Über Fernsucht, Alltag und den Wert des Reisens
Wer mich kennt, hat bestimmt schon das eine oder andere Mal mitbekommen, dass sich dieses Krankheitsbild regelmäßig bei mir zeigt. Ich werde ein bisschen hibbelig, denke über mein nächstes Reiseziel nach, fange an zu planen – auch wenn ich noch gar nicht wirklich entschieden habe wohin es geht, wann und wie lange und ob sich dieser mögliche Auslandsaufenthalt überhaupt mit meiner aktuellen Lebenssituation vereinbaren lässt.
Wer mich nicht kennt, aber schon zwei oder drei Artikel in diesem Blog gelesen hat, kann vermutlich auch erahnen, dass ich eine von diesen „Abhängigen“ bin.
Fernsucht – das klingt nach einer Abhängigkeit, mit der man nur schwer leben kann, wenn man sie nicht befriedigen kann.
![]() |
| Unendliche Weite: Salar de Uyuni in Bolivien. Fernweh hatte ich hier nicht. |
Fernweh klingt förmlich nach dem Empfinden von körperlichen Schmerzen, während das Ziel der Begierde – die Ferne – nicht greifbar ist.
Moment mal – die Ferne nicht greifbar, nicht nah – sondern fern? Ist die Ferne nicht immer schwer greifbar und verliert nicht jeder Ort der Welt die Zuordnung zu dem Begriff „Ferne“, wenn man einmal dort ist. Per Definition ist die Ferne ein großer räumlicher Abstand oder ein großer zeitlicher Abstand. Bedeutet Fernsucht dann, dass ich mich danach sehne, nicht im Hier und Jetzt zu leben?
Das halte ich dann doch für etwas weit hergeholt. Ich mag das Wort. Aber vielleicht ist es dann gar nicht die Ferne, nach der ich mich sehne, sondern das Fremde, das Neue und Unentdeckte.
Ich habe schon öfter gelesen, wie albern es auf einige Menschen wirkt, wenn wir „westlichen Touristen“ in irgendein Entwicklungsland in eine relativ dünn besiedelte Gegend fahren, um uns dann dort einzubilden, wir würden eine neues Fleckchen Erde entdecken, ein Abendteuer erleben und unseren Horizont erweitern. Vielleicht erscheint es albern, aber als kleines Abenteuer und große Erweiterung meines Horizontes erlebe ich das Reisen auf jeden Fall.
Es gibt mittlerweile eine ganze Flut an Reisebloggs. Viele davon machen es sich zur Aufgabe, ihre Leser zu „großen“ Reisen zu motivieren. Es werden Packlisten, Flugbuchungs-Tipps und Traumziele beschrieben und natürlich hilfreiche Ideen zum Geldsparen und Ermöglichen eines solchen Vorhabens. Manchmal heißt es auch, es gebe dabei ein großes Risiko: Man könne Blut lecken und nicht mehr in den Alltag zurück wollen.
![]() |
| Ein Ort zum Verweilen im Westen Schwedens |
Ich erinnere mich gut an die letzten Tage und Wochen meiner letzten langen Reise (acht Monate Südamerika). Definitiv wollte ich in einen Alltag zurück. Vielleicht nicht unbedingt an den bekannten Alltag, wie er vor Verlassen meines Heimatlandes ausgesehen hatte, aber zumindest in einen Alltag.
Im Büro wird gerade ein Skiurlaub für kommenden Winter geplant. Für Februar, um genau zu sein. Letzten Winter war ich eine Woche mit einer tollen Truppe in den französischen Alpen. Das erste Mal im Skiurlaub und es war toll. Aber wenn ich mir heute (bei 40°C im Schatten) überlegen soll, ob ich in mehr als einem halben Jahr eine Woche im Schnee verbringen möchte, fällt mir das ganz schön schwer. Planen. Festlegen. Urlaub. Dazu muss ich vielleicht erwähnen, dass aus meiner Sicht Urlaub nicht gleich Reisen ist. Zumindest nicht dieses Reisen mit Horizonterweiterung.
Vermutlich wird man ganz schön wählerisch und kompliziert, wenn man schon ein bisschen rumgekommen ist. Ich werde oft gefragt, ob ich mit Freunden (Einzelpersonen) in den Urlaub fahren möchte. Meist sind es Leute, die selber noch keine „Individualreise“ gemacht haben und meine Erfahrung zu schätzen wissen. Dabei bin ich mir sicher, dass einige Erfahrungen es definitiv wert sind, sie alleine zu machen oder ohne jemanden, der sie schon hinter sich hat.
Wo führt das hin? Eigentlich wollte ich einen Blogeintrag über die schönsten Reiseziele schreiben. Vielleicht so etwas wie „meine zehn Lieblingsländer“ oder –orte. Das werde ich dann wohl separat machen – ohne philosophisches Gerede und Verschriftlichung meiner Grübelei.
Vielleicht bin ich süchtig nach Ferne – nach meiner eigenen Definition. Vielleicht auch nur nach dem Neuentdecken…
Aber muss ich dafür an einen anderen Ort?



0 Kommentare: