Möchte ich das wirklich sehen?

15:27 Einsame Insel.de 2 Comments

Wie sich die Reiseentscheidungen ständig ändern und immer wieder zu tollen Erfahrungen führen

Das Phänomen kenne ich ja bereits: Ich komme irgendwo an und habe einfach überhaupt keine Lust auf die Top-Sehenswürdigkeit des Ortes, an dem ich mich gerade befinde. So ging es mir mit dem Panamakanal oder mit Chichén Itza in Mexiko, nachdem ich mich Pyramiden irgendwie schon sattgesehen hatte. Andersherum gibt es auch eine Reihe von Städten, von denen niemand so richtig begeistert zu sein scheint, die aber doch mein Interesse geweckt haben und sich aus meiner Perspektive als vollkommen sehenswert herausstellen.
Daraus habe ich vor allem eins gelernt:
Verlasse dich nie darauf, dass die Meinung eines Reisebuchautors, anderer Reisender oder gar des UNESCO-Weltkulturerbe-Komitees deiner eigenen entsprechen! Schau dir an, was dich interessiert! Erlebe, wozu du Lust hast und mache deine eigenen Erfahrungen!

Ein gut gelaunter junger Mann springt mir in Trujillo mitten ins Foto - ich finde das hat was :)

Von Ecuador kommend die Grenze nach Peru überschreitend stehe ich wieder vor der Frage, welche Prioritäten ich mir für den Rest meiner Reisezeit setze. Nachdem ich vor ein paar Tagen schon einen kaum endenden „Lachflash“ bei einer Freundin via Skype ausgelöst habe mit den Worten „Die übrige Reisezeit von gut sieben Wochen ist ja sehr überschaubar!“, muss ich wirklich überlegen, wie ich das ausdrücken kann, sodass es auch für einen Nicht-Langzeitreisenden nachvollziehbar ist. Im Verhältnis zu meiner Gesamtreisezeit erscheint mir der verbleibende Zeitraum von nunmehr gut sechs Wochen tatsächlich wirklich kurz und ich frage mich zwischendurch immer wieder, ob ich nicht so langsam mal ein bisschen mehr planen muss, damit ich zumindest für all das, was mir wirklich wichtig ist, noch Zeit habe. Diese Liste ist allerdings nicht besonders lang, existiert aber auch nur in meinem Kopf (und da kann schnell mal was in Vergessenheit geraten).
In Peru zieht es einen Großteil der Touristen ausschließlich in den Süden – meint den Teil des Landes südlich von Lima. Kein Wunder: Peru ist gut dreieinhalb mal so groß wie Deutschland, sodass es wenig Sinn macht, in einem „normalen Urlaub“ das ganze Land zu bereisen. Da ich nun schon ein paar Wochen lang die Highlights des Südens kennengelernt habe, lag der Gedanke nahe, Peru auf dem Weg nach Bolivien weitestgehend zu überspringen und nur wenige „notwendige“ Stops einzulegen.


Staubige Großstadt und viele Stunden im Bus

Ich habe keine Ahnung, warum ich im Moment so sprunghaft bin, was meine Entscheidungen angeht, aber in dieser Hinsicht bin ich wirklich froh, dass ich mir keinen großen Plan zurecht gestrickt habe – ich würde ihn sowieso ständig komplett über den Haufen werfen. Am ersten Tag in Peru treffe ich die Entscheidung, mich von den viel befahrenen Routen wegzubewegen und nach einem kurzen Tagesstopp in Chiclayo (das 2002 eröffnete „Museo Tumbas Reales del Señor de Sipán“ lohnt sich, die Stadt selber meiner Meinung nach allerdings nicht) eine weitere Fahrt im Nachtbus in Kauf zu nehmen, um das relativ entlegene Chachapoyas zu erreichen. Die Felsenfestung Kuelap möchte ich mir ansehen, die bisher noch niemand aus dem Kreis meiner Reisebekanntschaften besucht hat – nicht zuletzt, weil der Weg dorthin so beschwerlich ist.

Ein Tag in Chiclayo - die Sonne brennt, die Straßen sind staubig und auf den Märkten ist viel los. Ich entscheide mich relativ schnell, dass ich mit dem Nachtbus heute Abend weiterfahre und keine Nacht hier verbringen möchte.
 
Es geht wieder in die Anden auf rund 3000 Meter, das heißt ich muss mich wieder an dünnere Luft und kühleres Klima gewöhnen – und an Regen. Nach einer relativ unentspannten Nacht um Bus bin ich froh, um sechs Uhr morgens ein Zimmer in Chachapoyas zu finden und noch ein paar Stunden schlafen zu können bevor ich mir ein spätes und entspanntes Frühstück gönne. Ich weiß gar nicht, ob man sich das im deutschen Alltag so gut vorstellen kann, aber so ein nettes Café mit einer gemütlichen Atmosphäre, gutem Milchkaffee und Schokoladen-Bananen-Pfannkuchen ist hier für mich ein absolutes Highlight. Und dann auch noch eine vernünftige kabellose Internetverbindung, sodass ich mich stundenlang mit Blog und Emails schreiben, Fotos sortieren und ein bisschen Planung beschäftigen kann. So ein Tag ohne größere Aktivitäten geht immer schneller um als man denkt. Ich genieße es, einfach mal ohne Kamera, ohne Zeitdruck und ohne Plan durch die Straßen den hübschen Bergdorfes zu laufen. Die Bezeichnung Dorf ist vielleicht untertrieben, aber irgendwie habe ich hier nicht das Gefühl, mich in einer Stadt zu befinden – dazu ist es hier viel zu gemütlich. Im hektischen, staubigen und heißen Chiclayo an der Küste war ich gestern noch ziemlich genervt von der großen Aufmerksamkeit, die mir besonders die peruanischen Männer entgegenbrachten. Ich habe keine Lust, an jeder Straßenecke im Mittelpunkt zu stehen, nur weil mein Körper hoch gewachsen ist, meine Haare hell und meine Augen blau sind. Ich kann das Wort „Gringa“ nicht mehr hören und mit guapa, buena, linda, bonita und hermosa kenne ich mittlerweile wohl die meisten spanischen Adjektive, die etwas schönes oder hübsches beschreiben.

Angenehmes Bergdorf: Chachapoyas

In Chachapoyas ist es anders. Vermutlich sehen die Herren im Zentrum von Chiclayo, das touristisch nicht viel zu bieten hat, deutlich seltener eine „Gringa“ als die Bewohner von Chachapoyas. Jedenfalls kann ich mich ungestört fortbewegen, in lokalen Restaurants mein Mittagessen einnehmen und mich mit dem Gedanken anfreunden, dass es mir hier gefällt.
Es gibt hier mehr zu sehen, als ich erwartet habe und ich bereue schon fast, diesen ersten Tag nicht genutzt zu haben. Da ich ein Einzelzimmer habe und bisher keine Hostels im klassischen Sinne entdeckt habe, kommt es mir gelegen, dass sich die Gegend am besten in Tagestouren erkunden lässt. Tagestouren sind erfahrungsgemäß eine der besten Gelegenheiten, neue Leute kennenzulernen – sofern die Gruppe denn passt. Und die Gruppe passt wunderbar: Wir sind acht peruanische Touristen, ein peruanischer Guide, Fahrer und ich als einzige ausländische Touristin. Prinzipiell bevorzuge ich spanischsprachige Tagesführungen, da ich sprachlich so mit Sicherheit noch etwas dazu lerne. Klar, würde ich im Englischen inhaltlich alles verstehen, wohin gegen mir im Spanischen einiges entgeht. Das führt dann meistens dazu, dass ich die Dinge, die ich nicht verstanden habe, hinterher noch mal nachlese.
Tag eins führt mich zu den Sarkophagen von Karajia, in denen die Fürsten der Chachapoya bestattet wurden und in die Höhlen von Kiocta. Glücklicherweise gibt es vom Veranstalter leihweise Gummistiefel, ohne wäre unser erstes Ziel kaum trockenen Fußes erreichbar gewesen. Sechs farbig bemalte Figuren stehen hoch über uns an eine Felswand gelehnt – zugegebener Maßen verstehe ich wenig von den Erklärungen unseres Guides. Es ist offensichtlich, dass der ein oder andere ein wenig enttäuscht ist, da die Sarkophage auf Fotografien deutlich größer und vor allem zum Anfassen nah wirkten, während sie tatsächlich zwanzig Meter über uns unerreichbar liegen.

In den gleichen Farben bemalt wie die Sarkopharge, allerdings einfacher aus der Nähe zu betrachten: das Teufelsinsekt.


Hoch oben in der Felswand: die Sarkophage von Karajia


Pfützen, Matsch und Spaß wie eine Dreijährige

Noch wichtiger werden die Gummistiefel für unser zweites Ziel. Bei strömendem Regen erreichen wir nach kurzem Mittagsstop und zwei Stunden im Minibus eine Tropfsteinhöhle.
Weder Höhlen noch Tropfsteinformationen können mich so richtig vom Hocker reißen, aber ich habe trotzdem Spaß wie ein Kleinkind. Die ersten Meter der Höhle sind noch relativ trocken, je weiter wir vorankommen, desto tiefer werden jedoch die Schlammbecken und Wasserläufe. Ich bin heilfroh dass ich meine Kamera im Bus gelassen habe und mich voll darauf konzentrieren kann, nicht in den Matsch zu fallen oder mit meinen Stiefeln steckenzubleiben. Die Schmatzgeräusche sind herrlich und ich fange immer wieder an loszulachen, wenn ich mit meinen Stiefeln Steckenbleibe und fast aus den Latschen kippe. Zu der guten Stimmung tragen nicht unwesentlich Bruce, Fancisco und Daniel bei, drei junge Architekten aus Lima, mit denen ich mich schnell angefreundet habe. Vielen von uns laufen Wasser und Schlamm von oben in die Stiefel, da das Wasser mittlerweile stellenweise mehr als kniehoch ist.

Höhle von Kiocta (Fotos: Bruce Wong)
Als wir uns nach dem Bestaunen einiger wirklich schön gewachsener Stalagmiten- und Stalagtitenformationen auf den Rückweg zum Ausgang der 500 Meter langen Höhle machen, ist der „Weg“ kaum wiederzuerkennen. Dort, wo eben noch trockene Bereiche mit den Ausscheidungen von Fledermäusen bedeckt waren, stehen jetzt tiefe Pfützen. Und an den Stellen, an denen meine Gummistiefel eben gerade noch gereicht haben, bekomme ich jetzt ziemlich nasse Füße. Wir müssen uns gegenseitig Hände reichen, abstützen und festhalten, um nicht vollständig Baden zu gehen. Die ganze Aktion macht insgesamt eher den Eindruck eines Teamgeist-Trainings-Seminars als einer touristischen Tagestour. Der Zugang zur Höhle war vor einer guten Stunde eine Treppe, jetzt ähnelt er eher einem Wasserfall.
Ich habe das Gefühl, der heutige Tag wurde erst durch die starken Regenfälle zu einem besonderen Erlebnis – natürlich auch in Kombination mit den gutgelaunten Peruanern. Nach so einem Tag ist das Loswerden der vollkommen durchnässten Klamotten und die heiße Dusche ein wahrer Genuss. Wir veranstalten ein gemütliches Architektenabendessen, tauschen uns über unsere Erfahrungen in Peru und Deutschland aus und stellen fest, dass es hier und dort offenbar in vielen Dingen sehr ähnlich abläuft. Nach dem Besuch einer gemütlichen Bar und einer Dorfdisko sind sich die Jungs einig, dass ich unbedingt auch Limas Nachtleben kennenlernen müsse, damit ich nicht den Eindruck der heutigen Nacht beibehalten würde. Hier sei es ja vollkommen langweilig und die Leute würden hier ja ganz merkwürdig tanzen, die Musik sei schlecht... Ich für meinen Teil hatte auf jeden Fall Spaß und sehe alles als Teil einer neuen kulturellen Erfahrung. Da spielt die Musik auch nur eine zweitrangige Rolle.

Mit 771 Metern ist Gocta der dritthöchste Wasserfall der Welt.
Hier - in sicherer Entfernung - sind wir noch verhältnismäßig trocken.

Auch den nächsten Tag würde ich noch mit den Dreien verbringen und mir Gocta, den dritthöchsten Wasserfall der Welt ansehen – eine nicht minder nasse Erfahrung als am Vortag, die mich sogar zu einem Tag „Reisepause“ zwingt, weil ich einfach keine trockene Kleidung mehr im Rucksack habe.

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2 Kommentare:

  1. Meine Rede: Regen kann sehr sehr toll sein!

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  2. Es macht einfach Spaß Deine Reiseberichte zu lesen. Bitte weiterschreiben:)

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