Emotionen auf Reisen: #1 Angst

18:27 Einsame Insel.de 5 Comments

Blitz und Donner.
Gewässer, deren Grund ich nicht sehen kann.

Als ich noch klein war, hatte ich große Angst vor Gewittern und viele Jahre lang bereitete es mir wenig Freude, in einem trüben See oder der dunklen Nordsee schwimmen zu gehen.
Aber welche Ängste sind es, die mich auf meiner Reise begleiten, die mich möglicherweise davon abhalten, gewisse Dinge zu tun, Orte zu besuchen oder „Risiken“ einzugehen. Oder sind es gerade gewisse subtile Ängste, die nur dazu dienen, mich von unklugen oder gar gefährlichen Aktionen abzuhalten?
Natürlich dient dieses Gefühl als Schutzfunktion, aber gibt es nicht auch viele sogenannte Gefahren, die keine tatsächliche Bedrohung darstellen? Und was ist mit den Situationen, in die man sich begibt, weil der Mehrwert an positiven Erfahrungen ungleich größer scheint als das Risiko auf eine prägende Negativerfahrung?

Dass ich mich in den Tiefen der Meere von ein paar Haien auf einem Tauchgang begleiten lassen würde, hätte ich vor ein paar Jahren wohl auch nicht gedacht. Bevor ich 2011 meinen Tauchschein gemacht habe, war mir das Meer ein bisschen unheimlich. (Foto: Belize, Tauchgang nördlich von Caye Caulker, Oktober 2013)

Rückblick Sommer 2013:

Ich formuliere erstmalig konkret den Gedanken, für einige Monate Lateinamerika zu bereisen. Alleine. Das ist ja eigentlich nichts neues, aber fühlt sich irgendwie anders an: Ich möchte auf zwei Kontinente, die ich noch nicht kenne, deren Sprache ich nicht spreche und auf denen überall Gefahren lauern – zumindest wenn man einschlägigen Berichterstattungen und der Meinung vieler Menschen in meinem Umfeld glaubt.
Positiv ausgedrückt: Es gibt eine ganze Menge Orte, die ich neu entdecken kann, die Weltsprache Spanisch, die ich genau in diesen Ländern gut lernen kann und eine Reihe von Herausforderungen – und sei es nur das Umschiffen von potentiellen Gefahren – denen ich mich stellen möchte.
Es würde natürlich großartig sein, nach meiner Reise einigen Leuten berichten zu können, wie unrecht sie mit ihren Sorgen hatten, aber ich müsste das Risiko eingehen, dass sie Recht behalten.

Im September letzten Jahres geht es dann los: Mit dem Flieger von Düsseldorf nach Mexiko City. Ich kann es mir gar nicht erklären, aber ich bin vollkommen entspannt und sorgenfrei. In den letzten Tagen vor der Abreise träume ich zwar mal, dass ich den Flieger verpasse oder meinen Rucksack vergesse, aber das scheinen aktuell meine einzigen (wenig realen) Sorgen zu sein.

„Mir wird schon nichts passieren.“

In den ersten Monaten zeigt sich, dass ich mit dieser vollkommen naiven Grundeinstellung relativ gut fahre. Ich bin überzeugt davon, mit dem guten alten gesunden Menschenverstand weit zu kommen und bilde mir ein, davon eine ausreichend große Portion mitbekommen zu haben. Meine viel reisende Freundin Debbie sagt immer „Common sense is not so common.“ (Voltaire, 1764) und spielt damit gerne darauf an, dass wir gerade beim Reisen immer wieder Geschichten von unschönen Erfahrungen hören, die mit einem durchschnittlich-gesunden Menschenverstand wohl nicht so passiert wären. Ich schmunzele immer wieder über die dramatischen Geschichten über gestohlene Smartphones, wenn der ehemalige Besitzer erzählt, dass er nachts um drei betrunken am Strand war und sich gar nicht erklären kann, wie ihm das gute Gerät mit dem angebissenen Apfel auf der Rückseite entwendet werden konnte.

Natürlich gibt es reale Gefahren und ich gebe zu, dass ich mich in Guatemala City nicht sonderlich wohl gefühlt habe, als mein Gastgeber mir erzählt hat, wie oft er schon unter vorgehaltener Waffe überfallen und ausgeraubt wurde. Ohne den Kontakt zu jemandem, der hier schon sein Leben lang wohnt und weiß, wo man sich aufhalten kann, hätte ich die Stadt wohl gemieden.

In welchen Situationen habe ich ein ungutes Gefühl oder sogar Angst empfunden?

Heute auf den Tag genau bin ich seit einem halben Jahr unterwegs. Die Situationen, in denen ich mich wirklich nicht wohl gefühlt habe in meiner Haut, kann ich ohne Probleme an einer Hand abzählen. Die Angst vor Gewittern habe ich übrigens schon lange abgelegt und mittlerweile genieße ich diese Naturschauspiele immer. Was dunkle Gewässer angeht, bin ich mir noch nicht so sicher...
Diebstahl, Überfall oder gar ernsthafte sexuelle Belästigungen – das sind wohl die Dinge, die besonders allein reisenden Frauen gegenüber als größte Gefahr nachgesagt werden. Ernsthaft Angst habe ich vor diesen Dingen nicht und bin auch (vollkommen naiv...) davon überzeugt, dass ich diese Erfahrungen nicht machen werde. Meine „ängstlichsten Momente“ waren bisher die Folgenden:

  1. Guatemala Stadt bei Nacht: Ich habe eine zwölfstündige Busfahrt hinter mir und noch einige weitere Stunden vor mir, zumindest wenn ich mein Endziel noch diese Nacht erreichen möchte. Es ist schon lange dunkel, ich „kenne“ Guatemala bisher hauptsächlich aus Erzählungen und ich habe die Warnungen vom auswärtigen Amt gelesen. Der Bus hält an einem Terminal am Rande der Hauptstadt, ich steige aus und werde sofort von einem Dutzend Taxifahrern belagert. Erst mal zum Gepäckfach des Busses, meinen Rucksack in Empfang nehmen und dann die Taxifahrer abschütteln. Ich fühle mich unwohl. Ich bin heilfroh, dass ich mich in letzter Sekunde doch dazu entschlossen habe, ein Ticket nach Antigua zu kaufen, das mir einen Anschlussbus in Guatemala Stadt zusichert. Der Fahrer eines Kleinbusses wartet schon, um mich und eine andere junge Frau aus dem Chaos zu befreien. Zwei Stunden später, mitten in der Nacht, werde ich vor der Tür eines Hostels in der kleinen Touristenstadt Antigua abgesetzt. Ich möchte nur noch duschen und so schnell wie möglich ins Bett. Eine Nacht in der Hauptstadt Guatemalas hätte wirklich nicht sein müssen und im Nachhinein glaube ich auch nicht, dass ich unter anderen Umständen größere Probleme gehabt hätte.
    Als ich später noch mal drei Tage in der Stadt verbringe, fühle ich mich sicher, allerdings weiß Mario, der hier aufgewachsen ist, auch ganz genau, wo man sich besser nicht aufhält.  In seinen 25 Lebensjahren ist er schon des Öfteren mit vorgehaltener Waffe ausgeraubt worden.

  2. Panama Stadt. Ich bin erst seit zwei Tagen hier und wurde bereits zweimal von der Polizei aufgesammelt und ein paar Straßen weiter wieder abgesetzt, da ich mich gerade wohl an einem ausgesprochen gefährlichen Ort befinden würde. Ich habe zwar immer noch nicht so ganz verstanden, wo es hier nun gefährlich ist und wo nicht, aber auch die Bürger scheinen sehr um mein Wohl besorgt. Eines Nachmittags bin ich mit zwei deutschen Jungs unterwegs, die nicht so aussehen, als könne man ihnen so leicht was anhaben. Trotzdem rufen uns plötzlich, als wir in eine große belebte Straße einbiegen zu, wir sollen ganz schnell da verschwinden. Mehrere Autofahrer halten an, um uns den gleichen Ratschlag zu nehmen. Wir nehmen tatsächlich ein Taxi und lassen uns ein paar Straßen weiter wieder absetzen. Das Ende vom Lied ist, dass ich mich tatsächlich irgendwann in der Situation wiederfinde, in einer vollkommen verlassenen Gegend fernab der befestigen Straßen zu sein, mich ein wenig verfranzt habe, viel zu spät umkehre und mich aufgrund der Erlebnisse der letzten Tage ganz schön unwohl fühle.

  3. Südkolumbien, irgendwo am Rande des Amazonasgebiets: die Gegend, in der ich mich befinde gilt in verschiedener Hinsicht als kritisch: das Militär ist omnipräsent und die Straßen sind teilweise so schlecht und gefährlich, dass eine sogar als „Trampolin des Todes“ bezeichnet wird. Auf dem Weg zur ecuadorianischen Grenze lege ich einen Übernachtungsstopp ein, erreiche die Stadt allerdings erst im Dunkeln. Auf der Suche nach einem Hostel stellt sich meine Karte als falsch heraus und ich laufe über eine Stunde im Stockdunkeln an einer Landstraße entlang – weil mir jeder versichert, das gesuchte Hostel sei nicht mehr weit entfernt. Immer wieder überlege ich umzukehren und einfach in ein Hotel am Busbahnhof einzuchecken, aber das macht jetzt wahrscheinlich auch keinen Sinn mehr. Heute bin ich mehr als dankbar, dass ich immer meine Taschenlampe griffbereit habe und ganz schön erleichtert, als ich das Hostel erreiche.

  4. Die Sache mit den Gewässern... da ist sie wieder! Eigentlich klappt das ja mittlerweile ganz gut und in den letzten Jahren habe ich jede Gelegenheit genutzt, irgendwelche Seen zu durchschwimmen, auch wenn es immer ein kleines bisschen Überwindung kostet. Richtig unangenehm fand ich aber den Sprung von einem Boot vor einer der Galapagosinseln: Unsere Schnorcheltour ist eigentlich schon für beendet erklärt, ich habe aber noch die Hoffnung, auf dem Rückweg mit einen Manta zu schwimmen. Von der Gruppe hat kaum jemand mitbekommen, dass der Kapitän sich ernsthaft bemüht, im offenen Meer eins der Tiere ausfindig zu machen. Dann muss es plötzlich ganz schnell gehen: Ein rund fünf Meter großer Manta ist in Sicht, bewegt sich allerdings recht zügig vorwärts. Wir nähern uns, ich habe Flosse, Masken und Schnorchel bereits aufgesetzt und springe ins Wasser. Ins vollkommen trübe, dunkle Meerwasser. Erstmal sehe ich gar nichts und höre nur das Boot neben mir, das wieder ein wenig beschleunigt, um an dem gigantischen Tier dranzubleiben. Natürlich bin ich im offenen Meer – mit Mantas, Haien, Schildkröten, Seelöwen und was hier sonst so alles rumschwimmt. Natürlich weiß ich, dass ein paar Meter entfernt ein Boot auf mich wartet und dass mir hier keine Gefahr droht (welcher Art auch immer... ich finde es ja eigentlich nur komisch, dass ich nicht sehen kann, was unter mir ist). Ich schwimme schneller, zum Teil aus Aufregung und zum Teil, um den Manta einzuholen. Auf einmal ist er vor mir mit seinen fünf Metern „Spannweite“ und taucht einfach unter mir durch. Dem mulmigen Gefühl weicht auf einmal eine tiefe Faszination. Der Manta dreht unter mir einen Looping und zeigt mir seinen gigantischen schneeweißen Bauch. Wow! Wie konnte ich nur einen Moment in Frage stellen, ob es eine gute Idee war, in diese trübe Brühe zu springen?

  5. Und zu guter Letzt, noch einmal Galapagos, kurz und knapp: Großer, einsamer Strand, Strömung unterschätzt und auf einmal das böse Gefühl, nicht zurückschwimmen zu können. Ein kurzer panischer Moment, der Gedanke an den Frankreichurlaub vor 13 Jahren und eine ähnliche Erfahrung meines Bruders, der Gedanke an meine Jahre im Haaner DLRG ohne bis heute vernünftig Kraulen zu können, anhaltende Panik, schnelles Atmen und dann die Erkenntnis: Ich erreiche den Grund mit meinen Füßen. Ich bin überrascht, wie schnell ich mich aus der Fassung bringen gelassen habe und gleichzeitig dankbar für die Erfahrung. Das wird mir so schnell nicht noch mal passieren...

Blicke ich auf all die Monate zurück, die ich in der Vergangenheit alleine in fremden und angeblich gefährlichen Ländern verbracht habe und stelle dem meine negativen Erfahrungen gegenüber, kann ich für mich nur sagen: Die positiven Erfahrungen, die ich unterwegs mache sind es auf jeden Fall wert, gewisse Risiken einzugehen und ich bin ganz zufrieden mit meiner „Angstschwelle“. Hier und da mal ein „mulmiges Gefühl“ zu haben ist bestimmt ganz sinnvoll zur Selbsterhaltung, aber mehr Angst würde mich weniger erleben lassen. Diese Schwelle ist mit Sicherheit bei vielen Menschen ganz unterschiedlich, aber ich merke auch, dass ich über die Jahre deutlich entspannter geworden bin – vielleicht schon ein wenig zu entspannt für manchen Geschmack.
Damit einher geht aber auch, dass ich mich zu gewissen Dingen leichter überwinden kann – vor ein paar Jahren wäre ich weder von einer 14 Meter hohen Brücke in einen Fluss gesprungen, noch an einem Seil angebunden in ein Tal gesprungen.

Angst, Respekt, Adrenalin... spannende Begleiter auf (m)einer Reise.


P.S. Dieser Beitrag ist entstanden, weil ich auf meinen letzten Beitrag (Heimweh vs. Fernweh) so viel Rückmeldung bekommen habe und der Wunsch nach "ehrlicheren" und "emotionaleren" Texten laut wurde. Ich habe eine Weile überlegt, inwieweit ich mehr Persönliches preisgeben möchte (besonders im Internet) und mir überlegt, ein paar Emotionen, die mich hier begleiten, etwas detaillierter beschreiben. Die Angst ist dabei wohl das Grundgefühl, nach dem ich am häufigsten gefragt werde.

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5 Kommentare:

  1. Ah das mit dem Wasser und Boden haben viele Menschen. Jemanden hat das mal Tiefe-angst genannt. So etwas wie Höhenangst, aber dann andersrum. Aber weiter, schöner Tekst!

    "If you are not willing to risk the unusual, you will have to settle for the ordinary".

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  2. ...schön? ...also es gibt schon schönere Dinge als Angst :)

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  3. Zu dem Thema fällt mir der Film von Rainer Werner Fassbinder ein: "Angst essen Seele auf".
    Für mich gilt die Erkenntnis, dass Angst ganz schön lähmen kann. Stattdessen halte ich eine gewisse Vorsicht eher für angebracht- was Du ja auch mit gesundem Menschenverstand umschrieben hast.
    In diesem Sinne. L.

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  4. Hi Sylvia,
    das sind tolle Erfahrungen, die Du machst. Du läßt Dich nicht so leicht einschüchtern, und den "gesunden Menschenverstand" haben wir in der Sippe ja alle mitbekommen. Ich hoffe, dass auch weiterhin die positiven Erfahrungen überwiegen und Dein Selbstvertrauen so bleibt.
    Es ist klasse, daran teilhaben zu können über diesen Blog.
    Alles Gute, Sigrid

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  5. Toller Artikel! Offen, ehrlich, gefühlvoll und bewegend....
    Danke
    Michael

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