Viel Schinken und das vielleicht eindrucksvollste Bauwerk der Welt
Der Knall von Feuerwerkskörpern, Taxihupen und wirre Stimmen von Menschen verschiedener Nationalitäten hallen durch die Nacht. Vor wenigen Minuten ist Portugal zum ersten Mal Europameister geworden. Die großen Fenster meines überdimensionalen Hotelzimmers liegen zur Carrer del Pintor Fortuny, einer schmalen Seitenstraße der berühmten "Ramblas". Obwohl die Spanier, in diesem Falle die Katalanen, relativ wenig Interesse an Fußball zu haben scheinen, ist heute die Hölle los in Barcelona. Kein Wunder, hier halten sich wahrscheinlich im Monat Juli deutlich mehr Touristen als Einheimische im Stadtzentrum auf.
Die letzten Reisen nach Barcelona gingen Montagsmorgens um halb fünf in Aachen los – da war an Urlaubsfeeling nicht zu denken. Heute habe ich etwas mehr Zeit vor dem ersten Termin und während mein sportlicher Kollege bei knappen 30°C eine Runde am Strand joggen geht, drehe ich vor dem Frühstück eine Runde durch die Markthallen des Mercat de la Boqueria. Die Fischstände werden gerade erst aufgebaut, aber es gibt reichlich andere Lebensmittel zu bestaunen. Besonders häufig wird frisches Obst in ganzen Früchten, klein geschnitten oder als Saft angeboten, außerdem Eier, Käse, Gewürze, Schokolade, Trockenfrüchte und Nüsse. Kleine Stände bieten frisch belegte Baguettes und Kaffee an. Aber das wichtigste habe ich noch nicht erwähnt: den iberischen Schinken, den es an jeder Ecke zu kaufen gibt.
Ein junger Mann spricht mich an: „Sorry, would you take a picture of me in front of the ham. I LOVE HAM!”. Über die Schinkenleidenschaft des Engländers muss ich schmunzeln und erfülle ihm seinen Wunsch. Das, wofür ich eigentlich hier bin – die Arbeit – geht heute erstaunlich schnell rum – dazu trägt die Klimaanlage wahrscheinlich einen entscheidenden Teil bei und natürlich die Aussicht auf ein spannendes Abendprogramm.
 |
| Wer weiß, ob die Krane der Sagrada Familia mittlerweile auch UNSCO-Weltkulturerbe sind. |
Mit 15 Jahren, also aus meiner Sicht vor einem halben Leben, habe ich eine Woche in Spanien und einen Tag in Barcelona verbracht. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich die Sagrada Familia von außen gesehen, drin war ich jedoch noch nie. Mein ausgedrucktes Ticket besagt, dass die 15,- Euro Eintrittsgeld den Aufbau des Bauwerkes unterstützen. Unter diesen Umständen fühlt es sich doch gleich viel besser an, Geld auszugeben. Eintrittsgelder sind in Barcelona wohl generell sehr hoch, bisher bin ich aber noch nicht dazu gekommen, das zu überprüfen (und das bei drei Reisen innerhalb eines Monats).
Ich erinnere mich, dass mich der gewaltige Bau Gaudís schon vor Jahren eher an eine schlammige Sandburg als an eine Kirche denken ließ. Wer konnte ahnen, dass sich im Inneren eine völlig andere Welt auftut. Eine helle, vielseitige, moderne Welt, von schillerndem durch die bunten Glasfenster gefiltertem Licht getränkt. Auch nach den ersten Minuten des Schauens und Staunens lässt sich in jede Richtung etwas Neues entdecken. Ich kann mich irgendwie nicht entscheiden, ob die blauen und grünen Glasmosaike an der Ostseite mir besser gefallen oder ob ich doch die gelb- orange- rote Westseite mit der durchscheinenden Abendsonne des neuen Weltwunders schöner finde. Spindeltreppen winden sich innen schier endlos die Fassade entlang. Das helle Gewölbe über mir ist mit einer Mischung aus Blumen, ungleichzackigen Sternen, Sonnen und Fächern übersäht. Viele Formen könnte ich wohl gar nicht korrekt geometrisch benennen, weil ich sie noch nie zuvor gesehen habe.
Ich muss gestehen, dass ich Kirchen in den letzten Jahren zunehmend gemieden habe. Wer hat nicht schon einen schwärmenden Reiseführer (in Person oder als Buch) erlebt, der dann am Ende doch nicht Recht behalten sollte. Wie oft wurde ein Bauwerk als faszinierend, beeindruckend und einzigartig angepriesen, ohne dass man es bei Betreten desselbigen nachvollziehen konnte? Heute geht es mir anders. Vermutlich konnten meine Erwartungen vom Inneren einer „Sandburg“ nur übertroffen werden.
Dass die Sagrada Familia eine über 100jährige Baustelle ist, kann man fast ausblenden. Außer einem nicht einsehbaren Bereich im unteren Bereich des Kirchenschiffs und ein paar Geräuschen der Arbeiter hätte mich nichts auf die Idee gebracht, dass man hier seit 1882 am werkeln ist.
0 Kommentare: