Regenkonzert, Regenflug und der Abschluss einer langen Reise

05:07 Einsame Insel.de 6 Comments

Auf meiner "großen" Reise habe ich mir oft darüber Gedanken gemacht, wie meine Wahrnehmung für Distanzen variiert, besonders im Zusammenhang mit der Dauer, die man benötigt, um eine gewisse Entfernung zurückzulegen. So war es vollkommen selbstverständlich, dass ich in Argentinien mal eben mit dem Bus zu den Wasserfällen von Iguazu fahren würde - und von dort dann nach Buenos Aires - 20 Stunden Fahrt am Stück sind ja kein Problem. Auf genau dieser Busfahrt habe ich darüber nachgedacht, wie oft ich in Deutschland vor ein- oder zweistündigen Fahrten "zurückgeschreckt" bin. Meine Brüder in Aachen bzw. Bonn zu besuchen war eher eine Seltenheit - obwohl beide Städte ohne großen zeitlichen Aufwand von Haan zu erreichen sind. Man gewöhnt sich an, die Anreisezeit in Relation zur Aufenthaltsdauer zu sehen, sodass beispielsweise ein zweistündiger Aufenthalt noch lange keine einstündige Anreise rechtfertigt. So ein Blödsinn eigentlich. Wenn ich Lust habe, jemanden zu besuchen, werde ich es in Zukunft auch einfach tun - so in der Art habe ich mir das zumindest unterwegs am anderen Ende der Erde immer wieder vorgenommen.

Und da soll noch mal jemand sagen, der Regen würde stören! Er macht das Ganze erst außergewöhnlich :)

Gelber Regen, weißer Regen... ob das gesund ist?

Die Kombination aus einer schönen Stadt, ein paar guten Freunden und dem Konzert einer Band, die ich mir schon seit langem mal gerne live anhören wollte waren also Grund genug, für drei Tage nach Hamburg zu fahren. Wer hätte schon mit einer achtstündigen Anfahrt rechnen können (trotz kleinen Umwegs über Oldenburg finde ich das ein bisschen sehr lang...).

Da haben wir ja was vor uns....


Gewappnet für die nächsten vier Stunden...

Flugzeug in Boberg abgestellt, zurück in die Stadt zu Dagmar und Olaf. Stolz präsentiert Daggi ihre neue Regenjacke, die sie sich aufgrund der Wettervorhersage für heute Abend zugelegt hat. Auch Jana hat Gummistiefel besorgt, während ich nicht mal eine Kapuze an meiner Jacke habe - das kann ja heiter werden. Ich bin etwas unschlüssig, was ich von einem OpenAir-Konzert im August bei Novemberwetter halten soll. Aber hilft ja nix....
Das ist wieder mal so ein Wochenende, an dem ich nur denke: "Segelfliegen verbindet...". Wir sind zu neunt, acht davon Segelflieger. Wen man vorher noch nicht kannte, lernt man kennen. Und wenn nicht heute, dann spätestens morgen auf dem Flugplatz. Kurz nach sieben, die Vorband "Sam" spielt, noch ist es trocken.... aber sobald Fettes Brot die Bühne betritt, ist an Sonnenschein nicht mehr zu denken. Die drei Jungs sind ganz schön alt geworden und die Texte werden eigentlich immer alberner. Ich sag nur "Wir werden jede Party rocken, mit 'nem Herzen dabei wie Artischocken!".
Klar, das Konzert macht Spaß, besonders die Textsicherheit von Peer, Heiko und Jana ist beeindruckend, aber was ganz besonders zu der Stimmung beiträgt, man glaubt es kaum, ist der Regen. Die dicken Scheinwerfer der Bühne des "Hamburger Kultursommers" tanzen weiß, orange und gelb durch die Dunkelheit. Die angestrahlten Bindfäden, die das Licht besser reflektieren als jedes Produkt einer Nebenmaschine, leuchten bunt und man vergisst ganz schnell, dass die Nässe schon bis auf die Unterwäsche durch die Kleidung gezogen ist. Einige Solosänger, darunter Bela B. sorgen für ein paar  Überraschungsmomente, es fliegen Ballons und Teddybären durch die Gegend und man könnte zwischenzeitlich meinen, man hätte sich auf einen Kindergeburtstag verirrt. Einen tollen Geburtstag natürlich.

Schön Störtebecker wusste, dass der Norden rockt
und hat mit seinem Kahn hier gleich angedockt!

Hamburg und Regen? Ja, irgendwie habe ich das bei meinen bisherigen fünf oder sechs besuchen nie anders erlebt. Samstag rüsten wir dennoch die beiden Libellen auf - Heiko fliegt heute mal die FG, Daggi bleibt am Boden. Das Hamburger Wetter ist für mich eher ungewöhnlich, für die anderen vollkommen normal. Fast dreißig Stundenkilometer Wind fegen über den Platz und die ersten Schauer sind in der Ferne zu erahnen. Eine Stunde hält es mich in der Luft - vor, hinter und mitten in Schauern. Ich stelle fest, dass ich mich hier wie "zuhause" in Leverkusen fühle: Luftraumeinschränkungen ohne Ende, ein Fluss, ein bisschen Industrie, Siedlungen und dahinter die Großstadt mit ihren Kirchtürmen und dem großen Flughafen.
Was ich sonst allerdings noch nirgendwo gesehen habe: einen Regenbogen aus der Vogelperspektive. Mal was neues... und eine Anblick, der die lange Fahrt mit Hänger rechtfertigt - obwohl wir am Folgetag nicht mehr in die Luft kommen würden.

Regenbogen unter der Fläche

Das übliche Fliegergequatsche (sehr amüsant, dass Spitznamen ortsabhängig variieren und Löffel hier Bergo heißt), Grillfete, Bierchen trinken, Lagerfeuer, neue und alte Geschichten - eigentlich ist alles genau so, wie es sein muss. Wenn ich mal groß bin und in den Norden ziehe, weiß ich auf jeden Fall schon, an welchem Flugplatz ich fliegen möchte :)

Ja, genau da, wo der Schauer steht, befindet sich der Flugplatz Boberg. Und mein Autofenster ist noch offen...

Jetzt weiß ich auch mal, wie sich eine nasse Libelle fliegt...

Der Schauer ist durch, die Luft ist hier gerade tot. Gleich geht's wieder zur Landung.


"Waschküche" nennt Daggi das Wolkenspiel am Sonntagvormittag. Eine Minute später zieht der erste Schauer über uns hinweg. Milchkaffee und Franzbrötchen in der Hafencity - und Schauer Nummer zwei kommt runter, bevor die Sonne wieder für eine Stunde durchkommt. Hamburg eben. Irgendwie gehört das ja dazu und wer "nordisch by nature" ist, hat sich bestimmt auch schon daran gewöhnt.

Segelfliegerstillleben

Die Hamburger sind stolz auf ihre Stadt!
Ich habe noch nie ein Flugzeug mit einem NRW-Wappen auf dem Seitenruder gesehen...
Geführte Touristentour am Hamburger Hafen


Ich hänge die 701 wieder ans Auto, stelle mich auf die A1 in den Stau - das gehört offenbar auch zu Hamburg - und freue mich auf den nächsten Kurzurlaub im Norden. Oder auf ein paar Hamburger im Rheinland, oder in Aachen (herzliche Einladung!). Und nun heißt es erstmal: Arbeitsleben, du hast mich zurück! Es war ein tolles Jahr ohne dich, aber so langsam fange ich an, dich zu vermissen!

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6 Kommentare:

  1. ...ich habe Gänsehaut! Gänsehaut vom Lesen! Die Bilder vom verregneten Konzert gefallen mir sehr gut - und endlich habe ich DAS Regenbogenbild gesehen!
    Danke für diesen schönen Text - die Stunde, um Dich in Aachen besuchen zu bekommen empfinde ich auch für'n Klacks!

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  2. Ohje, das wird ganz schön viel zu lesen sein, wenn du nach JEDEM Arbeitstag einen Blogeintrag verfassen musst. Oder doch nur nach jedem Baustellenbesuch?!

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    1. Möchtest du etwa kritisieren, dass ich so einen Wochenendausflug als Anlass fuer einen Blogeintrag nehme? Ich fand's jedenfalls berichtenswert...
      ...zum Glueck MUSS ich ja nichts verfassen und niemand MUSS es lesen :-D

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  3. Ich finde Aachen hast du super ausgesucht ;) Genau in der Mitte zwischen Haan und Koblenz. Nur damit du schon vorgewarnt bist und weisst wo wir uns dann treffen ;))

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