Nicht nur die Sprache...

11:21 Einsame Insel.de 3 Comments

Text oder Fotos?
Ich bin immer ein bisschen hin- und hergerissen. Ausführlich Blog schreiben, nur ein paar Fotos hochladen oder den ganzen Quatsch doch sein lassen. Wenn ich mich bei blogspot einlogge sehe ich immer die Besucherstatistiken: Seitenaufrufe letzten Monat: 1754. Achso. Ja dann. Eine Freundin sagte mir die Tage, dass sie ja etwas enttäuscht sei, dass ich kaum noch schreibe (also Rebecca: dieser Text ist für dich!). Meine Reaktion: „Du liest das?“ Also doch nicht nur Besucher, die „Auslandsaufenthalt Malaysia“ oder „Schweppes Manao Soda“ googlen (letzteres ist der häufigste Suchbegriff über alle Zeiten…).

Auf nach England
Jedenfalls war ich vergangene Woche vier Tage in England und habe immer mal wieder kleine nette Erlebnisse gehabt, die ich irgendwie gerne teilen oder zumindest für mich festhalten möchte. Klar, ich könnte meine Erfahrungen auch so handschriftlich für mich niederschreiben, aber warum nicht teilen – so persönlich ist das nun alles auch wieder nicht – und vielleicht tue ich ja auch nur einer Person einen Gefallen, die über besagte Suchmaschine eine Information auf meiner Seite findet. Sei es auch nur der Hinweis, dass das Birmingham Central Backpackers ein empfehlenswertes Hostel ist, das ausgesprochen viel Charme hat.
 
Sonntag besuchte mich also Sarah, ehemalige Kommilitonin, die mittlerweile in Erfurt lebt, um früh am nächsten Morgen mit mir von Weeze aus nach England zu fliegen. Trotz früher Stunde erklärte sich Marlen bereit, uns zu fahren – so konnten wir den Ankunftszeitpunkt am Flughafen ausreizen und ein wenig länger schlafen... Hätte ich zu diesem Zeitpunkt schon gewusst, wie wenig Schlaf wir in den nächsten Tagen bekommen würden, wären wir natürlich Sonntag schön nach dem Sandmännchen ins Bett gegangen (…ich brauche wohl doch einen Fernseher… gibt es das Sandmännchen überhaupt noch?).
Ein Flug mit Ryanair ist ja immer so eine Sache für sich. Aber wo sonst bekommt man vier Flüge für hundert Euro. Also ab durch die Handgepäckkontrolle (diesmal sogar mit Waage.. mit zwei Nachkommastellen… und die müssen stimmen!) und rein in die wartende Menschenschlange. An Board die üblich nervigen Verkaufsangebote (Speis und Trank, Lose, Zigaretten usw.), ausnahmsweise aber mal in einer für die Ohren noch erträglichen Lautstärke. In Leeds Bradford landen wir 20 Minuten früher als geplant und nutzen die Zeit zum Umziehen. Immerhin besuchen wir eine Hochzeit und stecken noch in Jeans und Turnschuhen. Beim Warten auf den Bus fallen wir nun ein bisschen auf – im Kleid zwischen den ganzen BVB-Fans, die weiter nach Manchester wollen, um sich in zwei Tagen ein Spiel anzusehen. Buswechsel in Leeds, weiter nach Sheffield. Vom Bus in die Straßenbahn, von der Straßenbahn wieder in den Bus.

Endlich wieder unterwegs :)
Wir halten uns seit wenigen Stunden in England auf, trotzdem merken wir jede Minute, dass wir uns ‚im Ausland‘ befinden. Nicht etwa, weil man hier eine andere Sprache spricht oder die Fahrzeuge sich auf der anderen Seite der Straße bewegen – vielmehr, weil die Menschen ganz andere zu sein scheinen als die, die einem ‚zuhause‘ im Alltag begegnen. Ich war bisher zweimal in England, habe aber nicht so detaillierte Erinnerungen an die beiden Reisen wie an diese. Ich merke auch, dass ich immer sensibler werde, je mehr ich unterwegs bin. Sarah und ich sind beide – vielleicht gerade auf Reisen (wir waren schon zusammen in China und in Istanbul) – sehr kommunikative Menschen und kommen schnell ins Gespräch. In Leeds und Sheffield habe ich aber gar nicht unbedingt das Gefühl, dass wir alle Gespräche aktiv in Gang setzen. Es passiert einfach irgendwie. Man fragt nach einer Buslinie, bekommt aber keine zweisilbige Antwort, sondern findet sich in einer zwanzig minütigen Konversation wieder.
Unser Bus in Sheffield fährt nicht direkt zu unserem Ziel, dem Botanischen Garten. Auch eine ältere Frau hat einen längeren Fußweg vor sich, da sie sich in der Buslinie geirrt hat. Eine Frau vermittelt uns an eine Andere, die offenbar an der gleichen Haltestelle aussteigen und in ähnliche Richtung laufen muss. Wir verlassen zu viert den Bus, werden ein paar Straßen begleitet, bekommen den Rest des Wegs erklärt und schauen dem ungleichen Paar der jungen dunkelhäutigen und offensichtlich ortskundigen Frau und der alten Dame hinterher.

Hochzeit auf Englisch
Pünktlich um halb zwölf erreichen wir die Orangerie, vor der die Trauung stattfinden soll. Die Erlebnisse des Vormittags haben uns schon sehr positiv gestimmt, wir freuen uns auf interessante Begegnungen im Laufe der kommenden Tage. Wir lernen die Eltern des Bräutigams kennen, Freundinnen der Braut – und stellen uns als die Freunde aus Deutschland vor, die Ariel vor vier Jahren bei einem Workshop an der Universität Kunming (Südchina) kennengelernt haben.


Eine gute Stunde warten wir auf die Braut. Wir sind uns nicht sicher, ob sie bewusst eine Open Air Location am ersten Oktober gewählt hat – und das in England! Bisher ist es trocken, vielleicht sind das ja auch alles Märchen von dem vielen Regen… aber so richtig glauben wir nicht an einen sonnigen Spätsommertag.
Ohne Regen wird getraut, unterschrieben, es werden Blütenblätter geworfen (wer kennt schon den Ausdruck ‚petal‘? – ich hatte bei den kleinen rot-weiß getupften Papiertütchen im ersten Moment an gebrannte Mandeln gedacht…) und Ariel und Daniel blödeln rum wir Kindergartenkinder – ein herrlicher Anblick. Entspannte Atmosphäre, es wird viel gelacht und der Ausdruck „Englischer Humor“ bekommt eine ganz neue Bedeutung.

Ariel und Daniel amüsieren sich nach der Trauung :)
 
Ariels und Daniels Freunde zeigen sich unglaublich hilfsbereit und begleiten uns kurz zwecks Einchecken in unser Hostel und organisieren die Fahrt zum Ort der Nachmittags- und Abendveranstaltung. Mein Kommentar dazu: längere Rückwärtsfahrten in Taxen auf Strecken mit überdurchschnittlich vielen Kreisverkehren sollten gemieden werden. Es dauert eine Weile, bis sich der Magen davon erholt… ich könnte mich jetzt noch zu der Kombination mit britischem Essen äußern, aber das ginge jetzt zu weit. Nächstes Mal nehme ich einen der Sitze in Fahrtrichtung!

Rückwärts im Taxi... never again...
Die weiteren Feierlichkeiten finden zum Glück nicht unter freiem Himmel statt. Es wird getrunken, gefuttert, Hochzeitstorte angeschnitten, getanzt, gelacht und geredet. Sarah und ich machen uns immer einen Spaß daraus, so lange wie möglich unsere Herkunft zu vertuschen und ja nicht am Akzent durchklingen zu lassen, dass wir Deutsche sind (ja, wir können das ‚th‘ aussprechen und sogar ein ‚v‘ von einem ‚w‘ unterscheiden).
Wer wissen möchte wie man im Englischen besonders deutsch klingt – und dieses Wissen nutzen möchte um genau selbiges zu vermeiden, sollte sich folgendes Video ansehen:
..das ist zumindest schon mal ein guter Anfang.


bunt gemischte Truppe: chinesisch, malayisch, britisch, deutsch...


Natürlich ausschließlich wegen meiner Größe musste ich mir am späteren Abend den Brautstrauß in die Arme werfen lassen – ich hatte quasi keine Chance, dem Blumenbündel auszuweichen. Und dann durfte ich das Ding noch drei Tage mit mir rumtragen und immer wieder die Geschichte erzählen – ich konnte den Strauß ja nicht einfach wegwerfen – schließlich hätte offenbar jedes Mädel ihn lieber gehabt als ich. Gut, dass ich nicht abergläubig bin…

neue Mode in Großbritannien: Schnurrbärte (nicht nur auf Hochzeiten als Partybelustigung)

 Der Weg zurück ins Hostel bestätigte wiederum unsere Erfahrungen des Vormittags: zwei Jungs brachten uns zur Straßenbahn, ein anderer rief aus der Bahn heraus wiederum in unserem Hostel an, da er sich sicher war, dass wir es auch ohne Taxi erreichen könnten. Auch die Ticketverkäuferin aus der Bahn setzte sich beeindruckend für uns ein – als wolle man vermeiden, dass wir mehr Geld als nötig ausgeben. Der Plan ging auf – wieder wurden wir von jemandem ein paar Straßen begleitet, nachdem wir nach dem genauen Weg fragten.
Immer wieder wundern wir uns: Hat sich jemals ‚zuhause‘ jemand so für uns eingesetzt um uns in alltäglichen Situationen weiterzuhelfen? Ich bin froh, dass ich diese Reise nicht alleine unternehme, es gibt so Vieles, über das man sich austauschen möchte. Wir genießen den ständigen Kontakt zu den ‚locals‘ und sind eigentlich ganz froh, dass wir beide kein Smartphone haben, mit dem wir alle Probleme auf die ‚moderne Art und Weise‘ selber lösen können. Das wäre doch nur halb so interessant…
Am nächsten Morgen stellen wir fest, dass wir beide zu blöd waren, unsere Handys umzustellen und so eine Stunde zu früh aufgestanden sind. Also noch mal kurz hinlegen, bevor wir uns auf den Weg machen, den Bus nach Birmingham zu nehmen. 

jetzt fällt's mir wieder ein: die Fassade kenne ich als Windows-Desktophintergrund ;)
 Birmingham und London
...vielleicht später...

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3 Kommentare:

  1. Sehr schöner Text! Ich könnte ja jetzt sagen "So spare ich mir das eigene Aufschreiben" ;), aber es ist vielmehr einfach toll, nahezu identische Tage noch einmal aus Sicht des anderen erleben zu können.
    Um direkt mal den ersten (und wahrscheinlich auch einzigen) Besserwisserkommentar abzugeben: Klar, das Sandmännchen gibt es noch. Wohlgemerkt in der Ostversion. Grüße aus Erfurt.
    Die Hilfsbereitschaft und Offenheit der locals hast du absolut auf den Punkt gebracht. Ich bin immer noch ganz geplättet, wenn ich an diese Wahnsinnserfahrungen -juchu, wir haben kein Smartphone - denke.
    So, liebe Reisepartnerin mit dem "bouquet" (= müffelnder, verrottender, aufsehenerregender Blumenstrauß): ich hoffe ganz dringend auf eine Fortsetzung! Sowohl als auch, Text wie Tat :)

    Liebe Grüße,
    Sarah.

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