätte.
Sprung von der Brücke aus vierzehn Metern Höhe
Die große Schaukel... nach der dunklen Höhle eine Abkühlung bei Tageslicht.
Mit einem Allradfahrzeug geht es nach Semuc. Jetzt verstehe ich auch, warum wir nicht über eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 10 km/h hinauskommen: Die "Straße", die den Namen eigentlich nicht verdient hat, ist keine Asphaltpiste, sondern ein breiter Schotterstreifen, der bei extremen Steigungen ab und zu zwei Betonierte Streifen aufweist. Nach einem kleinen Zwischenfall auf den ersten Metern (ein zerbrochener Plastiksonnenschutz eines entgegenkommenden Fahrzeuges und ein eingeklemmter Finger) setzen wir unsere erschöpfende Fahrt fort und erreichen endlich die Höhle. Was es mit dieser Höhle so genau auf sich hat, weiß ich noch gar nicht und habe auch nicht allzu große Erwartungen. Ich lasse mich lieber positiv überraschen, als hinterher enttäuscht zu sein. Kein Wunder, dass meine Erwartungen um Längen übertroffen werden. Wir stehen am Eingang der Höhle und bekommen Kerzen in die Hand gedrückt. Bekleidet mit Bikini und den guten Trekkingsandalen (die sich nun doch bezahlt machen) betreten wir das dunkle Loch.

Die ersten Meter der Höhle sind noch vom Sonnenlicht erhellt.

Danach hilft nur das Licht einer Kerze, den richtigen Weg zu finden.
Nachdem wir uns mit ein wenig Ruß beschmiert haben um bösen Geistern oder irgendeinem Unfall innerhab der Höhle vorzubeugen, bewegen wir uns weiter ins Innere des Höhlen- bzw. Tunnelsystems. Streckenweise hilft ein Seil, die Orientierung zu behalten. Trotzdem ist ein ortskundiger Führer unentbehrlich. Das Geschrei der beiden israelischen Mädels hinter mir ist groß, als wir das erste Mal vollständig ins kalte Wasser steigen müssen. So kalt ist das Wasser nun auch wieder nicht - im Laufe des Tages stellt sich heraus, dass die beiden überhaupt gerne schreien. Immer wieder wird das Licht meiner Kerze durch einen Windstoß oder zu schnelle Bewegungen gelöscht und ich stelle fest, wie dunkel es hier ist. Im Notfall habe ich jaa noch das Display meiner Unterwasserkamera zum leuchten!

Irgendwo in der Finsternis: bloß nicht die Kerze ausgehen lassen!

Unsere Tour gleicht eher einem Hindernislauf als einem Spaziergang. Erste Hürde stellt ein kleiner Wasserfall dar, in dem ein Seil hängt, das das Hinaufklettern erleichtern soll. Das größere Problem sind aber die Wassermengen, die mich quasi blind machen. Schwimmend geht es weiter; über uns glitzern Tropfsteine im Kerzenschein. Irgendwann heißt es: Ende der Tour, es geht nicht weiter. Sackgasse! Und jetzt? Uns wird vorgemacht, was als nächstes kommen könnte: die Felsen seitlich des Höhlenraums hochklettern -  fünf, sechs Kerzen leuchten den Weg - und dann in das Wasserloch darunter springen. Ich bin etwas skeptisch, da bei der Dunkelheit relativ scher erkennbar ist, wo man tatsächlich hinspringen kann und wohin nicht. Die Mädels sind generell alle sehr zurückhaltend, aber wirklich "gefährlich" scheint das Ganze auch nicht zu sein. Man muss aber genau zuhören, worauf zu achten ist. Ein paar Minuten später stelle ich fest, dass nicht das Springen aus knapp fünf Meter höhe das Schwierige ist, sondern das hochklettern an der feuchten Felswand und Halt finden vor dem Sprung. Mit einer Taschenlampe wird mir die Stelle geleuchtet, die ich anvisieren soll. Alles ollkommen unspektakulär: Die Höhe ist noch nicht so groß, dass man wirklich in das "freier Fall"-Gefühl kommt. Wie sich das anfühlt, würde ich später an diesem Tag noch erfahren. Es geht zurück Richtung Ausgang, aber eine kleine Überraschung wartet noch auf uns. Wir sind schon über eine Stunde in der Höhle, die ersten frieren mittlerweile in dem kalten Wasser. Raus geht es über eine "slide" - eine Rutsche, die sich irgendwo in der Felswand verstecken soll. Vor mir entscheiden die beiden Mädels, dass sie lieber den anderen Weg nehmen und die Rutsche umgehen. Als ich vor der Öffnung mit einem fünfzig Zentimeter großen Durchmesser stehe, weiß ich warum. Mittlerweile vertraue ich unserem Guide aber soweit, dass ich mich auf die Felsen oberhalb das Lochs setze. Ich kann nicht sehen, wie es weitergeht. Etwas verwundert bin ich aber, als meine Kamera einfach an ihrem langen Band nach unten weitergegeben wird. Tief kann es also nicht sein. Und tatsächlich geht es nur zwei Meter abwärts. Der ein oder andere hat sich den Kopf gestoßen und ärgert sich über die generelle "Unsicherheit" der ganzen Aktion. Klar, in Europa wäre die ganze Tour nicht möglich: da müsste jeder einen Kelm und eine Kopflampe tragen, festes Schuhwerk und es gäbe "Notausgangspfeile", die auf den Ausgang der Höhle hinweisen. Die meximale Gruppengröße würde festgelegt und an den Sprung im Dunkeln wäre gar nicht zu denken.

Der Augang ist in Sicht!
Bevor wir auf die Idee kommen, uns wieder vollständig zu bekleiden, geht es ein Stück flußaufwärts zur großen Schaukel. Auch hier wieder Diskussion im Vorfeld: ob man nicht gegen die seitlichen Stangen knallt, wenn man diese Schaukel mit so viel Schwung benutzt... Viel problematischer ist hingegen, dass man im richtigen Zeitpunkt abspringen muss, um sich nicht an der Wasseroberfläche zu verletzen. Klar, kennt man ja aus der eigenen Kindheit. Also auf geht's. Macht Spaß, aber tut auch ein bisschen weh... und sieht bei mir auch nicht so ellegant aus wie bei den männlichen Kollegen, die teilweise aus dem Sitzen in einen Köpper übergehen. Körperbeherrschung und so. Egal, anderes Thema, weiter geht's zum nächsten Spielplatz.
Na gut, nicht alle springen eleganter ab als ich :)
Weiter flußaufwärts, unterhalb eines etwas größeren Wasserfalls, schwingen wir uns auf dicke aufgeblasene Autoschläuche ("Tubing" nennt man das Ganze) und plätschern gemütlich den Fluß hinunter. Zugegebenermaßen ist mein Ring etwas klein und ich kann kaum Gleichgewicht halten, sodass Schwimmen bzw. sich ohne den Reifen treiben lassen mehr Spaß macht. Außerdem habe ich so kein Metallventil im Rücken. Zurück an der Höhle bekommen wir unsere vorher eingeschlossenen Klamotten und Wertsachen wieder (Stichwort SLR) wieder und machen uns auf den Weg zu nahe gelegenen Brücke über den Fluß. Ich habe schonmal etwas davon gehört, dass man hier von einer Brücke springen könnte, der Wasserstand aber so stark variiere, dass das nicht immer möglich sei. Aber würde ich ja sowieso nicht machen. 14m - in Worten vierzehn Meter geht es abwärts. Das erfahre ich aber erst hinterher. Ich erinnere mich, wie schwer ich mich für mein Schwimmabzeichen getan habe, vom Dreimeterbrett zu springen. Das mag daran liegeen, dass ich damals selber nur halb so groß war, aber irgendwie wirkt diese Höhe im Hallenbad auch anders als die Höhe dieser schönen gelben Brücke über dem Fluß bei Semuc Champey. Der Sprung ist dann wohl das beste Erlebnis des Tages. Wäre ich alleine Unterwegs gewesen, wäre ich natürlich niemals auf so eine lebensmüde Idee gekommen. Nein, im ernst, alleine hätte ich das nicht gemacht, aber wenn jemand weiß, wie die Felsen im Flußbett aussehen und dass der Wasserstand ausreichend hoch ist, sehe ich da weniger Probleme.
Auch hier sieht man mal wieder ganz klar den Unterschied zwischen denen, die ihren Körper beherrschen und wissen was sie tun und denen, die planlos ins Blaue springen und mit knallroten Beinen wieder ans Ufer zurückkehren. Ich springe immerhin schmerzfrei, aber mit einer völlig neuen Erfahrung: Der freie Fall. Das hat dann wahrscheinlich irgendwas mit diesem Adrenalin zu tun, von dem so viele Leute sprechen. Ein, zwei, fünf, sechs Meter sind ein ganz normaler Sprung wie der am Vormittag in der Höhle. Dann realisiert mein Prozessor aber irgendwie, dass er sich verrechnet hat und glaubte, dass die Füße längst das Wasser berühren müssten. Stattdessen falle ich jedoch weiter. Dass dieser Prozess, dieser Wechsel von "alles gut" zu "hilfe, ich falle!"  in Bruchteilen einer Sekunde in mir vorgeht ist schon erstaunlich. Die Zeit bis zum eintauchen ins Wasser reicht kaum aus, um einen Schrei auszustoßen. Als ich wieder auftauche bestätige ich nur die Mädels oben auf der Brücke: Macht es unbedingt, es ist genial! Na ja, wenn sie mir nicht glauben wollen, selber Schuld. Ihr verpasst was!

Bisher ist nur mein Schatten auf der Wasseroberfläche. Möchte ich da wirklich runter?
Das eigentliche Ziel meines Tagesausflugs, der Ort, der mich von den Fotos her hierher gelockt hat, ist Semuc Champey. Der Fluß, den ich mittlerweile schon ganz gut zu kennen glaube, fließt auf einem einige hindert Meter langen Abschnitt größtenteils unterirdisch in einem natürlichen Tunnel, darüber jedoch plätschert eine kleinere Menge Wasser langsam über flache Stufen Hangabwärts. Bevor es zum Familienbadespaß in die natürlichen Pools geht, steht der Aufstieg zum Aussichtspunkt an. Das Holzschild am Fuße einer Treppe erklärt: 1 1/4 hours! Über eine Stunde? Das kann ich mir gar nicht vorstellen - nicht, nachdem ich so viele Fotos gesehen habe, die von dieser Stelle aus aufgenmmen worden sein müssen. Die Mädels und Jungs aus Israel bleiben lieber unten und warten auf unsere Rückkehr. Puh, über eine Stunde ohne Gegacker und Geschrei - wie entspannend. Ich weiß auch nicht, was diese Mädels heute gefrühstückt haben, aber sie sind definitiv die Art von Zeitgenossen, auf deren Anwesenheit ich nun verzichten kann. Der Aufstieg dauert eine ganze Viertelstunde. Das Schild bezieht sich also offensichtlich auf die Aufstiegsdauer für gehbehinderte Menschen, anders kann ich es mir nicht erklären.

Semuc Champey - Von oben sehen die Kaskaden wahrscheinlich spannender aus als von unten!

Badewannentemperatur

Nach einer ausführlichen Bade- und Rutschpartie sind wir alle ausgesprochen erschöpft und dankbar, dass wir den Heimweg antreten können. Im PickUp wird gewitzelt, wie toll diese kostenlose Massage durch die Schotterpiste unter uns ja sei, eigentlich sind wir aber alle froh, als wir das Hostel erreichen und nach einer ausgiebigen Mahlzeit beim Grillstand um die Ecke ins Bett fallen können.

Noch mehr Rutschen! Diese Schuhe haben sich mittlerweile wirklich bezahlt gemacht!


Ja, die Fahrt hat sich gelohnt! Auch mit dem Wissen, dass ich am folgenden Tag dreizehn Stunden in "lokalen Bussen" mit dem Ziel "Santa Ana" in El Salvador brauchen würde.

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La Antigua Guatemala

17:00 Einsame Insel.de 2 Comments

Die Kleinstadt Antigua hat eine ähnlich gemütliche Größe wie meine Heimatstadt Haan, hat aber ansonsten wohl kaum Gemeinsamkeiten mit irgendeiner deutschen Stadt. Die ehemalische spanische Kolonie ist bekannt für ihre gut erhaltene barocke Kolonialarchitektur und seit einigen Jahrzehnten UNESCO Weltkulturerbe. Für mich ist die Stadt vor allen Dingen eins: ein kleines Paradies für Architekturfotokgrafie. Mit meinen beiden Begleitern aus Guatemala Stadt verbringe ich hier nur einen langen Nachmittag, aber trotzdem gibt es viel zu sehen. Besonders das Kloster der Capuchinas gefällt mir gut.

Iglesia y convento de las Capuchinas
Iglesia y convento de las Capuchinas
Bin ich zu groß oder ist die Tür zu klein?
Großzügiger Park im Zentrum von Antigua

Bunte einstöckige Häuser - ein bisschen wie in Mexiko...

Eine Gemeinsamkeit mit Haan - dieses "Restaurant" gibt es in Deutschland auch.. meist dominiert allerdings die Farbe gelb in Form eines riesigen Buchstabens...
Typisch in Antigua: viele Chicken-Busse und im Hintergrund Vulkane

Noch mehr Busse...

Ein üppiges Mal: Nachos mit Käse, Oliven, Tomaten, Zwiebeln, Guacamole... und die süße Variante mit Zimt und Vanilleeis!

2 Kommentare:

"Das höchste Risiko besteht in Guatemala-Stadt..."

20:53 Einsame Insel.de 0 Comments

"Erpressungen, Entführungen und besonders bewaffnete Raubüberfälle sind weit verbreitet. Die Mordrate gehört – trotz eines leichten Rückgangs in den letzten Jahren – immer noch zu den höchsten der Welt." So lauten die ersten Sätze auf der Seite des deutschen Auswärtigen Amtes für das Land Guatemala. Die Hauptstadt sei besonders kritisch und die generelle Gewaltbereitschaft sei extrem hoch. Ich bin morgen genau zwei Monate unterwegs und mir ist bisher keinerlei Gewalt widerfahren (mal abgesehen von dem mir zugefügten Einrenkschmerz meines verstauchten Fußes). Vor ein paar Stunden habe ich noch gesagt, dass die Frauen, die mich auf den Straßen von San Salvador anfassen, um mich in ihre Klamottenläden zu ziehen, wahrscheinlich bisher die nervigste Erfahrung war. Von Gewalt oder Gefahr kann hier jedoch nicht die Rede sein.

Iglesia Ciudad de Guatemala
Ich wäre eigentlich gar nicht in die Hauptstadt Guatemalas gefahren - höchstens zur Durchreise, hätte ich nicht vor ein paar Wochen die Nachricht von meinem Fliegerfreund Dominik bekommen, dass er gerade einen Freund aus Guatemala hosten würde. Mittlerweile kenne ich auch die ganze Geschichte, denn ich habe Mario aus Guatemala City und seine Familie kennenlernen dürfen. Mario arbeitet bei Bayer und hat kürzlich einen Wettbewerb gewonnen, in dem er eine gute Idee für eine App für das Leverkusener Unternehmen entwickelte. Der Konzern ludt ihn daraufhin nach Deutschland ein, um an mehreren Workshops teilzunehmen. Via Couchsurfing landete Mario bei Dominik in Leverkusen und er wiederum stellte den Kontakt zu mir her. Für die Nichtreisenden unter meinen Lesern: Couchsurfing.org ist eine Website, die die Möglichkeit bietet, (überwiegend junge) Leute weltweit zu kontaktieren um in deren vier Wänden zu nächtigen oder einfach nur jemanden zu treffen, der einem die Stadt zeigt oder sich bei einem Kaffee ein bisschen austauschen möchte. Jedenfalls eine gradiose Möglichkeit, eine andere Kultur kennenzulernen!

Sonntagabend in Guatemala City: Sonnenuntergang, viel Verkehr und vollgestopfte Fußgängerzone

Nach meinen kurzzeitigen Mobilitätsproblemen in San Pedro nehme ich schließlich Sonntagmorgen den Bus nach Guatemala City. Das "Tikal Futura", ein riesiges Gebäude, das ein Hotel und eine Shoppingmall beherbergt, eignet sich gut als Treffpunkt. Mario wartet schon auf mich. Glücklicherweise hatte ich auf die zu erwartende Ankunftszeit eine Stunde aufgeschlagen, sodass ich mit 45 Minuten Verspätung des Busses genau rechtzeitig zum Treffpunkt komme.
Mario stellt sich als ausgesprochen offener, sympathischer und liebenswürdiger Zeitgenosse heraus. Natürlich stimme ich zu, seine Familie zum Mittagessen zu treffen. Wir fahren im Auto "nach Hause", ich lerne zwei seiner drei älteren Brüder und seine Eltern kennen. Alle sind wahnsinnig freundlich und herzlich (hier Gehört ein Kuss auf die Wange und eine Umarmung zur Begrüßung). Zu sechst fahren wir im Familienbus Richtung "Restaurant" (ich bin überrascht, dass es mehrere Autos in dieser Familie gibt, wo in San Pedro schon ein Fahrrad außergewöhnlichen Luxus darzustellen scheint). Die Familie geht regelmäßig gemeinsam Sonntags essen - alle haben sich chic gemacht (zumindest fühle ich mich mit Jeans und Trekkingschuhen, die ich auf Busreisen meistens trage, um sie nicht im Gepäck verstauen zu müssen, ein wenig unwohl). Der Familienausflug geht jedoch nicht in ein lokales Restaurant sondern in eine amerikanische Fastfoodkette. Alle essen das gleiche Rindfleisch-belegte Sandwich, nur Beilagen und Getränke variieren. Da fällt es mir leicht, mich mit meiner Wahl anzupassen. Auf Gegenwehr stößt jedoch der Versuch, die Einladung zum Essen auszuschlagen.
Wir sitzen zu sechst um zwei kleine runde Metalltische auf der Terrasse des "Restaurants", Sandwiches, kleine Schälchen mit Jalapenos & Ketchup und Pappbecher vor uns und fangen nicht an zu essen. Erst einmal wird gebetet: auf Spanisch, ein paar Sätze... und dann wird sich ein guter Appetit gewünscht und gegessen. Neben dem Thema "Religion" gibt es noch viele andere, die Marios Familie brennend interessieren. Ich bin normalerweise ein relativ schneller Esser, heute habe ich aber am längsten von meinem Sandwich, da ich ununterbrochen Fragen beantworte und von meiner Reise, meiner Familie und meinem Leben in Deutschland berichte. Und das alles in Spanisch... nur Mario spricht Englisch und hilft ab und an mit einer Vokabel aus. Gutes Training!

Durchaus übliche Zeichen am Eingang eines Restaurantes.

Das Haus meiner "Hostfamilie" liegt in einer ruhigen, "sicheren" Gegend, der Zone 7 von Guatemala City. Nur wer bekannt ist oder einen Ausweis vorweisen kann, wird in das abgeriegelte und von schwer bewaffneten Sicherheitsleuten bewachte Viertel gelassen. Fast alle Häuser sind hoch eingezäunt oder ummauert und weisen alle erdenklichen Sicherheitsvorkehrungen auf.
Und trotzdem gefällt es mir hier. Im Gegensatz zu den meisten Orten auf diesem Kontinent, an denen ich bisher ein bisschen Zeit verbracht habe, ist es hier ausgesprochen ruhig, die Luft ist frisch und irgendwie ist das Haus von Marios Familie doch ein ganz normales Haus. Es gibt eine voll ausgestattete Küche, eine Waschmaschine, einen Trockner, eine funktionierende Dusche und sogar ein Waschbecken (hatte ich in San Pedro nicht). Montagmorgen bin ich fit und ausgeschlafen, es gibt es ein gigantisches Frühstück und da Mario arbeiten ist fahre ich für den Tag mit seinen Brüdern, die derzeit Urlaub haben, nach Antigua - die von den meisten Touristen besuchte Stadt des Landes, die ich bisher nur bei Nacht "gesehen" habe.

Mitte November: Weihnachten in Guatemala City

 Am Abend fahren Mario und ich in einen Stadtteil Guatemalas, der vor wenigen Jahren neu errichtet wurde und offenbar eine Art europäische Fußgängerzone immitieren soll. Es ist sicher, sauber und für viele Guatemalteken der Inbegriff einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung. Der ganze Ort kommt mir seltsam surreal vor, besonders komisch ist, dass hier Mitte November schon alles nach Weihnachten aussieht. Wir treffen zwei seiner Freunde zum Essen und Kaffee trinken und laufen ein wenig herum. Am Rande der "Stadt" sind hohe Mauern errichtet, die mit Stacheldrahtringen geschützt und an allen Ecken ud Enden Bewacht sind. Wieder so eine Insel, die nichts mit ihrer Umgebung zu tun hat.

Cafébesuch mit Sara, Roberto und Mario (der mit seiner Größe glatt als Europäer durchgeht)

Nach einer zweiten ausgesprochen erholsamen Nacht in meinem gemütlichen Gästezimmer und vielen interessanten Gesprächen (auf Spanisch natürlich) über das Leben in Guatemala und in Deutschland, Marios Wunsch in Deutschland zu arbeiten oder zu studieren, die Arbeit seines Vaters als Bauingenieur, meine Arbeit als Architektin... und tausend andere Dinge werde ich zum Busbahnhof gebracht, um meine Reise fortzusetzen. Ich bin Dominik, der das ganze eingefädelt hat, und Mario und seiner Familie unendlich dankbar für dieses tolle Erlebnis und zwei schöne Tage in der "gefährlichen" Landeshauptstadt.

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Wunderheilung nach Mayaart - die letzten Tage in San Pedro

08:22 Einsame Insel.de 2 Comments

Meine Zeit in San Pedro ist um, die letzten Hausaufgaben sind erledigt und der Rucksack ist gepackt. Morgen geht es weiter in die Landeshauptstadt. Dachte ich zumindest. Aber es kommt ja immer alles anders als man denkt. Es ist Freitagabend und heute gibt es das Abendessen nicht „zuhause“ in der Familie sondern in der Schule. Lia und einige andere Mütter haben in den letzten Wochen an einem Kochkurs teilgenommen, der von der Schule organisiert wurde und heute zu Ende geht. Heute morgen haben wir bereits auf dem Markt eingekauft: fünf Pfund Kartoffeln, zehn Pfund Hähnchen, fünfzehn Orangen, Ingwer (Gengibre – mein Lieblingswort), Cumin und einiges mehr.

Vorletzter Tag in San Pedro: Kayak fahren mit Lia, Bertolo und Kevin
Was uns am Abend erwarten würde, war uns am Morgen noch nicht klar: fünfzehn verschiedene Gerichte (nicht unbedingt alle typisch guatemaltekisch) warten darauf, von uns probiert zu werden. Lias Orangenhähnchen ist definitiv ein Highlight, aber auch Mole (eine Soße auf Cacaobasis), Rote Beete Pfannküchlein und Hähnchen in Weißweinsoße können gut mithalten. Ein solcher Kochkurs findet nur etwa einmal im Jahr statt – ich habe also richtig Glück, dass der Abschluss des Kurses ausgerechnet heute stattfindet – ein perfekter letzter Abend am Atitlansee.

Abendessen in der Schule - unsere Familien haben gekocht!

Mein "Mitbewohner" Kevin und die Mädels von der Sprachschule an meinem (geplanten) letzten Abend in San Pedro

Mit meinem „Mitbewohner“ Kevin und ein paar Mädels aus der Schule geht es in noch in eine nahegelegene Bar für einen Letzten Abend-Mojito. Da ich diese Woche Nachmittags Unterricht hatte, war es auf meinem Heimweg am frühen Abend immer schon relativ dunkel. Heute ist es allerdings wirklich stockfinster und ich habe natürlich keine Taschenlampe dabei. Die Straße, die seit Wochen neu gepflastert wird, zeigt zwar einen ordentlichen Fortschritt seit meinem ersten Tag in San Pedro, ist aber immer noch nicht fertiggestellt. Von einem kleinen Weg mache ich einen Schritt auf die fünfzehn Zentimeter tiefer liegende ungepflasterte Straße – ausnahmsweise habe ich keine FlipFlops, sondern feste Schuhe an – und trete ohne es zu sehen auf einen großen runden Stein, der sich sogleich in Bewegung setzt und hangabwärts rollt. Mein linkes Fußgelenk gibt nach und mein Fuß bewegt sich in einem äußerst unnatürlichen Winkel zur Seite. „Gebrochen!“ ist nicht nur mein erster Gedanke. Der Schmerz lässt nach einigen Minuten ein wenig nach, aber an Auftreten ist nicht zu denken. Gut, dass ich in Begleitung bin und humpelnder Weise das Haus erreichen kann. Den nächsten Morgen möchte ich am liebsten ganz schnell vergessen. Lia kann offenbar nicht nur grandios kochen, sondern auch traditionelle Maya-Heilmethoden anwenden. Sie tastet an meinem mittlerweile stark geschwollenen Knöchel herum und versichert mir, dass nichts gebrochen sei. Sie könne das durch Massage aber wieder in Ordnung bringen und in zwei, drei Tagen sei alles wieder gut. Es würde allerdings weh tun. Er Schmerz werde deutlich größer sein als jetzt gerade – und ich muss mich schon zusammenreißen! Im Krankenhaus bekäme ich wahrscheinlich einen Grips, er für die Heilung nicht sonderlich förderlich wäre. Nun gut. Wenn jemand mal Tipps zur Folter braucht...
Kevin, dessen Zimmer gegenüber meinem liegt, sagte hinterher so schön, er habe körperliche Schmerzen empfunden als er meine Schreie gehört hat. Mehr muss ich dazu wohl nicht sagen. Es waren jedenfalls die bisher schlimmsten fünf Minuten meines Lebens.
Ich denke gar nicht daran, den zehn-Uhr-Bus nach Guatemala zu nehmen. Wie ärgerlich! Dabei hat Mario, er in Guatemala Stadt wohnt, nur heute und morgen Zeit, weil er Montag wieder arbeiten muss. Ich verbringe also einen weiteren Tag in der Familie und schaffe es gerade mal ein paar Schritte vor die Tür, um einen 'Liquado con fresas y leche' zu trinken und mit Bertolo, Angie und Frank das bunte Treiben vor er Kirche zu beobachten, in der gerade zwei Paare geheiratet haben. Noch einen Tag untätig herumsitzen? Auf keinen Fall! Aber die nächsten drei Wochen humpeln – das kann ich mir auch nicht leisten. Wie ich es auch drehe und wende – meine Situation kommt gerade ganz schön ungelegen. Doch Rettung naht...
Ein paar Straßen von „zuhause“ entfernt spricht mich ein junger Mann an. Was denn mit meinem Fuß passiert sei. Ich erkläre mein Problem und die Behandlungsversuche. Er scheint nicht sonderlich begeistert von Lias Heilungsversuchen. Er sei hingegen Physiotherapeut und könne mir weiterhelfen. Er schaut sich den Fuß an, zeichnet mir das Gelenk auf ein Stück Papier und erklärt, wo das Problem liegt. Auf keinen Fall kühlen...!

Ein wunderbarer Kletterbaum im Lago Atitlán: Bertolo, Kevin und ich nutzen ihn als Sprungbrett - ein Traum :)
Eine Stunde später sitze ich auf meinem Bett und bekomme meinen Fuß mit einer Wärmelampe bestrahlt – immer so lange, bis es wehtut, danach wird gedrückt und massiert und dann wieder die Lampe. Der Schmerz ist groß, aber seit heute morgen kann mich so leicht nichts aus der Ruhe bringen. Was auch immer der gute Mann da treibt, er scheint zu wissen, was er tut. Ein kurzes lautes Knacken und der Schmerz nimmt schlagartig ab. Meine Weiterreise ist gerettet! Für den Betrag, den ich ihm zahle, muss ich nicht darüber nachdenken, die Formulare für meine Auslandskrankenversicherung auszufüllen – das ist den Aufwand nicht wert (und schon gar nicht die Portokosten). Am nächsten Morgen steige ich nach einem herzlichen Abschied von meiner Gastfamilie fast beschwerdefrei in den Bus Richtung „Guate“.
Kayak fahren auf dem Lago Atitlán


Da bekommt das Wort "Hausboot" eine ganz neue Bedeutung
Mit Angie und einem frischen "Liquado con Leche" auf der Treppe vor der Kirche von San Pedro

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