Exkursion in die Weltmetropole Jakarta

01:10 Einsame Insel.de 2 Comments

Heute Morgen um neun habe ich also - endlich - meine Projektpräsentation hinter mich gebracht. Es lief eigentlich sehr gut, es gab wenige Rückfragen und mein Vokabular reicht mittlerweile fast aus, um alles so auszudrücken, wie ich es mir in meinem Kopf zurechtlege. Ich war leicht überrascht anstelle von der "Haupt"Professorin unseres Kurses zwei malaysische Architekten vor mir stehen zu haben. Man stellte sich mir kurz vor und der Dozent, bei dem ich das Semester über meine Korrekturen hatte tauchte im Hintergrund auf. Ich durfte also meinen kompletten Entwurfsprozess wiedergeben, da die beiden Externen ja keine Ahnung hatten, um was es ging. Ich mag es eigentlich, wenn die Grundvoraussetzungen so klar sind. Ich kann über alles berichten, was ich für wichtig halte und habe nicht das Gefühl, mich ständig zu wiederholen (z.B. weil man über die Details schon in diversen Korrekturen gesprochen hat.). Jedenfalls lief es gut, ich musste mich auch nicht für fehlende fotogleiche Renderings rechtfertigen. Dass die Malayen mir CAD- und Visualisierungstechnisch um einiges voraus sind war mir ja schon länger bewusst.
größter Teil meiner Projektpräsentation
Die Erleichterung ist riesig, ich konnte ganz entspannt meine letzte Vorlesung danach genießen. Der Dozent hielt heute, nach rund dreißig Jahren im Dienst, seine letzte Vorlesung. Gegen Ende realisierte ich erst, dass es wohl auch meine letzte Vorlesung sein würde. Noch zwei Klausuren und in Aachen dann "nur noch" die Masterthesis. Nie wieder Vorlesung, möglicherweise - wer weiß das schon :)
Nun steht also auf meiner Prioritätenliste ganz oben das - Aufarbeiten meiner Fotos der letzten Monate, ein bisschen Klausur lernen und vor allem entspannen nach dem Stress seit Januar. Und ein bisschen "bloggen" nachholen...

Istiqlal Moschee
indonesisches Fettgebäck

Ende Februar machten sich etwa dreißig Studenten der School of Housing, Building and Planning der USM auf den Weg nach Jakarta, der Hauptstadt Indonesiens. Donnerstagsmorgens in der früh fuhr der Uni-eigene Bus von Penang nach Kuala Lumpur zum LCCT, dem nationalen Flughafen. Wie schon öfter splittete sich die Gruppe in Chinesen und Malayen – allein schon dadurch, dass wir auf zwei Maschinen verteilt waren. Es ist schon irgendwie seltsam, dass es diese Spaltung gibt: es scheint kaum engere Freundschaften zwischen beiden Rassen zu geben, Chinesen sowie Malayen bleiben eher unter sich. Zwei gute Stunden quälte ich mich also in der AirAsia Boeing, die leider etwas kürzere Rückenlehnen hat als jede deutsche Maschine. Sogar die Fenster scheinen irgendwie tiefer zu sitzen (bzw. der Boden der Passagierkabine sitzt höher), sodass ich nur unter Rückenschmerzen nach draußen sehen konnte. In Jakarta wurden wir freudig von Tauphan empfangen, einem Indonesier, der sein Studium an der USM absolviert hat. Somit war unsere Reiseführung für die kommenden fünf Tage gesichert.
erstes Mittagessen in Jakarta
Das erste Mittagessen überzeugte mich nicht sonderlich von der kulinarischen Qualität der landestypischen Speisen. Zwei lange Tische wurden mit unzähligen kleinen Schalen eingedeckt. Fisch, Meeresfrüchte, Hähnchen, Gemüse, Tofu und natürlich Reis in verschiedenen Zubereitungsvarianten (vertrocknet, zerkocht… war mein erster Eindruck) standen zum Verzehr bereit. Man wählt – ähnlich wie bei spanischen Tapas – mehrere Schälchen aus und zahlt, was man isst. Ich konnte mir gut vorstellen, wie oft jedes Gericht schon mehrfach aufgewärmt wurde, denn alles was zurückging ohne angerührt zu werden, würde hier bestimmt nicht in den Müll wandern (zum Glück!). Im Hotel „Studio One“ (zentral, sauber, günstig) bezog ich mein Zimmer mit Eve (Chinesin – natürlich). Übrigens kostet mich der ganze Trip inklusive der Flüge, Hotel und einiger Eintrittspreise, einem Bus vor Ort etc. unter 100 Euro. Es gab wohl auch einen kleinen Zuschuss von der Uni – aber trotzdem ein guter Preis, würde ich sagen.
indonesische Schulklasse im Museum
Zu Jakarta sollte erwähnt werden, dass der Großraum der Stadt auf der Liste der größten Metropolregionen der Welt auf Rang neun steht (das Ruhrgebiet steht auf Platz 26 mit etwa halb so vielen Einwohnern.) – mit bis zu 25 Millionen Einwohnern. Es ist gut vorstellbar, dass in einer solchen Stadt die Dunkelziffern groß sind. Jedenfalls erwartete ich ein vielfältiges Programm für die nächsten Tage, wurde aber schnell von der Grundhaltung meiner Mitreisenden etwas enttäuscht. Offenbar war nicht jeder so interessiert an der Stadt wie ich. Eigentlich sei Jakarta ja eher ein Shoppingziel, das müsse man ja ausnutzen. Erstes architektonisches Highlight war die Istiqlal Moschee (Unabhängigkeitsmoschee), größte Moschee Südostasiens – 1975 erbaut für 120.000 Menschen. Ich weiß nicht, ob ich schon einmal in einem so großen leeren Raum gestanden habe – in gewisser Weise beeindruckend und bedrückend zu gleich. Oder beängstigend. Auf jeden Fall eine Erfahrung! Auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht die Jakarta Cathedral.
Jakarta Cathedral (hdr)
In meinen Augen eine „ganz normale katholische Kirche“ – in den Augen meiner Kommilitonen eine Besonderheit. Zwar bekennen sich in Malaysia knapp zehn Prozent der Bevölkerung als Christen, jedoch gibt es kaum Kirchen. Weiterer „historischer“ Programmpunkt war das Zentrum Jakartas bzw. die „Jakarta Old Town Area“, geprägt von der niederländischen Kolonialzeit.
(Sorry, ich muss einfach ins Präsens wechseln, ich kann einfach nicht konsequent in der Vergangenheit schreiben, wenn ich mich so in die Zeit zurückdenke. Und um alles umzuschreiben bin ich jetzt zu faul.)
Trotz einiger Regenschauer genieße ich den Trubel und das bunte Treiben in den überfüllten Straßen. Die Kontraste in der größten Stadt Südostasiens sind riesig – und interessant.
FX Mall
Keine Stadt hat es bisher geschafft, meinen Kameraakku vollständig zu entleeren, Jakarta ist auf dem besten Weg dahin. Mitten in der zentralen Altstadt stehen mehrere Gebäuderuinen mit abgebranntem Dachstuhl und heruntergekommener Fassade. Offenbar stehen sie hier in diesem Zustand nicht erst seit kurzem. Man erklärt mir auf Nachfrage, dass der Denkmalschutz hier etwas anders abläuft als in Europa. Wer ein Gebäude besitzt, das unter Denkmalschutz steht, ist nicht für den Erhalt verantwortlich. Fehlende Finanzmittel ist ein ausreichender Grund um das Gebäude sich selbst zu überlassen. Ist ein gewisses Stadium erreicht, in dem das Gebäude nicht mehr schützenswert ist, kann es abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden oder zumindest kostengünstiger da rücksichtsloser saniert werden. Auch eine Methode. Schade um das Kulturgut.
Auffällig viele Hollandräder (welch ein Zufall) sind unterwegs – sie werden vielerorts stundenweise vermietet. Und einen farblich passenden Sonnenhut gibt es meistens dazu. Stände und kleine Wagen, die Speisen und Getränke verkaufen, unterscheiden sich von denen in Malaysia. Häufig sieht man Plexiglaskisten auf Rädern, die mit Früchten, Fleischbällchen oder Gebäck gefüllt sind. Regenwasser sammelt sich auf den Straßen, überhaupt ist es sehr schmutzig und zugemüllt hier. In den Abendstunden laufen auch schon mal einige Ratten über die Gehwege um dann in irgendwelchen dunklen Löchern zu verschwinden.
Eierverkäufer
Das offizielle Kulturprogramm hat ein Ende – eigentlich ist Shoppen ja viel interessanter. Meine Meinung scheint sich drastisch von der  meiner Mitstudenten zu unterscheiden. Das Argument, dass die Läden in den großen Shoppingmalls die gleichen seien wie in Penang, stößt nicht auf Anklang. Also erkundige ich mich nach Alternativen und finde glücklicherweise Anhänger für mein Vorhaben. Mit dem ortskundigen Tauphan sowie einem chinesischen und einem malayischen Kommilitonen (eine ganz neue Konstellation) mache ich per Bus auf den Weg – Hauptsache weg von der Mall. Busse fahren in Jakarta auf Spuren in der Mitte der Straße, sodass man zunächst eine Fußgängerbrücke zum Überqueren der Straße nutzt um dann in die allseitig geschlossene Haltestelle zu gelangen, die erst bei Busankunft die Türen öffnet. Für ein paar Cent geht’s zum „Meisterwerk“ Wisma Dharmala Sakti von Paul Rudolph. Das Bürogebäude des amerikanischen Architekten scheint durchaus bekannt zu sein. Ich habe noch gar nicht erwähnt, dass man in Indonesien ganzeinfach Millionär sein kann. Man wechsle einen Betrag von rund 80 Euro in indonesische Rupiah. Ich bin vor kurzem Millionär geworden und Sie können das auch! Allerdings Teilnahme an deutschen Lotterien mit schlechter Fernsehwerbung :)
Blick aus dem "Socialhouse"
Tatsächlich machen wir uns auf den Weg zu einer Shopping Mall, aber ausschließlich aus architektonischem Interesse. Die FX-Mall ist vorrangig für „junge Leute“ – heißt Kinder und Jugendliche gestaltet. Es gibt eine Riesenrutsche über mehrere Stockwerke, Kokon-förmige Karaoke-Räume und insgesamt ein knallbuntes Interieur. Auch den Abend genießen wir in unserer Kleingruppe. In direkter Nähe zu Kempinski, Hyatt und anderen Luxushotels befindet dich die Bar „Socialhouse“ in einer Gebäudeecke in maximal zehn Metern Höhe mit Blick auf einen der Verkehrsknotenpunkte Jakartas. Super gelungenes Ambiente und exzellente hausgemachte Cocktails und Säfte (ich empfehle den Eistee mit Zitronensorbet) können an der geöffneten Fassade eingenommen werden. Man sitzt wie an einer Bar an der Außenfassade und blickt nicht auf das Thekenpersonal sondern auf das bunte Treiben unter einem – bei einer sanften Abendbrise.
carfree sunday
Total genial, wenn man einen stressigen Tag in der üblichen Hitze hinter sich gebracht hat. Ich merke schon, ich werde wieder zu ausführlich… Das waren jedenfalls ein paar tolle Erlebnisse in Jakarta. Interessant auch der autofreie Sonntag: zweimal im Monat wird eine Hauptstraße komplett gesperrt – zum spazieren, skaten und radfahren. Tolle Sache, ich ärgere mich immer noch, dass ich die letzte Autobahnsperrung in Deutschland verpasst habe.
Montags statten wir noch der Universität von Jakarta einen Besuch ab. Ich sehe einen Zug, der vollkommen überfüllt ist, bin leider zu langsam beim Kamera-Zücken. Die Waggons sind vollgestopft mit Studenten und anderen Fahrgästen und auf dem Dach sitzen alle die, die keinen Platz mehr gefunden haben. Ich habe irgendwo gelesen, dass regelmäßig Menschen durch Stromschläge getötet werden. Der Campus ist deutlich grüner als der in Penang. Und größer, um nicht zu sagen unüberschaubar. Highlight (zumindest von Seiten der „Gastgeber“) unseres Aufenthalts ist die Besichtigung des neuen Bibliotheksgebäudes, das im März fertiggestellt werden soll. Es wird drei bis fünf Millionen Bücher beheimaten.
Jakarta Dachlandschaft
Weiter Ausführungen über Präsentationen von Architekturbüros spare ich mir an dieser Stelle – sonst gelange ich wieder zu schnell zum Thema Shoppingmalls.
Spannende Stadt jedenfalls, aber für mich nicht als dauerhaftes Lebensumfeld denkbar. Da verzichte ich och lieber aufs Millionär-Sein :)

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2 Kommentare:

  1. Glückwunsch zur Präsentation!!
    Ach und ich hätte gerne eine Portion Fettgebäck...obwohl ne lieber 2 Portionen :)

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  2. Spannend, spannend, spannend.
    Unglaublich! Mir kommen Deine Berichte so unreal vor. In jedem Satz steckt eine Besonderheit. Vor lauter Staunen bleibt mein Mund einfach nur noch offen stehen und ich schüttel den Kopf, weil ich nicht verstehen kann, wie man das alles auf die Reihe bekommt und sooo viel zu sehen bekommt! Gute Schuhe musst Du jedenfalls haben bei den Strecken, die Du hinter Dich bringst. Ja Sylvia, spannend und zugleich auch mal schön etwas anderes außer über Dein Studium zu lesen! Hiermit melde ich mich schon einmal an, dass ich gerne auch etwas von einer echten Schuster erbaut bekommen möchte, sei es nur ein kleines Kräuterhäuschen.

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