Von vermeintlichen Attentätern und übermotiverten Piloten

12:32 Einsame Insel.de 1 Comments

Ich habe noch nie so einen gelangweilten Kapitän gehört. Immerhin teilt es uns die spannende Information mit, dass er eine Abflugmasse von rund 64,5 Tonnen bei einer Startgeschwindigkeit von etwa 280km/h in die Luft bewegen wird. Vielleicht. Irgendwann heute Abend – wenn wir Glück haben.

Gewitter, die durch eine geschlossene Wolkendecke stoßen (Handyfoto von Juni 2016)
Viele Gewitter in Deutschland und ein verspäteter Abflug unserer Maschine in Köln war die Begründung, die unser Pilot uns um kurz vor neun für eine gute halbe Stunde Verspätung nannte. Vielleicht war es auch eine Dreiviertelstunde. Ich sitze noch immer in dem gleichen A320, der um viertel nach Acht den Flughafen Barcelona hätte verlassen sollen. Mittlerweile ist es zehn Uhr abends, den Boden haben wir noch nicht verlassen. Die Rollwege sind hier lang, das weiß ich noch vom letzten Flug. Wir haben uns allerdings noch nicht besonders weit von unserem Gate entfernt. Vor einer knappen Stunde hieß es dann „Parking Position“. Die Triebwerke gehen aus, das Licht geht aus und sofort wieder an. Zwei von den kleinen gelben Flitzern mit orangenen Blinklichtern heizen an unserer Maschine vorbei und fahren plötzlich in einen engen Kreis, bleiben stehen. Da sind nur noch die orangenen Lichter. Niemand steigt aus. Kurze Zeit später, das erste Fahrzeug mit der Aufschrift „Guardia Civil“. Blaulicht. In einer Durchsage heißt es, dass ein Computer neu gestartet werden müsse wegen einer ungewöhnlichen Anzeige. Der Abflug würde sich verzögern. Ein zweites Fahrzeug der Guardia Civil. Noch mehr Blaulicht. Mein Kollege hat mir mittlerweile seine Beobachtungen berichtet: zwei Personen sind nach vorne gegangen, danach hat sich der Vorhang hinter dem Cockpit geschlossen, die beiden Personen haben neue Sitzplätze zugewiesen bekommen. Kurze Zeit später stehen zwei Männer in dunkelgrünen Overalls drei Reihen vor uns. Der gleiche Aufdruck wie auf den blau erleuchteten Fahrzeugen.

Anflug auf Barcelona (Handyfoto von Juni 2016)
Nach etwas Hin und Her ist das richtige Gepäckstück gefunden – ein kleiner roter Rollkoffer. Der große dunkelhäutige Mann in seiner schwarzen Jacke, aus der seitlich Kopfhörer herauspurzeln, wird von den beiden Herren der Guardia Civil aus unserem Sichtbereich eskortiert. Ja, genau, einer von denen, die ganz schnell in einer Schublade verschwinden und da nie wieder rauskommen. Man hört förmlich die Gedanken einiger Passagiere, die mit verächtlichen Blicken dem Dreiergespann hinterher sehen. Vom Boardpersonal wird mit leicht angespannter Stimme und etwas verärgert nachgefragt, wer Fotos von der Aktion gemacht habe – natürlich meldet sich niemand.
Drei Minuten später fange ich fast an zu lachen, als derselbe hochgebaute Mann mit Kopfhörern und seinem roten Köfferchen wieder zu seinem Platz geht und sein Gepäck verstaut. Seine ehemaligen Sitznachbarn sind weit und breit nicht mehr zu sehen. Mittlerweile hat sich neben die diversen Fahrzeuge um das Flugzeug herum auch ein Bus gesellt – ich hatte schon befürchtet, dass wir die Maschine verlassen müssen um eine Nacht in einem Flughafenhotel zu verbringen.
„Wir sind jetzt so weit, dass wir unseren Flug nach Köln antreten können.“ Man müsse allen Hinweisen und „Fragen“ nachgehen, die in diesem Falle aus der Kabine kamen. Der Zusatz „Das Flugzeug ist in perfektem Zustand.“ darf natürlich auch nicht fehlen. „There is nothing to worry about“ sagt der nun nicht mehr ganz so gelangweilt klingende Pilot auf Englisch. Nach einer gefühlten Ewigkeit auf den diversen Rollwegen erreichen wir schließlich die 07L und starten um 22:46 mit einer Verspätung, die unsere Flugdauer übersteigt. (Natürlich kein Vergleich zu der Eurowings-Aktion in Kuba im Januar.)

Mittlerweile ist Mittwoch, und ich freue mich, dass der Pilot offenbar Spaß an seinem Job und vor allen Dingen an Durchsagen hat. Neben der genauen Routenbeschreibung mag ich besonders die folgenden Erläuterungen:

„Wir legen eine Flugstrecke von 1380km zurück und verbrauchen 4300kg Kerosin – das ist so etwas wie Diesel-Treibstoff!“
„Wir haben hier eine Druckkabine, die etwa dem Luftdruck entspricht, als würde man sich auf einem 2000m hohen Berg befinden.“
Natürlich wurde uns gerade auch noch einmal vorgerechnet, mit welcher Masse wir landen werden, wir haben ja schließlich ein bisschen Kerosin verbraucht. Ja, der Herr Pilot hat heute seine Hausaufgaben gemacht. Eins mit Sternchen!


Übrigens, wenn ihr mal im Sommer in Spanien seid eine Getränkeempfehlung:
Tinto de verano (Rotwein des Sommers) ist eine Mischung aus Rotwein
und einer Art Zitronenlimo (wenig süß) - mit Eiswürfeln sehr zu empfehlen!


You Might Also Like

1 Kommentar:

  1. Du solltest mal darüber nachdenken eine Sammlung von Kurzgeschichten von Deinem Blog zu veröffentlichen :-)

    AntwortenLöschen