Wenn du das Fliegen einmal erlebt hast...

20:06 Einsame Insel.de 0 Comments

...wirst du für immer auf Erden wandeln, mit deinen Augen himmelwärts gerichtet. Denn dort bist du gewesen und dort wird es dich immer wieder hinziehen. (Leonardo da Vinci)

Strahlender Sonnenschein und ein blauer Himmel mit vereinzelten weissen Schaefchenwolken. Es sind die Tage am Flugplatz und in der Luft, die ich derzeit am meisten vermisse. Anfang September habe ich das letzte Mal in einem Segelflugzeug gesessen und ich stelle fest, dass sieben Monate einfach zu lange sind - Flugsucht laesst sich definitiv nicht durch laengere Abstinenz heilen. Besonders in Suedamerika und in den Laendern, in denen aktiv Segelfliegerei betrieben wird und an Tagen mit offensichtlich guten Wetterbedingungen, wird die Sehnsucht am groessten.

Der laengste Flugzeugschlepp, den ich bisher gemacht habe - was bleibt einem ohne Thermik und Hangwind auch anderes uebrig?

Karfreitag. Ich sitze in der Metro, die Vorfreue auf den heutigen Tag haelt sich noch in Grenzen. Der Himmel ist in weiten Teilen dicht bewoelkt, bisher habe ich die Sonne nur erahnen koennen. Um zehn Uhr bin ich auf dem Flugplatz Vitacura im Norden Santiagos verabredet. Ein kleiner Traum, den ich mir in Ecuador (aufgrund von Kommunalwahlen...) vor drei Monaten nicht erfuellen konnte, wird heute endlich wahr: ein Segelflug in den Anden.

Mittlerweile ist Mai, in Chile neigt sich der Sommer dem Ende zu, der Herbst bringt ein Wetter mit sich, das zum Fliegen eher ungeeignet ist. Trotzdem findet sich ein Pilot, der bereit ist, mit mir einen Start im Janus zu machen. Ich hoffe, tatsaechlich im vorderen Sitz Platz nehmen zu duerfen und auch tatsaechlich fliegen zu koennen, habe aber auch schon gehoert, dass die chilenischen Regularien relativ strikt sind.

Santiago im Dunst und unter einer fast geschlossenen Wolkendecke - es wird Herbst in Chile.

Metro, Bus und eine halbe Stunde laufen und ich erblicke die ersten Flugzeughaenger hinter einem Zaun. In diesem Moment macht es "klick" und ich bin auf "Flugplatz" eingestellt. Von diesem Moment an spielt es eigentlich schon gar keine Rolle mehr, dass der Himmel bedeckt ist, das Wetter nicht sehr vielversprechend ist und ich eigentlich relativ skeptisch bin, was mich heute erwartet. Irgendwie gibt es da diese Glueckshormone, die bei den meisten Menschen beim Verzehr von Schokolade ausgeschuettet werden, bei mir aber offenbar beim Betreten eines Fluggelaendes. Ein freundlicher aelterer Herr, der sich spaeter als mein F-Schlepp-Pilot herausstellen wuerde, erlaeutert mir den Weg zum verschlossenen Tor am anderen Ende des Flugplatzes. Das Gelaende ist vollstaendig eingezaeunt und abgeriegelt - doch ein wenig anders als "zuhause".

Eine Stunde sitze ich in einem wunderschoenen Duo Discus - auf dem vorderen Sitz! Janus bin ich zwar auch schon geflogen, aber der Duo gehoert zu den Fliegern, die ich in Leverkusen kennen und lieben gelernt habe. Gluecklicherweise stand der Doppelsitzer - eingepackt in textilen Allwetterbezuegen - unter einer einfachen Ueberdachung, sodass uns laestiges aus-der-Halle-Ausfaedeln oder gar Aufruesten erspart bleibt. Der Vorflug-Check faellt hier etwas einfacher und kuerzer aus, als ich es gewohnt bin mit der Begruendung, das Flugzeug sei ja zwischenzeitlich nicht abgebaut gewesen und ausserdem wuerden sich ja die angestellten Mechaniker regelmaessig um die Flugzeuge kuemmern. Nun gut, meine eigenen Gewohnheiten werfe ich trotzdem nicht ueber den Haufen. Eine der Selbstverstaendlichkeiten muss ich jedoch heute ignorieren. Das Tragen eines Notfall-Fallschirms bei jedem Flug ist nach ueber 500 Starts in deutschen Segelflugzeugen in Fleisch und Blut uebergegangen. Irgendwie ein komisches Gefuehl, dieses bisschen Extrasicherheit heute nicht zu haben. Natuerlich wuerde ich den Fallschirm nicht benutzen, nicht brauchen, und trotzdem fehlt er.Wenn auch nur als Rueckenkissen.



Haube zu. Ausklinkprobe. Seil zieht an. Eigentlich alles wie zuhause, allerdings ist die Schleppmaschine eine Piper und die Asphaltbahn nur 500 Meter lang. Mein Instructor Rodrigo ist vollkommen entspannt und hat kein Problem damit, mich fliegen zu lassen (auch wenn ich das Ruder immer wieder aus der Hand gebe um Fotos zu machen). Die Atmosphaere ist einzigartig. Wir werden mit rund 100km/h geschleppt, der Duo Discus scheint gut abgedichtet zu sein, sodass es ungewoehnlich ruhig im Flugzeug ist. Ich weiss gar nicht, wo ich zuerst hinsehen soll: Im Osten erahne ich in der Ferne einige schneebedeckte Gipfel, im Suedwesten liegt die Grossstadt mit ihren Hochhaeusern, die durch die morgendliche Smogschicht hindurchstechen. Darueber ist der Himmel sanftblau gefaerbt und grossflaechig mit weissgrauen Wolken bedeckt. Obwohl die Sonne kaum zu sehen ist, ist das Licht traumhaft und ich habe das Gefuehl, ich koennte keinen besseren Tag fuer meinen Flug erwischt haben. Wahrscheinlich versetzt mich der erste Flug der Saison einfach in eine Art Rausch und ich ueberinterpretiere einfach alles und nehme alles um mich herum viel zu positiv wahr. Aber woran meine positive Wahrnehmung liegt, spielt ja eigentlich keine Rolle.

Eine kleine Runde an der Kante der Anden - Screenshot www.skylines.aero
Auf ueber 2500 Metern Hoehe klinken wir aus - das war wohl der laengste F-Schlepp, den ich je gemacht habe. Gut, dass ich pauschal fuer den Flug bezahle (sonst waere es garantiert auch der teuerste Flug, den ich je gemacht habe). Und gut, dass wir nicht mit dem Janus oder gar dem Blank fliegen, sondern dem Duo, der uns eine gute halbe Stunde abgleiten aus der gewonnen Hoehe ermoeglicht. Hier und da zuckt das Variometer mal nach oben - ein bisschen Wind beschert uns an einigen Hangkanten minimales Steigen, allerdings ist das kaum der Rede wert. Wir haben die mit der verbleibenden Hoehe erreichbaren Berge “erfolglos” abgegrast und Rodrigo moechte offenbar ein paar Wanderer unter uns bespassen. An einem kleinen Gipfelkreuz ist relativ viel los - wir haben vorhin schon mal drei Wanderern im Vorbeiflug gewunken. Rodrigo dreht ein paar Steilkreise ueber der kleinen Menschenansammlung - ich kann sehen, wie die meisten ihre Kameras bzw. Handys in die Luft halten - die Fotos haette ich gerne ;) Die naechsten Minuten grenzen schon an Kunstflug - schnell, steil und mit einem breiten Grinsen auf meinem Gesicht machen wir ziemlich zuegig unsere Hoehe kaputt. Gut, dass der Flugplatz an einem kleinen Fluss liegt und sogar ich ihn wiederfinde, ohne lange suchen zu muessen. Mit fuer mich ungewoehnlich vielen Funkspruechen (hier werden Gegen-, Quer- und Endanflug gemeldet) geht es wieder dem Boden entgegen.


Fast wie in Leverkusen - nur die Sauerstoffanlage ist hier fest eingebaut

Eine gute Stunde, die viel zu schnell vorueber ging - die Redewendung “die Zeit vergeht wie im Fluge” kommt nicht von ungefaehr. Rodrigo verabschiedet sich, er hat noch andere Verpflichtungen am heutigen Feiertag (er ist am Flugplatz angestellt, hat allerdings heute frei). Ich bin etwas ueberrascht, dass sich die beiden jungen Maenner, die mit mir den Flieger aus den Allwetterbezuegen gepellt und an den Start gezogen haben, wiederum um das Wegpacken des Flugzeugs kuemmern und sich kaum helfen lassen, es sei schliesslich ihr Job. Umso unerwarteter ist die Tatsache, dass es hier sehr wohl ein Vereinsleben gibt - auch an einem Feiertag mit bedecktem Himmel am Ende der Flugsaison. Startschreiber, F-Schlepper und Eduard, ein Deutscher, der in Santiago lebt und fliegt, sitzen noch lange im Clubhaus, wie es vermutlich jeder Segelflieger von seinem Heimatflugplatz kennt. Das uebliche Gerede ueber Flugzeuge, Navigationssoftware, Luftraumrestriktionen, gemeinsame Bekannte im Luftsport und natuerlich das Wetter koennen auf einmal wahnsinnig Spass machen, wenn man die Gespraeche seit ueber einem halben Jahr nicht mehr gefuehrt hat. Die Schwierigkeit und den besonderen Reiz macht natuerlich die spanische Sprache aus (und ich habe schon wieder vergessen, was “flattern” heisst).

Nach fast fuenf Stunden verlasse ich das Gelaende wieder - immer noch mit einem Strahlen auf dem Gesicht und mit einer nun erst recht grossen Vorfreude auf die kommende Segelflugsaison in Deutschland (mit einer Libelle!! Freude!).

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Peru, Bolivien, Chile... Bald geht es nach Hause

16:30 Einsame Insel.de 0 Comments

Einen Monat habe ich noch vor mir und die Zeit zum Fotos auswählen und ausführlich schreiben fehlt mir im Moment. Ich möchte die letzten Wochen noch mal intensiv nutzen, verbringe im Moment die Abende lieber mit lieben Menschen als meinem Computer und einige Nächte in Bussen. Von La Paz konnten Tania, die ich auf der Isla del Sol kennengelernt habe, und ich mittlerweile nach Sucre fahren (zumindest bis zehn Kilometer davor, für mehr hat der Sprit nicht 
gereicht und der Bus ist liegengeblieben). Morgen werden wir eine viertägige Wanderung antreten, danach geht es für drei Tage in die Salzwüste bei Uyuni. In Chile wartet die Atacama-Wüste, bevor es nach Santiago und Valparaiso geht.

Mit Tania in La Paz
In den nächsten Wochen wird es also wahrscheinlich wenig von mir zu lesen geben, weil eine Weile gar nicht ins Internet kommen werde (endlich mal wieder ein paar Tage fernab jeglicher Zivilisation ;). Hier gibt es eine Kartenansicht der oben beschriebenen Route.
Ich freue mich jedenfalls, bald den Heimweg anzutreten und vorher noch ein paar Ecken zu sehen, auf die ich mich shcon seit langem freue!

Obstsalat auf dem Markt in La Paz - standardmäßig mit Wackelpudding, Joghurt, Honig, Müsli, Eis, Schokosoße und Kokosraspeln garniert. Gut, dass ich nur eine Suppe gegessen und noch ein wenig Platz im Magen habe!

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Fotos: Nordperu

16:19 Einsame Insel.de 1 Comments


Die Felsenfestung Kuelap, Trujillo, Chanchan, die Sonnen- und Mondpyramide - der Norden Perus hat kulturell viel zu bieten. Ich verbringe deutlich mehr Zeit als geplant in Chachapoyas und den größeren Küstenstädten nördlich von Lima. Auf meinem Weg nach Bolivien verbringe ich einige Tage in Lima und mache meine ersten "richtigen" Couchsurfing-Erfahrungen in Ica, wo ich die Herstellung von Pisco erklärt bekomme und eine ganz normale peruanische Stadt aus einer "nicht-touristischen Sicht" kennenlerne. Die Grenze zu Bolivien überschreite ich in Copacabana mit dem Ziel "Isla del Sol".

Hier nur eine handvoll kommentarloser Fotos - für mehr fehlt mir im Moment die Zeit.











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Möchte ich das wirklich sehen?

15:27 Einsame Insel.de 2 Comments

Wie sich die Reiseentscheidungen ständig ändern und immer wieder zu tollen Erfahrungen führen

Das Phänomen kenne ich ja bereits: Ich komme irgendwo an und habe einfach überhaupt keine Lust auf die Top-Sehenswürdigkeit des Ortes, an dem ich mich gerade befinde. So ging es mir mit dem Panamakanal oder mit Chichén Itza in Mexiko, nachdem ich mich Pyramiden irgendwie schon sattgesehen hatte. Andersherum gibt es auch eine Reihe von Städten, von denen niemand so richtig begeistert zu sein scheint, die aber doch mein Interesse geweckt haben und sich aus meiner Perspektive als vollkommen sehenswert herausstellen.
Daraus habe ich vor allem eins gelernt:
Verlasse dich nie darauf, dass die Meinung eines Reisebuchautors, anderer Reisender oder gar des UNESCO-Weltkulturerbe-Komitees deiner eigenen entsprechen! Schau dir an, was dich interessiert! Erlebe, wozu du Lust hast und mache deine eigenen Erfahrungen!

Ein gut gelaunter junger Mann springt mir in Trujillo mitten ins Foto - ich finde das hat was :)

Von Ecuador kommend die Grenze nach Peru überschreitend stehe ich wieder vor der Frage, welche Prioritäten ich mir für den Rest meiner Reisezeit setze. Nachdem ich vor ein paar Tagen schon einen kaum endenden „Lachflash“ bei einer Freundin via Skype ausgelöst habe mit den Worten „Die übrige Reisezeit von gut sieben Wochen ist ja sehr überschaubar!“, muss ich wirklich überlegen, wie ich das ausdrücken kann, sodass es auch für einen Nicht-Langzeitreisenden nachvollziehbar ist. Im Verhältnis zu meiner Gesamtreisezeit erscheint mir der verbleibende Zeitraum von nunmehr gut sechs Wochen tatsächlich wirklich kurz und ich frage mich zwischendurch immer wieder, ob ich nicht so langsam mal ein bisschen mehr planen muss, damit ich zumindest für all das, was mir wirklich wichtig ist, noch Zeit habe. Diese Liste ist allerdings nicht besonders lang, existiert aber auch nur in meinem Kopf (und da kann schnell mal was in Vergessenheit geraten).
In Peru zieht es einen Großteil der Touristen ausschließlich in den Süden – meint den Teil des Landes südlich von Lima. Kein Wunder: Peru ist gut dreieinhalb mal so groß wie Deutschland, sodass es wenig Sinn macht, in einem „normalen Urlaub“ das ganze Land zu bereisen. Da ich nun schon ein paar Wochen lang die Highlights des Südens kennengelernt habe, lag der Gedanke nahe, Peru auf dem Weg nach Bolivien weitestgehend zu überspringen und nur wenige „notwendige“ Stops einzulegen.


Staubige Großstadt und viele Stunden im Bus

Ich habe keine Ahnung, warum ich im Moment so sprunghaft bin, was meine Entscheidungen angeht, aber in dieser Hinsicht bin ich wirklich froh, dass ich mir keinen großen Plan zurecht gestrickt habe – ich würde ihn sowieso ständig komplett über den Haufen werfen. Am ersten Tag in Peru treffe ich die Entscheidung, mich von den viel befahrenen Routen wegzubewegen und nach einem kurzen Tagesstopp in Chiclayo (das 2002 eröffnete „Museo Tumbas Reales del Señor de Sipán“ lohnt sich, die Stadt selber meiner Meinung nach allerdings nicht) eine weitere Fahrt im Nachtbus in Kauf zu nehmen, um das relativ entlegene Chachapoyas zu erreichen. Die Felsenfestung Kuelap möchte ich mir ansehen, die bisher noch niemand aus dem Kreis meiner Reisebekanntschaften besucht hat – nicht zuletzt, weil der Weg dorthin so beschwerlich ist.

Ein Tag in Chiclayo - die Sonne brennt, die Straßen sind staubig und auf den Märkten ist viel los. Ich entscheide mich relativ schnell, dass ich mit dem Nachtbus heute Abend weiterfahre und keine Nacht hier verbringen möchte.
 
Es geht wieder in die Anden auf rund 3000 Meter, das heißt ich muss mich wieder an dünnere Luft und kühleres Klima gewöhnen – und an Regen. Nach einer relativ unentspannten Nacht um Bus bin ich froh, um sechs Uhr morgens ein Zimmer in Chachapoyas zu finden und noch ein paar Stunden schlafen zu können bevor ich mir ein spätes und entspanntes Frühstück gönne. Ich weiß gar nicht, ob man sich das im deutschen Alltag so gut vorstellen kann, aber so ein nettes Café mit einer gemütlichen Atmosphäre, gutem Milchkaffee und Schokoladen-Bananen-Pfannkuchen ist hier für mich ein absolutes Highlight. Und dann auch noch eine vernünftige kabellose Internetverbindung, sodass ich mich stundenlang mit Blog und Emails schreiben, Fotos sortieren und ein bisschen Planung beschäftigen kann. So ein Tag ohne größere Aktivitäten geht immer schneller um als man denkt. Ich genieße es, einfach mal ohne Kamera, ohne Zeitdruck und ohne Plan durch die Straßen den hübschen Bergdorfes zu laufen. Die Bezeichnung Dorf ist vielleicht untertrieben, aber irgendwie habe ich hier nicht das Gefühl, mich in einer Stadt zu befinden – dazu ist es hier viel zu gemütlich. Im hektischen, staubigen und heißen Chiclayo an der Küste war ich gestern noch ziemlich genervt von der großen Aufmerksamkeit, die mir besonders die peruanischen Männer entgegenbrachten. Ich habe keine Lust, an jeder Straßenecke im Mittelpunkt zu stehen, nur weil mein Körper hoch gewachsen ist, meine Haare hell und meine Augen blau sind. Ich kann das Wort „Gringa“ nicht mehr hören und mit guapa, buena, linda, bonita und hermosa kenne ich mittlerweile wohl die meisten spanischen Adjektive, die etwas schönes oder hübsches beschreiben.

Angenehmes Bergdorf: Chachapoyas

In Chachapoyas ist es anders. Vermutlich sehen die Herren im Zentrum von Chiclayo, das touristisch nicht viel zu bieten hat, deutlich seltener eine „Gringa“ als die Bewohner von Chachapoyas. Jedenfalls kann ich mich ungestört fortbewegen, in lokalen Restaurants mein Mittagessen einnehmen und mich mit dem Gedanken anfreunden, dass es mir hier gefällt.
Es gibt hier mehr zu sehen, als ich erwartet habe und ich bereue schon fast, diesen ersten Tag nicht genutzt zu haben. Da ich ein Einzelzimmer habe und bisher keine Hostels im klassischen Sinne entdeckt habe, kommt es mir gelegen, dass sich die Gegend am besten in Tagestouren erkunden lässt. Tagestouren sind erfahrungsgemäß eine der besten Gelegenheiten, neue Leute kennenzulernen – sofern die Gruppe denn passt. Und die Gruppe passt wunderbar: Wir sind acht peruanische Touristen, ein peruanischer Guide, Fahrer und ich als einzige ausländische Touristin. Prinzipiell bevorzuge ich spanischsprachige Tagesführungen, da ich sprachlich so mit Sicherheit noch etwas dazu lerne. Klar, würde ich im Englischen inhaltlich alles verstehen, wohin gegen mir im Spanischen einiges entgeht. Das führt dann meistens dazu, dass ich die Dinge, die ich nicht verstanden habe, hinterher noch mal nachlese.
Tag eins führt mich zu den Sarkophagen von Karajia, in denen die Fürsten der Chachapoya bestattet wurden und in die Höhlen von Kiocta. Glücklicherweise gibt es vom Veranstalter leihweise Gummistiefel, ohne wäre unser erstes Ziel kaum trockenen Fußes erreichbar gewesen. Sechs farbig bemalte Figuren stehen hoch über uns an eine Felswand gelehnt – zugegebener Maßen verstehe ich wenig von den Erklärungen unseres Guides. Es ist offensichtlich, dass der ein oder andere ein wenig enttäuscht ist, da die Sarkophage auf Fotografien deutlich größer und vor allem zum Anfassen nah wirkten, während sie tatsächlich zwanzig Meter über uns unerreichbar liegen.

In den gleichen Farben bemalt wie die Sarkopharge, allerdings einfacher aus der Nähe zu betrachten: das Teufelsinsekt.


Hoch oben in der Felswand: die Sarkophage von Karajia


Pfützen, Matsch und Spaß wie eine Dreijährige

Noch wichtiger werden die Gummistiefel für unser zweites Ziel. Bei strömendem Regen erreichen wir nach kurzem Mittagsstop und zwei Stunden im Minibus eine Tropfsteinhöhle.
Weder Höhlen noch Tropfsteinformationen können mich so richtig vom Hocker reißen, aber ich habe trotzdem Spaß wie ein Kleinkind. Die ersten Meter der Höhle sind noch relativ trocken, je weiter wir vorankommen, desto tiefer werden jedoch die Schlammbecken und Wasserläufe. Ich bin heilfroh dass ich meine Kamera im Bus gelassen habe und mich voll darauf konzentrieren kann, nicht in den Matsch zu fallen oder mit meinen Stiefeln steckenzubleiben. Die Schmatzgeräusche sind herrlich und ich fange immer wieder an loszulachen, wenn ich mit meinen Stiefeln Steckenbleibe und fast aus den Latschen kippe. Zu der guten Stimmung tragen nicht unwesentlich Bruce, Fancisco und Daniel bei, drei junge Architekten aus Lima, mit denen ich mich schnell angefreundet habe. Vielen von uns laufen Wasser und Schlamm von oben in die Stiefel, da das Wasser mittlerweile stellenweise mehr als kniehoch ist.

Höhle von Kiocta (Fotos: Bruce Wong)
Als wir uns nach dem Bestaunen einiger wirklich schön gewachsener Stalagmiten- und Stalagtitenformationen auf den Rückweg zum Ausgang der 500 Meter langen Höhle machen, ist der „Weg“ kaum wiederzuerkennen. Dort, wo eben noch trockene Bereiche mit den Ausscheidungen von Fledermäusen bedeckt waren, stehen jetzt tiefe Pfützen. Und an den Stellen, an denen meine Gummistiefel eben gerade noch gereicht haben, bekomme ich jetzt ziemlich nasse Füße. Wir müssen uns gegenseitig Hände reichen, abstützen und festhalten, um nicht vollständig Baden zu gehen. Die ganze Aktion macht insgesamt eher den Eindruck eines Teamgeist-Trainings-Seminars als einer touristischen Tagestour. Der Zugang zur Höhle war vor einer guten Stunde eine Treppe, jetzt ähnelt er eher einem Wasserfall.
Ich habe das Gefühl, der heutige Tag wurde erst durch die starken Regenfälle zu einem besonderen Erlebnis – natürlich auch in Kombination mit den gutgelaunten Peruanern. Nach so einem Tag ist das Loswerden der vollkommen durchnässten Klamotten und die heiße Dusche ein wahrer Genuss. Wir veranstalten ein gemütliches Architektenabendessen, tauschen uns über unsere Erfahrungen in Peru und Deutschland aus und stellen fest, dass es hier und dort offenbar in vielen Dingen sehr ähnlich abläuft. Nach dem Besuch einer gemütlichen Bar und einer Dorfdisko sind sich die Jungs einig, dass ich unbedingt auch Limas Nachtleben kennenlernen müsse, damit ich nicht den Eindruck der heutigen Nacht beibehalten würde. Hier sei es ja vollkommen langweilig und die Leute würden hier ja ganz merkwürdig tanzen, die Musik sei schlecht... Ich für meinen Teil hatte auf jeden Fall Spaß und sehe alles als Teil einer neuen kulturellen Erfahrung. Da spielt die Musik auch nur eine zweitrangige Rolle.

Mit 771 Metern ist Gocta der dritthöchste Wasserfall der Welt.
Hier - in sicherer Entfernung - sind wir noch verhältnismäßig trocken.

Auch den nächsten Tag würde ich noch mit den Dreien verbringen und mir Gocta, den dritthöchsten Wasserfall der Welt ansehen – eine nicht minder nasse Erfahrung als am Vortag, die mich sogar zu einem Tag „Reisepause“ zwingt, weil ich einfach keine trockene Kleidung mehr im Rucksack habe.

2 Kommentare:

Alles schoen bei mir!

12:08 Einsame Insel.de 1 Comments

Ich habe nichts vom Erdbeben in Nordchile mitbekommen und derzeit nur wegen Strassenblockaden in Bolivien in La Paz fest, aber sonst ist alles wunderbar. Vernuenftige Internetverbindungen sind in Bolivien definitiv Mangelware. Also man braucht sich nicht wundern, wenn ich mal eine Woche nichts von mir hoeren lasse!

Ich bin fleissig mit schreiben und Fotos sichern, gibt bald wieder was zu lesen :)

Sonnenaufgang auf der Isla del Sol vor zwei Tagen

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