Wenn ich so über ein Semester in Penang nachdenke...
Heute mal ein ganz trockener Beitrag: nur Text, nicht ein einziges Foto. Keine Berichte von Sandstränden mit türkisblauem Wasser, von Sonnenschein oder dem guten südostasiatischen Essen.So ein Auslandssemester hat eben auch seine Kehrseiten und gerade hatte ich den Gedanken, dass man auch mal aus so einem "Tief" heraus berichten muss.
Manchmal kommen einfach viele Dinge zusammen. Mein derzeitiges Projekt ist mitlerweile zu einem vierzigstöckigen Gebäude herangewachsen. Fünf Etagen Einkaufszentrum, darüber ein Turm, der Büroflächen, Wohnungen und ein Viersternehotel beherbergt. Derzeit komme ich auf 14 (in Worten vierzehn) A1-Pläne. Und damit ist die Aufgabe noch nicht einmal hundertprozentig abgedeckt. Ich habe schon angefangen Abstriche zu machen. Ursprünglich sollte am Freitag, den 01. April die Abgabe sein. Zwei Tage vorher wurde sie um drei Tage, heißt auf Montag verschoben. Zunächst war ich nicht übermäßig begeistert - schließlich würde sich so auch die Prüfung auf Donnerstag verschieben - an diesem Tag habe ich allerdings noch eine letzte Vorlesung. Einige Stunden sah ich die ganze Geschichte vollkommen anders: Mein Laptopbildschirm hat durch "Fall" aus zwanzig Zentimetern Höhe (aus, zusammengeklappt auf Teppichboden) einen Knacks bekommen und erfüllt nunmehr seinen Zweck nicht mehr. Meine letzte Sicherung war maximal zwei Tage alt, Datenverlust war an sich nicht das größte Problem. Man muss erwähnen, dass Aachener Architekturstudenten (zumindest die an der Fachhochschule) ein eher wenig verbreitetes CAD-Programm beigebracht wird - faule Menschen wie ich haben es bis heute noch nicht geschafft, zu AutoCAD zu wechseln. Soll heißen, ich würde in Malaysia wahrscheinlich niemanden finden, der mir mit einem Ersatz-PC inklusive meiner Software stellen könnte, mit dem ich in der Lage wäre, meine Dateien zu öffnen. Da hilft das aktuellste Backup nichts...
Erleichterung: die Platte ist in Ordnung, die Grafikkarte macht ebenfalls den Eindruck, als sei sie noch zu gebrauchen... es dauert knapp 48 Stunden bis ich einen externen Monitor geliehen bekomme - über zwei Ecken. Dazu muss ich sagen: danke Facebook! Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie ich ohne jegliche "social networks" viele Menschen in kürzester Zeit erreichen soll... ohne größere Kosten zu verursachen.
Jedenfalls komme ich meiner Projektabgabe wieder ein Stück näher: das System läuft und ich kann mich wieder meinen unzähligen Grundriss-Korrekturen, Perspektiven und dem Energiekonzept hingeben. Green Concept? Schon des Öfteren habe ich feststellen müssen, dass die Vorstellungen von einem "green building" hier weit auseinander gehen. Ich hatte glaube ich bereits erwähnt, dass man mich schräg anguckte als ich von Gebäudeisolierung sprach: "Nein, wir heizen ja nicht - in Malaysia werden Gebäude nicht gedämmt!". Vielleicht wäre es mal an der Zeit, damit anzufangen? Wir sprechen hier immerhin von einem delta T von über 10K (Außentemperatur in der Regel größer 30°C, Raumtemperatur etwa 20°C, auch wenn die Raumtemperatur hierzulande eigentlich mit 25 Grad angegeben wird).
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| Campus der Universiti Sains Malaysia |
Meine Motivation zu einer detaillierten Auseinandersetzung mit der Gebäudetechnik und den resourcensparenden Maßnamen hält sich demnach in Grenzen. Ich habe momentan überhaupt keine Lust das Thema mit gewohntem Aufwand aus- oder aufzuarbeiten - wenn ich im Nachhinein sowieso auf "Desinteresse" stoße - oder wie man diese Einstellung auch immer bezeichnen mag.
Freitag sollte meine Motivation noch weiter sinken: ich bekam eine Nachricht von der einzigen Person meines Tourism Planning Kurses, die meine Kontaktdaten hat (mein Glück, dass ich ihr vor zwei Wochen Vorlesungsunterlagen geschickt habe). Es gäbe ein weiteres assignment, Abgabe sei Donnerstag (moment Mal, gab es da nicht schon gewisse Verpflichtungen an diesem Tag...). Wie ist das denn nun möglich? Der Kurs war bereits letzte Woche abgeschlossen, ich habe fünfzehn Seiten über eine "potential tourism destination" in Penang und einen unangekündigten Test geschrieben. Wie gut, dass man hier so gut planen kann und immer weiß, was einen erwartet. Also nun noch einmal 2500 Wörter über "sustainable tourism". Die Aufgabenstellung macht nicht dein Eindruck, als sei sie besonders gut durchdacht. Ich bekomme nebenbei die Info, dass eine Studentin, die letztes Jahr bestanden habe der Meinung sei, dass es nur auf "viel Text" ankommt. Das Thema sei ja sowieso einfach, und es käme nicht so genau darauf an, was man schreibe - hauptsache viel. Ach so ist das. Quantität vor Qualität. Vielleicht sollte ich mit meinem Energiekonzept genauso verfahren: viele Fotos und Grafiken der erstbesten Ergebnisse der google Bildersuche, möglichst verpixelt und ohne Quellenangabe. Und wenn der Inhalt nicht hundertprozentig auf mein Gebäude anwendbar ist, macht das eigentlich auch nichts. Es kommt ja auf die Masse an...
Das mag vielleicht alles etwas übertrieben klingen, aber es entspricht schon meinem derzeitigen Eindruck. Man kann erahnen, dass ich gerade überhaupt nicht die Zeit habe, seitenlange Blog-Texte zu schreiben oder mich über die Uni aufzuregen. Aber vielleicht hilft es ja, später (es ist schon fast Mitternacht) mit etwas mehr "Motivation" weiterzuarbeiten. Montag werden Pläne gehängt, bis Donnerstag habe ich dann Zeit für meinen "design report" - von dem ich bisher nicht weiß, was er beinhaltet. Aussagen meiner Kommilitonen widersprechen sich (von Raumgrößen auflisten bis Bodenbeläge rendern). Was auch immer dieser design report nun ist, er bekommt nur meine halbe Aufmerksamkeit gewidmet - es gibt ja noch ein paar Wörter zu schreiben - und zwar möglichst viele! Ich habe festgestellt, es gibt zu einigen der gefragten Themen hervorragende Wikipediaartikel - warum nicht diese lesen und danach einen Multiple-choice-Test mit zig oder hunderten von Fragen schreiben - das würde ins Bild passen (und im übrigen auch zu den Erfahrungen, die hier einige gemachte haben)?
Hatte ich erwähnt, dass die USM Penang kürzlich zur besten Universität des Landes ernannt wurde ( Webometrics Ranking of World Universities)? Das kommentiere ich nicht weiter.
Eine Vorlesungserfahrung möchte ich noch kurz erzählen: In "Social Aspects in Planning" gab es bereits eine erste Klausur, die nicht unerheblichen Anteil an der Gesamtnote hat. Meine Vorbereitung hat sich in Grenzen gehalten, da "objektive" und einfache Fragen versprochen worden waren und ich alle Vorlesungen besucht hatte. Klausurzeit war abends um acht, Bearbeitungszeit zwei Stunden. Beim ersten Durchlesen wurde ich nervös. Wie ist das jetzt genau gemeint? Macht diese Frage überhaupt Sinn? Ist mein Englisch wirklich so katastrophal? Ein paar Wörter frage ich nach, ich beruige mich wieder ein wenig. Bei einem Drittel der Fragen ist mir nicht klar, worauf der Professor abzielt. Ich versuche es einfach, schwafel ein bisschen, definiere Begriffe aus der Frage, formuliere die Aussage ein bisschen um und schreibe auf, was mir dazu einfällt. Ohne zu wissen, was überhaupt die Frage ist. Eigentlich ein undenkbares Vorgehen bei einer Klausur (Sei es in Schule, Uni oder sonstwo). Das Thema Nachhaltigkeit passt eigentlich immer und da kann man schon ein bisschen was zu sagen... am Ende gebe ich als letzte ab (von über zwanzig Leuten) und schiebe das auf mein langes Überlegen bezüglich diverser englischsprachiger Ausdrücke. Es ergibt sich die Gelegenheit, den Prof noch einmal zu fragen, welche Antworten er suchte. Ich reagiere mit einem "ah, okay, ich habe das eher in Richtung xy aufgefasst!". Obwohl beides nicht wirklich zusammenpasste kam so eine typische malayische Antwort wie "also can!" (das ist hier ein vollwertiger Satz). Gut, schaun wir mal was draus wird. Jetzt weiß ich, dass das Verständnis der Fragen, das Englisch oder das ungeplante "Geschwafel" von mir offenbar besser war als das aller anderen Studenten (nun wird es unglaubwürdig, dass ein "A" eigentlich nicht mein Ziel war).
Ich muss zugeben, dass mich dieses kleine Erfolgserlebnis ein wenig motiviert, jedoch habe ich irgendwie das Gefühl, gar keine große Leistung erbracht zu haben. "Zuhause" hätte ich unklare Fragestellungen wohl eher unbeantwortet belassen bevor ich mich um Kopf und Kragen rede.
Ja, so läuft das hier in Malaysia. Man lernt die deutsche Erziehung sehr zu schätzen. Oder muss ich sagen, ich bin einfach nur verwöhnt und sollte mich hier zufrieden geben mit dem, was ich bekomme? Ich muss leider sagen: ein Semester reicht mir! Was absolut nicht bedeutet, dass ich keine wertvollen Erfahrungen mache. Beispielsweise im Thema Kommunikation zwischen verschiedenen Kulturen. Aber das ist wieder eine längere Geschichte, die mindestens einen weiteren Abend füllen würde.
Für heute habe ich genug getippt, ich würde mich über Kommentare freuen. Gibt's in anderen Ländern bessere Erfahrungen? Mein Bauko-Professor aus Aachen, der mir für die Stipendienbewerbung ein Gutachten geschrieben hat, machte bei der "fachlichen Qualität des Vorhabens" sein Kreuzchen eher im negativen Bereich. Er konnte gar nicht verstehen, warum ich nicht in die USA oder nach Großbritannien ginge. Ich glaube, dort wäre es viel zu langweilig geworden :)
Am dritten Mai schreibe ich meine letzte Prüfung - freue mich sehr auf diesen "wahren Abschluß" des Semesters. Letzten Freitag gab es schon die Urkunde zum erfolgreichen Abschluß eines Auslandssemesters an der USM Penang - komischer Zeitpunkt. Wenn wirklich alles vorbei ist, mache ich mir mit Jackie noch ein paar schöne Wochen Südostasien. Mit Berichten und spaßigeren Dingen als Vorlesungen und neuen Fotos in verbesserter Qualität! Danke für's Lesen!


Also, JA, das gibt es auch wo anders ;) Ich hab, als ich hier in Kanada gearbeitet habe, zwar vernünftig gearbeitet, aber mich auch nicht sonderlich angestrengt. Ich hab mich dann leicht verarscht gefühlt, als mein Chef mich dauernd wegen meiner "tollen" und "effizienten" Arbeitsweise gelobt hat, und dass das ja total "german" sei. Irgendwann hab ich dann mal meinen Vorgesetzten arbeiten gesehen, und ja, ich habe im Vergleich zu ihm wirklich effizienter gearbetet :))))
AntwortenLöschenLernen, Uni, Streß, Studium...gibt es noch etwas anderes in Deinem Leben?
AntwortenLöschenOh man, ich leide mit Dir mit und es scheint sich zumindest im Bezug auf das "Nächte-durcharbeiten" nichts im Vergleich zu Aachen geändert zu haben. Leben, wir kommen !!!
Ja, es gibt noch so einiges, Marlen, aber das muss dann wohl noch bis nach Donnerstag warten. Dann gibts erstmal drei Tage Kuala Lumpur (inkl. Formel1) und dann ein paar Strand- und Tauchtage auf den Perhentian ISlands. Vielleicht da auch ein bisschen Klausur-Lernen, aber ich glaube das kann ich in dem entsprechenden Umfeld verkraften :)
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