Kokos-Chaos: Thaipusam in Georgetown
Wahnsinn, dass schon fast zwei Monate rum sind!
Es macht ein bisschen den Eindruck, als würde sich hier so ein zehn-Tages-Rhythmus einpendeln. Das scheint so der Zeitraum zu sein, nach dem ich das Gefühl habe, dass es was Neues zu berichten gibt :)
Recyling-Modellbau und andere Unierfahrungen Ich sitze nun seit 1,5 Stunden in der Uni, weil wir zum Modellbauen verabredet sind. Das erste Projekt ist mehr oder weniger abgeschlossen, nach einer Nachtschicht bin ich Mittwoch endlich mit meinem Fischereimuseum fertig geworden. Die Woche zuvor musste ich mich mit einer Lebensmittelvergiftung rumschlagen, was bedeutete, dass ich drei volle Tage im Bett verbrachte statt eine "organischere Form" zu entwerfen. Entwerfen war eben noch nie mein Ding, aber hier steht das "Design" des Gebäudes absolut im Vordergrund. Umsetzbarkeit, Wirtschaftlichkeit und (aus meiner Sicht) sinnvolle funktionale Zusammenhänge stehen maximal an zweiter Stelle. Schade, dabei könnte Architektur doch so einfach sein... nach einigen verzweifelten Versuchen der Formfindung in den ersten Tagen hatte schon Simon (der in Sakinas Semester studiert und irgendwie gehört hatte, dass es da eine Deutsche an der Uni gibt) seine Hilfe angeboten, aber ich wusste noch nicht so richtig, wo eigentlich mein Problem lag, wenn es denn eins gab. Nach Abklingen meines Fiebers habe ich dann irgendwie ein Museum zustande bekommen, das mir eigentlich sogar ganz gut gefällt. Längere Erklärung Simon gegenüber bezüglich meines Studiums in Deutschland, meiner eigentlichen Interessen und meiner Zukunftsvorstellungen führten nur zu Unverständnis: "Why are you studying architecture for five years? You should be an engineer!" - da hat er wahrscheinlich Recht. Aber das zweite Projekt hier werde ich wohl auch irgendwie trotz meiner mangelnden Kreativität auf die Reihe bekommen. Muss :)
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| tropische Architektur - erste Versuche in SketchUp |
Die letzten Wochen haben mir gezeigt, dass de 20 Units, die ich hier belegt habe, auf Dauer ein bisschen viel werden - wenn überhaupt durchführbar. Nach langem hin und her und Nachhaken im International Office stellte sich dann heraus, dass die 20 Units tatsächlich das wählbare Maximum bedeuten - kein Mensch wählt 20 Units. Schon 12 Punkte reichen für einen "fulltimestudent" - aber so richtige Regeln für das Übertragen der Punkte ins deutsche bzw. europäische ECTS-System schein es nicht zu geben. Ein Anruf beim DAAD, einer an der Fachhochschule Aachen beim zuständigen Professor meines Fachbereichs - und schon sieht die Welt wieder ein bisschen besser aus. Ich brauche also deutlich weniger Punkte, also werden "Construction Management", das bisher nicht den Eindruck machte, als würde es irgendetwas mit Architektur zu tun haben, und "Spoken English" von meinem Stundenplan verbannt. Letzteres Fach eher weil es mir einfach nichts bringt - Gruppendiskussionen und Interviews, sowie Vorträge über banale Themen mit einfachstem Wortschatz und ohne Kritik oder Verbesserung durch den Lehrenden - da kann ich mir sinnvollere Methoden vorstellen, meine Sprachkenntnisse zu erweitern. Dialoge über alltägliche und fachbezogene Themen führe ich so oder so jeden Tag, da muss ich nicht für ein niedrigeres Niveau einen Kurs besuchen. Leider erfährt man im Vorfeld kaum, was einen erwartet. Umso besser, dass ich diese drei Stunden in der Woche nun mehr Zeit habe, die ich im Zweifelsfall für das "große Projekt" aufwenden kann.
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| "95% recyle material" - Foto: Ribin Yang |
Irgendwann ging’s dann mit dem Modellbau tatsächlich los - Fortsetzung also nun heute, Sonntagnachmittag. Endlich mal ein halb-freies Wochenende. Freitag durfte ich bis nach Mitternacht in der Uni Umgebungsmodell bauen – nicht wie in Aachen aus von der Hochschule zur Verfügung gestellten flachen, unbedruckten Pappen, sondern diesmal aus mühsam zusammengesuchten Kartons. Nach zwei Stunden sinnlosen Wartens im Studio, kamen zwei meiner Kommilitonen erfolgreich von MacDonalds zurück: Kartons von ChickenMcNuggets, Pommes Frittes und Sprite-Getränkesirup sollte also unser Material darstellen. Teilweise bedruckt, teilweise mit Fettflecken versehen, aber für ein Arbeitsmodell reicht das ja… Irgendwer hatte dann noch die tolle Idee, hunderte von Bäumen aus Papierkreisen herzustellen, die in Trios auf Stecknadeln gespickt werden sollten. Freitagsacht um eins waren wir also keineswegs fertig, ich für meinen Teil aber zu müde um noch sinnvoll helfen zu können. Wieder zu spät für das nahe gelegene Tor, das um Mitternacht verschlossen wird – glücklicherweise hatte ich eine Mitfahrgelegenheit. Das mit der Lauferei und Fahrerei ist hier schon eine komische Sache: Mein Weg zu den meisten Gebäuden auf dem Campus ist nicht länger als zwanzig Minuten – mit Schirm gegen die Sonne und dem richtigen Schuhwerk ist das kein Problem, wie wohl die meisten deutschen Studenten ohne eigenes Auto es sehen würden. Hier wird man jedoch fast vor jeder Vorlesung von irgendwem gefragt: „How did you get here? Did you WALK?“ – Ich weiß nicht, wie ich den üblichen Klang der Stimme bei dieser Frage deuten soll, es ist eine Mischung aus Unverständnis und Verwunderung. Manchmal wird sogar ein zweites Mal gefragt, ob man die Frage auch wirklich verstanden habe und wirklich den ganzen Weg gelaufen sei. Unglaublich. Da fragt man sich, wie die Asiaten so schlank bleiben – am Essen alleine kann es nicht liegen. Ein Professor erzählte letztens, dass die Einwohner Tokios durchschnittlich 140 Minuten täglich laufen, was sich zu über 20 Tagen im Jahr aufsummiert. Was man in dieser Zeit alles machen könne… Diese Aussage sollte Argument für das vertikale Bauen sein. Der Campus der USM ist scheinbar nach anderen Prinzipien geplant worden…
Chinese New Year in Thailand!
Nun ja, genug über das Unileben, es soll ja nicht so klingen, als wäre hier alles wahnsinnig kompliziert und anstrengend. Ich studiere eben einfach das falsche Fach für ein „entspanntes“ Studentenleben. Trotzdem werde ich mir nächste Woche ein bisschen Entspannung gönnen – es sind nämlich Semesterferien. Eine Woche frei wegen des chinesischen neuen Jahrs. Jackie, Nina (Finnin) und ich werden uns Freitag mit dem Bus nach Thailand begeben. Erfahrungsgemäß dauert die Bustour (inkl. Einreisevisum für Thailand) relativ lange – meist länger als vom Reiseveranstalter veranschlagt. Irgendwann Freitagabend werden wir jedenfalls Surat Thani erreichen, dem Startpunkt unserer Nachtfähre nach Kho Tao. Ich kenne die Gegend schon von letztem Jahr, da ich von dort mit Lisa über Kho Samui nach Kho Pagnan gefahren bin. Kho Tao ist die kleinste der drei Inseln im thailändischen Golf und als „Tauchparadies“ bekannt – das hatten wir schon letztes Jahr öfter gehört. Also werden nun die Ferien genutzt, um einen Tiefseetauchkurs zu belegen und eine internationale Lizenz zu erlangen, mit der wir dann vielleicht noch andere Gewässer erkunden können. Ich weiß noch nicht so recht, ob das mein Ding ist… Schnorcheln letztes Jahr war ganz nett, aber ob ich das Bedürfnis habe, mich für längere Zeit in den Tiefen des immer dunkler werdenden Wassers aufzuhalten… da bin ich mir noch nicht so sicher. Jedenfalls klingt fünf Tage Insel besser als ein semesterbegleitender USM-Tauchkurs mit Anwesenheitspflicht dreimal wöchentlich. Ich werde berichten :) Das Blog bzw. einsameinsel.de-Foto ist übrigens auf der Insel südlich Kho Taos entstanden, also meine Erwartungen an Wasserqualität etc. sind hoch :)
Thaipusam - Hindu-Traditionen in Penang
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| ein Wunsch für eine zerbrochene Kokosnuss |
Penang war letzte Woche richtig abwechslungsreich. Nach dem Canceln meines Englisch- und Construction-Management-Kurses ist nun der Mittwoch komplett frei, so hatte ich die Möglichkeit mit ein paar Leuten nach Goergetown zu fahren (oh wie schön ist eine Monatsbuskarte!) und die ersten Aktionen des hinduistischen Festes Thaipusam mitzuerleben. Vor dem offiziellen Feiertag am Donnerstag wurden Kokosnüsse auf einer mehrere Kilometer langen Strecke haufenweise entlang der Straße abgeladen. Selbst Mittelstreifen einiger Hauptstraßen waren bedeckt mit Kokosnüssen. Wir wussten nur, dass die Früchte irgendwann im Laufe des Nachmittags zerschmettert werden würden und dass die indische Bevölkerung Penangs beim Zerbrechen jeder Kokosnuss einen Wunsch äußern würde. Und so kam es auch. Eine kleine Prozession bewegte sich durch die Straßen, kleine Opferteller mit Früchten und Blumen wurden angenommen, einzelne Kokosnüsse wurden auf einem Wagen mithilfe einer großen Klinge zerschnitten. Irgendein akustisches Signal löste dann den chaotischen Teil der Tradition aus: Jung und alt griffen zu den Kokosnüssen und warfen sie mit aller Kraft auf die Straßen – ein Spektakel, das nur einige Minuten andauerte – pro Gruppe, die sich hinter einem Kokosnusshaufenstreifen versammelt hatte. Und bevor die letzten Nüsse zerbrochen waren, erreichten schon die Bulldozer das Schlachtfeld und räumten auf – unterstützt von unzähligen städtischen Angestellten mit Besen. Hier werden also Kokosnüsse geschippt, wie bei euch zuhause der Schnee! Ein absurdes Bild… Eine Kokosnuss durfte ich auch schmeißen – aber ein Wunsch reicht in der Regel ja auch aus :)
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| Thaipusam - Tradition oder Masochismus? |
Thaipusam am Donnerstag war weniger schön anzuschauen: Vormittags erreichten wir einen der vielen Tempel, in denen sich männliche Hindus verschiedenen Alters für den Weg zum Tempel im botanischen Garten vorbereiteten. Der Tag galt der Danksagung für das Erfüllen der Wünsche des vergangenen Jahres. Orangen, Limetten, Zitronen – Früchte, die auch schon am Vortag als Opfergaben aufgetaucht waren. Doch lagen sie nun nicht mehr in Schalen, sondern wurden am Körper der Gläubigen befestigt – mit Haken. Der Tempel glich einem großen Piercingstudio. Mehrere Kilogramm Früchte müssen am Oberkörper der Männer gehangen haben. Zusätzlich wurde das Gesicht von mehreren metallenen Elementen durchstochen – Wangen, Nase und sogar die Zunge. Wer keine Früchte trug, hatte an den Haken ‚nur‘ Schnüre Hängen, die jedoch später von einem Zweiten nach hinten gezogen wurden, sodass die oberen Hautschichten des Rückens immer unter Spannung standen – manchmal fiel es wirklich schwer hinzusehen (oder wegzusehen, wie man’s nimmt). Wir legten den kompletten Weg zurück – immer froh, nicht mit einer solchen Last unterwegs zu sein. Ich denke ein paar Fotos sind nötig, um sich das bunte Treiben vorstellen zu können. Alles in allem ein – ganz wertfrei – einmaliges Erlebnis. Für mich schwer nachvollziehbar, wie diese Traditionen einmal zustande gekommen sind und vor allem, dass sie noch heute mit so viel Begeisterung gelebt werden.
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| Hindu in Trance |
Begeisterungsfähigkeit ist vielleicht nicht meine größte Stärke, umso mehr werde ich hier immer wieder überrascht, wie unterschiedlich Manches wahrgenommen wird. Samstagabend veranstaltete der Kung Fu Club der USM die jährlich stattfindende „Kung Fu Night“. Nach stundenlangem Modellbauen eine willkommene Abwechslung – dachte ich. Veranstaltungen dieser Art (so war es auch bei der Jazz Night) werden offenbar immer mit einem mehr als einstündigen Danksagungsprogramm eingeleitet. Jeder Sponsor, Direktor (von was auch immer) und alles was sich hier „V.I.P.“ nennt bekommt entweder ein Geschenk, hält eine Rede oder kommt nur mal eben auf die Bühne, damit auch jeder ein Gesicht zu dem Namen hat. Dann darf natürlich auch eine kleine Rahmenhandlung nicht fehlen, die Soap-ähnlich von einigen Laienschauspielern dargeboten wird (eure Majestät und seine drei Konkubinen, die sich um dessen Gunst streiten). Wirklich eindrucksvoll fand ich nur die Trommelsession – die anderen Programmpunkte waren größtenteils asynchrone Choreographien, deren Darsteller in Schlafanzugähnlicher Kleidung über die Bühne hüpften. Mal mit Schwertern, mal mit Fächern und mal mit Fahnen, aber aus meiner Sicht nicht unbedingt „bühnenreif“. Das Publikum war begeistert (mit Ausnahme der über zehn Finnen und mir, würde ich behaupten) und verlangte zum Teil noch Zugaben innerhalb des fast vier Stunden langen Programms.
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| Drum-Performance bei der Kung Fu Night |
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| Wer ohne Sünde ist, der werfe die erste... ach nee... |
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| Thaipusam - Opfergaben |
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| Kokos-Chaos-Kontrolle |
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| eine Kokosnuss - ein Wunsch |
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| Kokosnuss-Schippen (Schnee wäre ja langweilig) |
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| Vorbereitungen |
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