Myanmar Tag 2 - Begegnungen in Yangon

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[Wie die Reise begann - Tag 1]
 Ich versuche, ein Ticket für die Bahnfahrt nach Bago zu bekommen. So richtig möchte mich niemand verstehen, ich werde von einem Ticketschalter zum nächsten geschickt und wieder zurück und noch einmal woandershin. Es heißt, heute fahre kein Zug mehr nach Bago. Also morgen. Ein achtzehnjähriges Mädchen spricht mich an. Offenbar gibt es doch noch einen Zug, einen ‚lokalen‘, sehr langsamen Zug, den ich nicht nehmen solle. Weitere Versuche, an ein Ticket zu kommen, bleiben erfolglos. Die Birmesin, deren Name ich mir nicht merken geschweige denn ihn aufschreiben kann, wird immer anhänglicher. Nicht unangenehm – aber sie nimmt sich viel Zeit um mir bei der Ticketsuche behilflich zu sein und nutzt die Gelegenheit „Englisch“ zu sprechen. Da ich mit Jade verabredet bin (der Chinesin, die ich am ersten Tag kennengelernt habe), muss ich mich verabschieden. Meine neue (sich selbst als solche ernannte) „Schwester“ drückt meine Hand fest und hält meinen Arm. Sie zupft an meinem T-Shirt und gibt mir zu verstehen, dass sie es gerne haben möchte. Ich hänge nicht so sehr an meinem orangenen Kleidungsstück aus Deutschland, habe aber auch nichts anderes bei mir. Sie deutet auf meinen Rucksack, in dem sich allerdings nur Kamera, Wasser und Reiseführer befinden. Somit muss ich ihre Bitte ausschlagen.

In Myanmar hilft jeder wo er kann - oder versucht es zumindest...

Jade wartet vor ihrer neuen, günstigeren Unterkunft, in der ich nun wohl auch noch eine Nacht verbringen werde mangels Bahnticket. Ich möchte für die rund 80km Strecke auch keinen Bus nehmen, da sich die Strecke sich durch ihre geringe Länge zum besonders langsamen Bahnfahren eignet. Längere Strecken, die schon mit dem Bus mehr als einen Tag dauern, möchte ich nicht unbedingt mit der noch langsameren Bahn zurücklegen.
Jade hat einen Birmesen chinesischer Abstammung auf der Straße kennengelernt. Eigentlich hat eher er sie kennengelernt – jedenfalls bekomme ich auch eine Visitenkarte zur Begrüßung zugesteckt. Vielmehr handelt es sich um eine Kopie – möglicherweise seiner letzten einst hochwertiger gedruckten Karten. „Uncle Lee“ möchte uns seine Stadt zeigen – insbesondere Chinatown, wo er selbstverständlich lebt. Wir verzehren jeder eine saftige Mango und dann geht’s los Richtung Westen. Jade möchte einen Regenschirm kaufen. Nach langer Auswahl des gewünschten Musters und Aushandeln des Preises stellt sich heraus, dass der Preis nur für den textilen Teil des Schirms gilt – das eigentliche faltbare Gerüst muss erst noch zusammengebaut werden.
Das Werkzeug eines Schirmemachers in Yangon
Neben Schirmmachern kann man hier so einige Handwerker entdecken, deren „Überleben“ bei uns nicht denkbar ist. Frauen nähen maßgeschneiderte BHs, Stempel werden für den alltäglichen Bedarf „geschnitzt“ und undefiniertbare Köstlichkeiten zum direkten Verzehr zubereitet. Wir bekommen einen chinesischen „Tempel“ im vierten Stock eines normalen innerstädtischen Mehrfamilienhauses zu sehen: Ein großer, eingestaubter Raum mit einem tollen Ausblick über die Stadt. Ein kleiner Junge hat offenbar große Angst vor mir. Er fängt an zu weinen, als ich ihm zu nahe komme – sein Vater findet die Situation offenbar äußerst amüsant und provoziert den Kleinen immer wieder durch ein paar Schritte in meine Richtung.

Dieser kleine chinesische Bewohner Yangons hat offenbar ein bisschen Angst vor mir.
 Uncle Lee bringt stolz seine einfache Kleinbildkamera zum Vorschein und schießt ein paar Fotos von und mit uns. Der Film ist wahrscheinlich schon eine halbe Ewigkeit eingelegt und wird nur bei besonderen Gelegenheiten „weitergedreht“.
'Uncle Lee' mit seiner Kamera
 Lee zeigt uns die Wohnung seines Bruders, in der – wie sich später herausstellt – auch er und die Mutter der beiden wohnen. Es riecht ausgesprochen unangenehm in der Wohnung, überall liegen alte Zeitungen und Müll herum. Trotzdem ist nicht zu übersehen, dass unser chinesischer Freund stolz auf dieses Zuhause ist. Wir machen uns auf den Weg zu einem kleinen Bahnhof. Lee kauft für alle Bahntickets zum „local price“ von 20 kyat (statt einem Preis von einem Dollar für Touristen). Er betont, dass wir unsere Dollars „nicht an die Regierung verschwenden“ sollen. Jedoch akzeptiert das Bahnpersonal unsere „Spielchen“ nicht und wir dürfen nicht bleiben. Also laufen wir zum nächsten Bahnhof und zeigen uns nicht zusammen, sondern tun so, als würden wir uns nicht kennen.

Warten auf den Zug, der einmal rund um die Stadt fährt
Der Plan geht auf und wir sitzen für mehrere Stunden im Zug – bis zum Flughafen und wieder zurück. Auf dem Rückweg wird es schon dunkel. Während der Fahrt komme ich mir vor wie in einem „living history museum“. Auch Abendessen sollen wir noch mit Lee. Von einem kleinen Telefontischchen auf der Straße aus ruft er seinen Bruder an. Ich habe schon die Befürchtung, dass wir in die stinkende Wohnung zurück „müssen“, aber sicher bin ich nicht. Und so eine Einladung ausschlagen wäre vor allen Dingen eins – unhöflich. Auf dem Weg zurück nach Chinatown kauft Lee mehr ein, als wir an einem ganzen Tag essen könnten. Gurken, undefinierbares Grünzeug, kiloweise Äpfel und ganz zum Schluss eine Tüte Fischköpfe. Er versichert sich immer wieder, dass wir Gemüse und Nudeln mögen – Ich hoffe noch das das glibberige Zeug in der einen Tüte für morgen ist. Aber sehr wahrscheinlich ist das mangels Kühlschrank in vielen Haushalten eher nicht.

Jade hat offenbar kein Problem mit Fischkopfsuppe
 Meine Befürchtung bewahrheitet sich – zurück in die miefende Wohnung. Die Küche übertrifft meine „Erwartungen“ bei weitem: Ich male mir aus, dass ich in den nächsten Tage nicht vom Klo komme, wenn ich etwas zu mir nehme, das in dieser Küche zubereitet wurde. Nun ja, ich muss ja nichts essen, aber gemeinsam Kochen wird meinem Magen wohl nicht schaden – der ist schließlich nicht sonderlich empfindlich. Wir zupfen die undefinierbaren grünen Blätter von den Stengeln, ich schneide die Gurke mit meinem Taschenmesser in Stücke, da sich in Lees Küche kein scharfes Messer finden lässt. Lee muss nochmal los: Nudeln kaufen. Er kommt zurück um kurz darauf noch ein weiteres Mal zu verschwinden. Diesmal kommt er mit Bananen zurück. Und Sojasprossen. Ich entdecke derweil in der Küche eine Mausefalle und einen größeren schwarzen Schatten, der in den Nebenraum huscht. Kakerlaken sind ebenfalls WG-Mitbewohner, genau wie die steinalte Mutter von Lee und seinem Bruder, die irgendwann wortlos mit grimmiger Miene die Wohnung betritt und sich wortlos vor dem kleinen Fernseher niederlässt. Die Stimmen von Superman sind so verzerrt, dass ich mir kaum sicher bin, ob hier Englisch gesprochen wird – aber ich glaube ein paar Wörter der mir durchaus bekannten Sprache erahnen zu können. Im Birmanischen würde ich wohl kein einziges Wort erkennen. Nach einem kleinen unvermeidbaren Nickerchen im Sitzen wird mir ein Bett angeboten und die Einladung auch sonst jederzeit als Gast willkommen zu sein. Immerhin ist meine Müdigkeit nun eine Glaubhafte Ausrede, nicht mehr groß Hunger zu haben sondern so schnell wie möglich zurück ins Gästehaus in mein Bett kommen zu wollen. Meine Befürchtungen hinsichtlich des Essens haben sich bestätigt (ich muss dazu sagen dass ich vor meinem Myanmar-Aufenthalt keinerlei Fisch gegessen habe): Die Fischköpfe sind zusammen mit dem Gemüse in einer Suppe gelandet, dazu gibt es die gekochten Reisnudeln. Spontan entscheide ich, Vegetarier zu sein und lehne die Suppe dankend ab. Immer wieder versucht man mir, Fischbrühe über die Nudeln zu geben, aber bei stellt sich schon durch den Geruch ein stärker werdender Würgereiz ein. Nach dem Essen (in meinem Fall vielleicht eher Essen simulieren) werden wir von Lees Bruder begleitet, damit wir wohlbehütet unser Gästehaus erreichen. Mitten in der Nacht auf Yangons Straßen muss man zwei junge Touristinnen natürlich beschützen – besonders die blonde, offensichtlich Fremde. Den ganzen Tag ist Jade und mir schon aufgefallen, dass die Birmesen nur mich als Touristin wahrnehmen – besonders seit die Chinesin im Zug einen birmesischen Hut geschenkt bekommen hat und ihn seitdem trägt. 
 

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