Heimweh vs. Fernweh – Ein Auf und Ab
Auf nach Hause...?
Vielleicht würde ich heute durch die Straßen von Buenos Aires schlendern, ein paar Mitbringsel einkaufen und später meine mittlerweile durchlöcherten, verwaschenen und von der Sonne ausgeblichenen Klamotten wegwerfen. Mit einem fast leeren Rucksack würde ich mich in den Flieger nach Deutschland setzen und mich auf „zuhause“ freuen, gleichzeitig aber auch ein bisschen wehmütig auf die vergangenen sechs Monate zurückblicken.
Die Entscheidung, meinen Rückflug knapp zwei Monate nach hinten zu verschieben, war vor einem knappen Monat die einzig mir logisch erscheinende Möglichkeit. Immer wieder denke ich darüber nach, wo gerade meine Prioritäten liegen und wie meine Entscheidung heute aussehen würde.
Was mir fehlt...
Es war schon komisch, als ich meinen jüngsten Bruder Gerwin vor einer Weile am Telefon erwischt habe und seine Stimme nicht erkannt habe. In Kombination mit der Information, dass er mittlerweile größer ist als ich, habe ich die „Befürchtung“, dass mein „kleiner“ Bruder, wie ich ihn in Erinnerung habe, eher ein großer junger Mann sein wird, wenn ich wiederkomme. Während meine Schwester Freya wie immer so beschäftigt ist, dass man sie kaum per Telefon erwischen kann und Kersten mit Uni und Unternehmensgründung alle Hände voll zu tun hat, habe ich zu Lennart in seinem Auslandssemester in Schweden noch am meisten Kontakt. Und trotzdem: Meine Geschwister fehlen mir wahnsinnig und ich kann es kaum erwarten, sie in meine Arme zu schließen.
Ähnlich verhält es sich mit meinem engeren Freundeskreis. Kurzfristige Bekanntschaften und verhältnismäßig oberflächliche Freundschaften (zum Glück nicht ausschließlich!) ergeben sich auf Reisen ständig. Aber was würde ich geben für einen Abend mit meinen Mädels – Kochen, Essen, ein Glas Wein trinken und reden, bis uns die Augen zufallen.
Schön wäre gerade auch...
- ...ein langer Spaziergang mit Petra und Tigger am Rhein und ein bisschen Rumgeklimper auf ihrem Klavier (vobwohl ich „Comptine d'un autre été“ vermutlich nie lernen werde).
- ...ein Bananensplit oder besser einen Nachmittag Eis verkaufen im Eistreff, während Quentin mir zwischen den Füßen herumläuft und nach Keksen fragt
- ...mit Papa in aller Ruhe Samstagseinkäufe auf dem Markt machen, Erdbeerkuchen essen und sich nichts für den Tag vornehmen.
- ...eine Runde mit dem Motorrad durchs Neandertal fahren (wenn ich es denn wieder fit für den TÜV bekomme - Christian, Dominik, Marita, Stefan – wer hat Lust auf eine Tour?).
- ...noch mehr Kochen (schönen Gruß an meinen Wok und meine Pfeffermühle, auch ihr fehlt mir!).
- ...ein paar konstruktive Details zeichnen, auf der Baustelle im Matsch rumlaufen und zig Telefonate führen mit netten Schreinern, lustigen Trockenbauern und kompetenten Statikern (okay, davor kommt noch die Jobsuche, aber da habe ich gerade auch richtig Lust drauf).
- ...die besten Fotos der Reise auswählen, drucken lassen und eine Ausstellung starten.
- ...die neu geborenen Babys kennenlernen, die neu bezogenen Wohnungen ansehen.
- Last but not least: Fliegen, fliegen, fliegen (und ein bisschen Werkstattarbeit, Winde fahren und einfach Zeit auf dem Flugplatz verbringen)!
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| Geschwisterliebe! Das ist übrigens das einzige Foto, das ich in ausgedruckter Form bei mir habe (ich weiß, sehr untypisch für mich :-P). |
Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich meine Zeit in Deutschland immer dann am intensivsten empfinde, bevor ich das Land verlasse – das war 2010 vor meinem Auslandssemester zumindest genauso. Es mag auch daran liegen, dass ich in diesen Zeiten eher einen Schwerpunkt auf Freizeit als auf Arbeiten lege. Aber auch die Arbeit fehlt mir – auch wenn es in den letzten Wochen und Monaten vielleicht etwas chaotisch zuging.
Und warum habe ich dann den Flug umgebucht?
Ich könnte die oben begonnene Liste unendlich fortsetzen, gleichzeitig gibt es da aber auch dieses andere „Gefühl“, das irgendwo tief in mir schlummert und sich immer wieder zu Wort meldet – mal intensiver, mal etwas schwächer: Fernweh!
Die Liste der Orte die ich kennenlernen möchte, ist mindestens genauso „endlos“ wie die obige. In den letzten Tagen hat die Intensität dieses Gefühls bzw. meine Motivation, dieses Fernweh zu stillen, allerdings stark geschwankt. Die Zeit auf den Galapagosinseln war definitiv eine besondere Phase dieser Reise und an „zuhause“ war in diesen Tagen kaum zu denken. Die Rückkehr in die urbane Zivilisation hat gut getan und mich für ein, zwei Tage beschäftigt. Dann kam Cuenca: eine Stadt, die schon einige als die schönste in ganz Ecuador bezeichnet haben, historisch wertvoll, Weltkulturerbe und auch aus meiner persönlichen Sichtweise eigentlich ganz schön.
Aber irgendwie fragte ich mich, was ich dort sollte: die größte Kathedrale Südamerikas, schöne Kolonialbauten, nette Cafés, gute Museen, ein angenehmes Klima... ein Mekka für Touristen. Habe ich nicht schon unzählige solcher Orte gesehen? Unzählige schöne Städte mit netter Atmosphäre, die einen zwei-, oder vielleicht dreitägigen Aufenthalt rechtfertigen?
Und trotzdem: irgendwie fehlt mir gerade eine konstante Aufgabe, eine sinnvolle Beschäftigung. Meine Schreiberei hat nachgelassen, ich habe einige Wochen nicht viel geschrieben und merke, wie die Qualität nachlässt. Besonders dann, wenn ich rückblickend eher in eine oberflächliche Berichterstattung als in eine detaillierte Momentaufnahme verfalle.
Ich habe nicht das Gefühl, aus ein paar Stunden in einer weiteren „netten Stadt“ einen großen Gewinn zu ziehen.
Am nächsten Tag hält bleibt der Eindruck ähnlich, aber dann schlagen meine Gedanken erstaunlich schnell wieder um.
Ich habe eine Nacht im Bus verbracht und bin nun wieder in Peru, verbringe einen Tag in der staubigen, trockenen, brüllend heißen und vor allem chaotisch-hektischen Stadt Chiclayo. Ständig werde ich dumm von der Seite angemacht und bin mal wieder (vollkommen pauschalisierend, ich weiß) von der „südamerikanischen Männerwelt“ genervt. Da hilft auch das gute Museum „Tumbas Reales del Senor de Sipán“ nicht. Also, nächster Nachtbus und doch wieder ins östliche Hochland zu den abgelegenen Inkastätten des Nordens. Und nun bin ich hier, in Chachapoyas, liebe die Stadt, die kühle Bergluft, die Schulkinder, die mir schüchtern zuwinken und die (vollkommen pauschalisierend) total freundlichen südamerikanischen Männer, die mich grüßen und mir einen schönen Tag wünschen.
Ist es nicht grandios hier? Ich möchte auf jeden Fall ein paar Tage bleiben, die Gegend intensiver kennenlernen als einige Orte in den letzten Wochen. Ein bisschen Zeit, ein bisschen Ruhe... und das alles mit der wunderschönen Vorfreude auf zwei vollkommen unterschiedliche Aspekte:Ich habe noch sieben Wochen vor mir, in denen ich Südamerika weiter entdecken, erleben und genießen kann!
Am 8. Mai bin ich wieder auf dem heimischen Kontinent und werde wohl so lange dort bleiben, bis das Heimweh-Fernweh-Ungleichgewicht wieder zu groß ist...



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AntwortenLöschenWhow!
Wir sitzen hier gemeinsam am Frühstückstisch und sind zu Tränen gerührt von soooo viel Ehrlichkeit. Danke! P.
AntwortenLöschenIch werde Fernweh haben, wenn Du wieder zuhause bist und mich nicht mehr mit so tollen Geschichten und Bildern rund um die Welt versorgst. War ein paar Tage in Italien (Fastnacht feiern) und habe mich heute morgen gleich an den PC gesetzt um die verpassten Einträge von Dir nachzulesen. Freue mich schon auf die nächsten Berichte. ... und wieder einmal habe ich mein Passwort vergessen. L.
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