"Die Perle des Südens" - über eine Stadt, die ihren Beinamen verdient

13:29 Einsame Insel.de 0 Comments

Ich muss zugeben, dass ich mir häufig vor Antritt einer Reise die aktuelle UNESCO-Weltkulturerbe-Liste ansehe. Man kann zwar nicht behaupten, dass jede Stadt, jede Region, jedes Bauwerk, das auf dieser Liste steht, einschränkungslos mein Interesse weckt, aber die Liste gibt auf jeden Fall Anregungen, wo man einen kulturell interessanten Ort findet. Vermutlich habe ich auch bedingt durch mein Architekturstudium ein überdurchschnittliches Interesse an Bauwerken. Auf Reisen habe ich gerne eine ständige Abwechslung zwischen Stadt / Kultur und Natur. Nur Natur ist auch für eine Weile okay, aber nur Stadt wird auf Dauer anstrengend. In Kuba werden die Städte wohl ein wenig die Überhand gewinnen.

Man könnte mir nachsagen, dass ich ein Faible für Reflexionen und Spiegelungen habe.... *Lieblingsbild*

Cienfuegos ist also das erste angesteuerte Weltkulturerbe-Ziel. Der Reiseführer klingt ein bisschen zögerlich, was die Beschreibung der schönen Seiten der Stadt angeht. Um die südlich der Stadt gelegenen Bucht reihen sich ganze zwölf Zuckerfabriken und viele weitere industrielle Bauten auf. Kein Wunder, dass hier der größte Zuckerexporthafen der Welt liegt (wo auch sonst, wenn nicht in Kuba).
Da wir aber von Norden die Stadt erreichen, ist das erste, was wir beim Aussteigen aus dem Camione wahrnehmen, der Prado - Kubas längste Allee. Auffällig ist die Bauweise der Wohnhäuser, die hier auf einem langen Abschnitt am Prado alle mit Kolonnaden zur Straße hin ausgestattet sind. So ist es besonders in der Mittagshitze angenehm, unter den Schatten spendenden Dächern entlang zu schlendern.

Deutsche Autos am Parque Martí in Cienfuegos? Der Mercedes-Stern wird übrigens auch gerne verwendet...

Ich bin erstaunt, wie wenige Touristen uns hier begegnen. Für einen guten Dollar lassen wir bei einem Schuster (zapatero) Tobis Rucksack reparieren, der auf dem Hinflug in Mitleidenschaft gezogen wurde (übrigens: großer Vorteil des Reisens mit Handgepäck ist auch, dass der Rucksack kaum beim Transport beschädigt werden kann). Die Suche nach einem fähigen Handwerker erweist sich zunächst als schwierig, da wir mehrfach zu hören bekommen "no hay máqina". Es gibt keine Nähmaschine - von Hand lässt sich der Rucksackgurt nur schwer reparieren. Der erste Schuster, zu dem wir geschickt werden, habe seinen Laden in dem Gebäude mit den beiden Löwen, wird uns im Casa erklärt. Oberhalb einer großen Treppe entdecken wir schließlich zwei Löwenstatuen vor einem schwer baufälligen Gebäude. Vor lauter Holzgerüsten hätten wir sie fast übersehen. Wir treten durch eine doppelflüglige Tür und blicken in einen riesigen leeren Saal. Nein, nicht ganz leer: In einer Ecke hockt ein alter Mann vor einem niedrigen Tisch und werkelt an einem Schuh. Auf dem Boden stehen noch wenige weitere Paare.

Die andere Seite der "Perle": Blick auf das Zentrum von Cienfuegos von Süden.

Ein paar Straßen weiter finden wir schließlich das große Eckgebäude, das uns zuvor beschrieben wurde. Während Tobi bei den Schuhmachern mit ihren zwei uralten "Nähmaschinen" auf seinen Rucksack wartet, schaue ich mich in der Halle um. Für 5 Pesos (20 Cent) lässt man sich hier die Haare schneiden. Viel interessanter finde ich allerdings die Menschentraube in einer Ecke. Hinter einer Wand aus Schaulustigen sind zwei Meister filigraner Handarbeit am Werke. Sie sitzen sich unter hellen Leuchtstoffröhren gegenüber und halten beide einen Lötkolben in der Hand. Der eine - von der größeren Menge Zuschauer umringt - ist dabei, ein altes Radio zu reparieren. Der zweite - und das finde ich viel interessanter - lötet gerade das Kabel von einem Paar Ohrstöpsel. Mit Ohrstöpseln meine ich diese ganz einfachen Kopfhörer zum Musik hören - Kategorie unter fünf Euro - in Europa. Hier scheint ein in meinen Augen so "minderwertiges" Produkt einen so hohen Wert zu haben, dass sich eine verhältnismäßig aufwändige Reparatur lohnt. Nicht falsch verstehen - ich bin ein großer Fan davon, alles nach Möglichkeit zu reparieren. Kürzlich wurde ich sogar mal schief angeguckt mit dem Spruch dazu: "Sylvia, du versuchst aber wirklich alles zu reparieren oder reparieren zu lassen, was geht!" - als wäre es etwas furchtbar verwerfliches. Ich wünschte, wir hätten "zuhause" mehr Leute, die so denken würden wie die Kubaner. Aber das scheint nur zu funktionieren, wenn man nicht die Wahl hat...

Nach der Schule eine Runde baden. Und danach geht's in den nassen Klamotten wieder zurück in die Stadt - bis zuhause sind die sowieso trocken (wir haben die Gruppe von Kindern eine Stunde später noch mal wiedergesehen...)

Blick auf den industriellen Teil der Stadt. Einen weißen Sandstrand findet man in Cienfuegos nicht.
(Aublick vom Dach des Palacio Ferrer)

Der erste Cocktail in Cuba: natürlich ein Mojito mit "Havana Club" und frischer Minze.

Gutes Essen für wenig Geld: Am Prado in Cienfuegos gibt es einige günstige Restaurants.

Eines der Gebäude, die eindeutig eine aufwändige Sanierung wert sind: der Palacio Ferrer.
Auf dem Gebäude gibt es einen grandiosen Aussichtsturm, der sich derzeit in Renovierung befindet.




You Might Also Like

0 Kommentare: