Fernsucht, du meine größte Schwäche!

Samstagabend und ich sitze auf der heimischen Couch. Ja, ich besitze seit einer Weile tatsächlich eine Couch, obwohl ich so viele Jahre mit einer Hängematte zufrieden war, die beim nächsten Ortswechsel zu einem kleinen Päckchen gefaltet werden kann.
Es mag vollkommen absurd klingen, aber für mich war eine Couch immer der Inbegriff vom "sesshaft werden". Immerhin habe ich noch keinen Fernseher - soweit kommt es noch...

Januar 2016 in Havanna - Fernsucht gestillt - für den Moment

Ich war gerade etwas schockiert: mein letzter Blogpost ist vom 14. Juli 2017 - und beschäftigt sich mit einem Rückflug von einer geschäftlichen Reise nach Barcelona. Als hätte ich das Reisen, meine vielleicht größte Leidenschaft, vollkommen aus den Augen verloren (mir fällt es schwer, zwischen Reisen und Segelfliegen einen Favoriten auszumachen).

Im September war ich auf der wunderschönen französischen Insel Korsika - wirklich einem traumhaften Urlaubsziel. Abschalten vom Job, ein bisschen baden im kristallklaren Mittelmeer, ein bisschen wandern in den "Dolomiten Korsikas". Abends gibt es frischen Fisch vom eigenen Grill, guten Wein (oder Bier in 0,25l-Flaschen die viel zu schnell leer sind) und gute Gesellschaft von zwei lieben Freundinnen. Und dennoch: Urlaub ist ja nicht das Gleiche wie Reisen. 

Im Jahr habe ich 26 Urlaubstage. Gut, ich kann mich als Deutsche nicht beklagen - in 2017 haben wir in meinem Bundesland elf gesetzliche Feiertage, dazu 52,5 Wochenenden, Rosenmontag ist auch frei... so komme ich dieses Jahr gerade mal auf 222 Arbeitstage. Das sind nur gut 60% aller Tage!
Und dennoch: zwei oder wenn ich Glück habe drei Wochen Jahresurlaub am Stück reichen nur bedingt, um aus dem Alltag zu entfliehen und in eine andere Kultur einzutauchen. Und die spannendsten Kulturen sind leider nicht nur eine Autostunde entfernt...

Kürzlich war ich bei meiner Freundin Nina in Münster zur Geburtstagsfete eingeladen. Jeder Gast wurde mit einem Aufkleber ausgestattet, der uns bei der Findung für uns interessanter Gesprächspartner unterstützen sollte. „SYLVIA – Reiseblog, Architektin, Asien, Fotografin“ log mein Aufkleber. Na ja, irgendwie passt das ja alles ein bisschen auf mich – aber was bin ich denn für ein Reiseblogger, wenn ich sieben Monate keinen einzigen Artikel veröffentliche. Für ein paar Fotos von Korsika (via flickr) hat es noch gereicht, aber zum schreiben war ich offenbar zu faul. Oder zu beschäftigt. Zu gestresst? Unmotiviert?

Ich merke deutlich, dass ich nicht einfach im Nachhinein irgendwelche Geschichten veröffentlichen kann. Das Bloggen gehört vielmehr zum Reisen dazu. Es ist mitunter meine Art, das Erlebte und Gesehene zu verarbeiten. Das Bedürfnis, dies zu tun, ist natürlich unmittelbar während der Reise oder kurz danach, am größten. Wenn ich alleine Reise, wächst dieses Bedürfnis exponentiell mehr als wenn ich mit einer oder mehreren Personen unterwegs bin, mit denen ich mich ständig austauschen kann.

Viele Artikel habe ich schon angefangen, die ich nicht veröffentlicht habe – auch in den letzten sieben Monaten. Es gibt so Tage, an denen es einfach nicht „fließt“. Und wenn ich nicht „on the road“ bin, fließt es meistens auch nicht. Vielleicht ist es wieder Zeit für eine Reise. Ich würde gerne mal in ein Land, für das es keinen Reiseführer gibt und in dem Tourismus nicht auf den obersten Rängen der Einnahmequellen steht. Da bin ich wahrscheinlich noch ein bisschen auf der Suche. Fernsucht - ich halte sie ja mittlerweile für ein ernst zu nehmendes Krankheitsbild.

Von vermeintlichen Attentätern und übermotiverten Piloten

Ich habe noch nie so einen gelangweilten Kapitän gehört. Immerhin teilt es uns die spannende Information mit, dass er eine Abflugmasse von rund 64,5 Tonnen bei einer Startgeschwindigkeit von etwa 280km/h in die Luft bewegen wird. Vielleicht. Irgendwann heute Abend – wenn wir Glück haben.

Gewitter, die durch eine geschlossene Wolkendecke stoßen (Handyfoto von Juni 2016)
Viele Gewitter in Deutschland und ein verspäteter Abflug unserer Maschine in Köln war die Begründung, die unser Pilot uns um kurz vor neun für eine gute halbe Stunde Verspätung nannte. Vielleicht war es auch eine Dreiviertelstunde. Ich sitze noch immer in dem gleichen A320, der um viertel nach Acht den Flughafen Barcelona hätte verlassen sollen. Mittlerweile ist es zehn Uhr abends, den Boden haben wir noch nicht verlassen. Die Rollwege sind hier lang, das weiß ich noch vom letzten Flug. Wir haben uns allerdings noch nicht besonders weit von unserem Gate entfernt. Vor einer knappen Stunde hieß es dann „Parking Position“. Die Triebwerke gehen aus, das Licht geht aus und sofort wieder an. Zwei von den kleinen gelben Flitzern mit orangenen Blinklichtern heizen an unserer Maschine vorbei und fahren plötzlich in einen engen Kreis, bleiben stehen. Da sind nur noch die orangenen Lichter. Niemand steigt aus. Kurze Zeit später, das erste Fahrzeug mit der Aufschrift „Guardia Civil“. Blaulicht. In einer Durchsage heißt es, dass ein Computer neu gestartet werden müsse wegen einer ungewöhnlichen Anzeige. Der Abflug würde sich verzögern. Ein zweites Fahrzeug der Guardia Civil. Noch mehr Blaulicht. Mein Kollege hat mir mittlerweile seine Beobachtungen berichtet: zwei Personen sind nach vorne gegangen, danach hat sich der Vorhang hinter dem Cockpit geschlossen, die beiden Personen haben neue Sitzplätze zugewiesen bekommen. Kurze Zeit später stehen zwei Männer in dunkelgrünen Overalls drei Reihen vor uns. Der gleiche Aufdruck wie auf den blau erleuchteten Fahrzeugen.

Anflug auf Barcelona (Handyfoto von Juni 2016)
Nach etwas Hin und Her ist das richtige Gepäckstück gefunden – ein kleiner roter Rollkoffer. Der große dunkelhäutige Mann in seiner schwarzen Jacke, aus der seitlich Kopfhörer herauspurzeln, wird von den beiden Herren der Guardia Civil aus unserem Sichtbereich eskortiert. Ja, genau, einer von denen, die ganz schnell in einer Schublade verschwinden und da nie wieder rauskommen. Man hört förmlich die Gedanken einiger Passagiere, die mit verächtlichen Blicken dem Dreiergespann hinterher sehen. Vom Boardpersonal wird mit leicht angespannter Stimme und etwas verärgert nachgefragt, wer Fotos von der Aktion gemacht habe – natürlich meldet sich niemand.
Drei Minuten später fange ich fast an zu lachen, als derselbe hochgebaute Mann mit Kopfhörern und seinem roten Köfferchen wieder zu seinem Platz geht und sein Gepäck verstaut. Seine ehemaligen Sitznachbarn sind weit und breit nicht mehr zu sehen. Mittlerweile hat sich neben die diversen Fahrzeuge um das Flugzeug herum auch ein Bus gesellt – ich hatte schon befürchtet, dass wir die Maschine verlassen müssen um eine Nacht in einem Flughafenhotel zu verbringen.
„Wir sind jetzt so weit, dass wir unseren Flug nach Köln antreten können.“ Man müsse allen Hinweisen und „Fragen“ nachgehen, die in diesem Falle aus der Kabine kamen. Der Zusatz „Das Flugzeug ist in perfektem Zustand.“ darf natürlich auch nicht fehlen. „There is nothing to worry about“ sagt der nun nicht mehr ganz so gelangweilt klingende Pilot auf Englisch. Nach einer gefühlten Ewigkeit auf den diversen Rollwegen erreichen wir schließlich die 07L und starten um 22:46 mit einer Verspätung, die unsere Flugdauer übersteigt. (Natürlich kein Vergleich zu der Eurowings-Aktion in Kuba im Januar.)

Mittlerweile ist Mittwoch, und ich freue mich, dass der Pilot offenbar Spaß an seinem Job und vor allen Dingen an Durchsagen hat. Neben der genauen Routenbeschreibung mag ich besonders die folgenden Erläuterungen:

„Wir legen eine Flugstrecke von 1380km zurück und verbrauchen 4300kg Kerosin – das ist so etwas wie Diesel-Treibstoff!“
„Wir haben hier eine Druckkabine, die etwa dem Luftdruck entspricht, als würde man sich auf einem 2000m hohen Berg befinden.“
Natürlich wurde uns gerade auch noch einmal vorgerechnet, mit welcher Masse wir landen werden, wir haben ja schließlich ein bisschen Kerosin verbraucht. Ja, der Herr Pilot hat heute seine Hausaufgaben gemacht. Eins mit Sternchen!


Übrigens, wenn ihr mal im Sommer in Spanien seid eine Getränkeempfehlung:
Tinto de verano (Rotwein des Sommers) ist eine Mischung aus Rotwein
und einer Art Zitronenlimo (wenig süß) - mit Eiswürfeln sehr zu empfehlen!


Viel Schinken und das vielleicht eindrucksvollste Bauwerk der Welt


Der Knall von Feuerwerkskörpern, Taxihupen und wirre Stimmen von Menschen verschiedener Nationalitäten hallen durch die Nacht. Vor wenigen Minuten ist Portugal zum ersten Mal Europameister geworden. Die großen Fenster meines überdimensionalen Hotelzimmers liegen zur Carrer del Pintor Fortuny, einer schmalen Seitenstraße der berühmten "Ramblas". Obwohl die Spanier, in diesem Falle die Katalanen, relativ wenig Interesse an Fußball zu haben scheinen, ist heute die Hölle los in Barcelona. Kein Wunder, hier halten sich wahrscheinlich im Monat Juli deutlich mehr Touristen als Einheimische im Stadtzentrum auf.
Ich überlege, wie der Begriff des Touristen definiert ist - das habe ich irgendwann mal in meinem Auslandssemester in Malaysia gelernt. Es gibt da eine Mindestaufenthaltsdauer. Bei zwei Nächten habe ich die vermutlich erfüllt, auch wenn der Grund meiner Reise ausnahmsweise mal nicht touristischen Ursprungs ist. 


Die Boqueria ist nichts für Vegetarier. Neben jedem Obststand wird auch Schinken verkauft.

Fisch & Co sind auf dem Markt vermutlich frischer als in manch einer Tapas-Bar. Leider passt die Qualität der Speisen in einigen Restaurants nicht so gut zu dem verlangten Preis.
Fruchtsäfte in mehreren Dutzend Mischungen... so einen Stand hätte ich gerne in Aachen!

Egal, eigentlich will ich ja schlafen. Der Lärm der Fußballfans wird weniger, aber immer wieder lässt mich ein vorbeifahrender Skateboarder aufschrecken. Haben die Spanier noch nie was von Schallschutzverglasung gehört? Oder zumindest Dichtgummis in den Fensterrahmen? Offenbar nicht.
Die letzten Reisen nach Barcelona gingen Montagsmorgens um halb fünf in Aachen los – da war an Urlaubsfeeling nicht zu denken. Heute habe ich etwas mehr Zeit vor dem ersten Termin und während mein sportlicher Kollege bei knappen 30°C eine Runde am Strand joggen geht, drehe ich vor dem Frühstück eine Runde durch die Markthallen des Mercat de la Boqueria. Die Fischstände werden gerade erst aufgebaut, aber es gibt reichlich andere Lebensmittel zu bestaunen. Besonders häufig wird frisches Obst in ganzen Früchten, klein geschnitten oder als Saft angeboten, außerdem Eier, Käse, Gewürze, Schokolade, Trockenfrüchte und Nüsse. Kleine Stände bieten frisch belegte Baguettes und Kaffee an. Aber das wichtigste habe ich noch nicht erwähnt: den iberischen Schinken, den es an jeder Ecke zu kaufen gibt. Ein junger Mann spricht mich an: „Sorry, would you take a picture of me in front of the ham. I LOVE HAM!”. Über die Schinkenleidenschaft des Engländers muss ich schmunzeln und erfülle ihm seinen Wunsch. Das, wofür ich eigentlich hier bin – die Arbeit – geht heute erstaunlich schnell rum – dazu trägt die Klimaanlage wahrscheinlich einen entscheidenden Teil bei und natürlich die Aussicht auf ein spannendes Abendprogramm.

Wer weiß, ob die Krane der Sagrada Familia mittlerweile auch UNSCO-Weltkulturerbe sind.
Mit 15 Jahren, also aus meiner Sicht vor einem halben Leben, habe ich eine Woche in Spanien und einen Tag in Barcelona verbracht. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich die Sagrada Familia von außen gesehen, drin war ich jedoch noch nie. Mein ausgedrucktes Ticket besagt, dass die 15,- Euro Eintrittsgeld den Aufbau des Bauwerkes unterstützen. Unter diesen Umständen fühlt es sich doch gleich viel besser an, Geld auszugeben. Eintrittsgelder sind in Barcelona wohl generell sehr hoch, bisher bin ich aber noch nicht dazu gekommen, das zu überprüfen (und das bei drei Reisen innerhalb eines Monats).
Ich erinnere mich, dass mich der gewaltige Bau Gaudís schon vor Jahren eher an eine schlammige Sandburg als an eine Kirche denken ließ. Wer konnte ahnen, dass sich im Inneren eine völlig andere Welt auftut. Eine helle, vielseitige, moderne Welt, von schillerndem durch die bunten Glasfenster gefiltertem Licht getränkt. Auch nach den ersten Minuten des Schauens und Staunens lässt sich in jede Richtung etwas Neues entdecken. Ich kann mich irgendwie nicht entscheiden, ob die blauen und grünen Glasmosaike an der Ostseite mir besser gefallen oder ob ich doch die gelb- orange- rote Westseite mit der durchscheinenden Abendsonne des neuen Weltwunders schöner finde. Spindeltreppen winden sich innen schier endlos die Fassade entlang. Das helle Gewölbe über mir ist mit einer Mischung aus Blumen, ungleichzackigen Sternen, Sonnen und Fächern übersäht. Viele Formen könnte ich wohl gar nicht korrekt geometrisch benennen, weil ich sie noch nie zuvor gesehen habe.



Ich muss gestehen, dass ich Kirchen in den letzten Jahren zunehmend gemieden habe. Wer hat nicht schon einen schwärmenden Reiseführer (in Person oder als Buch) erlebt, der dann am Ende doch nicht Recht behalten sollte. Wie oft wurde ein Bauwerk als faszinierend, beeindruckend und einzigartig angepriesen, ohne dass man es bei Betreten desselbigen nachvollziehen konnte? Heute geht es mir anders. Vermutlich konnten meine Erwartungen vom Inneren einer „Sandburg“ nur übertroffen werden.
Dass die Sagrada Familia eine über 100jährige Baustelle ist, kann man fast ausblenden. Außer einem nicht einsehbaren Bereich im unteren Bereich des Kirchenschiffs und ein paar Geräuschen der Arbeiter hätte mich nichts auf die Idee gebracht, dass man hier seit 1882 am werkeln ist.





Pressestimme zur Vernissage in der Haaner AWO

Haaner Treff, 16. März 2016
Am Samstag, den 12. März 2016 fand in der AWO Haan die Eröffnung meiner aktuellen Ausstellung "Fernsucht" statt. Wer mag, kann sich in den nächsten Monaten meine Fotografien noch zu den Geschäftszeiten der AWO in der Breidenhofer Straße in Haan ansehen.
Anbei einige Eindrücke der Vernissage (Fotos: Björn Wilhelmi).

Besucher aus Haan und Umgebung bei der Ausstellungseröffnung am 12. März 2016 
Eröffnungsrede von Paul Rath, der in der AWO ehrenamtlich tätig ist.


Neben den größeren Exponaten, die noch mehrere Monate in der AWO ausgestellt sein werden, konnten auch viele meiner Fotografien im A4-Format betrachtet werden. Die drei Ordner sind derzeit noch bei der AWO einsehbar (überwiegend Fotos aus drei Gebieten: Südostasien, Lateinamerika, Kuba).

Aufbruchstimmung: Ein Teil der Fotos mussten leider wieder abgehängt werden, um die Flexibilität der Räume nicht einzuschränken (im Hintergrund: Kubafotos an mobilen Raumtrennwänden).

Extremkontrast zwischen touristischem Stadtkern und "echtem Leben": Trinidad

Wo man hinsieht strahlen die niedrigen Wohnhäuser in satten Farben, als seien sie erst gestern frisch angestrichen worden. Und tatsächlich sieht man hier und da ein wackelig anmutendes Gerüst, von dem aus noch die letzten Pinselstriche für die gerade anbrechende Hauptsaison erledigt werden.
Trinidad gehört wohl neben Havanna zu den am häufigsten von Touristen besuchten Städten Kubas. Das mag einerseits an ihrer Nähe zur Hauptstadt liegen, die einen Besuch als Tagesausflug attraktiv macht, andererseits natürlich an ihrer ausgesprochen gut erhaltenen und gepflegten Kolonialarchitektur. Seit 1988 schon ist Trinidad Weltkulturerbe.

Außerhalb des inneren Stadtkerns sind die Häuser zwar noch bunt gestrichen, aber nicht mehr ganz so makellos gepflegt wie im Zentrum. Hier wohnen offensichtlich Menschen - nicht ausschließlich Touristen,

Zum Vergleich: Frisch gestrichene Gebäude und Touristen mit Kameras.
Hier scheint niemand zu leben. Trinidads Zentrum gleicht einem Museum.

Ich muss gestehen, dass ich das Zentrum des kleinen Städtchens auf den ersten Blick ein bisschen langweilig finde. Alles ist so sauber, so gepflegt, gar lupenrein, dass es kaum zu dem Land passt, dass ich in den letzten Tagen kennengelernt habe. Man macht mir hier etwas vor, die ganze Stadt führt eine Show auf. Im Zentrum reihen sich Restaurants und Cafés aneinander. Deren Zielkundschaft: eindeutig Touristen - Einheimische könnten sich die hier angebotenen Speisen und Getränke niemals leisten. Sogar Bäckereien und Supermärkte haben die Preise angepasst. Wer einen Milchkaffee oder ein frisches Croissant haben möchte, zahlt in Kuba schnell so viel wie zuhause.

"Darf ich mal deine Kamera anfassen?"
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Während die Jungs eine Straße weiter Fußball spielen, malen sich die Mädels mit Wasserfarben die Gesichter an. Der kleine Bruder darf offenbar nur zugucken und ist zu klein, um bei den Großen mitzuspielen. Dafür findet er meine Kamera um so interessanter.

So merkwürdig ich mir vorkomme, während ich zwischen den bunten Häusern über das Kopfsteinpflaster laufe, so schnell endet dieser Eindruck wieder, als ich mich nur einige Häuserblocks weiter nördlich aus dem Stadtkern entferne. Die Häuser sind zwar auch hier noch farbenfroh angestrichen, man sieht ihnen aber eindeutig an, dass hier tatsächlich Menschen leben. Menschen, die ihr Haus nicht jeden November in einer neuen Farbe anstreichen, bevor im letzten Monat des Jahres die Europäer kommen um ihren Weihnachtsurlaub hier zu verbringen.
Es ist nicht mehr lange bis zur Dämmerung, die Sonne steht bereits tief, und in der leicht abfälligen Kopfsteinstraße bahnt sich ein kleiner Rinnsal seinen Weg ins Tal. Hier und da wird ein abgemagertes Pferd gewaschen, das am heutigen Tag während der Mittagshitze einen vermutlich viel zu schweren Touristen durch das naheliegende "Valle de los Ingenios" geschleppt hat.

Die Abendsonne wird in Trinidad auch zum Fußballspielen genutzt.

Auf einer kleinen Wiese spielen Kinder und Jugendliche Fußball - Jungs natürlich - keine Mädchen. Einige jüngere Kinder laufen auf mich zu, wollen von mir fotografiert werden. Sie haben sich mit "aquarela", also Wasserfarbe, die Gesichter angemalt. Zum Glück ist meine verhältnismäßig alte Kamera relativ robust und was Verschmutzung angeht gut erprobt, sodass ich mir wenig Sorgen um die Technik machen muss, als die Kinder wild auf den Knöpfen meiner Kamera herumdrücken und mit den schmierigen Fingern auf das Objektivglas packen. Ich biete an, ein paar Ausdrucke der Fotos am nächsten Tag vorbeizubringen und bekomme lang und breit erklärt, wo im Ort ich das machen lassen kann. Schließlich verstehe ich, welche zwei Wörter die Mutter der Kinder mir die ganze Zeit versucht hat zu erklären: "Foto Service".
Je weiter ich mich von dem zentralen Platz des Ortes Trinidad entferne, desto weniger farbig werden die Häuser. Hinter einer Kurve, in der weitere Pferde und Pferdeanhänger gewaschen werden, hört die Bebauung abrupt auf und dahinter bietet sich der Blick in das grüne Tal, von dem ich bisher nur gelesen habe, das im Sonnenuntergang nur erahnen lässt, was dort im Hellen zu entdecken ist.


 Die Sonne geht erstaunlich schnell unter. Leider ist es auch schon zu spät, noch auf den Aussichtsturm im Zentrum zu steigen - der schließt bereits um fünf. Bleibt ein entspannter Abend zum essen, trinken und früh ins Bett gehen. Schließlich steht morgen eine Wanderung ins Tal der Zuckermühlen (Valle des los Ingenios) und vielleicht sogar die Weiterreise per Bus an.

Einladung: Fotoaustellung Fernsucht in der AWO Haan - Vernissage am 12. März 2016

Liebe Weltenbummler und Freunde der Reisefotografie,

Im März und April diesen Jahres werde ich wieder eine Auswahl meiner Fotografien ausstellen.
Ab dem 12. März werden in meiner Heimatstadt Haan in den Räumen der AWO Fotos meiner vergangenen Reisen gezeigt. Erstmalig zeige ich auch Fotos aus Kuba, die im Januar 2016 entstanden sind.



Bei der Vernissage am kommenden Samstag zeige ich ab 16 Uhr nicht nur die belichteten Fotos, die noch länger in der AWO ausgestellt sein werden, sondern auch als Beamerprojektion Eindrücke der Kubareise sowie einige bewegte Bilder der letzten Jahre.

Ihr seid herzlich eingeladen, am 12. März 2016 um 16 Uhr in der AWO Haan, Breidenhofer Str. 7, 42781 Haan vorbeizukommen. Gerne berichte ich von meinen Erlebnissen in Kuba, in Myanmar, in Guatemala und meinen bisherigen Reisezielen.


Ich freue mich auf euch!

"Die Perle des Südens" - über eine Stadt, die ihren Beinamen verdient

Ich muss zugeben, dass ich mir häufig vor Antritt einer Reise die aktuelle UNESCO-Weltkulturerbe-Liste ansehe. Man kann zwar nicht behaupten, dass jede Stadt, jede Region, jedes Bauwerk, das auf dieser Liste steht, einschränkungslos mein Interesse weckt, aber die Liste gibt auf jeden Fall Anregungen, wo man einen kulturell interessanten Ort findet. Vermutlich habe ich auch bedingt durch mein Architekturstudium ein überdurchschnittliches Interesse an Bauwerken. Auf Reisen habe ich gerne eine ständige Abwechslung zwischen Stadt / Kultur und Natur. Nur Natur ist auch für eine Weile okay, aber nur Stadt wird auf Dauer anstrengend. In Kuba werden die Städte wohl ein wenig die Überhand gewinnen.

Man könnte mir nachsagen, dass ich ein Faible für Reflexionen und Spiegelungen habe.... *Lieblingsbild*

Cienfuegos ist also das erste angesteuerte Weltkulturerbe-Ziel. Der Reiseführer klingt ein bisschen zögerlich, was die Beschreibung der schönen Seiten der Stadt angeht. Um die südlich der Stadt gelegenen Bucht reihen sich ganze zwölf Zuckerfabriken und viele weitere industrielle Bauten auf. Kein Wunder, dass hier der größte Zuckerexporthafen der Welt liegt (wo auch sonst, wenn nicht in Kuba).
Da wir aber von Norden die Stadt erreichen, ist das erste, was wir beim Aussteigen aus dem Camione wahrnehmen, der Prado - Kubas längste Allee. Auffällig ist die Bauweise der Wohnhäuser, die hier auf einem langen Abschnitt am Prado alle mit Kolonnaden zur Straße hin ausgestattet sind. So ist es besonders in der Mittagshitze angenehm, unter den Schatten spendenden Dächern entlang zu schlendern.

Deutsche Autos am Parque Martí in Cienfuegos? Der Mercedes-Stern wird übrigens auch gerne verwendet...

Ich bin erstaunt, wie wenige Touristen uns hier begegnen. Für einen guten Dollar lassen wir bei einem Schuster (zapatero) Tobis Rucksack reparieren, der auf dem Hinflug in Mitleidenschaft gezogen wurde (übrigens: großer Vorteil des Reisens mit Handgepäck ist auch, dass der Rucksack kaum beim Transport beschädigt werden kann). Die Suche nach einem fähigen Handwerker erweist sich zunächst als schwierig, da wir mehrfach zu hören bekommen "no hay máqina". Es gibt keine Nähmaschine - von Hand lässt sich der Rucksackgurt nur schwer reparieren. Der erste Schuster, zu dem wir geschickt werden, habe seinen Laden in dem Gebäude mit den beiden Löwen, wird uns im Casa erklärt. Oberhalb einer großen Treppe entdecken wir schließlich zwei Löwenstatuen vor einem schwer baufälligen Gebäude. Vor lauter Holzgerüsten hätten wir sie fast übersehen. Wir treten durch eine doppelflüglige Tür und blicken in einen riesigen leeren Saal. Nein, nicht ganz leer: In einer Ecke hockt ein alter Mann vor einem niedrigen Tisch und werkelt an einem Schuh. Auf dem Boden stehen noch wenige weitere Paare.

Die andere Seite der "Perle": Blick auf das Zentrum von Cienfuegos von Süden.

Ein paar Straßen weiter finden wir schließlich das große Eckgebäude, das uns zuvor beschrieben wurde. Während Tobi bei den Schuhmachern mit ihren zwei uralten "Nähmaschinen" auf seinen Rucksack wartet, schaue ich mich in der Halle um. Für 5 Pesos (20 Cent) lässt man sich hier die Haare schneiden. Viel interessanter finde ich allerdings die Menschentraube in einer Ecke. Hinter einer Wand aus Schaulustigen sind zwei Meister filigraner Handarbeit am Werke. Sie sitzen sich unter hellen Leuchtstoffröhren gegenüber und halten beide einen Lötkolben in der Hand. Der eine - von der größeren Menge Zuschauer umringt - ist dabei, ein altes Radio zu reparieren. Der zweite - und das finde ich viel interessanter - lötet gerade das Kabel von einem Paar Ohrstöpsel. Mit Ohrstöpseln meine ich diese ganz einfachen Kopfhörer zum Musik hören - Kategorie unter fünf Euro - in Europa. Hier scheint ein in meinen Augen so "minderwertiges" Produkt einen so hohen Wert zu haben, dass sich eine verhältnismäßig aufwändige Reparatur lohnt. Nicht falsch verstehen - ich bin ein großer Fan davon, alles nach Möglichkeit zu reparieren. Kürzlich wurde ich sogar mal schief angeguckt mit dem Spruch dazu: "Sylvia, du versuchst aber wirklich alles zu reparieren oder reparieren zu lassen, was geht!" - als wäre es etwas furchtbar verwerfliches. Ich wünschte, wir hätten "zuhause" mehr Leute, die so denken würden wie die Kubaner. Aber das scheint nur zu funktionieren, wenn man nicht die Wahl hat...

Nach der Schule eine Runde baden. Und danach geht's in den nassen Klamotten wieder zurück in die Stadt - bis zuhause sind die sowieso trocken (wir haben die Gruppe von Kindern eine Stunde später noch mal wiedergesehen...)

Blick auf den industriellen Teil der Stadt. Einen weißen Sandstrand findet man in Cienfuegos nicht.
(Aublick vom Dach des Palacio Ferrer)

Der erste Cocktail in Cuba: natürlich ein Mojito mit "Havana Club" und frischer Minze.

Gutes Essen für wenig Geld: Am Prado in Cienfuegos gibt es einige günstige Restaurants.

Eines der Gebäude, die eindeutig eine aufwändige Sanierung wert sind: der Palacio Ferrer.
Auf dem Gebäude gibt es einen grandiosen Aussichtsturm, der sich derzeit in Renovierung befindet.